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Sonntag, 27. April 2014

Calvados Christian Drouin Expressions - Edition Limitée

Über Calvados im allgemeinen und die bekannte Marke Château Du Breuil im besonderen hat wad! bereits ausführlich berichtet. Heute möchte ich auf ein paar außergewöhnliche Kreationen des nicht weniger bekannten Hauses Christian Drouin der Domaine Coeur De Lion  aufmerksam machen.

Drouin bietet unter seinen Marken "Coeur De Lion" und "Marquis De Saint-Loup" zahlreiche Assemblages unter den klassischen Bezeichnungen "Fine", "VSOP" etc. bzw. mit Alterangaben à la "25 Years Old" an. Weltruf hat der Hersteller allerdings mit seinen Vintages - also Abfüllungen (wie beim Cognac oder Armagnac) unter Angabe des Produktionsjahres - erlangt. Diese werden nach Bedarf abgefüllt und reichen bis in die 1930er Jahre zurück. Besonders herausragend sollen die Destillate der frühen 1960er sein - dankeswerterweise werden die neuerdings auch in kleinen Flaschen zu etwas erschwinglicheren Preisen angeboten, denn billig sind diese alten Topcalvados natürlich nicht.
Als Ergänzung des schon mehr als umfangreichen Portfolios gibt es seit einiger Zeit die Serie Calvados Expressions - Edition Limitée, die sich besonderen Faßlagerungen einzelner Jahrgangsbrände widmet und die sogar Abfüllungen in Faßstärke bietet - und das alles zu moderaten Preisen. Ich konnte Firmenchef Gullaume Drouin dazu befragen:

whatadrink!: Monsieur Drouin, meines Wissens lagern Sie Calvados in Ex-Sherry- und/oder Ex-Portweinfässern aus denen Sie dann die Vintages zusammenstellen. Ist es eine völlig neue Idee Calvados in gebrauchten Fässern zu reifen, die vorher Rum, Banyuls oder Madeira enthielten und nicht in Limousin- oder Troncaiseichenfässern? Und überhaupt die Idee des Finishing - ist das ganz neu und welche Aromen gibt diese Technik dem Destillat mit?

Gullaume Drouin: Als mein Großvater begann seinen Calvados zu reifen, wurde ihm geraten, dass er Portwein- und Sherryfässer nutzen sollte, da deren Inhalt damals in Le Havre in großem Umfang in Flaschen abgefüllt wurde und so in der Normandie einfach zu beschaffen waren. Auch mit Madeirafässern haben wir schon vor längerer Zeit experimentiert. Diese Fässer bringen immer ganz spezielle Aromen mit, aber auch die Holzstruktur wirkt sich auf den Calvados aus, was wir sehr interessant finden. Rum- und Banyulsfässer haben sehr gute Resultate erbracht. Rumfässer beeinflussen den Calvados sehr stark während Banyulsfässer den Brand weich und rund machen. Für den 1986er Jahrgang haben wir auch Muscat De Rivesaltes-Fässer genutzt.

wad!: Für die Abfüllung "Overseas Fragrance" haben Sie ein Rumfass von der Ile De Renunion benutzt. Haben Sie da noch mehr Informationen zum Rumtyp, der bei der Erstbelegung im Fass war?

GD: Das Fass kam von Savanna und beinhaltete trockenen Rhum Agricole. Wir werden in Kürze eine neue Version eines Rumfass-Calvados vorstellen.

wad!: Die gewöhnliche Calvadosherstellung basiert auf der zweifachen Destillation. Sie bieten aber auch einfach destillierten Calvados an. Wo liegen die Unterschiede?

GD: Pays d'Auge Calvados ist immer doppelt destilliert, während Domfrontais Calvados immer einfach destilliert wird. Nach der Appellation hat man also die Wahl, aber der meiste Calvados wird im Wege der zweifachen Destillation hergestellt. Das macht den Brand runder und weicher während die einfache Destillation zu einem leichteren aber direkteren Stil führt.

wadf!: Sie sind v.a. für Ihre Vintages der 60er und 70er bekannt. Wie lange lagerten die erhältlichen Abfüllungen und gibt es ein Age Statement?

GD: Wir nennen auf den Labels oder Halslabels aller Flaschen das Abfülldatum. Das Vintagejahr ist immer das Jahr der Destillation. Abgefüllt wird nach Bestellung, d.h. von fast allen Vintages gibt es noch Lagerbestände in Fässern. Nur die Vintages 1939, 1958 und 1959 sind komplett abgefüllt.


wad!: Wird es von den "Calvados Expressions - Edition Limitée" weitere Abfüllungen geben?

GD: Ja, wir versuchen davon jedes Jahr drei verschiedene Editionen auf den Markt zu bringen. In Kürze folgen neue Calvados aus Rum-, Portwein- und Banyulsfässern.
Zwei Ausgaben der "Edition Limitée" konnte ich kürzlich mit Herrn Gabányi von der gleichnamigen Bar verkosten. Während der Banyulsfaßgereifte (einfache Destillation, 6 Jahre alt, altes Calvadosfaß und 13 Monate Ex-Banyulsfaß-Finish, 40% Vol., Batch 2, abgefüllt 2011) der leichte, feine und elegante Typ war, stampfte der Vertreter namens "Overseas Fragrance" (zweifache Destillation, Pays D'Auge, Vintage 2004, 6 Jahre alt, altes Calvadosfaß und 1 Jahr Ex-Rumfaß-Finish, 51,7% Vol., Batch 1, abgefüllt 2010) mit mehr als deutlichem Rum- oder besser Rhumeinschlag über den Gaumen. What a drink! möchte man da ausrufen.

Leider ist der Stoff beim deutschen Importeur und Vertrieb, der Firma Dallmayr, offenbar online und im Münchner Ladengeschäft ausverkauft. Weitere Bezugsquellen sind nach meinen Informationen La Maison Du Whisky und das Weingut Domäne Müller in Österreich. Bei letzterem konnte ich keine umfassenden Informationen erhalten, da dort gerade eine große Jahrgangsverkostung tobt. Bei Interesse bitte selber nachfragen. Die französischen Freunde vom Whiskyhaus führen zahlreiche Drouins in ihrem Onlineshop - auch aus der aktuellen Range, die folgende Varianten umfassen soll: "Très Pomme" (53% Vol.), "Fut De Madère" (7y), "Fut De Porto" (5y), "Plaisir Andalou" (8y, Ex-Sherry) und "Fut De Rhum" (8y) - letztere leider nur mit 40% Vol.

Fazit: Das Thema Calvados ist noch lange nicht durch. Ich werde mir auf jeden Fall Herrn Gabányis Motto "Ein guter Calvados ist ein guter Ersatz für einen Cognac" (ungefähres Zitat) zu Herzen nehmen und in nächster Zeit nicht nur Calvados Fizz oder Collins als Apfelschorlesurrogat zum Einsatz bringen...

weitere Bezugsquellen: Drouin-Boutique Calvadosonline

Sonntag, 15. September 2013

Quo Vadis Agave? - Teil 2: Mezcal

"Mezcal ist der große Bruder des Tequila" (Sierra Madre Trend Food GmbH, Mezcal- und Tequila Importeur)

"Das ist kein Getränk, das ist eine Offenbarung" (cookionista, Onlinemagazin)

"Mezcal (meistens mit Wurm)" (Sierra Madre Trend Food GmbH, Mezcal- und Tequila Importeur)

Ok. Tequila ist noch nicht weg vom Fenster. Das haben wir notiert. Aber was ist jetzt mit Mezcal? Mit Mezcal Marca Negra und San Cosme Mezcal finden sich gleich zwei Mexikaner unter den 5 Nominierten für die Spirituose des Jahres bei den Mixology Bar Awards im Oktober (ansonsten noch ein Single Malt, ein Gin und ein Rum). Bisschen blöd, weil beide Mezcals in unterschiedlichen Abfüllungen auf dem Markt sind. Bei Malt, Gin und Rum ist man da etwas präziser - aber darum solls jetzt nicht gehen. Auch, dass San Cosme zunächst durch bemerkenswerte Schwankungen in der Qualität seiner Batches aufgefallen war und dass Marca Negra bislang nicht und bis heute auch nur bei einem geläufigen (Online)Händler in Deutschland zu ergooglen ist - geschenkt. Mixology hat das Potential des Mezcal jedenfalls früh erkannt (siehe Printausgabe 3/2011 und Mexico-Länderpartnerschaft beim BCB 2012).


Dass Mezcal kein rauchiger Tequila (und schon gar kein Tequila mit Wurm) ist, will ich wie so manch anderes Fachwissen rund um Agavenschaps hier nicht lange runterbeten. Herr Huhn von der Berliner Mezcaleria hat das schon erledigt. Der gleiche Herr war dieser Tage unterwegs, um neue Abfüllungen und neue Batches schon bekannter Abfüllungen der Marke Real Minero dem geneigten Fachpublikum vorzustellen. Mit im Gepäck waren - das gleich vornweg - ein paar umwerfende Tropfen.


(Agave karwinskii)
Im Blog Das Manhattan Projekt wurde Mezcal kürzlich als das Produkt bezeichnet, das das Prinzip Craft oder Artisanal auf die Spitze treiben würde. Ist das so? Nun, der Mezcalero in der mexikanischen Provinz hat andere Probleme. Real Minero bedient sich beispielsweise traditioneller Brennapparaturen und destilliert deshalb in eingemauerten Keramikpötten statt in Kupfer und/oder Edelstahl. "Wie lange halten die Dinger?", hab ich Herrn Huhn gefragt und er meinte: "Einen bis 80 Destillationsvorgänge". Aha. Und die letzten Handwerksbetriebe vor Ort töpfern - sofern man nicht legal oder illegal in den USA arbeitet - nur noch Touristennippes oder "Brennblasen", die einen Durchlauf nicht überstehen. DAS ist Craft - bzw. eben nicht. Für unsere Marketingbegrifflichkeiten und Diskussionen darüber, ob nun Hype oder Boom ist, ist da kaum mehr Zeit. Das Manhattan Projekt, das Mezcal offenbar schätzt, greift nach eigener Aussabe lieber weiter zum Industrieprodukt. Das ist absolut zulässig. Ich mixe auch manchmal mit Blended Scotch oder Mixrum (= Unwort des Jahres 2012) statt mit 30jährigen Zuckerrohrbränden oder Malts. Im Fall des Mezcal - so war sich die Expertenrunde in der gastgebenden Bar Gabányi - einig, wirkt der Einstieg in die Mezcalwelt auf Höhe z.B. eines Alipus Mezcal im Gegensatz zu einem San Cosme aber Wunder. Aber wir wollen hier kein Markenbashing betreiben. Letztlich öffnen preiswertere Marken dem bunten Mezcalmixen erst Tür und Tor. Also ran an den Agavenspeck! Und: Solange nicht die Coca-Cola-Pseudo-Mezcalmarke Zignum in Europa erhältlich ist, ist die Welt noch in Ordnung. 

(Garen der Agavenherzen)
Zurück zu Real Minero. Zunächst darf ich nochmals vortragen, dass diese Abfüllungen alle aus einer familiengeführten Mezcalbrennerei kommen, die nicht mit einem Getränke- oder Spirituosenkonzern oder gar einem kapitalistischen Vertrieb (der bösen Sorte) verbandelt ist. Bis auf das Cuvée aus vier verschiedenen Agavensorten handelt es sich ausnahmslos um sortenreine Destillate. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Agavensorten im Destillat ist atemberaubend auch für den Laien leicht festzustellen. Der Witz der Real Mineros: Sie sind weniger rauchig (auch wenn ich das sehr gern mag) als andere, verfügen dafür aber über ein für einen klaren Brand höchst komplexes Aromenspektrum, das sich im Glas über längere Zeit enorm entwickelt. Meine Favoriten sind mit dem kräftigen Tobalá und dem feinen, cremigen Pechuga blöderweise die teuersten Varianten. Aber auch die neuen Brände aus sog. Karwinskii-Agaven namens Largo und Barril sind äußerst empfehlenswert.

(Installation der Pot Still)
Zum Abschluss noch eine Bemerkung zum Terminus "ungelagert", die oft bei Mezcal Joven fällt. Das bezieht sich lediglich darauf, dass die Brände nicht in Holzfässern gelagert wurden. Zur Harmonisierung wurde der Stoff jedoch mehrere Jahre (Die aktuellen Batches von Real Minero stammen aus 2004 bis 2010) in Glas bzw. Tongefäßen ausgereift. Auch das eine Eigenschaft, die (semi)industrielle Mezcals meines Wissens nicht aufweisen.

Tastingnotes? Das kann Monsieur Valentin von whiskyfun viel besser, der auf der Suche nach brauchbaren Malternatives immer wieder Agavenbrände verkostet und so einige treffende Zeilen formuliert hat.

Um weitere Wiederholungen zu vermeiden, hier noch ein Hinweis auf meinen Beitrag vom Sommer 2011 in selbiger Sache.

Bezugsquellen: diverse gut sortierte Onlineshops und in Kürze der neue Onlineshop der Mezcaleria

Münchens beste Mezcalbars: Bar Gabányi, Schumann's, RedHot, Goldene Bar

Die aktuellen Fotos aus Mexico hat mir Herr Huhn dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.

(Nachtrag: Am 17.09.2013 gab Mixology bekannt, dass San Cosme Mezcal aus der Shortlist der Mixology Bar Awards genommen wurde, da er bereits vor dem 01.01.2012 in GSA erhältlich war. Stimmt: Link)

Dienstag, 14. Mai 2013

Entschleunigung mit Chartreuse

Es gibt Menschen in Frankfurt am Main, die trinken keinen Chartreuse. Sie baden auch nicht darin und reiben sich auch nicht damit ein. Sie mögen diesen Likör der Liköre einfach nicht. Oder: Sie sind noch nicht reif dafür. Noch nicht.

Die Hessenmetropole ist bekanntlich die deutsche Chartreusehauptstadt und verkonsumiert - auch wenn mir keine belastbaren Zahlen vorliegen - mindestens genauso viel vom Verte wie der Rest der Republik. Ach was sage schreibe ich da! Mehr als ganz Resteuropa. Ausgenommen vielleicht die Gegend um Grenoble. Aus dieser Ecke der französischen Voralpen stammt Chartreuse. Der Chartreuse. Das grammatikalische Geschlecht vom deutschen 'der Likör' abgeleitet. Der gebildete (?) Mensch sagt in unseren Breiten 'die Chartreuse' und leitet aus dem Französischen ab.

Dies und noch einiges mehr wird dieser Tage unter Anleitung des deutschen Brandmanagers Steffen Hubert (Mancher kennt den noch von seinen meist gelungenen Beiträgem im Barmagazin "Mixology") aus dem Vertriebshaus Borco in verschiedenen Bar- und Cocktailkreisen erläutert. Es geht auch um Mönche, Schweigegelübde, Geheimrezepte, über 400 Jahre Spirituosengeschichte und Bruno von Köln. Das klingt nach Storytelling. Ist es zum Teil auch. Ist aber auch Realität.

In selbiger wandelten am gestrigen Montag einige Wissendurstige unter einer grauen Wolkendecke durch Münchens botanischen Garten, um aus kundigem Mund einige Beispiele für ess- bzw. genießbare Pflanzen vorgeführt zu bekommen. Nach der Exkursion führte der Weg in Stefan Gabànyis treffend benannte Bar "Bar Gabànyi". Dazu nur eines: Man kann in/mit einem Barbetrieb ein gigantisches Ballyhoo vollführen ohne je cool zu werden. Stefan und sein Laden sind es von Natur aus und man fragt sich - während ein nicht zu überbietender Last Word (mit Alipus San Juan Del Rio Mezcal statt Gin) serviert wird - wie das früher ohne diesen Hort der Barkultur in München so gewesen sein musste. Also vor 2012.

Zurück zum Thema. Zurück zu Karthäusern, Karthause und rund 15 verschiedenen Frucht- und Kräuterlikören aus dem Hause Chartreuse. Die galt es zu Verkosten, aber mit Bedacht, denn Steffen Hubert hatte auch noch 60 Proben von getrockneten Kräutern dabei, denen sich die Gäste widmen konnten. Damit wurde übrigens nicht die Hälfte der chartreuschen Zutatenliste (über 130 Kräuter, Blumen und Gewürzen sollen ja drin sein) verraten - das Rezept ist schließlich geheim und selbst den Hamburger Borcos nicht bekannt.

Ich rate dem Leser an dieser Stelle zu einer Kostprobe des pfeffrig-kantigen "Chartreuse 1605 - Liqueur D'Elixier Des Pères Chartreux" (56% Vol., 0,7l ca. 30-40 EUR). Ob man davon eine Flasche für die Nachwelt im persönlichen Weinkeller verstecken sollte, ist jedem selbst überlassen. Die von Herrn Klaus St. Rainer mitgebrachte sehr anislastige Abfüllung - datiert auf eine Periode um 1900 - zeigte nach einiger Zeit im Glas ein nach Bockshornkleesamen (!) duftendes Bukett. Die frische Lakritzspur auf der Zunge blieb aber erhalten. Beeindruckender Stoff. 100 Jahre Bottleaging? Das nenn ich mal 'entschleunigt' - What A Drink!

 
 
 
 
 

Auf den großartigen Dokumentarfilm "Le Grand Silence" sei ergänzend verwiesen.

Sonntag, 10. Februar 2013

Monaco Vodka @ Distillers Bar oder: Munich Vodka War

"Lass uns noch was Wodka holen
russische Vitamine
Ich glaub, wir müssen nochmal hin
Ich glaub, der Typ schläft schon"
(Einstürzende Neubauten, "Yü-Gung", 1985)
Um russische Vitamine ging es hier bei wad bislang nur selten. Das soll auch so bleiben. Doch anlässlich der vom Trinkermagazin "Mixology" kürzlich ausgerufenen Vodka-Wars, muss ich den Zeigefinger - wie so oft - mal wieder auf München dirigieren.
Ein Samstagnachmittag in München-Schwabing. Es geht um Vodka, um eine Cocktailbar, das Schwabinger Publikum und um ein Münchner Original, das passender Weise den bürgerlichen Namen Franz Münchinger trägt.
Unter diesem Namen kennen den Monaco Franze, einen sogenannten Stenz, aber auch heute nur Insider. "Der Monaco Franze, das war doch der Helmut Fischer", so zumindest Volkes Meinung. Und das stimmt. So wie Horst Tappert Derrick war, so war der Schauspieler Helmut Fischer der Monaco Franze in der gleichnamigen Fernsehserie des BR. Leider wandeln die beiden realen Personen nicht mehr unter uns - doch sind sie aufgrund der Fleischwerdung ihrer beiden TV-Figuren auch weiterhin allgegenwärtig. Viele Aussprüche des Monaco (so die Kurzform) haben sich - auch Dank vieler TV-Wiederholungen, Video und DVD - erhalten und sind irgendwie in den täglichen Sprachgebrauch nicht nur seiner eingefleischten Fans eingegangen.

Aber das nur nebenbei zur Aufklärung für Menschen, die hierzulande z.B. auch Fragen wie "Wie schreibt man Krapfen? Mit K oder mit G?" stellen. Naja, Preisn eben. 

Ein cleverer Kopf hat sich nun diese Namen als Marken schützen lassen und so das Label "franzmünchinger" geschaffen unter dem bislang Lederhosen, Kaffeehaferl, Brotzeitbrettl, T-Shirts, ein Fahrrad (!) und noch dies und das vertrieben werden. Und jetzt eben auch der "Monaco Vodka". Ob nun der echte Franz Münchinger alias Monaco Franze alias Helmut Fischer dem Wässerchen überhaupt zugetan war, ist nicht überliefert. Aber das kümmert die "Munich Distillers" nicht, wenn sie "Münchens ersten Vodka" anpreisen, denn ihr Konzept geht viel weiter. Der "Monaco Vodka" ist vermutlich Deutschlands erste Spirituose mit eigener, exklusiver Cocktailbar inkl. Flagshipstore! Aber hallo!

In Letzterem, der räumlich an die Bar und den integrierten Destillierraum angegliedert ist, kann man die oben beschriebenen Produkte erwerben. In der Distillers Bar (Occamstr. 2, Barkarte) werden unter der Obhut von Barchef John Hofmann (Ex-Barista, Barzirkel München) täglich ab 18.00 Uhr (außer Montag) gemischte Getränke aller Art präsentiert. DJs, Livemusik und Monaco Franze auf Großbildleinwand runden das Unterhaltungsprogramm ab - Nervenkitzel à la Bombenexplosion in der Nachbarschaft gibts von Zeit zu Zeit gratis dazu.

Die Macher im Interview

Ich konnte bei Geschäftsführer Konstantin Graf von Keyserlingk und Barchef John Hofmann nachfragen:

whatadrink: Sie haben eine hochwertige Carl-Brennereianlage in einer Cocktailbar installiert. Was wird da alles produziert?

Konstantin Graf von Keyserlingk: Ja, das stimmt. Wir haben ein innovatives Konzept, das Bar und Destilleriebetrieb kombiniert. Was uns sehr wichtig war, ist, dass wir neben der Herstellung unseres Vodkas unseren Gästen in sogenannten Showbrenneinlagen zeigen können, wie Destillate verschiedenster Art entstehen und durch die Kombination von Gastraum und Manufaktur haben wir die Möglichkeit z.B. Limited Editions eines Gins, Aquavits oder eines Fruchtdestillats herzustellen, was der Kunde vor Ort live erleben kann.

wad: D.h. ich könnte heute zu Ihnen kommen und Sie produzieren hier - mit einer gewissen Vorlaufzeit - exklusiv einen whatadrink!-Gin für mich, anhand meiner Ideen, die ich in die Rezeptentwicklung einbringen kann?

GvK: In der Tat. Es gibt Bestrebungen von unserer Seite das Konzept in diese Richtung auszuweiten. Aktuell ist es so, dass unser Team Rezepte entwirft. Ab der zweiten Jahreshälfte 2013 soll es verschiedene Gins geben, die aber zunächst nur hier in der Bar ausgeschenkt und ggf. später als Limited Editions verkauft werden. 

Dass wir bestimmten Kunden, die Interesse haben, bereit sind tief in die Materie einzutauchen und auch kostentechnisch investieren wollen, die Gelegenheit geben ihre eigene Spirituose zu entwickeln, die z.B. als Firmen-/Kundengeschenk ausgestattet und customized wird, ist durchaus möglich. Man kann dann auch hier degustieren. Wir haben also ein Konzept, bei dem der Kunde uns mit der Umsetzung beauftragt, aber selbst auch daran beteiligt ist. So weit sind wir noch nicht, aber das wird kommen. In welcher Form das dann genau der Fall sein wird, lässt sich jetzt schwer sagen auch, wo sich eine solche Sache kostentechnisch ansiedeln wird. Wir hatten aber schon Nachfragen in diesem Bereich.

wad: Die Bar sitzt im Herzen Schwabings zwischen Schwabinger Sieben und Vereinsheim und wird daher wohl ein eher gemischtes Publikum haben. John, Du warst jetzt elf Jahre im "Barista", das sicher einen anderen Kundenkreis mit ganz geringem Anteil an sogenannter Laufkundschaft hatte. Wie siehst Du die Ausrichtung der Bar an der Besonderheit, dass eine Destille in selbiger steht?

John Hofmann: Nun, man könnte das hier auch als Eventlocation sehen. Eben durch die Destille, mit der man Erleben kann, wie eine Spirituose gebrannt wird. Das wird aber in der Regel tagsüber stattfinden. Am Abend ab 18 Uhr haben wir dann unsere Bar offen, mit der wir allerdings wegkommen wollen von der klassischen, kalten Bar, an der man sich auf den Drink konzentriert und wo man einen sehr schönen Drink haben und gute Gespräche führen kann, aber sonst nicht viel mehr erlebt. Unser Lokal ist so gedacht, dass man hier Spaß mit gut gelaunten Gästen hat - ohne dass es gleich ein Club ist. Die Drinks sind aber von der Qualität, wie man sie an der klassischen Bar erwarten kann.

wad: Im näheren Umkreis findet sich meines Wissens keine renommierte Cocktailbar. Die Szene konzentriert sich eher im Glockenbachviertel oder im Altstadtbereich oder liegt mit z.B. Goldene Bar oder Gabányi in ganz anderen Ecken oder besonderen Locations. Damit haben Sie hier ein Alleinstehungsmerkmal aber auch vielleicht den Auftrag, den guten Drink wieder nach Schwabing zu bringen. Ist das so?

JH: (lacht) Ja, das ist genau unser Ziel. Die ehemalige Ausgehmeile Schwabing oder Alt-Schwabing wurde in den letzten Jahren etwas vernachlässigt. Wir fanden diese Ecke aber wunderbar und es gibt wirklich nichts hier, was die Qualität und den Service anbietet, den wir anbieten wollen. Und wir meinen, dass Schwabing das verdient hat.

wad: "Monaco Vodka" ist sicher eine gute Mixspirituose. Aber in der Distillers Bar soll es nicht nur Vodkadrinks geben. Wo siehst Du die Schwerpunkte Deiner Barkarte?


JH: Wir arbeiten fast ausschließlich mit frischen Produkten. Aufgrund unseres gut gemischten Spirituosenangebots können wir natürlich alle gängigen Cocktails oder Longdrinks mixen. 100 Single Malts oder so brauchen wir nicht, da wir uns nicht als Whisky- oder Rumbar oder Wasweißichbar verstehen.

wad: Vodkabar?

JH: Es ist natürlich ein Schwerpunkt, dass wir unser Produkt verkaufen wollen. Das ist normal - das ist Marketing. Deswegen gibt es unseren Vodka auch in vielerlei klassischen Vodkacocktails und Eigenkreationen um ihn zu präsentieren.

wad: Die nächste Frage ist der Running Gag in Sachen Vodka: Was ist das besondere an Ihrem Vodka?

GvK: Vodka ist ja ein überall bekanntes Produkt und wird mit den traditionellen Herkunftsländern Polen und Russland in Bezug gebracht. Und dazu haben viele Menschen noch immer das Bild vom Kartoffelschnaps im Kopf. Viele Marken, insbesondere in Deutschland, nehmen auf die geografische Herkunft bezug und setzen auf russische Assoziationen mit verschnörkelten Elementen und dem Namen. Wir dachten uns aber, wir gehen komplett neue Wege, kehren das um und nehmen ein internationales Produkt aus seinem internationalen Umfeld und branden es sehr sehr stark lokal. Da kommt unser Monaco Franze als Sympathieträger dazu, der das Branding der Flasche maßgeblich prägt neben dem Münchner Gedanken, der sich auf dem Label der Flasche verwirklicht. Wir glauben, dass wenn wir die Qualität, die der Kunde von Premiumprodukten gewöhnt ist, in einem lokalen Münchner Umfeld machen können, ein ganz neues Produkt schaffen, das an Altbekanntes anknüpft und wir damit Erfolg haben werden.

wad: In welcher Kategorie ist Ihr Vodka denn anzusiedeln? 

JH: Er ist schon eher im traditionellen Bereich zu sehen. Er ist aus 100%-Bioweizen gemacht und trägt das Ökosiegel. Ich sehe ihn in der Premiumliga wobei wir auch ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis bieten können. Einen Vodka in dieser Qualität bekommt man zu diesem Preis eher selten bis gar nicht. Vodka ist nunmal eine Spirituose, die einen relativ geringen Eigengeschmack haben soll. Trotzdem hat jeder Vodka in irgendeiner Form einen Geschmack. Wobei Geschmack in diesem Fall eher Charakter bedeutet, da die Unterschiede nur Nuancen sind, die beim Purtrinken in Zimmertemperatur zu Tage treten. Im Cocktail ist das nicht zu Schmecken. Eine gute Spirituose soll nach meiner Meinung den Gaumen füllen und nicht so stark Nachbrennen. Unser Vodka hat diese positiven Eigenschaften und vor allem einen klaren Abgang mit einem gewissen Nachhall. Und man hat nach dem Genuss nicht das Gefühl, dass man gerade etwas Unangenehmes getrunken hat. Also keine Bitterstoffe oder Ähnliches.

GvK: Das typische Alkoholbrennen vermeiden wir auch durch unser Filtersystem, das von der TU München entwickelt worden ist. Das ist ein Element auf das wir sehr stolz sind.

Münchens erster Vodka contra Löwenwässerchen

So, danke für die Infos und das Gespräch. Hier auf dem Tisch steht nun "Münchens erster Vodka". Doch ist er das wirklich? Bekanntlich hat die Persephone Destillerie, die nur zwei Kilometer von der Distillers Bar entfernt liegt und seit einigen Jahren erfolgreich "The Duke - Munich Dry Gin" herstellt, seit 2012 den "Lion's Vodka" auf dem Markt. Doch der wurde erst beim BCB im Oktober vorgestellt, während die Distillers schon am 27. September auf einer Pressekonferenz ihren "Monaco" präsentierten. 1:0 für die Distillers in diesem kleinen Gefecht.

Aber nun gleich zur wichtigsten Kategorie bei Vodka: Die Flasche - zu deutsch: Packaging. Der Löwe kommt in einer gedrungenen, abgerundeten Bottle, die in der Rubrik "Verkostet & Bewertet" des oben schon erwähnten Magazins von dem geschätzten Berliner Barmann Arnd Henning Heissen wie folgt beschrieben wurde: "Eine Flasche, die aussieht, als ob zwei Studenten in ihrer freien Zeit ein Label ausgedruckt und auf eine Flasche aus dem Chemielabor geklebt haben und jetzt versuchen, damit bei ihren Klassenkameraden ein wenig ihr Taschengeld aufzubessern". Christina Schneider, auch in Berlin tätige Vorzeigefrau der Branche, schreibt im gleichen Blatt "schönes Logo, schnuckelige Flasche". Immerhin. Merke: Hier ging es um den "Lion's". Mehr dazu hier.

Verkostet und Abgewertet?

An dieser Stelle ein Ausritt. Dass Berliner Barmenschen von bajuwarischem Schnaps und dessen traditionellem Packaging nur wenig verstehen, mag einleuchten. Ich bin mittlerweile der Meinung, dass "Mixology" dringend sein Bewertungssystem bei "Verkostet & Bewertet" überdenken sollte. Allzuviele Urteile landen hier in den letzten Ausgaben im Bereich 50-69 Punkte - "Solide" bis "Gut" also. Seltenst ist die Kategorie "Sehr Gut" und fast nie die Notenstufen "Ausgezeichnet" oder "Überragend" besetzt. Und wenn, dann landeten da ein Rhabarbernektar, zwei (überbewertete) Piscos, ein 30-Euro-Cachaca und eine inzwischen eingestellte Grapefruitlimo. Die Höchstnote hat meines Wissens nur der "Plantation" Overproof Rum vorletztes Jahr erreicht. Sind denn die Neuheiten der letzten Jahre echt so durchschnittlich? Liegt die Latte der (Berliner) Tester wirklich so hoch? Zuletzt kamen mir gleich drei von einander unabhängige Industrievertreterstimmen zu Ohren, die mit ihren Zensuren äußerst unzufrieden waren - gerade im Vergleich mit Konkurrenzprodukten. Auch ich selbst konnte manche Punktvergabe nicht mehr nachvollziehen. Aber das gehört ja gar nicht hierher...

Geschmack? Welcher Geschmack?

Wir waren bei der Flasche stehengeblieben und daher gibts nun ein paar Gedanken zur "Monaco"-Verpackung. Die Form ist schlicht (nix Bling-Bling) und pouringfreundlich. Der Drehverschluss (einzige Monaco Franze-Reminiszenz) spielt an der Bar keine Rolle - gleiches gilt für die Bio- und CO²-Neutral-Zertifikate. Das sind Endverbrauchergimmicks. Der rote Balken vorn mit kleiner Münchner Skyline und Schreibschrift ist ok, die Weizen- und Hopfenelemente sind recht dezent wie auch das große schwarze Monaco M, das vor einem dunklem Hintergrund praktisch verschwindet. Das Ganze ist aufgedruckt und nicht etwa aufgeklebt. Von mir gibts ein "Gut". Der "Lion's" liegt bei mir mit seinem Kalligrafielook aber vorn: 1:1.

Beide Brände sind saubere Vertreter ihrer Zunft. Der "Monaco" ist ein klares Allroundgenie, das sich sowohl hinter Massen-/Pouringbrands wie "Absolut" als auch hinter dem Premiumlager in den hochwertigen (?), gelaserten & satinierten Flaschen nicht verstecken braucht. Der "Lion's" wirkt in Sachen Mundgefühl etwas voller, die dafür verantwortliche Getreidemischung aus Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel (Die genaue Mashbill wäre interessant) macht ihn wohl auch eine Spur süßer. Ein "echter" Roggenvodka hat dann aber etwas mehr geschmackliche Power. Der Begriff Sippingvodka existiert übrigens nicht. Letztlich jagen mir beide meine Vodkalieblingsmarken "Green Mark", "Chopin"und "Wyborowa Exquisite Single Estate" nicht vom Acker, tun aber auch nicht weh. Spielstand 2:2.

Fazit: Unentschieden im Vodkakrieg. Münchens Andenkenläden und Naturkostinseln sollten die beiden neuen und wertigen Vertreter bayerischer Brennkunst im Regal haben. Der "Monaco" bietet sich auch fürs Pouring an. Ob die beiden sich überregional durchsetzen können, wird man sehen. Der Kartoffelvodka "Bavarka" von Lantenhammer ist preislich keine Konkurrenz, wird aber ebenso wenig am Schliersee destilliert, wie die beiden Münchner in Schwabing, da alle drei Hersteller nicht über entsprechende Anlagen/Genehmigungen verfügen. Die Distillers Filtern und Füllen aber zumindest dort ab.

Hinweis: Aufgepasst Stenz! Der Löwe war zuletzt beim "Ball des Sports" in der "Playboy Lounge" gesichtet worden während Du zum Fasching mit dem "Herrn der sieben Meere" am Faschingsdienstag eingeladen hast. Vodka ist Sex! Die letzte Folge des Monaco Franze im TV hieß übrigens "Abgestürzt".

Mittwoch, 5. September 2012

Ardbeg Galileo @ Bar Gabányi

"Wie heißt der Neue da jetzt? Galaxy?" Jaaa, einem Bill Deck kann man mit ner Rakete auf der Straße und einer ganzen Rotte Models in Rennanzügen Raumanzügen nichts vormachen. Aber fangen wir doch am Anfang an.

Am Samstag fiel der internationale Startschuß für "Ardbeg's" 2012er Limited Edition namens Galileo. Am Montag wurde der Astrowhisky dann offiziell in Münchens brandneuer "Bar Gabányi" vorgestellt. Aber was heißt vorgestellt? Es gab Raumfahrerpuppen, Raumfahrerinnen, Mondlandschaft und Spacebarbeque nebst Grillmeistern in silbernen Anzügen, dazu eine meterhohe Rakete auf einem Lieferwagen und natürlich einen Gastgeber. D.h. es gab zwei, denn zum einen begrüßte Namensgeber und Chef Stefan Gabányi die Gäste und zum anderen war ja Hamish Torrie da. Der ist sozusagen der oberste Marketingmann von "Glenmorangie" und "Ardbeg" und war damit der höchstdekorierte Whiskyfachmann unter der anwesenden Fachschaft "Scotch".

Torrie waltete dann unter großem Applaus seines Amtes und erklärte Gabányis neues Reich im Untergeschoss zur "Ardbeg Embassy" inklusive Fahnenübergabe und Blitzlichtgewitter. In diesen Hallen wird man also in Zukunft den edelsten Stoff vom schroffen Eiland Islay (Verzeihung) kredenzen und zwar vor allen anderen. Hurray!

Den Anfang durfte also der Galileo (49% Vol., ca. 90 EUR) machen. Ein 12jähriger "Ardbeg" mit rund 30%igem Anteil von in sizilianischen Marsalafässern gelagertem 1999er Malt. Whiskycreateur Dr. Bill Lumsden hatte nach dem Kauf der Destillerie durch LVMH und der Wiederaufnahme der Produktion eine ganze Reihe "Versuchsballons" gestartet - u.a. mit den besagten Süßweinfässern. Die restlichen 70% stammen von 1st-fill und 2nd-fill Bourbonfässern aus dem gleichen Zeitraum. Kein Finish also, sondern ein sauberes Vatting. So entstand ein in bestem Sinne gefälliger Whisky, der keineswegs zu süß ist. Auch die Torfbelastung hält sich in Grenzen. Leider auch die Länge. Weitere Tastingnotes erspare ich den Lesern - das können andere besser - doch möchte ich anmerken, dass der Galileo vielleicht kein "Ardbeg"-Meilenstein für die Ewigkeit ist, von dem man drei Kisten im Keller haben muss. Gerade aus diesem Grund macht der Kauf einer Flasche und baldiges Entleeren derselben aber Sinn.
Warum aber nun das ganze Weltraumgedöns? Ich mache es kurz: "Ardbeg" hat die Ehre an einem wissenschaftlichen Experment teilnehmen zu dürfen, bei dem es um Geschmackskomponenten (hier: Terpinene) geht. In diesem Zusammenhang wurden schon Ende letzten Jahres Proben von frischem "Ardbeg" New Make Spirit zusammen mit Holzsplittern von Whiskyfässern in eine Art schwarzes Plastikröhrchen gepackt - getrennt voneinander versteht sich. Angekommen auf der ISS - via russischer Rakete - wurde die Trennung zwischen den beiden Komponenten aufgehoben und New Make und Holzsplitter sind seit dem in Kontakt. Gleiches wurde in Houston und auf Islay durchgeführt. Bei "Ardbeg" faßte man den Plan, mit einer Whiskyabfüllung diesem weltbewegenden Ereignis zu gedenken und so gibt es nun Galileo. Ideen muss man eben haben. Ich hatte auch eine - wenn auch naheliegende - und plauderte ein bisschen mit Mr. Torrie. Der konnte zumindest nicht sagen: "I can't tell you that. My marketing people will kill me."

whatadrink!: Hamish, Sie sind schon lange im Geschäft, sind aber kein Whiskymacher. Was ist Ihre genaue Aufgabe?

Hamish Torrie: Nun, eigentlich bin ich ein Händler. Wir bei "Ardbeg" und "Glenmorangie"arbeiten sehr eng mit unseren Whiskymachern zusammen. Und so gibt es manchmal zuerst den Whisky und manchmal zuerst die Idee. Dr. Bill Lumsden, das ganze Team und ich denken ständig darüber nach, wie wir unseren Whisky auf den Markt bringen können. Dabei soll - in diesem Fall "Ardbeg" - immer ein wahres Produkt sein. Und mein Job ist es diese Wahrheit auszudrücken und zu vermitteln. Beim Galileo gingen wir zu Bill und sagten, dass wir die überraschende Möglichkeit zur Teilnahme an dem Raumfahrtexperiment gerne mit einem Whisky feiern würden und fragten ihn, was er darüber denkt. Er kreierte daraufhin den Galileo, bei dem dessen kleines Herz aus "Ardbeg" aus den Marsalafässern mit Whisky aus Bourbonfässern umschlossen ist.
wad: So ähnlich wie wir es vom Uigeadail und dessen Sherry Heart kennen?

HT: Ja, genau. Der Marsala-"Ardbeg" allein ist zu sirupartig - overpowering. Zusammen mit dem klassischen Ardbeg aus Bourbon Casks bekommen wir die richtige Balance.

wad: Das Verhältnis zwischen Marsala- und Bourbonfaßwhisky liegt bei 30:70?

HT: Ja, stimmt. Dem kräftigen, torfigen "Ardbeg" musste man schon relativ viel entgegensetzen.

wad: Und es funktioniert.

HT: Absolut. It works! Aber lassen Sie es mich so sagen: Wir würden keinen Whisky auf den Markt bringen, der nicht funktioniert. Und es gab über die Jahre auch Experimente, die nicht geklappt haben.

wad: Bei Ihrer Marktposition haben Sie aber doch auch mehr Nachfrage als wie Sie Whisky herausbringen können. Wieviele Flaschen gibt es vom Galileo weltweit? Inklusive Weltall versteht sich.

HT: Hm, das müssten rund 52.000 Flaschen sein.

wad: Und wieviele Mitglieder hat das "Ardbeg" Committee aktuell?

HT: So 80.000 sind das geworden.

wad: Demnach bekäme nicht jedes Mitglied eine Flasche.

HT: Ja, aber meine Tante und meine Schwester sind auch Mitglied und die haben nicht jede Abfüllung gekauft.

wad: Es gab wohl ein bisschen Verwirrung über die Bestandteile des Galileo im Vorfeld. Einige Leute haben die Sache mit dem ISS-Experiment und der Namensgebung kombiniert und vermutet, dass der Weltraumwhisky ins Vatting geflossen wäre.

HT: Oh nein. Das dürften wir aufgrund der Regularien der Scotch Whisky Association niemals Whisky nennen. Scotch muss immer in Schottland gereift werden und zwar in Holzfässern.

wad: Und der New Make aus dem Weltraum ist ja auch viel zu jung.

HT: Ganz klar. Das ist ein wissenschaftliches Experiment. Es ist defintiv kein Whisky da oben. Und wenn wir den wieder zurückbekämen, dürften wir eine Abfüllung, in der er enthalten ist - z.B. ein Vatting mit auf der Erde gereiftem Whisky - niemals Whisky nennen. Auch nach drei Jahren Reifungszeit nicht. Übrigens lassen wir uns auch das Packaging für neue Bottlings lange im voraus von der SWA genehmigen.

wad: Die ersten Bilder vom Label kamen aber aus den USA.

HT: Ja, wir müssen dort immer einen Registierungsprozeß durchlaufen. Und das ganze findet öffentlich statt, ist im Internet einsehbar. Die cleveren "Ardbeg"-Fans in den Staaten saßen da und haben nur darauf gewartet, dass wir mit unserem Antrag kamen.

wad: Ich glaubte zuerst an einen Fake so ungewöhnlich sieht das Label aus.

HT: Danke. Wir versuchen jedes Jahr ein bisschen was anders zu machen und auch ein bisschen Spaß dabei zu haben. Viele Leute in der Whiskyindustrie kennen Alligator-charred Barrels, aber wir haben uns entschieden, unseren Whisky so zu nennen. Eben ein bisschen was anderes für unsere Fans und das Committee.

wad: Für die Committeemembers haben sie dieses Jahr einen großen "Ardbeg" Day gefeiert und eine besondere Abfüllung herausgebracht, wie es sie noch 2011 nur beim Feis Ile direkt auf Islay gab - wenn auch in viel größerer Auflage. Wie wird das im nächsten Jahr aussehen?

HT: Wir wollen wieder einen "Ardbeg" Day machen. Wieder mit einer Limited Edition für das Committee. Hunderte von Leuten kommen während des Festivals zu uns und für die haben wir ein kleines Bottling gemacht. 2010 gab es aber etwas später auch den Rollercoaster wegen des zehnjährigen Jubiläums des Committees. Das haben wir für den "Ardbeg" Day dann wieder aufgegriffen und über die Embassies weltweit ausgedehnt. Ich denke, dass das gut funktioniert hat. Zudem waren trotzdem 700 Leute in der Distillery.

wad: Die 2011er Feis Ile-Abfüllung war eine Woche nach dem Festival für 400 Euro auf Ebay zu haben.

HT: Ja, ich weiß. Wir wollen das etwas einfacher machen für unsere Fans. Das "Ardbeg" Day Bottling ist natürlich größer, aber dafür ist der Zugang dazu auch leichter. Die Leute müssen nicht mehr in einer Reihe in Schlafsäcken vor der Distillery übernachten, um es zu bekommen.
wad: Jetzt kann ich Sie nicht gehen lassen ohne eine bestimmte Frage zu stellen. Wie stehen die Chancen auf neue, offizielle Singlecaskabfüllungen von "Ardbeg"?

HT: Single Cask Bottlings? Nun, ich mache meinen Job hier seit 13 Jahren und die erste Abfüllung, die ich miterlebte, war ein Single Cask, handabgefüllt auf Islay. Stuart Thomson, der ehemalige Distillery Manager, und ich füllten einen 1976er Sherryfass-"Ardbeg" ab. Das war ein Riesenspaß und wir hatten dann 497 Flaschen (Anm. des Autors: Für eine davon wurden zuletzt über 3.000 Euro bezahlt.). Das war das erste Single Cask Bottling in unserer Zeit. In den frühen 2000ern machten wir dann Bottlings für Frankreich, Italien und, Schweden - und auch eines für Deutschland. Auch das hat sehr viel Spaß gemacht. Als wir in 2008 soweit waren, dass "unser" 10-years-old auf den Markt kam, haben wir festgestellt, dass "Ardbeg" mehr ist als ein Nischenprodukt. Und ein Single Cask Bottling ist immer ein Nischenprodukt. Wir haben uns inzwischen darauf fokussiert neue Expressions herauszubringen, die eine andere Größenordnung haben.

wad: Ich finde Single Cask Bottlings spannend, da sie ein Stück Geschichte der jeweiligen Distillery und ihres Whiskys darstellen.

HT: Ja, das stimmt absolut. Aber die Zeiten, als wir "Ardbeg" als Marke wieder aufbauen mussten, sind vorbei und wir wollen uns nicht mit immer neuen Abfüllungen übernehmen. Schließlich gibt es so viele neue Whiskys jeden Tag und es gibt auch Firmen, die fast wöchentlich eine neue Abfüllung herausbringen.

wad: Das ist auch ein Weg Whisky zu verkaufen.

HT: Ja, aber es verwässert das ganze, finde ich. Das soll nicht unser Weg sein. Es hat zehn Jahre gedauert die Core Range mit dem 10-years-old, Uigeadail und Corryvreckan zusammen zu bringen. Diese drei Whiskies geben für mich ein fantastisches Gesamtbild der Distillery. Sie sind so unterschiedlich, aber alle drei sind "Ardbeg". Man darf auch nicht vergessen, dass wir erst 1998 wieder angefangen haben. 2016 oder 2017 ist vielleicht die richtige Zeit für einen reiferen "Ardbeg" mit Age Statement. Wer weiß das schon?

wad: Und man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Einen 17-years-old wie er viele Jahre in unterschiedlichen Batches abgefüllt wurde, kann es so nicht mehr geben.

HT: Ja, richtig. Ich liebe den 10-years-old aus den späten 70ern. Der war außerordentlich gut. Das ist eine Legende, die den Charakter der Distillery typisiert hat. Und über diesen Whisky, der vor so langer Zeit geschaffen wurde, redet man heute noch. Übrigens werde ich auch oft zur (Wieder)Erstellung eigener Maltings gefragt, aber das würde nicht nur Millionen kosten, sondern ist vor allem auch eine Frage für die längerfristige Zukunft.