"So bittersweet
this whole thing
so bitter sweet"
(New Model Army "Bittersweet" 1983)
wad! war mal wieder auf Weltreise. Stimmt nicht ganz. Unterwegs in Südafrika war letztes Jahr Max Hildebrand (Goldene Bar, München). Bevor ich von Maxens Trip zum Kap gelesen und sein Foto einer ziemlich gut aussehenden Flasche auf Facebook gesehen hatte, war mir irgendwo in den Weiten des www schon der Caperitif begegnet. Cooler Name, geiles Etikett und ein Vermoed? Die Kombi verursachte schon erhöhtes Kribbeln - zumindest bei mir.
Vermouth hat sich in den letzten Jahren zwar nicht unbedingt neu erfunden, aber im Zuge einer kleinen Welle wurden eine ganze Reihe neue und wieder entdeckte Marken in die Regale und Kühlschränke der gehobenen Trinkinstitute gestellt und auch die Platzhirsche haben mit Sonderrezepturen/-abfüllungen ihren Senf dazu gegeben. Gut so. Sehr gut so.
Am Rande dessen fiel auch ein bisschen mehr Licht auf die Weinaperitife dieser Welt, z.B. die Bitters, Quinquinas und Aperitifs à base de vin. Andere Exoten wie Amaro und zuletzt Aquavit dürfen auch a bisserl mehr tröten.
Caperitif - The Ghost Ingredient
Caperitif - Ein Name der mir in zwei Publikationen aufgefallen war. Zum einen wird er in Ted Haighs "Vintage Spirits And Forgotten Cocktails" unter den Rest-In-Peace Cocktail Ingredients geführt - zum anderen beinhaltet das ebenso nicht gerade unbedeutende "The Savoy Cocktail Book" von Harry Craddock eine Reihe von Rezepturen mit Caperitif. Später habe ich festgestellt, dass noch etliche Cocktailbücher wie z.B. Tarlings "Café Royal Cocktail Book" u.a. Caperitif verwendeten (mehr Quellen und zur Schreibweise). Die Spur des seinerzeit als Wine Aperitif bezeichneten Caperitifs verlor sich offenbar irgendwann Ende der 1930er Jahre. Aber vielleicht graben eifrige Cocktailhistoriker noch mehr aus, als die drei Flaschen, die zuletzt in England über den Tresen gingen. Die einhellige Meinung ist zumindest im Moment, dass sich das Ganze im Bereich von Lillet Blanc (in seiner damaligen Rezeptur als Kina Lillet) und Dubonnet Blanc abgespielt hat.
Der Spur gingen vor über zwei Jahren auch der dänische Barmann Lars Erik Lyndgaard Schmidt (den ich beim Segeln in Schweden erreicht habe), der vom Caperitif bei seinen mixologischen Studien in New York gelesen hatte, und Adi Badenhorst, Chef des südafrikanischen Weinguts A.A. Badenhorst, nach. Die beiden hatten über gemeinsame Freunde in Südafrika zusammen gefunden. Aber nicht nur das. Das Resultat ihrer Entwicklungsarbeit ist die 21st-Century-Version des Caperitif. Ein Quinquina (der in der ersten Begeisterung missverständlich als soet vermoed - also süßer Vermouth - bezeichnet worden war), der mich total begeistert. Neben Chinarinde stecken noch 35 weitere zumeist lokale Botanicals in der Flasche bzw. im Rezept. Das ergibt zusammen gefasst: Süß-weiniger Antritt, frisch-würziger Übergang in ein langes, bitteres Finale. Komplex. Oh ja! whatadrink!
Das Ding (17,5% Vol.) funktioniert erstklassig solo, als Longdrink oder in allen Ginkombinationen (Negroni!) bzw. als Ersatz für Vermouth oder in klassischen Drinks, die nach dem Ur-Lillet verlangen, etc. etc. Mir persönlich reichen ein paar Stücke Eis für ein bittersüßes Vergnügen.
@Nerds: Caperitif wird in relativ kleinen Batches produziert und abgefüllt, die aufgrund der unterschiedlichen Beschaffenheit ihrer natürlichen Bestandteile in ihrer Aromatik voneinander abweichen können. Watch out for Batchnumbers...
Swaan Cape Tonic Water
Wer heute einen ambitionierten Gin erzeugt, sollte über Empfehlungen für das passende Tonic nachdenken oder - noch besser - ein eigenes Tonic entwickeln. Badenhorst hat das auch ohne eigenen Gin getan und ein Craft Tonic namens Swaan gelaunched. Ergänzend hinzugefügte Limette, Kardamon und Minze ergeben ein rundes Tonikum. Verdammt - das ist auch gut. So gut, dass ich das wie Limo wegnuckle - auch ohne Wacholderschnaps.
Während die vorzüglichen Weine von A.A. Badenhorst in einigen deutschen Onlineshops zu haben sind, gibts den Caperitif derzeit (noch) exklusiv hier. Eine andere Quelle im UK ist hier zu finden - dort kann man (wenn man artig nachfrägt) auch das Swaan Tonic beziehen.
Posts mit dem Label Goldene Bar werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Goldene Bar werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Montag, 15. August 2016
Donnerstag, 28. Juli 2016
Wiedervorlage: Mezcal und Raicilla
"Ich liebte ein Mädchen in Mexico,
die hat einen runden sexy Po."
(Insterburg & Co., "Ich liebte ein Mädchen", 1973)
Zurück in unsere Breiten - genauer nach München. In der Goldenen Bar trafen sich diese Woche einige bairische Mezcaleros, um den Worten von Axel Huhn (Mezcaleria) zu lauschen, der mal wieder aus Berlin angereist war. Seine Mission: Das Wissen der Südländer in Sachen Agavenschnaps auffrischen bzw. erweitern!
Mezcal (= gekochte Agave) hat in vielen deutschen Bars mittlerweile Einzug gehalten. Mixgetränke sind dabei in erster Linie gefragt und dafür werden i.d.R. preisgünstige Abfüllungen verwendet, die ich (beschönigend gesagt) ziemlich langweilig finde. Music for the masses eben. Echter Mezcal, der auch wirklich als Craftprodukt gilt, weist im Gegensatz zum Low-Budget-Brand einige wesentliche Attribute auf - z.B. Alkoholgehalt von 46 bis knapp über 50% Vol., Nennung von Agavensorte/ Brennmeister/ Ort der Herstellung/ Art des Brennapparats/ Größe der Produktionsbatches nur einige hundert Flaschen/ traditioneller Erdofen/ natürliche Wildhefen/ etc. Aber darüber wurde hier ja schon in der Vergangenheit berichtet.
Während sich die Fortbildungshungrigen mit den ersten Mezcalproben versorgten, erläuterte Axel Huhn u.a. den Terroirbegriff beim Mezcal. Hier trifft die regionale Herkunft der (Wild)Agaven, die jeweils ein spezielles Mikroklima oder auch eine Symbiose mit anderen Pflanzen beanspruchen, auf das Terroir der Destillerie, die für den Erdofen, in dem die Agaven geröstet werden, lokal vorhandenes Hartholz verwendet, auf ihre traditionelle Brennblase (Keramik, Kupfer, Holz, Kombinationen) vertraut und nicht zuletzt nur die örtlich vorhandenen Hefen zur Gärung zulässt. Diese beiden Terroirs überlagern sich sozusagen und machen neben der Jahreszeit der Destillation, den verwendeten Agaven selbst und der Arbeitsweise und dem Können des Mezcaleros das Endprodukt aus. Es gibt also viele Parameter, die zum Topmezcal führen (können).
Einige sehr gelungene Destillate standen in der Verkostungsrunde zur Verfügung - ich fasse mich kurz:
Für die bekannte "Alipus"-Serie gibt es Neues. Wir hatten eine Probe, des Mezcals (47,5% Vol., 100% Espadin) aus den Händen von Don Valente Ángel García Juárez: Ölig und cremige Textur, feine Nase, trocken und rund. Steht den anderen "Alipus"-Qualitäten in nichts nach.
Der Koch Mezcal aus der Tepextate Wildagave (47% Vol.) hatte es mir aufgrund seiner betörenden Nase zunächst schwer angetan. Mit der Zeit im Glas legt sich das Erlebnis aber und es verbleibt ein bodenständiger Brand mit etwas mehr Süße und angenehmem Rauch.
Getöpferte Keramik Potstills kennen wir schon von Real Minero. "Raicilla La Venenosa" hat in eben solchen gebrannten Raicilla im Programm. Raicilla? Ganz ruhig, das ist kein neuer Nerdkram, sondern nur Mezcal aus Jalisco statt aus Oaxaca. Der verprobte Sierra Del Tigre (46,5 % Vol.) überrascht mit viel zerkochtem Gemüse in der Nase (mancher wittert gar Käsefüße), entwickelt sich dann aber im Mund zu einem wonnigen Honigvergnügen. whatadrink!
Das gleiche Urteil dann beim Star Of The Show, der auch aus einer Töpferbrennblase kommt: Mezcal Vago Blanco Y Negra (51,6% Vol., Batch: 176 Liter) aus 25 bzw. 45 Jahre alten Agaven. Das ist ein eleganter Gaumenschmeichler mit großer Balance zwischen süßen und trockenen Noten und mit etwas Honig. Wie gesagt: whatadrink! Kleiner Gag am Rande: Da offenbar keine weiteren so alten Agaven zur Verfügung stehen, empfiehlt man: "Save a bottle so your kids can compare it to the 2060 batch.". Ok. Die ersten Flaschen von Vago haben Europa erreicht. Die Mezcaleria wird ihn wohl auch ins Sortiment nehmen.
Den krönenden Abschluss bildete der Real Minero Largo (47,8 % Vol.), der gegenüber den eben beschriebenen Feingeistern fast schon brachial rüberkommt. Ein Top-Top-Mezcal, intensiv, rauchig und fruchtig bei perfekter Balance. whatadrink!
Die Probanden weisen also alle einen Alkoholgehalt von mehr als 46% Vol. aus. Wie läuft das nun aber mit dem Alkoholgehalt, wenn das Batch vor der Abfüllung nicht mit Wasser auf Trinkstärke reduziert wird? Fachbegriff: distilled to strength. Der erste Destillationslauf - der Rohbrand - ergibt ein Destillat von rund 35% Vol. Beim zweiten Durchlauf steigt der Alkoholgehalt stetig von unter 40 auf über 60 oder gar 70% Vol. an. Der Mezcalero hat natürlich keinen Spirit Safe à la Scotch Whisky mit Meßskala zur Verfügung. Er trennt also einzelne Teile des Brandes sukzessiv in einzelne Gefäße - vornehmlich Plastikkanister - ab und vermischt diese einzelnen Bestandteile seines Batches dann nach visuellen und olfaktorischen Eigenschaften zum fertigen Mezcal. Die ungenießbaren Anteile von Vor- und Nachlauf werden dabei logischerweise abgetrennt. Der Stoff lagert dann zur Harmonisierung mehrere Monate oder gar Jahre in Glas-, Edelstahl- oder Tongefäßen bis zur Abfüllung in Flaschen.
Zum Schluss noch ein paar Worte zur sogenannten Agavenkrise. Aufgrund der Monokulturen für die Tequilaproduktion sind die Pflanzen anfällig geworden. Ernteausfälle bei gleichzeitigem Anstieg der Nachfrage führen zu Engpässen und zu steigenden Rohstoffpreisen. Das obere Diagramm zeigt die Auswirkungen einer 4jährigen Missernte. Die Nachpflanzungen führen dann wieder zu Überschüssen (Jahr 12). Im unteren Diagramm ist im Gegensatz dazu ein linearer Verlauf dargestellt.
Agavenkrise hin oder her - Fakt ist, dass dank steigender Kosten der handgemachte Mezcal/Raicilla/etc. nicht billiger werden wird, sondern in absehbarer Zeit - gerade in Europa - regelmäßig deutlich über der 100-EUR-Grenze pro 0,7l-Buddel liegen wird. Blicken wir auf die Preise für heimische Obst/Wurzel/Gemüse-Premiumdestillate, für die ab 80 EUR pro 0,35l-Flasche aufgerufen werden, so ist das durchaus nachvollziehbar. Aber soll man nun in Mezcal investieren? Hm, warum eigentlich nicht?
Noch mehr zum Thema: Ein aktuelles Video der GuildSomm finden Sie hier.
die hat einen runden sexy Po."
(Insterburg & Co., "Ich liebte ein Mädchen", 1973)
Zurück in unsere Breiten - genauer nach München. In der Goldenen Bar trafen sich diese Woche einige bairische Mezcaleros, um den Worten von Axel Huhn (Mezcaleria) zu lauschen, der mal wieder aus Berlin angereist war. Seine Mission: Das Wissen der Südländer in Sachen Agavenschnaps auffrischen bzw. erweitern!
Mezcal (= gekochte Agave) hat in vielen deutschen Bars mittlerweile Einzug gehalten. Mixgetränke sind dabei in erster Linie gefragt und dafür werden i.d.R. preisgünstige Abfüllungen verwendet, die ich (beschönigend gesagt) ziemlich langweilig finde. Music for the masses eben. Echter Mezcal, der auch wirklich als Craftprodukt gilt, weist im Gegensatz zum Low-Budget-Brand einige wesentliche Attribute auf - z.B. Alkoholgehalt von 46 bis knapp über 50% Vol., Nennung von Agavensorte/ Brennmeister/ Ort der Herstellung/ Art des Brennapparats/ Größe der Produktionsbatches nur einige hundert Flaschen/ traditioneller Erdofen/ natürliche Wildhefen/ etc. Aber darüber wurde hier ja schon in der Vergangenheit berichtet.
Während sich die Fortbildungshungrigen mit den ersten Mezcalproben versorgten, erläuterte Axel Huhn u.a. den Terroirbegriff beim Mezcal. Hier trifft die regionale Herkunft der (Wild)Agaven, die jeweils ein spezielles Mikroklima oder auch eine Symbiose mit anderen Pflanzen beanspruchen, auf das Terroir der Destillerie, die für den Erdofen, in dem die Agaven geröstet werden, lokal vorhandenes Hartholz verwendet, auf ihre traditionelle Brennblase (Keramik, Kupfer, Holz, Kombinationen) vertraut und nicht zuletzt nur die örtlich vorhandenen Hefen zur Gärung zulässt. Diese beiden Terroirs überlagern sich sozusagen und machen neben der Jahreszeit der Destillation, den verwendeten Agaven selbst und der Arbeitsweise und dem Können des Mezcaleros das Endprodukt aus. Es gibt also viele Parameter, die zum Topmezcal führen (können).
Einige sehr gelungene Destillate standen in der Verkostungsrunde zur Verfügung - ich fasse mich kurz:
Für die bekannte "Alipus"-Serie gibt es Neues. Wir hatten eine Probe, des Mezcals (47,5% Vol., 100% Espadin) aus den Händen von Don Valente Ángel García Juárez: Ölig und cremige Textur, feine Nase, trocken und rund. Steht den anderen "Alipus"-Qualitäten in nichts nach. Der Koch Mezcal aus der Tepextate Wildagave (47% Vol.) hatte es mir aufgrund seiner betörenden Nase zunächst schwer angetan. Mit der Zeit im Glas legt sich das Erlebnis aber und es verbleibt ein bodenständiger Brand mit etwas mehr Süße und angenehmem Rauch.
Getöpferte Keramik Potstills kennen wir schon von Real Minero. "Raicilla La Venenosa" hat in eben solchen gebrannten Raicilla im Programm. Raicilla? Ganz ruhig, das ist kein neuer Nerdkram, sondern nur Mezcal aus Jalisco statt aus Oaxaca. Der verprobte Sierra Del Tigre (46,5 % Vol.) überrascht mit viel zerkochtem Gemüse in der Nase (mancher wittert gar Käsefüße), entwickelt sich dann aber im Mund zu einem wonnigen Honigvergnügen. whatadrink!
Das gleiche Urteil dann beim Star Of The Show, der auch aus einer Töpferbrennblase kommt: Mezcal Vago Blanco Y Negra (51,6% Vol., Batch: 176 Liter) aus 25 bzw. 45 Jahre alten Agaven. Das ist ein eleganter Gaumenschmeichler mit großer Balance zwischen süßen und trockenen Noten und mit etwas Honig. Wie gesagt: whatadrink! Kleiner Gag am Rande: Da offenbar keine weiteren so alten Agaven zur Verfügung stehen, empfiehlt man: "Save a bottle so your kids can compare it to the 2060 batch.". Ok. Die ersten Flaschen von Vago haben Europa erreicht. Die Mezcaleria wird ihn wohl auch ins Sortiment nehmen. Den krönenden Abschluss bildete der Real Minero Largo (47,8 % Vol.), der gegenüber den eben beschriebenen Feingeistern fast schon brachial rüberkommt. Ein Top-Top-Mezcal, intensiv, rauchig und fruchtig bei perfekter Balance. whatadrink!
Die Probanden weisen also alle einen Alkoholgehalt von mehr als 46% Vol. aus. Wie läuft das nun aber mit dem Alkoholgehalt, wenn das Batch vor der Abfüllung nicht mit Wasser auf Trinkstärke reduziert wird? Fachbegriff: distilled to strength. Der erste Destillationslauf - der Rohbrand - ergibt ein Destillat von rund 35% Vol. Beim zweiten Durchlauf steigt der Alkoholgehalt stetig von unter 40 auf über 60 oder gar 70% Vol. an. Der Mezcalero hat natürlich keinen Spirit Safe à la Scotch Whisky mit Meßskala zur Verfügung. Er trennt also einzelne Teile des Brandes sukzessiv in einzelne Gefäße - vornehmlich Plastikkanister - ab und vermischt diese einzelnen Bestandteile seines Batches dann nach visuellen und olfaktorischen Eigenschaften zum fertigen Mezcal. Die ungenießbaren Anteile von Vor- und Nachlauf werden dabei logischerweise abgetrennt. Der Stoff lagert dann zur Harmonisierung mehrere Monate oder gar Jahre in Glas-, Edelstahl- oder Tongefäßen bis zur Abfüllung in Flaschen.
Zum Schluss noch ein paar Worte zur sogenannten Agavenkrise. Aufgrund der Monokulturen für die Tequilaproduktion sind die Pflanzen anfällig geworden. Ernteausfälle bei gleichzeitigem Anstieg der Nachfrage führen zu Engpässen und zu steigenden Rohstoffpreisen. Das obere Diagramm zeigt die Auswirkungen einer 4jährigen Missernte. Die Nachpflanzungen führen dann wieder zu Überschüssen (Jahr 12). Im unteren Diagramm ist im Gegensatz dazu ein linearer Verlauf dargestellt.
Agavenkrise hin oder her - Fakt ist, dass dank steigender Kosten der handgemachte Mezcal/Raicilla/etc. nicht billiger werden wird, sondern in absehbarer Zeit - gerade in Europa - regelmäßig deutlich über der 100-EUR-Grenze pro 0,7l-Buddel liegen wird. Blicken wir auf die Preise für heimische Obst/Wurzel/Gemüse-Premiumdestillate, für die ab 80 EUR pro 0,35l-Flasche aufgerufen werden, so ist das durchaus nachvollziehbar. Aber soll man nun in Mezcal investieren? Hm, warum eigentlich nicht?
Noch mehr zum Thema: Ein aktuelles Video der GuildSomm finden Sie hier.
Sonntag, 10. Februar 2013
Monaco Vodka @ Distillers Bar oder: Munich Vodka War
"Lass uns noch was Wodka holen
Aber das nur nebenbei zur Aufklärung für Menschen, die hierzulande z.B. auch Fragen wie "Wie schreibt man Krapfen? Mit K oder mit G?" stellen. Naja, Preisn eben.
Ein cleverer Kopf hat sich nun diese Namen als Marken schützen lassen und so das Label "franzmünchinger" geschaffen unter dem bislang Lederhosen, Kaffeehaferl, Brotzeitbrettl, T-Shirts, ein Fahrrad (!) und noch dies und das vertrieben werden. Und jetzt eben auch der "Monaco Vodka". Ob nun der echte Franz Münchinger alias Monaco Franze alias Helmut Fischer dem Wässerchen überhaupt zugetan war, ist nicht überliefert. Aber das kümmert die "Munich Distillers" nicht, wenn sie "Münchens ersten Vodka" anpreisen, denn ihr Konzept geht viel weiter. Der "Monaco Vodka" ist vermutlich Deutschlands erste Spirituose mit eigener, exklusiver Cocktailbar inkl. Flagshipstore! Aber hallo!
In Letzterem, der räumlich an die Bar und den integrierten Destillierraum angegliedert ist, kann man die oben beschriebenen Produkte erwerben. In der Distillers Bar (Occamstr. 2, Barkarte) werden unter der Obhut von Barchef John Hofmann (Ex-Barista, Barzirkel München) täglich ab 18.00 Uhr (außer Montag) gemischte Getränke aller Art präsentiert. DJs, Livemusik und Monaco Franze auf Großbildleinwand runden das Unterhaltungsprogramm ab - Nervenkitzel à la Bombenexplosion in der Nachbarschaft gibts von Zeit zu Zeit gratis dazu.
Die Macher im Interview
Ich konnte bei Geschäftsführer Konstantin Graf von Keyserlingk und Barchef John Hofmann nachfragen:
whatadrink: Sie haben eine hochwertige Carl-Brennereianlage in einer Cocktailbar installiert. Was wird da alles produziert?
Konstantin Graf von Keyserlingk: Ja, das stimmt. Wir haben ein innovatives Konzept, das Bar und Destilleriebetrieb kombiniert. Was uns sehr wichtig war, ist, dass wir neben der Herstellung unseres Vodkas unseren Gästen in sogenannten Showbrenneinlagen zeigen können, wie Destillate verschiedenster Art entstehen und durch die Kombination von Gastraum und Manufaktur haben wir die Möglichkeit z.B. Limited Editions eines Gins, Aquavits oder eines Fruchtdestillats herzustellen, was der Kunde vor Ort live erleben kann.
wad: D.h. ich könnte heute zu Ihnen kommen und Sie produzieren hier - mit einer gewissen Vorlaufzeit - exklusiv einen whatadrink!-Gin für mich, anhand meiner Ideen, die ich in die Rezeptentwicklung einbringen kann?
GvK: In der Tat. Es gibt Bestrebungen von unserer Seite das Konzept in diese Richtung auszuweiten. Aktuell ist es so, dass unser Team Rezepte entwirft. Ab der zweiten Jahreshälfte 2013 soll es verschiedene Gins geben, die aber zunächst nur hier in der Bar ausgeschenkt und ggf. später als Limited Editions verkauft werden.
Dass wir bestimmten Kunden, die Interesse haben, bereit sind tief in die Materie einzutauchen und auch kostentechnisch investieren wollen, die Gelegenheit geben ihre eigene Spirituose zu entwickeln, die z.B. als Firmen-/Kundengeschenk ausgestattet und customized wird, ist durchaus möglich. Man kann dann auch hier degustieren. Wir haben also ein Konzept, bei dem der Kunde uns mit der Umsetzung beauftragt, aber selbst auch daran beteiligt ist. So weit sind wir noch nicht, aber das wird kommen. In welcher Form das dann genau der Fall sein wird, lässt sich jetzt schwer sagen auch, wo sich eine solche Sache kostentechnisch ansiedeln wird. Wir hatten aber schon Nachfragen in diesem Bereich.
wad: Die Bar sitzt im Herzen Schwabings zwischen Schwabinger Sieben und Vereinsheim und wird daher wohl ein eher gemischtes Publikum haben. John, Du warst jetzt elf Jahre im "Barista", das sicher einen anderen Kundenkreis mit ganz geringem Anteil an sogenannter Laufkundschaft hatte. Wie siehst Du die Ausrichtung der Bar an der Besonderheit, dass eine Destille in selbiger steht?
John Hofmann: Nun, man könnte das hier auch als Eventlocation sehen. Eben durch die Destille, mit der man Erleben kann, wie eine Spirituose gebrannt wird. Das wird aber in der Regel tagsüber stattfinden. Am Abend ab 18 Uhr haben wir dann unsere Bar offen, mit der wir allerdings wegkommen wollen von der klassischen, kalten Bar, an der man sich auf den Drink konzentriert und wo man einen sehr schönen Drink haben und gute Gespräche führen kann, aber sonst nicht viel mehr erlebt. Unser Lokal ist so gedacht, dass man hier Spaß mit gut gelaunten Gästen hat - ohne dass es gleich ein Club ist. Die Drinks sind aber von der Qualität, wie man sie an der klassischen Bar erwarten kann.
wad: Im näheren Umkreis findet sich meines Wissens keine renommierte Cocktailbar. Die Szene konzentriert sich eher im Glockenbachviertel oder im Altstadtbereich oder liegt mit z.B. Goldene Bar oder Gabányi in ganz anderen Ecken oder besonderen Locations. Damit haben Sie hier ein Alleinstehungsmerkmal aber auch vielleicht den Auftrag, den guten Drink wieder nach Schwabing zu bringen. Ist das so?
JH: (lacht) Ja, das ist genau unser Ziel. Die ehemalige Ausgehmeile Schwabing oder Alt-Schwabing wurde in den letzten Jahren etwas vernachlässigt. Wir fanden diese Ecke aber wunderbar und es gibt wirklich nichts hier, was die Qualität und den Service anbietet, den wir anbieten wollen. Und wir meinen, dass Schwabing das verdient hat.
wad: "Monaco Vodka" ist sicher eine gute Mixspirituose. Aber in der Distillers Bar soll es nicht nur Vodkadrinks geben. Wo siehst Du die Schwerpunkte Deiner Barkarte?
JH: Wir arbeiten fast ausschließlich mit frischen Produkten. Aufgrund unseres gut gemischten Spirituosenangebots können wir natürlich alle gängigen Cocktails oder Longdrinks mixen. 100 Single Malts oder so brauchen wir nicht, da wir uns nicht als Whisky- oder Rumbar oder Wasweißichbar verstehen.
wad: Vodkabar?
JH: Es ist natürlich ein Schwerpunkt, dass wir unser Produkt verkaufen wollen. Das ist normal - das ist Marketing. Deswegen gibt es unseren Vodka auch in vielerlei klassischen Vodkacocktails und Eigenkreationen um ihn zu präsentieren.
wad: Die nächste Frage ist der Running Gag in Sachen Vodka: Was ist das besondere an Ihrem Vodka?
GvK: Vodka ist ja ein überall bekanntes Produkt und wird mit den traditionellen Herkunftsländern Polen und Russland in Bezug gebracht. Und dazu haben viele Menschen noch immer das Bild vom Kartoffelschnaps im Kopf. Viele Marken, insbesondere in Deutschland, nehmen auf die geografische Herkunft bezug und setzen auf russische Assoziationen mit verschnörkelten Elementen und dem Namen. Wir dachten uns aber, wir gehen komplett neue Wege, kehren das um und nehmen ein internationales Produkt aus seinem internationalen Umfeld und branden es sehr sehr stark lokal. Da kommt unser Monaco Franze als Sympathieträger dazu, der das Branding der Flasche maßgeblich prägt neben dem Münchner Gedanken, der sich auf dem Label der Flasche verwirklicht. Wir glauben, dass wenn wir die Qualität, die der Kunde von Premiumprodukten gewöhnt ist, in einem lokalen Münchner Umfeld machen können, ein ganz neues Produkt schaffen, das an Altbekanntes anknüpft und wir damit Erfolg haben werden.
wad: In welcher Kategorie ist Ihr Vodka denn anzusiedeln?
JH: Er ist schon eher im traditionellen Bereich zu sehen. Er ist aus 100%-Bioweizen gemacht und trägt das Ökosiegel. Ich sehe ihn in der Premiumliga wobei wir auch ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis bieten können. Einen Vodka in dieser Qualität bekommt man zu diesem Preis eher selten bis gar nicht. Vodka ist nunmal eine Spirituose, die einen relativ geringen Eigengeschmack haben soll. Trotzdem hat jeder Vodka in irgendeiner Form einen Geschmack. Wobei Geschmack in diesem Fall eher Charakter bedeutet, da die Unterschiede nur Nuancen sind, die beim Purtrinken in Zimmertemperatur zu Tage treten. Im Cocktail ist das nicht zu Schmecken. Eine gute Spirituose soll nach meiner Meinung den Gaumen füllen und nicht so stark Nachbrennen. Unser Vodka hat diese positiven Eigenschaften und vor allem einen klaren Abgang mit einem gewissen Nachhall. Und man hat nach dem Genuss nicht das Gefühl, dass man gerade etwas Unangenehmes getrunken hat. Also keine Bitterstoffe oder Ähnliches.
GvK: Das typische Alkoholbrennen vermeiden wir auch durch unser Filtersystem, das von der TU München entwickelt worden ist. Das ist ein Element auf das wir sehr stolz sind.
Münchens erster Vodka contra Löwenwässerchen
So, danke für die Infos und das Gespräch. Hier auf dem Tisch steht nun "Münchens erster Vodka". Doch ist er das wirklich? Bekanntlich hat die Persephone Destillerie, die nur zwei Kilometer von der Distillers Bar entfernt liegt und seit einigen Jahren erfolgreich "The Duke - Munich Dry Gin" herstellt, seit 2012 den "Lion's Vodka" auf dem Markt. Doch der wurde erst beim BCB im Oktober vorgestellt, während die Distillers schon am 27. September auf einer Pressekonferenz ihren "Monaco" präsentierten. 1:0 für die Distillers in diesem kleinen Gefecht.
Aber nun gleich zur wichtigsten Kategorie bei Vodka: Die Flasche - zu deutsch: Packaging. Der Löwe kommt in einer gedrungenen, abgerundeten Bottle, die in der Rubrik "Verkostet & Bewertet" des oben schon erwähnten Magazins von dem geschätzten Berliner Barmann Arnd Henning Heissen wie folgt beschrieben wurde: "Eine Flasche, die aussieht, als ob zwei Studenten in ihrer freien Zeit ein Label ausgedruckt und auf eine Flasche aus dem Chemielabor geklebt haben und jetzt versuchen, damit bei ihren Klassenkameraden ein wenig ihr Taschengeld aufzubessern". Christina Schneider, auch in Berlin tätige Vorzeigefrau der Branche, schreibt im gleichen Blatt "schönes Logo, schnuckelige Flasche". Immerhin. Merke: Hier ging es um den "Lion's". Mehr dazu hier.
Verkostet und Abgewertet?
An dieser Stelle ein Ausritt. Dass Berliner Barmenschen von bajuwarischem Schnaps und dessen traditionellem Packaging nur wenig verstehen, mag einleuchten. Ich bin mittlerweile der Meinung, dass "Mixology" dringend sein Bewertungssystem bei "Verkostet & Bewertet" überdenken sollte. Allzuviele Urteile landen hier in den letzten Ausgaben im Bereich 50-69 Punkte - "Solide" bis "Gut" also. Seltenst ist die Kategorie "Sehr Gut" und fast nie die Notenstufen "Ausgezeichnet" oder "Überragend" besetzt. Und wenn, dann landeten da ein Rhabarbernektar, zwei (überbewertete) Piscos, ein 30-Euro-Cachaca und eine inzwischen eingestellte Grapefruitlimo. Die Höchstnote hat meines Wissens nur der "Plantation" Overproof Rum vorletztes Jahr erreicht. Sind denn die Neuheiten der letzten Jahre echt so durchschnittlich? Liegt die Latte der (Berliner) Tester wirklich so hoch? Zuletzt kamen mir gleich drei von einander unabhängige Industrievertreterstimmen zu Ohren, die mit ihren Zensuren äußerst unzufrieden waren - gerade im Vergleich mit Konkurrenzprodukten. Auch ich selbst konnte manche Punktvergabe nicht mehr nachvollziehen. Aber das gehört ja gar nicht hierher...
Geschmack? Welcher Geschmack?
Wir waren bei der Flasche stehengeblieben und daher gibts nun ein paar Gedanken zur "Monaco"-Verpackung. Die Form ist schlicht (nix Bling-Bling) und pouringfreundlich. Der Drehverschluss (einzige Monaco Franze-Reminiszenz) spielt an der Bar keine Rolle - gleiches gilt für die Bio- und CO²-Neutral-Zertifikate. Das sind Endverbrauchergimmicks. Der rote Balken vorn mit kleiner Münchner Skyline und Schreibschrift ist ok, die Weizen- und Hopfenelemente sind recht dezent wie auch das große schwarze Monaco M, das vor einem dunklem Hintergrund praktisch verschwindet. Das Ganze ist aufgedruckt und nicht etwa aufgeklebt. Von mir gibts ein "Gut". Der "Lion's" liegt bei mir mit seinem Kalligrafielook aber vorn: 1:1.
Beide Brände sind saubere Vertreter ihrer Zunft. Der "Monaco" ist ein klares Allroundgenie, das sich sowohl hinter Massen-/Pouringbrands wie "Absolut" als auch hinter dem Premiumlager in den hochwertigen (?), gelaserten & satinierten Flaschen nicht verstecken braucht. Der "Lion's" wirkt in Sachen Mundgefühl etwas voller, die dafür verantwortliche Getreidemischung aus Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel (Die genaue Mashbill wäre interessant) macht ihn wohl auch eine Spur süßer. Ein "echter" Roggenvodka hat dann aber etwas mehr geschmackliche Power. Der Begriff Sippingvodka existiert übrigens nicht. Letztlich jagen mir beide meine Vodkalieblingsmarken "Green Mark", "Chopin"und "Wyborowa Exquisite Single Estate" nicht vom Acker, tun aber auch nicht weh. Spielstand 2:2.
Fazit: Unentschieden im Vodkakrieg. Münchens Andenkenläden und Naturkostinseln sollten die beiden neuen und wertigen Vertreter bayerischer Brennkunst im Regal haben. Der "Monaco" bietet sich auch fürs Pouring an. Ob die beiden sich überregional durchsetzen können, wird man sehen. Der Kartoffelvodka "Bavarka" von Lantenhammer ist preislich keine Konkurrenz, wird aber ebenso wenig am Schliersee destilliert, wie die beiden Münchner in Schwabing, da alle drei Hersteller nicht über entsprechende Anlagen/Genehmigungen verfügen. Die Distillers Filtern und Füllen aber zumindest dort ab.
Hinweis: Aufgepasst Stenz! Der Löwe war zuletzt beim "Ball des Sports" in der "Playboy Lounge" gesichtet worden während Du zum Fasching mit dem "Herrn der sieben Meere" am Faschingsdienstag eingeladen hast. Vodka ist Sex! Die letzte Folge des Monaco Franze im TV hieß übrigens "Abgestürzt".
russische Vitamine
Ich glaub, wir müssen nochmal hin
Ich glaub, der Typ schläft schon"
Ich glaub, wir müssen nochmal hin
Ich glaub, der Typ schläft schon"
(Einstürzende Neubauten, "Yü-Gung", 1985)
Um russische Vitamine ging es hier bei wad bislang nur selten. Das soll auch so bleiben. Doch anlässlich der vom Trinkermagazin "Mixology" kürzlich ausgerufenen Vodka-Wars, muss ich den Zeigefinger - wie so oft - mal wieder auf München dirigieren.
Ein Samstagnachmittag in München-Schwabing. Es geht um Vodka, um eine Cocktailbar, das Schwabinger Publikum und um ein Münchner Original, das passender Weise den bürgerlichen Namen Franz Münchinger trägt.
Unter diesem Namen kennen den Monaco Franze, einen sogenannten Stenz, aber auch heute nur Insider. "Der Monaco Franze, das war doch der Helmut Fischer", so zumindest Volkes Meinung. Und das stimmt. So wie Horst Tappert Derrick war, so war der Schauspieler Helmut Fischer der Monaco Franze in der gleichnamigen Fernsehserie des BR. Leider wandeln die beiden realen Personen nicht mehr unter uns - doch sind sie aufgrund der Fleischwerdung ihrer beiden TV-Figuren auch weiterhin allgegenwärtig. Viele Aussprüche des Monaco (so die Kurzform) haben sich - auch Dank vieler TV-Wiederholungen, Video und DVD - erhalten und sind irgendwie in den täglichen Sprachgebrauch nicht nur seiner eingefleischten Fans eingegangen.Ein Samstagnachmittag in München-Schwabing. Es geht um Vodka, um eine Cocktailbar, das Schwabinger Publikum und um ein Münchner Original, das passender Weise den bürgerlichen Namen Franz Münchinger trägt.
Aber das nur nebenbei zur Aufklärung für Menschen, die hierzulande z.B. auch Fragen wie "Wie schreibt man Krapfen? Mit K oder mit G?" stellen. Naja, Preisn eben.
Ein cleverer Kopf hat sich nun diese Namen als Marken schützen lassen und so das Label "franzmünchinger" geschaffen unter dem bislang Lederhosen, Kaffeehaferl, Brotzeitbrettl, T-Shirts, ein Fahrrad (!) und noch dies und das vertrieben werden. Und jetzt eben auch der "Monaco Vodka". Ob nun der echte Franz Münchinger alias Monaco Franze alias Helmut Fischer dem Wässerchen überhaupt zugetan war, ist nicht überliefert. Aber das kümmert die "Munich Distillers" nicht, wenn sie "Münchens ersten Vodka" anpreisen, denn ihr Konzept geht viel weiter. Der "Monaco Vodka" ist vermutlich Deutschlands erste Spirituose mit eigener, exklusiver Cocktailbar inkl. Flagshipstore! Aber hallo!
In Letzterem, der räumlich an die Bar und den integrierten Destillierraum angegliedert ist, kann man die oben beschriebenen Produkte erwerben. In der Distillers Bar (Occamstr. 2, Barkarte) werden unter der Obhut von Barchef John Hofmann (Ex-Barista, Barzirkel München) täglich ab 18.00 Uhr (außer Montag) gemischte Getränke aller Art präsentiert. DJs, Livemusik und Monaco Franze auf Großbildleinwand runden das Unterhaltungsprogramm ab - Nervenkitzel à la Bombenexplosion in der Nachbarschaft gibts von Zeit zu Zeit gratis dazu.
Die Macher im Interview
Ich konnte bei Geschäftsführer Konstantin Graf von Keyserlingk und Barchef John Hofmann nachfragen:
whatadrink: Sie haben eine hochwertige Carl-Brennereianlage in einer Cocktailbar installiert. Was wird da alles produziert?
Konstantin Graf von Keyserlingk: Ja, das stimmt. Wir haben ein innovatives Konzept, das Bar und Destilleriebetrieb kombiniert. Was uns sehr wichtig war, ist, dass wir neben der Herstellung unseres Vodkas unseren Gästen in sogenannten Showbrenneinlagen zeigen können, wie Destillate verschiedenster Art entstehen und durch die Kombination von Gastraum und Manufaktur haben wir die Möglichkeit z.B. Limited Editions eines Gins, Aquavits oder eines Fruchtdestillats herzustellen, was der Kunde vor Ort live erleben kann.
wad: D.h. ich könnte heute zu Ihnen kommen und Sie produzieren hier - mit einer gewissen Vorlaufzeit - exklusiv einen whatadrink!-Gin für mich, anhand meiner Ideen, die ich in die Rezeptentwicklung einbringen kann?
GvK: In der Tat. Es gibt Bestrebungen von unserer Seite das Konzept in diese Richtung auszuweiten. Aktuell ist es so, dass unser Team Rezepte entwirft. Ab der zweiten Jahreshälfte 2013 soll es verschiedene Gins geben, die aber zunächst nur hier in der Bar ausgeschenkt und ggf. später als Limited Editions verkauft werden.
Dass wir bestimmten Kunden, die Interesse haben, bereit sind tief in die Materie einzutauchen und auch kostentechnisch investieren wollen, die Gelegenheit geben ihre eigene Spirituose zu entwickeln, die z.B. als Firmen-/Kundengeschenk ausgestattet und customized wird, ist durchaus möglich. Man kann dann auch hier degustieren. Wir haben also ein Konzept, bei dem der Kunde uns mit der Umsetzung beauftragt, aber selbst auch daran beteiligt ist. So weit sind wir noch nicht, aber das wird kommen. In welcher Form das dann genau der Fall sein wird, lässt sich jetzt schwer sagen auch, wo sich eine solche Sache kostentechnisch ansiedeln wird. Wir hatten aber schon Nachfragen in diesem Bereich.wad: Die Bar sitzt im Herzen Schwabings zwischen Schwabinger Sieben und Vereinsheim und wird daher wohl ein eher gemischtes Publikum haben. John, Du warst jetzt elf Jahre im "Barista", das sicher einen anderen Kundenkreis mit ganz geringem Anteil an sogenannter Laufkundschaft hatte. Wie siehst Du die Ausrichtung der Bar an der Besonderheit, dass eine Destille in selbiger steht?
John Hofmann: Nun, man könnte das hier auch als Eventlocation sehen. Eben durch die Destille, mit der man Erleben kann, wie eine Spirituose gebrannt wird. Das wird aber in der Regel tagsüber stattfinden. Am Abend ab 18 Uhr haben wir dann unsere Bar offen, mit der wir allerdings wegkommen wollen von der klassischen, kalten Bar, an der man sich auf den Drink konzentriert und wo man einen sehr schönen Drink haben und gute Gespräche führen kann, aber sonst nicht viel mehr erlebt. Unser Lokal ist so gedacht, dass man hier Spaß mit gut gelaunten Gästen hat - ohne dass es gleich ein Club ist. Die Drinks sind aber von der Qualität, wie man sie an der klassischen Bar erwarten kann.
wad: Im näheren Umkreis findet sich meines Wissens keine renommierte Cocktailbar. Die Szene konzentriert sich eher im Glockenbachviertel oder im Altstadtbereich oder liegt mit z.B. Goldene Bar oder Gabányi in ganz anderen Ecken oder besonderen Locations. Damit haben Sie hier ein Alleinstehungsmerkmal aber auch vielleicht den Auftrag, den guten Drink wieder nach Schwabing zu bringen. Ist das so?
JH: (lacht) Ja, das ist genau unser Ziel. Die ehemalige Ausgehmeile Schwabing oder Alt-Schwabing wurde in den letzten Jahren etwas vernachlässigt. Wir fanden diese Ecke aber wunderbar und es gibt wirklich nichts hier, was die Qualität und den Service anbietet, den wir anbieten wollen. Und wir meinen, dass Schwabing das verdient hat.
wad: "Monaco Vodka" ist sicher eine gute Mixspirituose. Aber in der Distillers Bar soll es nicht nur Vodkadrinks geben. Wo siehst Du die Schwerpunkte Deiner Barkarte?
JH: Wir arbeiten fast ausschließlich mit frischen Produkten. Aufgrund unseres gut gemischten Spirituosenangebots können wir natürlich alle gängigen Cocktails oder Longdrinks mixen. 100 Single Malts oder so brauchen wir nicht, da wir uns nicht als Whisky- oder Rumbar oder Wasweißichbar verstehen.
wad: Vodkabar?
JH: Es ist natürlich ein Schwerpunkt, dass wir unser Produkt verkaufen wollen. Das ist normal - das ist Marketing. Deswegen gibt es unseren Vodka auch in vielerlei klassischen Vodkacocktails und Eigenkreationen um ihn zu präsentieren.
wad: Die nächste Frage ist der Running Gag in Sachen Vodka: Was ist das besondere an Ihrem Vodka?
GvK: Vodka ist ja ein überall bekanntes Produkt und wird mit den traditionellen Herkunftsländern Polen und Russland in Bezug gebracht. Und dazu haben viele Menschen noch immer das Bild vom Kartoffelschnaps im Kopf. Viele Marken, insbesondere in Deutschland, nehmen auf die geografische Herkunft bezug und setzen auf russische Assoziationen mit verschnörkelten Elementen und dem Namen. Wir dachten uns aber, wir gehen komplett neue Wege, kehren das um und nehmen ein internationales Produkt aus seinem internationalen Umfeld und branden es sehr sehr stark lokal. Da kommt unser Monaco Franze als Sympathieträger dazu, der das Branding der Flasche maßgeblich prägt neben dem Münchner Gedanken, der sich auf dem Label der Flasche verwirklicht. Wir glauben, dass wenn wir die Qualität, die der Kunde von Premiumprodukten gewöhnt ist, in einem lokalen Münchner Umfeld machen können, ein ganz neues Produkt schaffen, das an Altbekanntes anknüpft und wir damit Erfolg haben werden.
wad: In welcher Kategorie ist Ihr Vodka denn anzusiedeln?
JH: Er ist schon eher im traditionellen Bereich zu sehen. Er ist aus 100%-Bioweizen gemacht und trägt das Ökosiegel. Ich sehe ihn in der Premiumliga wobei wir auch ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis bieten können. Einen Vodka in dieser Qualität bekommt man zu diesem Preis eher selten bis gar nicht. Vodka ist nunmal eine Spirituose, die einen relativ geringen Eigengeschmack haben soll. Trotzdem hat jeder Vodka in irgendeiner Form einen Geschmack. Wobei Geschmack in diesem Fall eher Charakter bedeutet, da die Unterschiede nur Nuancen sind, die beim Purtrinken in Zimmertemperatur zu Tage treten. Im Cocktail ist das nicht zu Schmecken. Eine gute Spirituose soll nach meiner Meinung den Gaumen füllen und nicht so stark Nachbrennen. Unser Vodka hat diese positiven Eigenschaften und vor allem einen klaren Abgang mit einem gewissen Nachhall. Und man hat nach dem Genuss nicht das Gefühl, dass man gerade etwas Unangenehmes getrunken hat. Also keine Bitterstoffe oder Ähnliches.
GvK: Das typische Alkoholbrennen vermeiden wir auch durch unser Filtersystem, das von der TU München entwickelt worden ist. Das ist ein Element auf das wir sehr stolz sind.
Münchens erster Vodka contra Löwenwässerchen
So, danke für die Infos und das Gespräch. Hier auf dem Tisch steht nun "Münchens erster Vodka". Doch ist er das wirklich? Bekanntlich hat die Persephone Destillerie, die nur zwei Kilometer von der Distillers Bar entfernt liegt und seit einigen Jahren erfolgreich "The Duke - Munich Dry Gin" herstellt, seit 2012 den "Lion's Vodka" auf dem Markt. Doch der wurde erst beim BCB im Oktober vorgestellt, während die Distillers schon am 27. September auf einer Pressekonferenz ihren "Monaco" präsentierten. 1:0 für die Distillers in diesem kleinen Gefecht.
Aber nun gleich zur wichtigsten Kategorie bei Vodka: Die Flasche - zu deutsch: Packaging. Der Löwe kommt in einer gedrungenen, abgerundeten Bottle, die in der Rubrik "Verkostet & Bewertet" des oben schon erwähnten Magazins von dem geschätzten Berliner Barmann Arnd Henning Heissen wie folgt beschrieben wurde: "Eine Flasche, die aussieht, als ob zwei Studenten in ihrer freien Zeit ein Label ausgedruckt und auf eine Flasche aus dem Chemielabor geklebt haben und jetzt versuchen, damit bei ihren Klassenkameraden ein wenig ihr Taschengeld aufzubessern". Christina Schneider, auch in Berlin tätige Vorzeigefrau der Branche, schreibt im gleichen Blatt "schönes Logo, schnuckelige Flasche". Immerhin. Merke: Hier ging es um den "Lion's". Mehr dazu hier.
Verkostet und Abgewertet?
An dieser Stelle ein Ausritt. Dass Berliner Barmenschen von bajuwarischem Schnaps und dessen traditionellem Packaging nur wenig verstehen, mag einleuchten. Ich bin mittlerweile der Meinung, dass "Mixology" dringend sein Bewertungssystem bei "Verkostet & Bewertet" überdenken sollte. Allzuviele Urteile landen hier in den letzten Ausgaben im Bereich 50-69 Punkte - "Solide" bis "Gut" also. Seltenst ist die Kategorie "Sehr Gut" und fast nie die Notenstufen "Ausgezeichnet" oder "Überragend" besetzt. Und wenn, dann landeten da ein Rhabarbernektar, zwei (überbewertete) Piscos, ein 30-Euro-Cachaca und eine inzwischen eingestellte Grapefruitlimo. Die Höchstnote hat meines Wissens nur der "Plantation" Overproof Rum vorletztes Jahr erreicht. Sind denn die Neuheiten der letzten Jahre echt so durchschnittlich? Liegt die Latte der (Berliner) Tester wirklich so hoch? Zuletzt kamen mir gleich drei von einander unabhängige Industrievertreterstimmen zu Ohren, die mit ihren Zensuren äußerst unzufrieden waren - gerade im Vergleich mit Konkurrenzprodukten. Auch ich selbst konnte manche Punktvergabe nicht mehr nachvollziehen. Aber das gehört ja gar nicht hierher...
Geschmack? Welcher Geschmack?
Wir waren bei der Flasche stehengeblieben und daher gibts nun ein paar Gedanken zur "Monaco"-Verpackung. Die Form ist schlicht (nix Bling-Bling) und pouringfreundlich. Der Drehverschluss (einzige Monaco Franze-Reminiszenz) spielt an der Bar keine Rolle - gleiches gilt für die Bio- und CO²-Neutral-Zertifikate. Das sind Endverbrauchergimmicks. Der rote Balken vorn mit kleiner Münchner Skyline und Schreibschrift ist ok, die Weizen- und Hopfenelemente sind recht dezent wie auch das große schwarze Monaco M, das vor einem dunklem Hintergrund praktisch verschwindet. Das Ganze ist aufgedruckt und nicht etwa aufgeklebt. Von mir gibts ein "Gut". Der "Lion's" liegt bei mir mit seinem Kalligrafielook aber vorn: 1:1.Beide Brände sind saubere Vertreter ihrer Zunft. Der "Monaco" ist ein klares Allroundgenie, das sich sowohl hinter Massen-/Pouringbrands wie "Absolut" als auch hinter dem Premiumlager in den hochwertigen (?), gelaserten & satinierten Flaschen nicht verstecken braucht. Der "Lion's" wirkt in Sachen Mundgefühl etwas voller, die dafür verantwortliche Getreidemischung aus Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel (Die genaue Mashbill wäre interessant) macht ihn wohl auch eine Spur süßer. Ein "echter" Roggenvodka hat dann aber etwas mehr geschmackliche Power. Der Begriff Sippingvodka existiert übrigens nicht. Letztlich jagen mir beide meine Vodkalieblingsmarken "Green Mark", "Chopin"und "Wyborowa Exquisite Single Estate" nicht vom Acker, tun aber auch nicht weh. Spielstand 2:2.
Fazit: Unentschieden im Vodkakrieg. Münchens Andenkenläden und Naturkostinseln sollten die beiden neuen und wertigen Vertreter bayerischer Brennkunst im Regal haben. Der "Monaco" bietet sich auch fürs Pouring an. Ob die beiden sich überregional durchsetzen können, wird man sehen. Der Kartoffelvodka "Bavarka" von Lantenhammer ist preislich keine Konkurrenz, wird aber ebenso wenig am Schliersee destilliert, wie die beiden Münchner in Schwabing, da alle drei Hersteller nicht über entsprechende Anlagen/Genehmigungen verfügen. Die Distillers Filtern und Füllen aber zumindest dort ab.
Hinweis: Aufgepasst Stenz! Der Löwe war zuletzt beim "Ball des Sports" in der "Playboy Lounge" gesichtet worden während Du zum Fasching mit dem "Herrn der sieben Meere" am Faschingsdienstag eingeladen hast. Vodka ist Sex! Die letzte Folge des Monaco Franze im TV hieß übrigens "Abgestürzt".
Sonntag, 3. Juni 2012
Ardbeg Day 2012 in München
Schubkarren-Geschicklichkeitsfahren, Gummistiefelkegeln, 4,5-Literflasche-Stemmen (voll!),... Das waren nur drei der doch ziemlich sportlichen Disziplinen, die im Rahmen der "Ardbeg"-lympics absolviert werden mussten. Aber fangen wir doch von vorne an...
Nachdem die Erwartungen der "Ardbeg"-Fans mit täglich neuen elektronischen Verlautbarungen und
einer einwöchigen Reise durch Deutschland zu den offiziellen
Vertretungen der Marke in Hamburg, Frankfurt, Nürnberg, Bonn und Münster
ins praktisch unerträgliche geschürt worden waren, stand am gestrigen
Samstag nun endlich der "Ardbeg" Day und damit das Finale der "Peaty Push!"-Tour in
München an. Dazu versammelten sich fast 100 Ardbegians an der Uni und wanderten dann rund drei Kilometer über Leopoldstrasse, Hofgarten und Odeons- und Marienplatz bis zur Münchner Embassy, dem "Tara" Whiskyladen am Rindermarkt.
Dort gab es den begehrten Stoff, die "Ardbeg"-Day-2012-Abfüllung (1st-Fill- und 2nd-Fill-Bourbonfässer, 10-12 Jahre alt, 6monatiges Sherryfinish, 56,7% Vol.) dann auch käuflich zu Erwerben - zumindest für alle die, die die richtige Email ausgedruckt dabei hatten. Kostproben gab es schon unterwegs reichlich - dafür wurden Schubkarre inkl. 4,5-Liter-Flasche und Glasware mitgeführt. Kurz zum Whisky selber: Ein typischer "Ardbeg"! Süßer Grundton, rauchig und torfig ist er, aber trotz des kurzen Sherryfinishes ist dieses deutlich zu vernehmen. Gutes Zeug! (auch wenn es einen nicht vom Hocker haut wie ein Alligator oder Supernova - aber das muss es ja auch nicht). 10.000 Flaschen sollen weltweit davon verkauft werden und es wird keine spätere, reguläre Handelsabfüllung, wie z.B. beim Alligator, geben.
Den Nachmittag verbrachten die vielgereisten Münchner in bzw. vor der "Goldenen Bar", wo neben den schon oben erwähnten Belustigungen auch diverse Getränke gemixter und ungemixter Natur und köstliche Grilladen bereitstanden. "Ardbeg" Day 2013 - Du kannst kommen...
Donnerstag, 26. April 2012
Freitag, 2. März 2012
Die 7 Samurai by Ueno Gourmet
Nachdem Yoshiko Ueno-Müller und Jörg Müller 2011 mit der Reihe "7 Samurai - Köche und Sake" (mit 7 Sterneköchen und deren 7-Gänge-Menus) schon eine gehörige Portion Einfallsreichtum unter Beweis stellten, starteten sie am letzten Mittwoch in Münchens "Goldener Bar" die 2012er Version unter dem Titel "7 Samuari Barchefs". Unter den Gästen waren nicht nur der japanische Generalkonsul, sondern auch ein paar Aktivisten des "Barzirkels" - darunter auch ich.
Was gibt es zu berichten? - Nun, nach einem gelungenen Willkommensdrink mit Winzersekt und "Nanbu Bijin - Ume Rosé" (Sakelikör mit japanischer Pflaume) und der Begrüßung durch die Ueno-Müllers und den Herrn Generalkonsul sowie einer kurzen Erklärung zu Sake, Shochu und dem Ablauf und Sinn der 7-Samurai-Veranstaltungen stellte Klaus St. Rainer einige seiner Sake/Shochudrinks vor, die übrigens alle 7 bis Ende März vor Ort bestellbar sind. Besonders herausragend war für mich eine Smashadaption namens Ichigo Ichie mit Shiso statt Minze. Knackig.
Doch es geht nicht nur um die Verwendung von Sake und Shochu an der Bar. Gemäß dem Motto "Shaker statt Schwert" öffnen die 7 Barchefs eine Welt neuer Geschmackserlebnisse, die neben den beiden Spirituosen auch besonders japanische Aromen in den Vordergrund stellt. Das klingt doch wirklich verlockend, zumal man nicht Gefahr laufen dürfte, wie in Herrn Tarantinos "Kill Bill" selbst zum Schwert greifen zu müssen.
Hier der Fahrplan der 7 Samurai:
Klaus St. Rainer - Goldene Bar, München, bis Ende März
Thomas Röllig, 22nd lounge & bar, Frankfurt, 28.03.12, bis Ende April
Thomas Huhn, Bar Les Trois Rois, Basel, 11.05.12, bis Ende Mai
Hidetsugu Ueno, Bar High Five, Tokyo, 2.06.12, bis Ende Juni
Arnd Henning Heißen, The Curtain Club, Berlin, 5.9.12, bis Ende September
Enrico Wilhelm, Doc Cheng's Bar, Hamburg, 18.10.12, bis Ende November
Ewald Stromer, Capella Bar, Düsseldorf, 31.10.12, bis Ende November
Wer japanische Komponenten in/an der Bar bislang nicht oder nur stiefmütterlich betrachtet hat, hat zu den vorgenannten Terminen und den jeweiligen 7-Samurai-Angeboten ausreichend Gelegenheit seinen Horizont gen Ferner Osten zu erweitern (inkl. handgeschnitztem Eisball im Glas). Die 7x7 (=49!) verschiedenen Samurai-Cocktailrezepte werden im Laufe der Zeit auf den Webseiten von "Ueno Gourmet" veröffentlicht. Alle Infos zur Veranstaltungsreihe finden Sie hier.
Was gibt es zu berichten? - Nun, nach einem gelungenen Willkommensdrink mit Winzersekt und "Nanbu Bijin - Ume Rosé" (Sakelikör mit japanischer Pflaume) und der Begrüßung durch die Ueno-Müllers und den Herrn Generalkonsul sowie einer kurzen Erklärung zu Sake, Shochu und dem Ablauf und Sinn der 7-Samurai-Veranstaltungen stellte Klaus St. Rainer einige seiner Sake/Shochudrinks vor, die übrigens alle 7 bis Ende März vor Ort bestellbar sind. Besonders herausragend war für mich eine Smashadaption namens Ichigo Ichie mit Shiso statt Minze. Knackig.Doch es geht nicht nur um die Verwendung von Sake und Shochu an der Bar. Gemäß dem Motto "Shaker statt Schwert" öffnen die 7 Barchefs eine Welt neuer Geschmackserlebnisse, die neben den beiden Spirituosen auch besonders japanische Aromen in den Vordergrund stellt. Das klingt doch wirklich verlockend, zumal man nicht Gefahr laufen dürfte, wie in Herrn Tarantinos "Kill Bill" selbst zum Schwert greifen zu müssen.
Hier der Fahrplan der 7 Samurai:Klaus St. Rainer - Goldene Bar, München, bis Ende März
Thomas Röllig, 22nd lounge & bar, Frankfurt, 28.03.12, bis Ende April
Thomas Huhn, Bar Les Trois Rois, Basel, 11.05.12, bis Ende Mai
Hidetsugu Ueno, Bar High Five, Tokyo, 2.06.12, bis Ende Juni
Arnd Henning Heißen, The Curtain Club, Berlin, 5.9.12, bis Ende September
Enrico Wilhelm, Doc Cheng's Bar, Hamburg, 18.10.12, bis Ende November
Ewald Stromer, Capella Bar, Düsseldorf, 31.10.12, bis Ende November
Wer japanische Komponenten in/an der Bar bislang nicht oder nur stiefmütterlich betrachtet hat, hat zu den vorgenannten Terminen und den jeweiligen 7-Samurai-Angeboten ausreichend Gelegenheit seinen Horizont gen Ferner Osten zu erweitern (inkl. handgeschnitztem Eisball im Glas). Die 7x7 (=49!) verschiedenen Samurai-Cocktailrezepte werden im Laufe der Zeit auf den Webseiten von "Ueno Gourmet" veröffentlicht. Alle Infos zur Veranstaltungsreihe finden Sie hier.
Dienstag, 28. Februar 2012
Perrier-Jouët Champagner-Workshop
Die Münchner Szenegrößen Andreas Till und Klaus St. Rainer hatten - zusammen mit dem Champagnerhaus "Perrier-Jouët" - in die "Goldene Bar" zum Champagner-Workshop geladen. Wobei "Workshop" eigentlich das falsche Wort ist, da nur Andreas Till als Referent wirklich gearbeitet hat. Die rund 50 Teilnehmer waren aufmerksame Zuhörer, die die gebotenen Informationen (und nur die Informationen!) gierig aufsogen. Der Champagner - zum Ausschank kamen vier Abfüllungen - wurde geschwenkt, analysiert, geschlürft, geschnüffelt und ja - auch getrunken.
Bevor es aber an die Verkostung von "Grande Brut", "Blason Rosé", "Belle Epoque" und "Belle Epoque Rosé" ging, wurde nicht nur der Begriff Champagner und dessen Herstellung erläutert, sondern auch alle nötigen Fachtermini eingehend und detailliiert besprochen und in ein Gesamtbild eingefügt. Was sich hinter Terroir und Cuvée verbirgt, kann der interessierte Laie heutzutage spielerisch wiedergeben. Ich kenne mich jetzt auch mit Begriffen wie Échelles des Crus, Débourbage, Liqueur De Tirage oder Pupitres De Remuage etc. aus. Ha!

Trotzdem hatte ich noch ein paar Fragen an Andreas Till, der zusammen mit seinen Geschäftspartnern gleich drei einschlägige Hotspots in München betreibt. Ein längeres Interview hat kürzlich Philip Reim mit ihm geführt - das finden Sie hier.
whatadrink!: Andreas, du hast - denke ich zumindest - einen ziemlich guten Einblick in die Münchner Gastronomie. Welche Rolle spielt dort Champagner?
Andreas Till: Na ja, ich weiß nicht ob man einen guten Einblick in die Gastronomie haben kann, wenn man mit drei eigenen Bars/Restaurants beschäftigt ist, deshalb muss ich mich bei dieser Antwort mehr auf das Trinkverhalten meiner Gäste beziehen. Auffällig ist dabei der sich schon länger abzeichnende Trend zum qualitativ anspruchsvolleren Konsum. Die Bereitschaft, mehr Geld für adäquat mehr Qualität auszugeben, ist vorhanden und zeichnet sich auch beim Champagnerkonsum ab. Immer häufiger wird dabei nach der Champagnermarke gefragt, was zumindest für eine differenziertere Sichtweise der Thematik spricht - egal ob aus Marketing- oder Qualitätsgründen; dafür spricht auch die gesteigerte Nachfrage für Champagne Cocktails, wie Prince of Wales, Champagne Julep, etc.
wad: Für dich persönlich ist Champagner die "Königin" an der Bar. In welcher Position bzw. Verwendung siehst du Champagner in euren Bars?
AT: Dem Gast zu empfehlen, ein Glas Champagner oder Champagnercocktail zu trinken, wird heute nicht mehr unbedingt mit "Umsatzgeilheit" gleich gesetzt. In Verbindung mit einer gesteigerten Wertschätzung gegenüber dem Champagner und einem fundierterem Wissen darüber, ist der Umgang damit unbeschwerter und lässt sich somit auch beispielsweise als Essensbegleiter vermitteln. Dazu kommt noch, dass Champagner - wie eben auch Gin - bei der richtigen Wahl der Marke eigentlich immer geht!
wad: Hast du auch einen Lieblingschampagnercocktail und welche Abfüllung würdest du dafür verwenden?
AT: Seitdem wir bei uns "Perrier Jouët" (Grand Brut - frisch, aber elegant) offen ausschenken, habe ich meine Liebe zu Kir Royal (mit gutem Créme de Cassis) entdeckt. Ansonsten ist der Prince of Wales meine erste Wahl; da am liebsten mit "Pol Roger" Brut.
Der frische und fruchtige "Grand Brut" (ab 30 EUR/0,7l) kam an unserem Tisch gut an. Am komplexen "Blason Rosé" (ab 50 EUR/0,7l) mit leichtem Brotaroma, den ich mir auch gut - wie von Andreas Till vorgeschlagen - als Essensbegleiter vorstellen kann, schieden sich die Geister, die beim "Belle Epoque" (ab 100 EUR) wieder vereinigt waren. Das ist nun wirklich ein cremiger und nussiger, von Chardonnay geprägtes Prestigecuvée der allerbesten Art. Weniger zugänglich präsentierte sich im Tasting der "Belle Epoque Rosé" (ab 300 EUR/0,7l) - vielleicht tut dem aktuellen Jahrgang noch etwas Reife gut.
Die aktuellen Abfüllungen von "Perrier-Jouët" sind in Deutschland bei vielen (Online)Weinhändlern zu haben. Die Preisdifferenzen sind oft erstaunlich - Vergleichen lohnt sich hier besonders.
Und hier der Link zu einem weiteren Bericht bei bushcooks kitchen.
Bevor es aber an die Verkostung von "Grande Brut", "Blason Rosé", "Belle Epoque" und "Belle Epoque Rosé" ging, wurde nicht nur der Begriff Champagner und dessen Herstellung erläutert, sondern auch alle nötigen Fachtermini eingehend und detailliiert besprochen und in ein Gesamtbild eingefügt. Was sich hinter Terroir und Cuvée verbirgt, kann der interessierte Laie heutzutage spielerisch wiedergeben. Ich kenne mich jetzt auch mit Begriffen wie Échelles des Crus, Débourbage, Liqueur De Tirage oder Pupitres De Remuage etc. aus. Ha!
Trotzdem hatte ich noch ein paar Fragen an Andreas Till, der zusammen mit seinen Geschäftspartnern gleich drei einschlägige Hotspots in München betreibt. Ein längeres Interview hat kürzlich Philip Reim mit ihm geführt - das finden Sie hier.
whatadrink!: Andreas, du hast - denke ich zumindest - einen ziemlich guten Einblick in die Münchner Gastronomie. Welche Rolle spielt dort Champagner?
Andreas Till: Na ja, ich weiß nicht ob man einen guten Einblick in die Gastronomie haben kann, wenn man mit drei eigenen Bars/Restaurants beschäftigt ist, deshalb muss ich mich bei dieser Antwort mehr auf das Trinkverhalten meiner Gäste beziehen. Auffällig ist dabei der sich schon länger abzeichnende Trend zum qualitativ anspruchsvolleren Konsum. Die Bereitschaft, mehr Geld für adäquat mehr Qualität auszugeben, ist vorhanden und zeichnet sich auch beim Champagnerkonsum ab. Immer häufiger wird dabei nach der Champagnermarke gefragt, was zumindest für eine differenziertere Sichtweise der Thematik spricht - egal ob aus Marketing- oder Qualitätsgründen; dafür spricht auch die gesteigerte Nachfrage für Champagne Cocktails, wie Prince of Wales, Champagne Julep, etc.
wad: Für dich persönlich ist Champagner die "Königin" an der Bar. In welcher Position bzw. Verwendung siehst du Champagner in euren Bars?
AT: Dem Gast zu empfehlen, ein Glas Champagner oder Champagnercocktail zu trinken, wird heute nicht mehr unbedingt mit "Umsatzgeilheit" gleich gesetzt. In Verbindung mit einer gesteigerten Wertschätzung gegenüber dem Champagner und einem fundierterem Wissen darüber, ist der Umgang damit unbeschwerter und lässt sich somit auch beispielsweise als Essensbegleiter vermitteln. Dazu kommt noch, dass Champagner - wie eben auch Gin - bei der richtigen Wahl der Marke eigentlich immer geht!
wad: Hast du auch einen Lieblingschampagnercocktail und welche Abfüllung würdest du dafür verwenden?
AT: Seitdem wir bei uns "Perrier Jouët" (Grand Brut - frisch, aber elegant) offen ausschenken, habe ich meine Liebe zu Kir Royal (mit gutem Créme de Cassis) entdeckt. Ansonsten ist der Prince of Wales meine erste Wahl; da am liebsten mit "Pol Roger" Brut.
Der frische und fruchtige "Grand Brut" (ab 30 EUR/0,7l) kam an unserem Tisch gut an. Am komplexen "Blason Rosé" (ab 50 EUR/0,7l) mit leichtem Brotaroma, den ich mir auch gut - wie von Andreas Till vorgeschlagen - als Essensbegleiter vorstellen kann, schieden sich die Geister, die beim "Belle Epoque" (ab 100 EUR) wieder vereinigt waren. Das ist nun wirklich ein cremiger und nussiger, von Chardonnay geprägtes Prestigecuvée der allerbesten Art. Weniger zugänglich präsentierte sich im Tasting der "Belle Epoque Rosé" (ab 300 EUR/0,7l) - vielleicht tut dem aktuellen Jahrgang noch etwas Reife gut.
Die aktuellen Abfüllungen von "Perrier-Jouët" sind in Deutschland bei vielen (Online)Weinhändlern zu haben. Die Preisdifferenzen sind oft erstaunlich - Vergleichen lohnt sich hier besonders.
Und hier der Link zu einem weiteren Bericht bei bushcooks kitchen.
Donnerstag, 24. November 2011
Absinthe - Ist das Thema schon durch?
"Absinthe, I adore you, truly! It seems, when I drink you,
I inhale the young forest's soul,
During the beautiful green season"
(Blood Axis "Absinthe" 1995)
I inhale the young forest's soul,
During the beautiful green season"
(Blood Axis "Absinthe" 1995)
Ok. Absinthe (wird hier ab jetzt mit "e" geschrieben) ist zur Zeit vielleicht nicht DER Burner im Barbusiness, oder? Gut, es gibt einen Absinthe, der eigentlich keiner sein will (dann wohl auch ohne "e"). Aber das mag man in diesem Fall auch gerne akzeptieren. Aber sonst? Der "Mixologe des Jahres" und bekennender Absinthefan Klaus St. Rainer hatte gerufen und so war ich einigen Unverzagten zum Absintheseminar in die "Goldene Bar" gefolgt. Dort referierte Markus Lion von "Lion Spirits" höchstpersönlich über Geschichte (davon gibts genug), Herstellung (nicht uninteressant) und aktuelle Qualitäten (zum Teil überraschend) der grünen Fee. Nebenbei gab es allerlei eventuell mal nützliches Wissen zu Broilleurs, Fontaines und Fin De Siecle. Ich hatte irgendwie geahnt, dass es französisch werden würde.
Zur schweizerisch-französischen Herkunft brauche ich mich hier nicht abzuquälen, da gibt es schon eine Vielzahl informativer Texte. Wichtiger erscheint mir die generelle Unterteilung der marktgängigen Absinthe in ihre Herstellungsmethoden. Als da wären a) der Ölmix (synthetische Öle in Alkohol - pfui!), b) die Mazeration (unter Beigabe von zumeist künstlicher Farbstoffe - bäh!) und c) die Destillation (nun endlich - die Guten!). Marcus Lion hat in den letzten Jahren zusammen mit Oliver Matter eine ganze Reihe destillierter Absinthe auf den Markt gebracht. Neben den hochwertigen und vielfach ausgezeichneten Marken "Duplais" und "Brevans" hat v.a. der "Mansinthe" für Furore gesorgt. Dieser Einsteigerabsinthe ist keineswegs ein Marketinggag, sondern überraschte (sogar) mich mit seinem runden Charakter und trotzdem einer großen Zahl von unterschiedlichen Aromen. Brauchbar. Komplexer und wesentlich absinthiger kommen die schon erwähnten Premiumkandidaten unter die wasservertröpfelnde Fontaine (gibts auch bei Herrn Lion). Ihre Farbe haben diese Prunkstücke nach Rezepturen aus dem 19. Jahrhundert übrigens von besonderen Färbekräutern, die aber auch Geschmackskomponenten darstellen. Ich darf an dieser Stelle auf den "Nouvelle Vague" verweisen, der mir mit seinen Kaffee- und Kakaonoten äußerst positiv aufgefallen ist. Im Onlineshop werden sinnvoller Weise auch diverse 0,2l- und 0,05l-Abfüllungen angeboten, die zum Probieren einladen.Halluziniert hat meines Wissens (leider) keiner der Seminarteilnehmer nach dem Absinthegenuss und auch Ohren wurden nicht abgeschnitten (höchstens abgekaut). Ob sich neuerdings einer zu einem ähnlich großflächigen Marilyn Manson-Tattoo, wie es die oben abgebildete Dame mit sichtbarem Stolz trägt, hingezogen fühlt, blieb mir bisher verborgen.

Herr Lion hatte im Anschluß an das Seminar Zeit für ein kurzes Gespräch unter vier Augen...whatadrink: Markus, du hast in letzten Jahren nicht nur einige interessante Nischenprodukte in deinen Vertrieb aufgenommen, sondern sogar einiges davon mitentwickelt. Wie schaffst du es, am Puls der Cocktail- und Barwelt zu bleiben?
Markus Lion: Ich fühle mich sehr geschmeichelt (lacht). Der Punkt ist, dass ich schon immer ein Faible für kultige Sachen, wie z.B. französische Aperitifs wie "St. Raphaël" oder "Suze", hatte. Setzt man sich damit auseinander, so stellt man sehr schnell fest, dass es noch viel mehr in dieser Richtung gibt. Wenn man dann aktiv ein oder zwei Sachen mitentwickelt hat, so lernt man auch leicht Leute kennen, die noch andere Dinge kennen und einen so ein Stückchen weiter bringen. Ein alter Absinthefreund von mir aus den USA hat diesen Geschäftszweig mittlerweile aufgegeben und fungiert als Importeur unserer Abfüllungen für die USA. Mit seiner Firma ist er aber in die Herstellung von anderen Spirituosen wie einem Crème De Cacao und einem Crème De Violette eingestiegen. Zudem will er bald einen Single Barrel Ryewhiskey und ein Remake des "Abbott's Bitters" auf den Markt bringen. Wir stehen in engem Kontakt und pflegen auch unsere geschäftliche Zusammenarbeit. Diese Dinge bringe dann natürlich ich in Deutschland auf den Markt.
wad: Der "Gran Classico" wurde an vielen Stellen sehr positiv beschrieben. Es ist ein Bitter der gerne mit "Campari" verglichen wird.
ML: Ja, das ist auch ok. Der "Gran Classico" soll ja das darstellen, was "Campari" vielleicht vor 100 Jahren produziert hat. Wir wollen den Italienern da natürlich nichts wegnehmen, können das ja auch gar nicht. Und haben auch nicht Möglichkeiten das im Genauesten zu recherchieren. Wir können neben dem Industrieprodukt aber ein artisanales Produkt hinstellen und vielleicht ist die doch sehr aktive Barkeeperszene in Deutschland auf der Suche nach solchen handgemachten Produkten, die es eben nicht in jedem Supermarkt gibt.
wad: Mit diesen Produkten kann ich mich als Bar doch auch profilieren und dem Gast etwas besonders bieten.ML: Ich sehe das so: Ein Barkeeper ist eine Vertrauensperson. Dieses Vertrauen wird ihm entgegengebracht, weil er dem Gast ein positives Erlebnis vermittelt. Beim BCB haben wir übrigens keinen Stand belegt, da wir gesagt haben, dass wir lieber rumlaufen und uns mit den Leuten unterhalten, um so den einen oder anderen Trend aufzuspüren, als dass wir fix an einem Punkt stehen und gar mitkriegen, was um uns rum passiert. Das war die richtige Entscheidung.
wad: Nochmal zurück zu dem Punkt "Nischenprodukt und Industrieprodukt". Ich finde es schade, dass mancher Hersteller offenbar nur auf Zahlen und Bilanzen schaut und nicht fähig ist Abfüllungen nach historischer Rezeptur - Stichwort: "Kina Lillet" - auf den Markt zu bringen. Das kann doch als imagebildende Massnahme auch mit limitierten Auflagen o.ä. geschehen.
ML: Die Entscheider sind ja letztlich Kaufleute. Dass die nicht den Enthusiasmus eines kleinen Herstellers mitbringen, liegt auf der Hand. Ich weiß, dass wir vom Absinthe "Nouvelle Vague" im Jahr nur ein paar hundert Flaschen verkaufen. Aber ich würde den auch machen, wenn ich den überhaupt nicht verkaufen könnte, weil ich ihn geil finde.
wad: Du bist da natürlich unabhängiger und kannst auch reagieren, wenn doch Nachfrage entsteht. Bei "Mansinthe" habt ihr sicher auch klein angefangen?
ML: Äh, eigentlich nicht. Da haben wir richtig reingehauen, weil wir von Anfang an eine sehr große Nachfrage hatten. Für unsere Verhältnisse ist das quasi ein Massenprodukt. Aber trotzdem können wir mit gutem Gewissen sagen, dass der "Mansinthe" aus den gleichen Bestandteilen besteht wie alle anderen unserer Absinthe - nur eben mit einer leichteren Rezeptur. Da wir ihn so günstiger produzieren, können wir ihn auch günstiger anbieten. Der kommt überall gut an und ist von Kanada bis Neuseeland verfügbar.
wad: Meine ersten Absintheerfahrungen liegen schon etwas zurück. Diese gleich nach der Legalisierung auf den Markt geworfenen Absinthe hatten bunte Farben und schmeckten ziemlich schauderhaft. Nun bist du bei deinem Vortrag schon kurz auf die oftmals weniger gelungenen Supermarktabsinthe eingegangen. Wie bewertest du das derzeitige Image der Spirituose Absinthe?ML: Das Problem ist, dass es eben keine gesetzliche Kategorie namens Absinthe gibt, die einen gewissen Qualitätsstandard definiert. Aus diesem Grund gibt es Ramschprodukte. Und wer einmal negative Erfahrungen gemacht hat, ist nur schwer zurückzugewinnen. Das Fachpublikum ist da für Erörterungen zu den Unterschieden in der Herstellung etc. sehr aufgeschlossen. Aber Gin lässt sich sicher viel leichter verkaufen. Absinthe ist aber eben auch keine Billigspirituose, wenn er gut gemacht ist.
wad: Wie groß ist der Einfluss der Basisspirituose auf das Endprodukt?
ML: Die heute erhältlichen Neuralalkohole sind so neutral, dass sie keinen Einfluss haben. Wir verwenden sehr feinen Getreidealkohol von der Eidgenössischen Alkoholverwaltung, der zudem auch günstiger als Weinalkohol ist. Die Verwendung von letzterem würde sich im Vergleich zum Getreidedestillat vielleicht bei längerer Fasslagerung des Absinthes für 5 bis 6 Jahre z.B. bemerkbar machen.
wad: Woher bezieht ihr die anderen Ingredenzien?
ML: Unser Wermut kommt aus fünf verschiedenen Quellen. Ein Lieferant ist in Frankreich, zwei in der Schweiz, einer im mediterranen Raum und einer auf dem Balkan beheimatet. Die verschiedene Herkunft bringt verschiedene Charktere mit und damit spielen wir bei der Herstellung bzw. Entwicklung. Die Unterschiede sind enorm. In erster Linie beziehen wir aber unsere Botanicals von einem 5km entfernten Kräuterhof, der auf sehr hohem Niveau produziert.
wad: Historische Absintheflaschen werden für vierstellige Eurobeträge gehandelt. Gibt es bei Absinthe wirklich Freaks wie bei Wein oder Whisky?ML: Ja schon. Ich habe auch mehrere alte Flaschen zuhause. Als ich zum ersten Mal richtig alten Absinthe von ca. 1910 probieren konnte, war ich begeistert von der Intensität und Cremigkeit dieses absolut delikaten Stoffs. Der hohe Alkoholgehalt führt sozusagen zu einer Selbstkonservierung.
Abschließend sei noch auf die beiden 10"/CDs namens "Absinthe - La Folie Verte" und "Absinthia Taetra" aus den Jahren 2002 und 2004 hingewiesen, die im Rahmen einer Kollaboration der Neo Folk / Industrial-Formationen "Blood Axis" und "Les Joyaux De La Princesse" aufgenommen wurden. Genau der richtige Soundtrack für die grüne Fee...
Abonnieren
Posts (Atom)




























