Donnerstag, 20. September 2012
Cocktails - Ein Jahrbuch oder: Da hat sich jemand richtig Mühe gegeben...
Diese nützlichen Hinweise (und vieles mehr) beinhaltet auf rund 130 Seiten das neue Buch Cocktails - Ein Jahrbuch, das das "Süddeutsche Zeitung Magazin", welches zuletzt mit den Titelstories über Rammstein und Angela Merkel Wirbel verursacht hatte, gerade auf den Markt gebracht und gestern Abend offiziell in Münchens Goldene Bar vorgestellt hat. Nun habe ich schon öfter gesehen, dass besonders gelungene Inhalte von Magazinen und Zeitungen im Nachhinein zu einem Buch zusammengefasst in meiner kleinen Bibliothek gelandet sind. Allerdings stehen sie da noch immer "gebraucht, wie neu", um es im Amazonjargon auszudrücken. Dass das mit dieser kleinen Fibel genauso laufen könnte, ist allerdings ausgeschlossen. Denn man hat sich hier besondere Mühe gegeben.
Zu jeder Cocktailzutat wurde ein grafisches Icon entwickelt. Diese Bildchen werden für den jeweiligen Drink dann sozusagen übereinander gelegt und ergeben ein ganz spezielles, einzigartiges Ornament, welches wiederum zu einem Muster vervielfacht die Illustration zum Rezept ergibt. Aha. Nicht nur zum Mitdenken wird angeregt, sondern auch zum Mitgucken. Das nach außen hin zunächst unscheinbare Werk wird so zu einem der schönsten Cocktailbücher überhaupt.
Aber auch der redaktionelle Inhalt kann sich sehen lassen. Neben Rezepturen von Klaus St. Rainer, Stefan Gabányi, Ferdinand Lammerer, Mario Zils, Ago Perrone, Joanna Kent, Chris Doig, Roman Milostivy, Maximilian Hildebrandt und SZ-Chefkoch Hans Gerlach finden sich eine ganze handvoll Texte rund um das stilvolle Trinken u.a. von Lars Reichardt, Stefan Gabányi und Kerstin Greiner. Dem Schorle wird ebenso gehuldigt - gleich in 54 Variationen (!) - wie dem winterlichen Heißgetränk, diversen Sprizzneuauflagen oder dem kalten Kaffee. Ein kleines Charles Schumann-Interview durfte auch nicht fehlen.
Aber fragen wir doch die Protagonisten selbst. Zunächst stand mir "Stil leben"-Redakteurin Kerstin Greiner Rede und Antwort:
whatadrink: Frau Greiner, wer hatte die Idee zum Cocktailbuch des "SZ-Magazins"?
Kerstin Greiner: Wir haben über die Jahre viele Beiträge zu diesem Themenbereich gemacht. Das Material war also schon da. Die Idee entstand dann eigentlich in mehreren Redaktionssitzungen. Aber trotzdem ist es dann eine lange Zeit harter Arbeit bis Inhalt und Gestaltung zusammenpassen und wir in Druck gehen können. Da müssen gute Leute zusammenarbeiten bis man aufwändige Sachen wie z.B. den Ausklappteil in der Mitte des Buchs für die Schorlen realisieren kann. Und da gibt es dann auch mal Kämpfe. Bei den Schorlen hatten wir 100 wunderschöne Rezepte, aber die passten dann nicht alle rein, da man dann ja noch weiter hätte ausklappen müssen. Aber uns war es wichtig, dass wir das Beste zusammenfassen können, noch tolle Texte dazustellen und dass es grafisch so schön ist, dass man es gerne zuhause hat.
wad: Journalisten werden gerne in eine engere Beziehung zu Bars gebracht. Mit Klaus St. Rainer und Stefan Gabányi haben zwei Schumänner mittlerweile eigene angesehene Bars in München. Welche ist denn Ihre Lieblingsbar?
KG: Das kann eigentlich gar nicht so sagen, weil ich diese drei Bars schon sehr, sehr gerne mag und ich auch glücklich bin, dass alle drei so unterschiedlich sind, dass man sich nicht zwischen der einen oder anderen entscheiden muss. Es ist natürlich so, dass wir mit dem Schumann's eine sehr lange Tradition haben. Die "SZ" war ja früher mal sehr nahe dort beheimatet. Und wir haben die Genese des Personals natürlich auch mitbekommen. Zudem nutzen uns die Verbindungen, die gerade diese Barmänner haben. Als wir z.B. nach Sprizzalternativen suchten, war klar, dass uns da ein Italiener weiterhelfen könnte. Aber ich muss auch mal sagen, dass wir hier in München eine Barlandschaft und Barkultur haben, die Ihresgleichen sucht.
wad: Das stimmt. Und es gibt trotzdem immer wieder Neues und immer wieder Steigerungen.
KG: Ja, wir haben hier eine starke Konsistenz. Die Leute sind da, arbeiten hart und vor allem ist ihnen ihre Arbeit auch sehr wichtig. Mit dem Klaus haben wir z.B. eine Produktion über kalte Kaffees gemacht. Die Fotos dazu wurden in Amsterdam produziert. Uns ist die Optik bei solchen Dingen ja auch immer wichtig. Klaus ist dann mit nach Amsterdam, um die Fotoproduktion zu überwachen und um sicherzustellen, dass der Drink dann auch genauso so aussieht, wie er aussehen muss, und um dem Fotografen genau zu erklären, wo ein Tropfen sein muss und wie die Nuss gerieben werden muss. Da ist einfach großer Ehrgeiz und ein Verlangen nach Perfektion dahinter.
wad: Den Barkeepern wird - aus ihrem eigenen Lager übrigens - manchmal vorgeworfen, dass sie sich und ihren Mikrokosmos zu wichtig nehmen würden. Schaut man aber auf die Resonanz von außen - also das Feedback der Gäste - so kann man sehen, dass die das auch ernst nehmen. Ich übersetze den Begriff serious drinking daher gern mit ernsthaftes Trinken.
KG: Ja natürlich. Wir sehen aber auch alle Bereiche. Egal, ob wir Mode anschauen oder Reisen oder Essen. Wir nehmen das alles sehr ernst. Das ist vielleicht auch das Besondere am "SZ-Magazin", dass wir die Lifestylethemen genauso ernst behandeln wie Sport oder Politik.
wad: Zum Abschluss noch eine Frage. Das Buch wird ja nicht verschenkt. Wer soll es kaufen? Wer soll es zuhause haben?
KG: Ich denke, alle Menschen die Spaß an schönen Dingen haben, die gerne gut Essen, die gerne gut Trinken, die aber auch gerne etwas Schönes in der Hand halten und etwas Schönes anfassen, die Fotografie schätzen und die sagen: "Hey! Da haben sich Menschen richtig Mühe gegeben und zwar in jedem Bereich.". Das sind nicht nur Spezialisten, die hinter der Bar stehen oder vor der Bar sitzen. Viele Drinks da drin sind ja auch sehr einfach und man muss noch nicht mal Shakern können.
wad: Vielen Dank und viel Erfolg!
Frau Greiners letzter Satz macht mir Hoffnung. Ich denke, es war eine gute Anschaffung nicht nur für den Coffee Table, sondern auch für meine Hausbar. Den vielgelobten Klaus St. Rainer hab ich natürlich auch noch um ein paar Worte gebeten.
wad: Klaus, das brandneue Cocktails - Ein Jahrbuch hat mir schon beim ersten Durchblättern sehr gut gefallen. Wieviel Klaus St. Rainer steckt da insgesamt drin?
Klaus St. Rainer: Vom Input her waren es so grobgeschätzt vielleicht 70%. Aber es ist ja eine Art Zweitverwertung von bereits erschienen Artikeln des "SZ-Magazins", bei denen ich zum Teil eben schon mitgewirkt hatte. So ist mein Anteil relativ groß geworden. Aber es waren ja immer schöne Arbeiten an denen ich gerne teilgenommen habe. Der Bereich ist über die Jahre auch besser und professioneller geworden. Los ging es mit Sachen, bei denen man innerhalb von einer Woche entschieden hatte "So, das machen wir." und dann wurde schnell ein Fotoredakteur vorbeigeschickt und ich habe zweidrei Drinks hingezaubert. Beim letzten Projekt haben wir mit Qiu Yang, einem international bekannten Fotografen, in Amsterdam gearbeitet. So ist das gewachsen und ich denke, dass mein hartnäckiger Einfluss auch eine Rolle gespielt hat. Und das "SZ-Magazin" ist eben offen und kreativ genug, das aufzunehmen und sinnvoll umzusetzen und v.a. auch mal einem Bartender zuzuhören, was viele nicht machen. Einen Bartender spricht man an, greift ein Rezept ab, macht schnell ein Foto und das war es dann. Es steckt aber mehr dahinter. Um Köche und Kochrezepte wird viel Aufwand gemacht und da finde ich, sollten Bartender, Cocktailrezepte und Cocktailstrecken nicht schlechter dargestellt werden. Das "SZ-Magazin" hat das eben verstanden und super umgesetzt.
Die Idee der Grafikerin fand ich auch großartig. Aber nicht nur die Idee an sich, sondern dass alles bis zum Ende konsequent durchdacht wurde. Ich war da beratend mit dabei und es war nicht einfach mit der Auswahl der Aromen, wenn z.B. ein Drink eigentlich nur aus zwei Zutaten besteht. Am Ende sollte es ja ein Muster ergeben. Aber selbst da war die Designerin noch kreativ und hat z.B. aus Schmelzwasser noch ein Symbol gemacht. Die Drinks sind ja nicht schlechter, weil sie weniger Zutaten haben. Übrigens wurde die erste Auflage des Buches eingestampft, weil man mit der Bindung nicht zufrieden war. So etwas gefällt mir. Das ist Perfektionismus, wie ich ihn auch lebe und liebe und deshalb bin ich auch stolz und froh, dass das Buch so schön geworden ist und hier bei uns präsentiert wird.
wad: Mit Kerstin Greiner habe ich grade kurz erörtert, dass das "SZ-Magazin" Dinge wie Barkultur, Cocktailkunst und den Barkeeper sehr ernst nimmt, und das so ein bisschen im Widerspruch zu dem Vorwurf, dass sich die Barszene zu ernst und zu wichtig nehmen würde, steht.
KSR: Ich finde, da besteht ein großer Unterschied zwischen zu ernst und zu wichtig. Jeder Bartender sollte seinen Beruf ernst nehmen. Dann kann man auch stolz sein auf seine Arbeit. Das zu kann man dann weglassen. Ich finde es schön, wenn Bartender ihre Idee, ihr Konzept, ihr Team oder ihre Persönlichkeit repräsentieren. Nur die werden uns und unseren Beruf weiterbringen und so auch für unser Cocktailzeitalter verantwortlich zeichnen. Darum ist es auch nur wünschenswert, wenn viele Bartender sich und ihren Beruf ernst nehmen.
wad: Zwei Dinge sind mir beim ersten Schmökern aufgefallen. Zum einen wird sehr wenig über Technik geschrieben. Das setzt voraus, dass der Leser - sofern er nicht nur von der Optik gefangen ist - schon ein gewisses Niveau in Sachen Know-How mitbringt.
KSR: In gewisser Weise ja. Es ist in dem Buch so, dass bewusst auf den üblichen Vorspann mit den Fragen "Was brauche ich?", "Was ist ein Rührglas", usw. verzichtet wird. Das haben wir weggelassen, weil das nicht unbedingt sein muss. Wir haben dafür auf den letzten Seiten das ABC des Bartenders, das ich für das Buch neu verfasst habe. Das ist einer der wenigen Teile, der nur für das Buch produziert wurde. Das hat mir die Möglichkeit gegeben noch ein paar Sachen klarzustellen, die mir wichtig waren, auf Irrtümer oder Unrichtigkeiten hinzuweisen, die mir schon lange ein Anliegen sind, z.B. dass man nur grüne Oliven mit Stein verwendet usw. So konnten wir auf subtile Weise auch eine gewisse Education einfliessen lassen. Kreativität und die Befreiung von Dogmen rüberzubringen war mir dabei eben auch wichtig.
wad: Zum anderen war mir aufgefallen, dass aus der Quelle Rainer/Gabányi viele Rezepte mit Sake im Buch enthalten sind. Wie kam es dazu?
KSR: Das muss man auch rückblickend betrachten. Diese Rezepte stammen aus einem Magazinbeitrag, der produziert wurde, als wir beide noch im Schumann's gearbeitet haben. Damals haben wir die Idee von Williams mit der 3-Bottle-Bar neu interpretiert. Wir haben eben Sake, roten Vermouth und Gin genommen und daraus sechs oder acht Rezepte gemacht, die 2009 im "SZ-Magazin" veröffentlicht wurden. Die finden wir jetzt bei den Frühlings- bzw Frühsommerdrinks. Die Idee, die Rezepte im Buch nach den Jahreszeiten zu sortieren, ergab sich eben auch aus dem jeweiligen Veröffentlichungsdatum des Magazinbeitrags. Das muss man vielleicht ein bisschen dazu erklären.
wad: Darum heißt es ja auch Jahrbuch und nicht KSR's Best 101 Cocktails. Vielen Dank.
In diesem Sinne genehmige ich mir erstmal ein großes Glas bestes Öl aus der Mikroproduktion eines privaten münchnerisch-griechischen Olivenhains. Aber das ist schon wieder eine neue Geschichte...
Samstag, 17. Dezember 2011
Was zum Lesen...
"Liköre" - Franz Brandl, Südwest Verlag 2011, ISBN 978-3-3517-08743-6, 24,99 EUR:Dabei handelt es sich offensichtlich um die Neuauflage des Büchleins "Liköre der Welt" aus dem Jahr 2000. Wie dort wird jede Abfüllung, die es in diese Enzyklopädie geschafft hat, doppelseitig vorgestellt und auch ein passendes Cocktailrezept mitaufgeführt. Ich möchte Herrn Brandl nicht zu nahe treten, aber zum einen sind die Texte zum Teil mit denen aus der über 10 Jahre alten Ausgabe identisch (ja, das ist nicht verboten) und zum anderen wirken die Rezepturen (auch wenn es die jeweiligen Signatures sind) auf mich doch a bisserl einfallslos bzw. angestaubt (Shanghai Express: 2cl Kwai Feh, 2cl Peachtree, 10cl O-Saft). Aber was solls. Das Buch ist ein "Standardwerk" (Südwest Verlag) und, falls man grad seinen kleinen Barmeister bei der VHS macht, als Warenkundeverzeichnis durchaus brauchbar, auch wenn das eine oder andere Detail heute offiziell anders dargestellt wird (Zitat Brandl: "...der Amaretto, ein Mandellikör,..."). Verzichtbar.
"Cocktails - Die besten Drinks der legendären Apotheke Bar in New York" - Albert Trummer & Markus Metka, Christian Brandstätter Verlag, ISBN 978-3-85033-389-4, 25 EUR:
Ein ähnlich hoher Eurobetrag wird für das nächste Buch aufgerufen und ich finde, es ist diesen Preis auch Wert. Der Österreicher Albert Trummer, Inhaber der 2008 eröffneten "Apotheke Bar", hat zusammen mit seinem Landsmann, dem renommierten Anti-Aging-Mediziner Prof. Dr. med. Markus Metka, ein Werk geschaffen, das den Geist mittelalterlicher Klosterlaboratorien und die Praktiken aus den Frühzeiten der Mixologie - angereichert mit etwas moderneren Erkenntnissen - zu einem spannenden Sammelsurium an Rezepten verwebt. Wenn man auch verschwenderisch mit dem Platzangebot des 26x20cm großen Formats umgeht, so finden sich doch hochinteressante Details über die gesundheitsfördernden Eigenschaften z.B. des Mezcals (kam mir schon immer so vor) oder genaue Auflistungen aller Zutaten von Trummers selbstentwickelten Extrakten inkl. Zubereitungsart. Dieses Buch macht Spaß und geizt nun wirklich nicht mit außergewöhnlichen Anregungen, auch wenn nicht jeder Trunk in meiner Hausbar nachgekocht werden wird.
"The PDT Cocktail Book" - Jim Meehan, Sterling Publishing, ISBN 978-1-4027-7923-7, 17,95-19,95 EUR:
"The Complete Bartender's Guide From The Celebrated Speakeasy" ist (Stand: 17.12.2011) ziemlich ausverkauft in Deutschland. Wer sich beim BCB sein persönliches Exemplar schon gesichert hat, hat jetzt eines der schönsten Cocktailbücher der letzten Jahre in Händen. Die Aufmachung und die Illustrationen von Chris Gall empfinde ich als stilvoll, absolut passend und letztere v.a. in genau dem richtigen Mengenverhältnis eingebunden. Ansonsten hat man sich mit der Anschaffung ein Stück Cocktailgeschichte mit vielen klassischen Rezepten aus dem 19. und 20. Jahrhundert (inkl. Angaben zu den historischen Quellen) und natürlich den aktuellen Drinks des neuen Jahrtausends nach Hause geholt. Dabei wird gar nicht allzu sehr auf das "PDT" selbst abgestellt. Mir kommt die Auswahl als eine wohlsortierte Bestandsaufnahme der Ostküsten-Cocktailszene, soweit ich davon überhaupt ein Bild habe (?), plus den Rezepturen des Maestro Meehan vor. Know-How zum Betrieb einer Bar und Hot Dog-Rezepte gehören natürlich auch dazu. Man sollte nicht darauf verzichten.
"Bitters - A Spirited History Of A Classic Cure-All With Cocktails, Recipes & Formulas" - Brad Thomas Parsons, Ten Speed Press, ISBN 978-1-58008-359-1, 17,95 EUR (eBook 9,99 EUR):
Wenn man nicht grade Herr Hauck oder Herr Berg ist, sich über die Verwendung von kleinen Fläschchen, die meist auf einer Bar stationiert sind, nicht wundert und schonmal von einem Dr. Siegert gehört hat, sollte man - nein, muss man - dieses Werk sein eigen nennen. Um es kurz zu machen: Hier steckt all about cocktail bitters drin und es ist ein echtes Vergnügen dieses Buch mit all seinen Informationen, Anregungen und Rezepturen zu Bitters, Sirups, Tinkturen und Drinks von vorne bis hinten und von hinten nach vorne durchzuschmökern. Schade, dass es nur 230 Seiten hat. Die Qualität die Mr. Parsons an den Tag legt, möchte ich knapp unter David Wondrichs großartige Werke "Imbibe" und "Punch" einsortieren, wenn nicht sogar auf gleicher Höhe. whatabook!
Mittwoch, 7. Dezember 2011
Rumlesen
"Rum" - Dave Broom, Christian Verlag, 2003/04, ISBN 3-88472-618-8Der großformatigste Rumratgeber ist auch in englischer Originalausgabe und sogar in spanischer Sprache erhältlich. Der exzellente Fachmann Broom geht nach einem detailreichen Wissensteil sämtliche rumproduzierenden Länder und Regionen ab und bietet dann noch über 30 Seiten mit Tastingnotes und weiteren Fakten zu den Destillerien und deren Abfüllungen. Alles in allem sehr ausgewogen, super Bildmaterial und sogar einige kuriose Rezepturen ("Einen glühenden Schürkaken in die Mischung stecken."). Einziges Manko: Da das Buch 2003 erschienen ist, sind einige der beschriebenen (und hoch bewerteten) Rums, insbesondere die limitierten Releases der unabhängigen, schottischen Abfüller, nicht mehr oder nicht mehr in dieser Form erhältlich. Trotzdem ein Must-have.
"Das Rum-Buch" - Edward Hamilton, Lichtenberg Verlag, 1997/98, ISBN 3-7852-8432-2
Der Rumliebhaber Edward Hamilton bereiste Mitte der 90er Jahre mit seiner Schaluppe "Tafia" die Karibik und verfasste hauptsächlich auf Basis seiner so gewonnenen Erkenntnisse einen echten Klassiker, der sich im Original "The Complete Guide To Rum" nennt. Auch hier werden alle Informationen über Ausgangsmaterial, Herstellungsvorgänge und sonstige Besonderheiten der Klassifikation umfassend dargelegt. Der Schwerpunkt liegt, sieht man sich die Beschreibungen der einzelnen Produktionsländer und der Destillerien genauer an, jedoch bei den karibischen Inseln und den Rums von Guadeloupe und Martinique - Stichwort: Rhum Agricole. Wer sich für diese Sparte interessiert, kommt ohne Hamiltons Beschreibungen nicht aus, die u.a. auch exakte Wegbschreibungen zu den Brennereien beinhalten. Die wenigen Abbildungen beschränken sich leider nur auf Flaschenlabels. Da viele der erwähnten Abfüllungen sowieso nur direkt in der Destillerie erhältlich waren, ist die mangelnde Erhältlichkeit in Europa rund 15 Jahre später zu vernachlässigen. Insgesamt ein schön zu lesender Reisebericht durch die Welt des Rums mit unendlich vielen vor Ort gesammelten Fakten. Leider im Onlinehandel etwas teuer geworden, aber vielleicht gibt es in der Zukunft Neues von Mr. Hamilton.
"and a BOTTLE of RUM" - Wayne Curtis, Three Rivers Press, 2006, ISBN 978-0-307-33862-4
Nur im amerikanischen Original, aber dafür im günstigen Paperback, ist Wayne Curtis großartige Geschichte des Rums erhältlich. Auf fast 300 Seiten erzählt der Author alles Wissenwerte über die wechselhafte Geschichte des Rums, der großen Rumdrinks und der Menschen, die Rum ganz nach oben und (mehrmals) auch ganz nach unten gebracht haben. Dieses kurzweilige Werk ist zudem absolut auf der Höhe der cocktailhistorischen Wissenschaft und kann in einem Zug mit David Wondrichs "Imbibe" genannt werden.
"Premium Rum" - Andreas Schwarz, Walter Hädecke Verlag, 2011, ISBN 978-3-7750-0559-3
"Eine Auswahl der besten Rums der Welt" bietet Andreas Schwarz, Rumgeniesser aus Norddeutschland, dem geneigten Leser. Knapp 40 Seiten gebündelte Information zur Geschichte von Zucker und Rum und zur Herstellung desselben, dann gehts an rund 150 Abfüllungen, die beschrieben und bewertet werden - allerdings nicht nur vom Author, sondern gleich von einem ganzen Gremium, dem "Preetzer Table Of Rum". So wundert es nicht, dass die Übersicht bestens ausgewogen und durchweg kompetent gelungen ist.
Aber lassen wir Herrn Schwarz selbst zu Wort kommen: "Mein Anliegen war es, ein Buch zu schreiben, dass sowohl Einsteiger wie auch Kenner für den Rum begeistern soll, dabei aber die einzelnen Rums auch durchaus kritisch zu betrachten weiß. Oberstes Gebot war die Wahrung der Übersichtlichkeit und der Nutzen als Ratgeber im Alltag. Meine Philosophie besteht darin, dass jeder seine eigenen Erfahrungen mit dem jeweiligen Destillat machen soll, ohne eine festgelegte Meinung vorgelegt zu bekommen. Deshalb wird es bei mir keine bis ins kleinste Detail gehenden Beschreibungen der Aromen geben, sondern die Aufforderung, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen." - Was soll ich sagen? Dieses hohe Ziel wurde meines Erachtens erreicht, auch wenn ich dem einen oder anderen Probanden gerne ein Fässchen mehr in der Bewertung zugestanden hätte. Aber das ist Geschmackssache. Fazit: Ein aktueller Ratgeber ohne Schnickschnack, der dem Connaisseur ein wertvoller Ratgeber sein sollte.
"Cocktailian - Rum & Cachaça" - Helmut Adam, Jens Hasenbein & Bastian Heuser, Tre Torri Verlag, 2011, ISBN 978-3-941641-46-4
Der zweite Band der 2010 gestarteten "Cocktailian"-Reihe (hoffentlich folgen noch viele) stellt Rum, Rhum und Cachaça in den Mittelpunkt der modernen Mixologie. Die Autoren, bekannt durch ihre Mitarbeit beim Fachmagazin "Mixology", schaffen eine gelungene Momentaufnahme nach dem Motto "Was ist Rum 2011?". Know-How zur Spirituose selbst, angereichert durch Praxiswissen zur Cocktailherstellung, ein Haufen klassischer und progressiver Rezepturen, Beschreibungen der maßgeblichen Hersteller/Destillerien und eine ganze Handvoll Gastbeiträge internationaler Fachleute ergeben ein ausgewogenes und rundes Bild und animieren geradezu zur Einnahme eines Rummixgetränks. Wie ist man bisher ohne dieses schöne Büchlein ausgekommen?
Nicht unter den Tisch kehren möchte ich zwei Veröffentlichungen des Authorenduos Anistatia Miller & Jared Brown, die - zum Teil unter Mithilfe anderer Mitschreiber - die Themen kubanischer Rum und Cachaça näher beleuchten. "Cuba - The Legend Of Rum" und "The Soul Of Brasil" sind lohenswerte und fachlich einwandfreie Anschaffungen, wenn man sich bewusst macht, dass beide sozusagen Auftragswerke der Hersteller "Havana Club" bzw. "Sagatiba" sind.
Mittwoch, 2. November 2011
Disaronno Mixing Star @ Rome Film Festival
have some of the best days in our lives..."
(Philip Boa & The Voodooclub, 2000)
Gut. Es hat überhaupt nicht geregnet in Rom. Und für den gemeinen Germanen war die Großwetterlage über der italienischen Kapitale unzweifelhaft als sommerlich (!) zu bezeichnen. Trotzdem oder gerade deswegen herrscht an diesem trüb-nebligen Wochenanfang bei mir so etwas wie Ernüchterung. Die Eindrücke sind aber noch ganz frisch: Hotel De Russie und Silvio Soldini, Disaronno und Red Carpet Walk, Mixing Star und Maroni, Jerry Thomas und Movie Casting, Cat Walk und Colosseum, Dom Costa und Dolce Vita, Gallone und Glamour,... Aber der Reihe nach.

(Hotel De Russie)
Zum offiziellen Abschluss der ersten Ausgabe des "Disaronno Mixing Star" - Cocktailwettbewerbs, der bereits in 2010 gestartet worden war und an dem sich insgesamt 650 Bartender beteiligt hatten, hatte ILLVA Saronno, Hersteller des weltweit bekanntesten italienischen Likörs, die Finalisten des "Mixing Star" zum "Rome International Film Festival", genauer in die dortige Contemporary Terrace eingeladen. In der ewigen Stadt ging es zunächst auf den Spuren von Fellinis "La Dolce Vita" durch drei Bars, von denen das "Hotel De Russie" mit seinem grandiosen Innenhof und einer Freiluftbar den besten Auftritt hinbekam. Der fachlicher Leiter der Reisegruppe war Domenico Costanza aka Dom Costa, der neben seinen Meriten als internationaler Bartender für sein Knowhow bezüglich italienischer Klassiker wie Negronis, Americanos und Torino-Milanos bekannt ist.
(Dom Costa)
Dom Costa stellte dann zusammen mit ILLVA-General Manager Stefano Battioni das 140seitige Mixbuch "The Mixing Star Hall Of Fame" offiziell vor, das alle Rezepturen des Wettbewerbs enthält und mit zahlreichen Fotos illustriert ist. Meines Erachtens ist dies eine ergiebige Ideensammlung, die auch durchaus überraschende Variationen zum Thema enthält und irgendwie auch ein Abbild der globalen Mixkultur wiedergibt. Damit wurde aber zugleich auch der Startschuss für den "Mixing Star" 2012 gegeben, der neben den bisherigen Ländern USA, Italien, UK, Deutschland, Russland, Griechenland, Belgien und Niederlande auch nach Australien, Mexico, Japan, Spanien, Kanada und die Karibik kommt.
Nach kulinarischen Leckereien in der "Disaronno"-Lounge ging es über den roten Teppich des Filmfestivals zur Premiere von Pippo Mezzapesas neuestem Werk "Il Paese Delle Spose Infelici". Tag 2 wurde dann zum Großteil von einem besonderen Programmpunkt eingenommen: Die Bartender wurden für eine Rolle in Silvio Soldinis "Il Comandante E La Cicogna" gecastet. Dafür hatte sich der Regisseur einen ganzen Tag reserviert, obwohl der Beginn der Dreharbeiten kurz bevorsteht. Gleichzeitig lief ein kleiner Mixcontest unter dem Titel "The Extreme Mixology Cocktail Rush", der den Teilnehmern in nur zwei Minuten einen improvisierten Cocktail abverlangte. Den Abschluss bildete ein Diner mit anschließender Party, wo Francesca Raviola zur Siegerin des "Cocktail Rush" gekürt wurde. Deutschlands Vertreter Michael Heimberg hielt die Fahne hoch und wurde Dritter.
Ich hatte die Gelegenheit ein paar Stimmen einzufangen. Zunächst konnte ich Bogdan Petrov aus St. Petersburg befragen, der für eine russische Restaurantkette im Bereich Beratung und Ausbildung arbeitet.whatadrink: Bei uns kommen von Zeit zu Zeit Informationen und Gerüchte über die osteuropäische und russische Barkultur an. Eine Sache, die mir öfters zu Ohren gekommen ist, war, dass der Geschmack dort generell etwas süßer als z.B. in England wäre und sich folglich süßere Drinks und Liköre besser verkaufen ließen. Stimmt das?
Bogdan Petrov: Naja. Wir leben nunmal in nördlicheren Gefilden und da ist die Nachfrage - schon allein wegen der Außentemperaturen - nach stärkeren Getränken mit viel Eigengeschmack groß. In den Sommermonaten spielen auch leichtere Drinks eine Rolle, aber im Großen und Ganzen geht es in Russland um starke Flavours. "Jägermeister" ist z.B. ein Produkt, das immer mehr nachgefragt wird. Ansonsten geht es, wie überall sonst auch, um Sweet & Sour und Trends wie Gewürze.
wad: Welche Spirituosen spielen bei Ihnen die Hauptrolle?
(Bogdan Petrov)Dann standen mir noch der Europazweite und "Chartreuse" UK Brand Ambassador Matthew Dakers und Adrian Gomes Rede und Antwort.
wad: Sie kommen beide aus London?
Adrian Gomes: Nein nein. Ich arbeite in Aberdeen, Schottland, für LPNY, 10dollarshake und TheCorpseAnd Cocktail.
Matthew Dakers: Ich arbeite in London im Ginpalace "Worship Street Whistling Shop" (Menu).
wad: Sie beide waren beim "Mixing Star" dabei. Was ist der wichtigste Geschmack im Profil des "Disaronno", wenn es um Cocktails geht?
MD: Mandeln.
AG: Ja, Mandeln. Ich meine, "Disaronno" hat ein rundes Geschmacksprofil mit mehreren Nuancen. Aber es geht um das Mandelaroma.
MD: Es erinnert mich an meine Kindheit und an einen Kuchen mit Marzipan, den meine Großmutter gebacken hat. Ich liebe das.
wad: Mit welchen Spirituosen kombinieren Sie "Disaronno" in Ihren Bars?
MD: Das ist eine schwierige Frage, denn es ist schließlich ein süßer Likör mit relativ geringem Alkoholgehalt. Es kommt auf den Gast und den gewünschten Cocktailtyp an. Im Wettbewerb hatte ich einen Cocktail mit 75,5%igem Rum (Rezept s.u.). "Disaronno" passt aber natürlich zu jeder relativ neutralen Spirituose, wie z.B. Vodka - aber auch zu Gin. Rum passt aber verdammt gut.
AG: Ich hatte Kirsch benutzt (Rezept s.u.). Das trockene Eau-De-Vie ist mit seiner Stärke sehr gut zum Ausbalancieren der Süße geeignet. Gleiches gilt natürlich für Zitronensaft und Marascino. Es ist schwierig einen richtig guten Drink zu bauen, wenn die Hauptzutat ein Likör ist. "Disaronno" ist aber sehr flexibel und funktioniert hervorragend mit aged spirits, das hat nicht jeder Likör so gut drauf. Mit Vodka hingegen ist das ja leicht.
Dopo Cena (Adrian Gomes)
3cl Disaronno
3cl DeKuyper Kirsch
2cl Zitronensaft (frisch gepresst)
1cl Luxardo Maraschino
0,5cl Zuckersirup
shake & strain in Cocktailschale, Deko: frische Kirsche mit Stil
From Disaronno Till Dawn (Matthew Dakers)
5cl Disaronno
1,5cl Goslings 151
1,5cl Chianti
Chocolate bitters
stir & strain in Martini, Deko: Orangenzeste und Maraschinokirsche
Amaroni (Michael Heimberg)
2cl Disaronno
4cl Gin
1cl sherry
2cl Aperol
1cl Tondo Crema Di Balsamico
5 frische Basilikum Blätter
1d TBT Grapefruit Bitters
stir & strain in OF, Deko: Orangentwist, Basilikumblatt
YouTube-Kanal des "Mixing Star"













