Mittwoch, 19. Juli 2017

Schnaps vom Freimeisterkollektiv

"The room was humming harder
As the ceiling flew away
When we called out for another drink
The waiter brought a tray"

(aus "A Whiter Shade Of Pale" von Procol Harum)

Bekommen Sie von Repräsentanten der Spirituosenindustrie Gratispröbchen ihrer neuesten Produkte zugesandt? Ja? Sie sind zu bedauern, denn letztlich bekommen Sie ja nie das, was Sie wirklich wollen, oder? Ich habe inzwischen alle PR-Mitteilungen-Zu- und Warenmuster-Versender aus meinem Eingangskorb vergrault - durch Ignoranz (und den öffentlichen Verkauf der unangefordert zugesandten Artikel). Ha!

Zu 100% unvoreingenommen nähere ich mich so den vier Neuzugängen in meinem Spirituosenkabinett. Sie stammen alle vom Freimeisterkollektiv - einem äh "Zusammenschluss von Individualisten – eine Verbindung unabhängiger Kleinbrenner und führender Bartender" aus Deutschland, Österreich und Berlin. Packaging im Minimalstil wie bei der Elements-Serie. Ach so, ja egal. Mich interessiert nicht das Konzept, sondern der Stoff. Darum legen wir los mit...

Rum, Erdbeere (41,4%, 0,5l, 24 EUR) In der Nase frisch eingekochte Kulturerdbeeren bzw. noch warmer Erdbeersaft. Dann im Mund klar Rum, Zuckerrohr, kein Vanillescheiß, sondern dezente Erdbeere. Wurde hier ein Rhum Agricole weiter verarbeitet? Na, wer feine Erdbeerbrände/geiste kennt, sagt laut Yes! Ist dann alles drunten, bleibt die Erdbeere im Mund stehen - oder liegen. Yammy.
Curaçao (40%, 0,5l, 24 EUR) Orange Curaçao, da war doch mal was? Ich zerre mit dem Dry Curaçao von Ferrand (40%), dem Premium Triple Sec von Giffard (40%) und dem Low-Budget Orange Curaçao von Marie Brizard (30%) gleich drei Vergleichslikörchen aus dem Schrank. Der Freimeister verströmt zunächst einen herrlichen Citrusduft, frisch abgezogene Orangen- und Zitronenzesten. Dann gehts genauso weiter und der Zucker gibt ein tolles Mundgefühl dazu. Langer Abgang! Keine störende oder unangenehme Nuance. Der trockene Ferrand auf Cognac/Brandy-Basis ist dagegen fast pappig. Der Giffard ist noch süßer und verleugnet schon fast die Orange und der Brizard ist ein billiges Orangenbonbon und ein Fall für den Ausguss. Ein Hinweis an die Meister: Blau muss er sein der Curaçao!

Amaro (28%, 0,5l, 18 EUR) Auch der meisterliche Amaro wird in ein Vergleichsfeld geschickt. Aber zuerst zum Freimeister: Der kommt in der Nase leicht daher. Chinarinde? Wermut? Dann am Gaumen: Oh geil! Frische Citrusschalen (schon wieder) und harmonische Wurzeln (Hä?). Auch eine Spur Nelke. Ein Topaperitif! Dagegen ist der Nonino Amaro Quintesstia Di Erbe Alpine (35%) süßer und würziger und eintöniger. Ok eben. Der Amaro Mandragola von Riserva Carlos Alberto (45%) ist furchteinflößend colafarben und auf der Zunge bitter mit Minze (Menta) und Melisse (Melissa) und eben Bitterorange. Fazit: Irgendwie stehen Freimeister und Alberto am Anfang und Ende der Skala. Und den Nonino? Gut, den schütt ich trotzdem nicht weg. 
Kaffeelikör (20%, 0,5l, 17 EUR) Nach Albertos kraftmeiernder Amarobombe jetzt also noch ein Kaffeelikör. Brauchts das wirklich? Duft nach gesüßtem Kaffee mit einem Tropfen Sirup (Kirsch oder irgendwas Beeriges). Im Mund Coldbrew, sugared, ein Touch Alkohol, der prima die Fruchtaromen des Kaffees transportiert. Der Curaçao mit kräftigen 40% (für einen Likör) und wenig Zucker - hier genau umgekehrt. Works!

Mein Fazit also: Der Einkauf bei den Maestros hat sich gelohnt. Vier starke Auftritte zu halbwegs vernünftigen Preisen. Wenn die Profis am Brett das Zeug nicht brauchen können, sollte zumindest die gehobene Hausbar zuschlagen.

Dienstag, 16. Mai 2017

Zuckerrüben-Rum und Kirsch aus dem Holzfass

"Look he’s a showboat, he’s a grandstander,” Trump said. “You know that, I know that. Everybody knows that." (Donald Trump)

Ein eigener Blog ist großartig. Du kannst schreiben, was du willst. Und vor allem auch wieviel du über welches Thema tippst und wann du das dann an die Öffentlichkeit bringst, ist dir überlassen. Keine Deadline, kein Rumgestreiche irgendeines Fuzzis in deinem Text. Und eine Story kann man auch mal zwei Jahre vor sich herschieben.

Nicht ganz so lang hat es gedauert, um zur Abwechslung mal über Zuckerrübenbrände zu berichten. Yes, das ist sozusagen der letzte Schrei der deutschsprachigen Obstbrenner. Zuerst haben sie Whisky - tschuldigung Single Malt - neu erfunden, dann warf jeder seinen Gin auf den Markt und nun gehts in breiter Front an Rum. Das soll ja das ganz große Ding sein (wad! berichtete bereits). Ganz innovative Vertreter verzichten auf den Ankauf von Zuckerrohrmelasse und geben sich dem regionalen Grundstoff, der Zuckerrübe bzw. der Zuckerrübenmelasse hin.

"Braucht's das?" sollte der geplagte Leser an dieser Stelle fragen und ich sage: "Ja". Zwei Exponate stehen zur ausgiebigen Verkostung auf dem Tisch. Zum einen der RUMour Of Switzerland namens The Last Barrel. Witzigerweise habe ich eine Flasche der ersten Single Cask-Abfüllung mit Nummer 1 davon ergattert - sozusagen The First Barrel (56%, 0,7l ca. 150 Sfr.). Aber genug der Wortklauberei. In der Schweiz wurden die gängigeren Varianten White, Gold (je 42%) und Strong White (60%) schon kräftig in Barkreisen beworben (0,7l je 60-70 SFr). Mir fiel ein Flascherl von Barrel No. 1 im Zürcher Ladengeschäft von Glenfahrn in meine zittrigen Hände, wo sich der kompetente Verkäufer gleich noch die letzte dort erhältliche Flasche mit den (sinngemäßen) Worten "Der erste Schweizer Rum!" unter den Nagel riss. Guter Mann. Und guter Stoff! Der Alpenrum geht ab, hat Biss und Körper und - für ein recht jugendliches Premium Zuckerrübendestillat  auch eine schöne Länge. Ein klein wenig Wasser und noch mehr Luft verbessern das Sipping-Erlebnis maßgeblich. Stichworte: trockene Eiche, leichte Süße, herbe Zitrusschalen. Dass das Singlecask im Gegensatz zu den Standards ohne Zuckerung auskommt, darf ich lobend hervorheben. Mehr davon, bitte!
 
Weniger loben muss ich die Homepage, die außer einer fraglichen Story beginnend in 1773 mit einem Seefahrer (!) über Napoleon (!) bis zu einem Herrn Fässler, dem "wahrscheinlich" ersten Produzenten des geheimen Rezepts (das just 2014 in einem antiken Keller wiederentdeckt worden ist). Leider ist der schon 1841 verstorben. Infos zum heutigen Produzenten etc. finden sich nicht. Eine Emailanfrage an Glenfahrnboss Messmer blieb unbeantwortet. Das alles erinnert an die Anfangszeit von Monkey 47. Naja, dann wird der Erfolg wohl auch ein durchschlagender sein... What a drink! oder Uf wiederluege!

Aus der Schweiz hüpfen wir nach Österreich. Genauer nach Niederösterreich. In Göttlesbrunn nicht weit von der Donau und der Römerstadt Carnuntum betreiben Grete und Birgit Wiederstein eine "Weiberwirtschaft" und produzieren Weine und Destillate. Besonders interessant erschien mir ein Old Stone genanntes Destillat aus Zuckerrübenmelasse (43% (früher 46%), 0,5l ca. 45 EUR). Zitat Frau Wiederstein: "Ein Produkt mit Erdung und heimischer Verwurzelung". Äh ja, so schmeckt das blasse Ding dann auch. Die Nase ist unerwartet intensiv mit einem süßen Touch wie ein schottischer New Make (ohne dass ich jetzt Hunderte davon probiert hätte). Im Mund - nunja - würde ich auf Rübe tippen. Erdig ist der Brand und jugendliche Holzaromen lassen sich ebensowenig verleugnen wie ein Eindruck von einem Obstler. Insgesamt nicht unangenehm, aber eher Medizin als Rum. Auch hier tut etwas Sauerstoff gut. Irgendwie könnte der auch aus vergorenen Rüben - statt aus Melasse - sein. Die Infos auf der Homepage geben hier etwas mehr Auskunft - z.B. findet die Fassreifung auf einer Zille auf der Donau statt. Aha. Eine Turboreifung wie in den USA scheint das aber nicht zu sein - eher ein Gegenentwurf. Das Packaging hat sich offenbar auch geändert. Die schwarze Flasche mit dem Wachsklecks finde ich sehr gelungen.

Da mich der alte Stein nicht gepackt hat und mich Gin Gini nicht die Bohne interessiert, wollte ich statt einem Interview mit der Brandstifterin (ja, heut ist Tag der Wortspiele) die Obstbrände von den Wiedersteins nicht unversucht lassen. Marille (40%) und Rote Williamsbirne (41%) habe ich mir ausgesucht, aber leider haben mich beide nicht vom Hocker gerissen. Ja, saubere, klare Brände. Filigran und reinsortig. Aber auch kurz und leicht. A bisserl dünn. Schade, dass es keine Abfüllungen mit über 43% Vol. gibt (0,2l ca. 20 EUR).
Zum Schluss gibt es aber noch was Rustikales für den abgestumpften Gaumen des Testers: Einen 9jährigen deutschen Kirschbrand von einem belgischen Abfüller in Fassstärke! Bingo.
Das Brett kommt mit 51,9% Vol. (0,7l für 85 EUR) von Beacon Spirits und nennt sich Single Cask Cherry Spirit. Auf Nachfrage konnte mir Patrick Proth aber nur mitteilen, dass er den Stoff von seinem Importeur gekauft hat, der das Fass schon länger im Warehouse hatte. "Kersenthee op steroïden" überschrieb Mark Dermul 2016 sein Review und das kommt ziemlich hin. Großartige Kirscharomen vor trockener Eichenkulisse. Keine Vanille, keine Kokosnuss oder sonstwas störendes. Ölig und von sehr guter Länge. So geht Obstbrand, Freunde der Brennblase! Whatadrink!

Samstag, 11. März 2017

What to do with Vermouth? oder: We don't tell bullshit

Stimmt. Zu Vermouth, Aperitifdrinks undsoweiter habe ich mich hier schon umfassend ausgelassen. Auch die Marke Giulio Cocchi wurde schon ins rechte Licht gerückt. Aber ein schöner Nachmittag im mit altgedienten und jungen Barleuten pickepacke voll besetzten Les Fleurs Du Mal unter dem Motto "What to do with Vermouth?" ist mir Anlass genug, auf die eine oder andere Nuance des Themas hinzuweisen.


Roberto Bava, Kopf und Gesicht von Cocchi ging mit den aufmerksamen Gästen zuerst mal einen feinen Teller durch, auf dem wir uns von milden Pinienkernen, über Pistazien und Mandeln zu knackigen Piemonteser Haselnüssen, herzhaften Walnüssen und letztlich Schokoladenkreationen wie Nougat, mit Kuvertüre überzogene Zitronen und Orangenstreifen und letztlich den sehr geilen gediegenen Cocchi-Pralines sowie Parmesan in zwei verschiedenen Reifegraden vorarbeiteten. Dazu wurden Cocchis Americano, Cocchi Rosa, Storico Vermouth Di Torino, Dopo Teatro (Vermouth Amaro) und Barolo Chinato gereicht (in dieser Reihenfolge). Das war ziemlich gut und ein prima abgestimmtes und passendes Aperitif-Set. Begleitet wurde der Spaß neben einem Sprizz auf Cocchi Rosa Basis (serviert von Schumann-Barmann Ferdinand Lammerer) mit einem Glas eines feinen Bianc D'Bianc aus der Alta Langa DOCG. Cocchi hat auch diverse Schaumweine im Programm - inkl. der süßeren Asti und Brachetto D'Acqui. Davon ist in Germania allerdings nur ein Spumante erhältlich. Schade drum, der Brachetto ist m.E. ein Killer. 

A propos DOCG - nach zwei Jahren Vorbereitungsarbeit steht die gesetzliche Anerkennung von Vermouth Di Torino als eigene Appellation kurz bevor. Dabei hat Bava sehr intensiv mit den Nachbarn aus dem Hause Martini zusammen gearbeitet. Ohne den Marktführer mit über 90% Marktanteil geht nichts. Jedoch sieht der Riese selbst auch die Notwendigkeit des Produktschutzes in Zeiten, in denen jeder zweite Winzer hier und da einen Vermouth an den Start bringt.

Am Start hat Cocchi auch ein Cocktailbuch, das ich dem geneigten Leser ans Herz legen möchte: In La Miscelazione Futurista - Futurist Mixology - dokumentiert Fulvio Piccinino auf über 300 Seiten in italienischer UND englischer Sprache, die Geschichte und Rezepte, der von der (Künstler)Gruppe Futurismo zwischen 1925 und 1935 (!) entwickelten 18 Cocktails. Die Rezepturen werden im historischen Original und einer aktuellen Präsentation wieder gegeben. Wer auf ernsthafte Drinks mit Bestandteilen wie Absinthe, Grappa, Gin, Kümmel und Anisette (Sambuca) steht, kommt ebenso auf seine Kosten, wie Freunde der - Entschuldigung - Banane, die im "Il Rigeneratore" (Foto unten) ein anregendes Getränk finden werden.

Gänzlich ernsthaft blieb man bei Cocchi bei der Findung einer Kreation zum 125sten Geburtstag von Firmengründer Giulio Cocchi in 2016. Eine Riserva sollte es sein. Doch was erwartet man von einer solchen? Tannine? Oxidation? - Cocchi fragte Barmenschen und Connaisseure rund um den Erdball und stellte fest, dass ein fassgelagerter Vermouth gar nicht unbedingt gefragt war. So kam es zur "Riserva La Veneria Reale", deren königlicher Namenszusatz vom Anbau bestimmter Botanicals im herrschaftlichen Park der Reggia di Veneria Reale stammt. Oder wie Roberto Bava sagt: "We don't tell bullshit - we don't sell bullshit" - ein Motto, dass sich manch anderer Hersteller in der Branche auch mal zu Herzen nehmen sollte. Das Ergebnis ist ein wahnsinnig balsamischer, cremiger Vermouth - herrlich ausbalanciert und mit leichtem Minztouch. Leider wurden vom ersten Vintage - gelagert wird das Ding mehrere Monate, aber nicht in Holz - nur knapp über 1800 Flaschen gemacht, von denen 500 über den Palast und dessen Shop vertrieben werden/wurden. Der Rest ging über Cocchis Vertriebswege in die ganze Welt und so kann sich glücklich preisen, wer z.B. eines der 48 für Deutschland reservierten Exemplare in seinem Weinkeller hat. Da sollte der Schatz auch vorerst bleiben, handelt es sich doch zunächst mal um einen hervorragenden Wein, dem ein wenig Nachreifung nicht schadet. In 10-20 Jahren werde ich mich hierzu wieder melden. Bis dahin: whatadrink!

Montag, 15. August 2016

Caperitif und Swaan Tonic aus Südafrika

"So bittersweet
this whole thing
so bitter sweet"

(New Model Army "Bittersweet" 1983)

wad! war mal wieder auf Weltreise. Stimmt nicht ganz. Unterwegs in Südafrika war letztes Jahr Max Hildebrand (Goldene Bar, München). Bevor ich von Maxens Trip zum Kap gelesen und sein Foto einer ziemlich gut aussehenden Flasche auf Facebook gesehen hatte, war mir irgendwo in den Weiten des www schon der Caperitif begegnet. Cooler Name, geiles Etikett und ein Vermoed? Die Kombi verursachte schon erhöhtes Kribbeln - zumindest bei mir.
Vermouth hat sich in den letzten Jahren zwar nicht unbedingt neu erfunden, aber im Zuge einer kleinen Welle wurden eine ganze Reihe neue und wieder entdeckte Marken in die Regale und Kühlschränke der gehobenen Trinkinstitute gestellt und auch die Platzhirsche haben mit Sonderrezepturen/-abfüllungen ihren Senf dazu gegeben. Gut so. Sehr gut so.

Am Rande dessen fiel auch ein bisschen mehr Licht auf die Weinaperitife dieser Welt, z.B. die Bitters, Quinquinas und Aperitifs à base de vin. Andere Exoten wie Amaro und zuletzt Aquavit dürfen auch a bisserl mehr tröten.

Caperitif - The Ghost Ingredient

Caperitif - Ein Name der mir in zwei Publikationen aufgefallen war. Zum einen wird er in Ted Haighs "Vintage Spirits And Forgotten Cocktails" unter den Rest-In-Peace Cocktail Ingredients geführt - zum anderen beinhaltet das ebenso nicht gerade unbedeutende "The Savoy Cocktail Book" von Harry Craddock eine Reihe von Rezepturen mit Caperitif. Später habe ich festgestellt, dass noch etliche Cocktailbücher wie z.B. Tarlings "Café Royal Cocktail Book" u.a. Caperitif verwendeten (mehr Quellen und zur Schreibweise). Die Spur des seinerzeit als Wine Aperitif bezeichneten Caperitifs verlor sich offenbar irgendwann Ende der 1930er Jahre. Aber vielleicht graben eifrige Cocktailhistoriker noch mehr aus, als die drei Flaschen, die zuletzt in England über den Tresen gingen. Die einhellige Meinung ist zumindest im Moment, dass sich das Ganze im Bereich von Lillet Blanc (in seiner damaligen Rezeptur als Kina Lillet) und Dubonnet Blanc abgespielt hat.

Der Spur gingen vor über zwei Jahren auch der dänische Barmann Lars Erik Lyndgaard Schmidt (den ich beim Segeln in Schweden erreicht habe), der vom Caperitif bei seinen mixologischen Studien in New York gelesen hatte, und Adi Badenhorst, Chef des südafrikanischen Weinguts A.A. Badenhorst, nach. Die beiden hatten über gemeinsame Freunde in Südafrika zusammen gefunden. Aber nicht nur das. Das Resultat ihrer Entwicklungsarbeit ist die 21st-Century-Version des Caperitif. Ein Quinquina (der in der ersten Begeisterung missverständlich als soet vermoed - also süßer Vermouth - bezeichnet worden war), der mich total begeistert. Neben Chinarinde stecken noch 35 weitere zumeist lokale Botanicals in der Flasche bzw. im Rezept. Das ergibt zusammen gefasst: Süß-weiniger Antritt, frisch-würziger Übergang in ein langes, bitteres Finale. Komplex. Oh ja! whatadrink!

Das Ding (17,5% Vol.) funktioniert erstklassig solo, als Longdrink oder in allen Ginkombinationen (Negroni!) bzw. als Ersatz für Vermouth oder in klassischen Drinks, die nach dem Ur-Lillet verlangen, etc. etc. Mir persönlich reichen ein paar Stücke Eis für ein bittersüßes Vergnügen.

@Nerds: Caperitif wird in relativ kleinen Batches produziert und abgefüllt, die aufgrund der unterschiedlichen Beschaffenheit ihrer natürlichen Bestandteile in ihrer Aromatik voneinander abweichen können. Watch out for Batchnumbers...

Swaan Cape Tonic Water

Wer heute einen ambitionierten Gin erzeugt, sollte über Empfehlungen für das passende Tonic nachdenken oder - noch besser - ein eigenes Tonic entwickeln. Badenhorst hat das auch ohne eigenen Gin getan und ein Craft Tonic namens Swaan gelaunched. Ergänzend hinzugefügte Limette, Kardamon und Minze ergeben ein rundes Tonikum. Verdammt - das ist auch gut. So gut, dass ich das wie Limo wegnuckle - auch ohne Wacholderschnaps.
Während die vorzüglichen Weine von A.A. Badenhorst in einigen deutschen Onlineshops zu haben sind, gibts den Caperitif derzeit (noch) exklusiv hier. Eine andere Quelle im UK ist hier zu finden - dort kann man (wenn man artig nachfrägt) auch das Swaan Tonic beziehen.



Donnerstag, 28. Juli 2016

Wiedervorlage: Mezcal und Raicilla

"Ich liebte ein Mädchen in Mexico,
die hat einen runden sexy Po."

(Insterburg & Co., "Ich liebte ein Mädchen", 1973)

Zurück in unsere Breiten - genauer nach München. In der Goldenen Bar trafen sich diese Woche einige bairische Mezcaleros, um den Worten von Axel Huhn (Mezcaleria) zu lauschen, der mal wieder aus Berlin angereist war. Seine Mission: Das Wissen der Südländer in Sachen Agavenschnaps auffrischen bzw. erweitern!
Mezcal (= gekochte Agave) hat in vielen deutschen Bars mittlerweile Einzug gehalten. Mixgetränke sind dabei in erster Linie gefragt und dafür werden i.d.R. preisgünstige Abfüllungen verwendet, die ich (beschönigend gesagt) ziemlich langweilig finde. Music for the masses eben. Echter Mezcal, der auch wirklich als Craftprodukt gilt, weist im Gegensatz zum Low-Budget-Brand einige wesentliche Attribute auf - z.B. Alkoholgehalt von 46 bis knapp über 50% Vol., Nennung von Agavensorte/ Brennmeister/ Ort der Herstellung/ Art des Brennapparats/ Größe der Produktionsbatches nur einige hundert Flaschen/ traditioneller Erdofen/ natürliche Wildhefen/ etc. Aber darüber wurde hier ja schon in der Vergangenheit berichtet.
Während sich die Fortbildungshungrigen mit den ersten Mezcalproben versorgten, erläuterte Axel Huhn u.a. den Terroirbegriff beim Mezcal. Hier trifft die regionale Herkunft der (Wild)Agaven, die jeweils ein spezielles Mikroklima oder auch eine Symbiose mit anderen Pflanzen beanspruchen, auf das Terroir der Destillerie, die für den Erdofen, in dem die Agaven geröstet werden, lokal vorhandenes Hartholz verwendet, auf ihre traditionelle Brennblase (Keramik, Kupfer, Holz, Kombinationen) vertraut und nicht zuletzt nur die örtlich vorhandenen Hefen zur Gärung zulässt. Diese beiden Terroirs überlagern sich sozusagen und machen neben der Jahreszeit der Destillation, den verwendeten Agaven selbst und der Arbeitsweise und dem Können des Mezcaleros das Endprodukt aus. Es gibt also viele Parameter, die zum Topmezcal führen (können). 

Einige sehr gelungene Destillate standen in der Verkostungsrunde zur Verfügung - ich fasse mich kurz:

Für die bekannte "Alipus"-Serie gibt es Neues. Wir hatten eine Probe, des Mezcals (47,5% Vol., 100% Espadin) aus den Händen von Don Valente Ángel García Juárez: Ölig und cremige Textur, feine Nase, trocken und rund. Steht den anderen "Alipus"-Qualitäten in nichts nach. 

Der Koch Mezcal aus der Tepextate Wildagave (47% Vol.) hatte es mir aufgrund seiner betörenden Nase zunächst schwer angetan. Mit der Zeit im Glas legt sich das Erlebnis aber und es verbleibt ein bodenständiger Brand mit etwas mehr Süße und angenehmem Rauch.

Getöpferte Keramik Potstills kennen wir schon von Real Minero. "Raicilla La Venenosa" hat in eben solchen gebrannten Raicilla im Programm. Raicilla? Ganz ruhig, das ist kein neuer Nerdkram, sondern nur Mezcal aus Jalisco statt aus Oaxaca. Der verprobte Sierra Del Tigre (46,5 % Vol.) überrascht mit viel zerkochtem Gemüse in der Nase (mancher wittert gar Käsefüße), entwickelt sich dann aber im Mund zu einem wonnigen Honigvergnügen. whatadrink!

Das gleiche Urteil dann beim Star Of The Show, der auch aus einer Töpferbrennblase kommt: Mezcal Vago Blanco Y Negra (51,6% Vol., Batch: 176 Liter) aus 25 bzw. 45 Jahre alten Agaven. Das ist ein eleganter Gaumenschmeichler mit großer Balance zwischen süßen und trockenen Noten und mit etwas Honig. Wie gesagt: whatadrink! Kleiner Gag am Rande: Da offenbar keine weiteren so alten Agaven zur Verfügung stehen, empfiehlt man: "Save a bottle so your kids can compare it to the 2060 batch.". Ok. Die ersten Flaschen von Vago haben Europa erreicht. Die Mezcaleria wird ihn wohl auch ins Sortiment nehmen. 


Den krönenden Abschluss bildete der Real Minero Largo (47,8 % Vol.), der gegenüber den eben beschriebenen Feingeistern fast schon brachial rüberkommt. Ein Top-Top-Mezcal, intensiv, rauchig und fruchtig bei perfekter Balance. whatadrink!

Die Probanden weisen also alle einen Alkoholgehalt von mehr als 46% Vol. aus. Wie läuft das nun aber mit dem Alkoholgehalt, wenn das Batch vor der Abfüllung nicht mit Wasser auf Trinkstärke reduziert wird? Fachbegriff: distilled to strength. Der erste Destillationslauf - der Rohbrand - ergibt ein Destillat von rund 35% Vol. Beim zweiten Durchlauf steigt der Alkoholgehalt stetig von unter 40 auf über 60 oder gar 70% Vol. an. Der Mezcalero hat natürlich keinen Spirit Safe à la Scotch Whisky mit Meßskala zur Verfügung. Er trennt also einzelne Teile des Brandes sukzessiv in einzelne Gefäße - vornehmlich Plastikkanister - ab und vermischt diese einzelnen Bestandteile seines Batches dann nach visuellen und olfaktorischen Eigenschaften zum fertigen Mezcal. Die ungenießbaren Anteile von Vor- und Nachlauf werden dabei logischerweise abgetrennt. Der Stoff lagert dann zur Harmonisierung mehrere Monate oder gar Jahre in Glas-, Edelstahl- oder Tongefäßen bis zur Abfüllung in Flaschen.
Zum Schluss noch ein paar Worte zur sogenannten Agavenkrise. Aufgrund der Monokulturen für die Tequilaproduktion sind die Pflanzen anfällig geworden. Ernteausfälle bei gleichzeitigem Anstieg der Nachfrage führen zu Engpässen und zu steigenden Rohstoffpreisen. Das obere Diagramm zeigt die Auswirkungen einer 4jährigen Missernte. Die Nachpflanzungen führen dann wieder zu Überschüssen (Jahr 12). Im unteren Diagramm ist im Gegensatz dazu ein linearer Verlauf dargestellt. 

Agavenkrise hin oder her - Fakt ist, dass dank steigender Kosten der handgemachte Mezcal/Raicilla/etc. nicht billiger werden wird, sondern in absehbarer Zeit - gerade in Europa - regelmäßig deutlich über der 100-EUR-Grenze pro 0,7l-Buddel liegen wird. Blicken wir auf die Preise für heimische Obst/Wurzel/Gemüse-Premiumdestillate, für die ab 80 EUR pro 0,35l-Flasche aufgerufen werden, so ist das durchaus nachvollziehbar. Aber soll man nun in Mezcal investieren? Hm, warum eigentlich nicht?

Noch mehr zum Thema: Ein aktuelles Video der GuildSomm finden Sie hier.

Freitag, 6. Mai 2016

Compass Box - The Circus - A Blend Of Blends

"Klappern gehört zum Handwerk" oder auch "...zum Geschäft". Neben dem üblichen mal mehr oder weniger sinnfreien Marketingzirkus der Agenturen in Form von Facebookgedöns, Tweets, Launchevents, Pressemitteilungen etc. manifestiert sich diese allgemein anerkannte Redenart im Spirituosenverkauf auch über das Fallenlassen bestimmter Schlüsselwörter. Dieser Tage gehört "Sherry" in Verbindung mit "Dark" neben beeindruckenden Altersangaben sicherlich dazu, wenn es um Maltwhisky geht, und hilft dem einen oder anderen Konsumenten offensichtlich bei der Kaufentscheidung.

Die Whiskymacher von Compass Box waren in der Vergangenheit mehr durch künstlerisches Design und Cleverness, als durch plumpes PR-Geschrei aufgefallen und sind bekannt für Whiskyschönheiten wie The General oder den Last Vatted Malt, die mit inneren und äußerlichen Höchstwerten überzeugen konnten - zumindest mich.
Umso gespannter war ich auf die neueste Limited Edition namens The Circus, die nach Charlie Chaplins gleichnamigen Stummfilm benannt wurde ("If you are looking for rainbows, look up to the sky"). Im offiziellen Info wurde mehrfach von Sherryeinflüssen fabuliert. Ich hatte die Möglichkeit, schon vorletzte Woche eine der 2490 Flaschen zu ergattern - die offizielle Auslieferung läuft schon und der Stoff sollte in Kürze im Laden stehen.

Die Farbe ist nicht annähernd so dunkelrotgold, wie auf den offiziellen Produktfotos. In voller Alkoholstärke - übrigens mit 49% statt der in den USA vorangemeldeten 55% - geht es mit gelben, satten Früchten los. Vollreife Pfirsiche und so. Aber kein Alkoholstich, sondern eine weiche Nase, die eher floral statt sherrylastig rüberkommt. Mit Wasser haben wir etwas mehr Vanille und Eiche in der Nase, aber nicht von frischen Ex-Bourboncasks, sondern von Refillfässern. Gut. Luft braucht der Circus etwas mehr noch als Wasser, aber nach einer Woche hat sich der Blend in der offenen Flasche schon wieder weiterentwickelt. Zu seinem Vorteil, versteht sich. Der Whisky schmeckt reif (was auch immer das nun heißen mag) und es ist eine (so bescheuert das klingt) sehr gut eingebundene Sherrywürze da, die nie aufdringlich hervortritt. Konkret haben wir Ingwer und Geißblatt, etwas Frucht (die aber kaum greif- oder bestimmbar ist) und für besonders feine Geister auch etwas Bitteres. Defintiv ist aber Getreide da, allerdings in leichter Form und nicht schwer-malzig. Mit Wasser - auf keinen Fall zuviel! - wird das Ganze auch im Mund runder und feiner. Im Abgang ist der Circus sehr lang und die Eiche piekst nur ganz leicht - ganz weit weg. Das Stichwort lautet also: Balance - gerade in Sachen Sherryeinfluss.

Blend? Sherry? Wir schauen kurz im Compass Box Blending Lab vorbei: Dort darf man uns sagen, dass der Circus aus vier Bestandteilen kreiert wurde. Zum einen haben wir da zwei ältere Blended Scotch Whiskys, deren Bestandteile völlig unbekannt sind und die 57,2 und 1,4% der Gesamtmenge ausmachen. Zum anderen steckt ein Anteil von 26% eines ebenfalls länger gereiften Blended Grain (genaue Herkunft der Bestandteile ebenfalls unbekannt) und 15,4% eines Single Malt (Benrinnes) aus einem 1st Fill Sherry Butt im Mix. Die Altersangaben aller dieser 4 Teile darf Compass Box nicht rausrücken - siehe das Theater um This Is Not Luxury Whisky. Ein Age Statement ist nach SWA nur zum jüngsten Bestandteil möglich. Irgendwie hat die SWA die Rolle des Löwen in Chaplins Film inne (siehe unten): Sie hockt im Käfig, man hat Angst vor ihr, aber sie tut einem eigentlich nichts.

Ich vermute *hust*, und da stehe ich nicht ganz allein da, denn ein ausgesuchtes Tasterduo hat mich bei der Analyse fachmännisch unterstützt (Danke, Männer!), dass der Benrinnes eher ein 10-12jähriger Malt war. Bei den Blends tippen wir darauf, dass der Blended Grain vielleicht der älteste Bestandteil ist - Mitte der 1980er könnte der bzw. seine Bestandteile aus den Brennblasen getröpfelt sein. Die beiden anderen Blendeds dürften dann um 1990 gebrannt worden sein - oder auch nicht. Erschwerend kommt bei dieser Schätzung hinzu, dass die beiden letzteren Bestandteile ca. 2/3 ihrer Reifezeit in Refill Sherry Marrying Butts - also speziell ausgesuchten Gebrauchtfässern - lagen. Der Blended Grain hat mehr als 1/3 seiner Lagerzeit in eben einem solchen Butt gewartet. Puuh. Sie können noch folgen? Dann beantworten Sie doch die folgende Frage: Wie hoch ist der Anteil von Grainwhiskies an der Gesamtmenge? --- Die Antwort weiß ich auch nicht, aber ich vermute es sind mindestens 50%. 

Das entspricht dann auch unseren Feststellungen in Sachen Tastingnotes. Der 1st Fill Sherrymalt schlägt nicht durch. Der Circus, geblendet fast nur aus Blends ist ein sehr guter, feiner und perfekt strukturierter Blend. Er ist kein Crowdpleaser und schon gar kein Anfängerwhisky. Er ist auch keine Sherrybombe. Er steht aber in der Tradition der Arbeit eines Masterblenders hoher Schule (stelle ich mir zumindest so vor) und ist ein komplexer, geschliffener Gentleman. This IS Luxury Whisky, auch wenn einem der Tester der "Hammer" als durchschlagendes Kaufargument bei diesem Whisky fehlte. Und da hat er nicht Unrecht. Alle drei Maltisten kritisierten geschlossen den aufgerufenen Preis von UVP 235 EUR. Falls Sie den Circus also auf Ihrer erweiterten To-Buy-Liste haben, sollten Sie sich vor dem Kauf vielleicht mit einem Sample auseinandersetzen und klären, ob das wirklich "Ihr" Whisky ist.

Nun wäre ich eigentlich am Ende dieses Blogbeitrags, doch da flattert schon die Ankündigung des nächsten Compass Boxers rein (Enlightment) und aus dem Newsroom tickert die Meldung über einen 74er Bowmore für über 2.000 EUR. Was ein Zirkus!

Freitag, 1. April 2016

200 Jahre Lagavulin - Lagavulin 8 Years Old

Nun feiert also auch Lagavulin sein Bicentenary. Schön, aber eigentlich egal, wenn es da nicht eine erste Sonderabfüllung zum Jubiläum gäbe. "Ach was", sagen Sie und gähnen herzhaft. Das sei Ihnen gegönnt, doch der brandneue 8jährige, der für rund 50 EUR dieser Tage auch in die deutschen Fachgeschäfte kommen soll, hat es in sich. 
Von Refill American Oak ist die Rede. Auf fünf verschiedene wood types und maskierendes Hin- und Hergefinishe wird verzichtet. Fein, das bewahrt zu 100% den Charakter der, seien wir ehrlich, dann eben doch wieder geilsten Islaybrennerei. Die Flasche aufgerissen, strömt zunächst Krankenhausgeruch - präzise aus der Gipserei - in den Tastingraum. Dann das übliche Meeres- und Küstengedöns. Wie machen die das, wenn doch Diageo gar nicht alles vor Ort lagert? Mist, Mist, Mist... Nein, nicht in der Nase, da bleibt er frisch. Im Mund dann etwas Süße, aber längst kein Virgin/Bourbon-Vanilleschock. Rauch und alles was dazu gehört. Dabei bleibt der junge Kerl verdammt ausgewogen und immer auf der trockenen Seite - kein (sorry) Crowdpleaser. Langes Finish. 
Fazit: Ja, so lässt es sich feiern! Kein PR-Generve und wochenlanges Abnutzen der F5-Taste. Einfach guter, öliger Whisky in perfekter Trinkstärke (48% Vol.), der eher Luft statt Wasser braucht, und der in offenbar größerer Menge (Ich hörte von 20.000 Flaschen) für nen schlappen Fuffi zu haben ist. Perfekter Körper und elegant trotz aller Kraft. So erinnert der Lagavulin an Clairin, Spitzenmezcals und Kilkerran - ist eben ein Topspirit, der das Niveau der 12yCS mitgehen kann. SO macht man das! Whatadrink!