Donnerstag, 16. Juli 2020

The Amber Light - Doku über schottische Kultur (und Whisky)

"Whisky,
Whisky is my name
And drinking,
Drinking my game"

(Whisky, Whisky David, 1975)


Ende Juli erscheint das mehr als empfehlenswerte Doku-Roadmovie "The Amber Light" in Deutschland auf DVD - zunächst im Whisky-Fachhandel (ca. 18 EUR).


Aber dieses Werk ist natürlich kein reiner Whiskyfilm über die Herstellung des schottischen Gerstendestillats, die dortigen Whiskyfabriken oder gar die Whiskymacher und -verkäufer. Nein, Filmemacher Adam Park ist zusammen mit Dave Broom und einigen schottischen Köpfen, wie dem leider inzwischen verstorbenen Alasdair Gray, Author Ian Rankin oder dem fast 100jährigen Andrew Bruce (ja, wirklich ein Nachfahre von König Robert The Bruce), tief in die Kultur des britischen Nordens eingetaucht. Es geht um Musik, Literatur, Malerei,... eben um Kulturelles aller Art und - ja - auch um Whisky.


Der wird im Film gebrannt, besungen und getrunken (ach was!) und auch sonst erscheint das edelste aller schottischen Getränke in recht ungetrübten Lichte (in The Amber Light eben). Aber lassen wir die Wortspiele.


Adam Park und Dave Broom haben (Wer hat anderes erwartet?) mit all ihrer Kompetenz und Brooms gelebter Menschlichkeit ein Bild ihrer Heimat geschaffen, das Lust macht nicht nur Distillery-Shops leer zu kaufen, sondern in die schottische Kultur jenseits von touristischem Mummenschanz einzutauchen. Gut, Lust auf einen ordentlichen Dram bekommt man auch.

Ich hatte bereits das Vergnügen und hab mir danach (Ein Jammer, dass nach anderthalb Stunden schon Schluss war) noch xmal den oben zitierten Song reingezogen - natürlich auf voll aufgedrehter Anlage. Whisky! I love you!



Tips am Rande: Auf Spotify gibts ne Playlist zum Film (s.a. hier). Der Whisky zum Film war leider nach ein paar Minuten ausverkauft, ist aber im Fachhandel second-hand zu erstehen und ist jeden Cent wert.






Sonntag, 9. Februar 2020

Finest Spirits 2020 - I'm back und der Schaum steht

"I wear my sunglasses at night
So I can, so I can
Forget my name while you collect your claim"

(Sunglasses at night, Corey Hart, 1983)

Viermal hatte ich die größte Münchner Schnapsveranstaltung, die Consumerschau Finest Spirits, geschwänzt. Dieses Jahr war ich der Einladung der neuen Veranstalter (Ja, Frank Böer hat seine Gelddruckmaschine verkauft) gefolgt, auch um zu sehen, was der Meininger Verlag da anders und womöglich besser macht.


Drams, Drams, Drams...

Die Antwort hatte ich schnell auf meinem Block: Nicht viel. Es gab keinen zentralen Shop mehr - man konnte jetzt auch offiziell an den Ständen einkaufen. Die Eintrittspreise (Tagesticket 20 EUR) und das Programm der Masterclasses (komplett online buchbar) erinnerten mich stark an 2015. Schon damals gab es auch Wasserspender für das Publikum, die dort ihr Tastingglas füllen konnten. Ich persönlich finde einen Mineralwasser-Sponsor, der z.B. 0,33l-Flaschen zur Verfügung stellt, irgendwie stilvoller. 


Unschöne Panscherei

Der Themenschwerpunkt 2020 sollte auf Single Malt liegen und so war auch die von Richy Link (Jaded Monkey) geleitete Festivalbar mit Whisky Sours, Rob Roys und Penicillins etc. bestückt. Ein Lichtblick der Trinkkultur! Aus hygienischen Gründen kam beim Sour Fee's Foam (auf Algenbasis) statt Frischeiweiss zum Einsatz. Fazit hier: Der Schaum steht.


Der Richy kanns eben


Zumindest der Schaum steht

Lobenswert darf ich die zahlreichen (inoffiziellen) Verkostungs- und Einkaufsmöglichkeiten bei Raritäten Langer, den Munich Spirits, Whiskywelt und Whiskyburg - um nur einige zu nennen - erwähnen. Solche speziellen Anbieter gehören zu einem Whiskyfestival - neben den Big Boys - einfach mit dazu. 


günstige Drams bei Bruichladdich

Stichpunkt: Vielfalt. Ein bisschen leid taten mir die kleinen Stände mit ihren Nischenprodukten, die in einem schmalen Gang inmitten der Halle versteckt waren - Nische in der Nische sozusagen. Aber ein paar Entdeckungslustige sind auch da vorbeigestolpert. Ansonsten gab es natürlich Unmengen an Gin, Obstler, Rum, Likören (allerdings keinen Schoko-Bananen-Sahnelikör), Craftbier, Chips, Käse, Trockenfleisch (!) usw. zu süffeln und zu genießen. Besonders krass: Ginza Berlin mit brandneuen asiatischen Spezialitäten ohne Ende wie dem recht brauchbaren Kabosu-Likör. Aber bloß weil in Berlin "Sterneköche damit kochen", ist das in München noch lange keine große Nummer.


fiese Drams bei Bruichladdich

Auch wenn es in München mit dem Munich Whisky Market und der 089 Spirits längst Konkurrenz gibt, ist FS weiter die Benchmark. Meininger kann aber sicher hier und da Finetuning betreiben und vielleicht auch den einen oder anderen Big Player (Zitat: "Gibts denn hier keinen Glenfiddschi?") anlocken. 


Bei Ardbeg / Glenmorangie gabs diesmal nix Neues

Als guter Gast des Veranstalters, der kürzlich auch noch das Mixology Barmagazin übernommen hat, das mal eine Art Konkurrenz zum hauseigenen fizzz war, hab ich natürlich die Schnauze gehalten und nicht die Frage "Herr Meininger, wie stehen Sie heute dazu, dass Sie in der Vergangenheit einen freien Journalisten auf die schwarze Liste gesetzt haben, weil der einmal in Mixology eine Wortmeldung von sich gegeben hat, obwohl er vorher jahrelang für Sie geschrieben hat?" gestellt, denn die interessiert das Publikum dieses kleinen, unbedeutenden Blogs ja wahrscheinlich gar nicht, oder?


Bei Nonino werden alte Charles-Schumann-Frisen aufgetragen

Dahin wo es wehtut: Schoko-Bananen Cremelikör

"Don't want to tell you shit
Just want to give you kick
Don't want to make you cry
Just want to get you high

It's so fucking yeah
It's so fucking yeah, yeah, yeah, yeah"

(It's so fucking yeah, Die Raketen, 2004)

Sabbatical ist vorbei. Die Welt der Trinkkultur hat noch Hoffnung auf Rettung. wad! ist zurück und geht direkt dorthin, wo es richtig wehtut, denn es gibt noch ein paar Stories zu erzählen...

Daher widmen wir uns zur Wiederbelebung dieses Blogs (Gibts das eigentlich noch? Blogs?) einem echten Knaller: Dem Casali Original Schoko-Bananen Cremelikör aus dem Hause Fischer Spirits. Wot? Jo, das Ding kommt (natürlich) aus Österreich - genauer vom Alt Wiener Spirituosenmuseum in Vienna (das just am 6. Oktober 2019 den Museumsbetrieb eingestellt hat). 500ml für ca. 13 EUR mit satten 15% Vol.



Aber Schoko-Bananen? Yeah, das hier ist der flüssig gewordene Alptraum von Bananen-Fruchtschaum in Schokolade - oder besser von unnötigem Süßkram - als Sahnelikör. Die echten Schoko-Bananen von Casali sind übrigens Faitradeschleckereien. Die liquide Variante ist das nicht, aber dafür kostete es mich einiges an Überwindung die Flasche zu öffnen und einen Schluck zu probieren, was wiederum den Re-Start des Blogs um Monate verzögert hat. 

Nun, das Urteil: Es hat gar nicht sooo wehgetan. Die Schokoladensahne dominiert und die Banane spielt nur die Nebenrolle. Auch ist der ganze Spaß nicht so süß wie befürchtet. Oder um im Diktus zu bleiben: Der is schee arg. Auch der Abgang - wenn ein Sahnelikör sowas überhaupt hat - ist angenehm kurz. Die unvermeidliche Beschichtung der Mundhöhle lässt sich durch rasches Nachtrinken mit neutraleren Getränken schnell wieder ablösen. Puuh. Letztlich ist dieser Likör nichts anderes als ein bananisierter Bailey's-Klon, der in keiner Hausbar stehen sollte.



Dienstag, 22. August 2017

Hollandse TX Gin, Kruidenbitter und Craftbier

"Wir brauchten früher keine große Reise,
wir wurden braun auf Borkum und auf Sylt.
Doch heute sind die Braunen nur noch Weiße,
denn hier wird man ja doch nur tiefgekühlt."

("Wann wird's mal wieder richtig Sommer?" von Rudi Carrell, 1975)


Sommerzeit ist Urlaubszeit und da passt doch prima der obige Schlager aus den 70ern, als es mangels Erderwärmung und Klimawandel offenbar eine Eiszeit gab. Hm. Hier im Süden der Republik war es in meiner Kindheit, die damals grade stattfand, zumindest nach meiner Erinnerung immer schön warm. Herr Carrell, der aus den Niederlanden stammte, sang wohl über das Wetter im nördlicheren Teil Deutschlands. Aber egal.
Da wir unseren Flug nach Mauritius (oder waren es die Malediven? Malle?) verpasst hatten, gings eben eben auf die malerische Nordseeinsel Texel nord-östlich von Amsterdam. Schafe, Krabben, Kartoffeln, Dünen, Seehunde, Strand und Sonne. Und Kruidenbitter. Und Gin.
Ja, jede noch so popelige Stadt/Region, die auf sich hält, kann mindestens einen regionalen Wacholdergeist vorweisen. So ists auch auf Texel, wo die Stokerij Texel einen Kartoffelwodka mit Preiselbeeren, einen Gin (auch auf Kartoffelbasis) mit Sanddorn und Holunderblüten und einen Kruidenbitter im Portfolio hat. Wer die Ginhistorie kennt (in jedem Gintasting wird sie schließlich vermittelt) weiß, dass das Zeug (Stichwort: Genever) aus den Niederlanden stammt. Der Texel-Gin namens TX Gin (1l ca. 43 EUR) ist aber ein London Dry mit 40% Vol., der nichts anderes als ein fein gemachter, balancierter Gin ist, der auch mit einem (Dry) Tonic noch die Orangennoten des Sanddorns vermittelt. Prima! Ein paar Fässer Gin werden übrigens von den Kameraden der Tres Hombres (wad! berichtete) auf ihrem Segelschiff durch die Gegend geschippert, um so Ocean-aged TX Gin zu produzieren. Bezugsscheine können schon erworben werden.
Der TX Scheepsbitter (30 % Vol., 0,5l ca. 19 EUR) benamste Kräuterbitter ist ein für seine Gattung recht leichter Likör, der relativ süß startet, aber dann ein feines Kräuterspektrum bietet. Mehr ein Aperitif als ein Afterdinnerdrink.
Wem der reizende NL-Weißwein von De Kleine Schorre (allerdings vom Festland) zum zappelfrischen Texelfisch suspekt ist, der klammert sich gern an die Flascherln aus der Texelse Bierbrouwerij - sprich: der örtlichen Craftbierbrauerei. Dort und in den Getränke- und Supermärkten werden rund 10 verschiedene Bierchen vom 6%igen Wit namens Skuumkoppe über Red Ale und IPA bis zum Stormbock mit 10% Vol. angeboten. Allesamt sind das runde, sehr gut gemachte Biere, für die ein Preis ab 1,60 EUR für 0,3l aufgerufen wird. Craft eben. In unseren Breiten ist davon nur eine kleine Auswahl erhältlich, besser man bestellt gleich direkt bei den niederländischen Shops.





Mittwoch, 19. Juli 2017

Schnaps vom Freimeisterkollektiv

"The room was humming harder
As the ceiling flew away
When we called out for another drink
The waiter brought a tray"

(aus "A Whiter Shade Of Pale" von Procol Harum)

Bekommen Sie von Repräsentanten der Spirituosenindustrie Gratispröbchen ihrer neuesten Produkte zugesandt? Ja? Sie sind zu bedauern, denn letztlich bekommen Sie ja nie das, was Sie wirklich wollen, oder? Ich habe inzwischen alle PR-Mitteilungen-Zu- und Warenmuster-Versender aus meinem Eingangskorb vergrault - durch Ignoranz (und den öffentlichen Verkauf der unangefordert zugesandten Artikel). Ha!

Zu 100% unvoreingenommen nähere ich mich so den vier Neuzugängen in meinem Spirituosenkabinett. Sie stammen alle vom Freimeisterkollektiv - einem äh "Zusammenschluss von Individualisten – eine Verbindung unabhängiger Kleinbrenner und führender Bartender" aus Deutschland, Österreich und Berlin. Packaging im Minimalstil wie bei der Elements-Serie. Ach so, ja egal. Mich interessiert nicht das Konzept, sondern der Stoff. Darum legen wir los mit...

Rum, Erdbeere (41,4%, 0,5l, 24 EUR) In der Nase frisch eingekochte Kulturerdbeeren bzw. noch warmer Erdbeersaft. Dann im Mund klar Rum, Zuckerrohr, kein Vanillescheiß, sondern dezente Erdbeere. Wurde hier ein Rhum Agricole weiter verarbeitet? Na, wer feine Erdbeerbrände/geiste kennt, sagt laut Yes! Ist dann alles drunten, bleibt die Erdbeere im Mund stehen - oder liegen. Yammy.
Curaçao (40%, 0,5l, 24 EUR) Orange Curaçao, da war doch mal was? Ich zerre mit dem Dry Curaçao von Ferrand (40%), dem Premium Triple Sec von Giffard (40%) und dem Low-Budget Orange Curaçao von Marie Brizard (30%) gleich drei Vergleichslikörchen aus dem Schrank. Der Freimeister verströmt zunächst einen herrlichen Citrusduft, frisch abgezogene Orangen- und Zitronenzesten. Dann gehts genauso weiter und der Zucker gibt ein tolles Mundgefühl dazu. Langer Abgang! Keine störende oder unangenehme Nuance. Der trockene Ferrand auf Cognac/Brandy-Basis ist dagegen fast pappig. Der Giffard ist noch süßer und verleugnet schon fast die Orange und der Brizard ist ein billiges Orangenbonbon und ein Fall für den Ausguss. Ein Hinweis an die Meister: Blau muss er sein der Curaçao!

Amaro (28%, 0,5l, 18 EUR) Auch der meisterliche Amaro wird in ein Vergleichsfeld geschickt. Aber zuerst zum Freimeister: Der kommt in der Nase leicht daher. Chinarinde? Wermut? Dann am Gaumen: Oh geil! Frische Citrusschalen (schon wieder) und harmonische Wurzeln (Hä?). Auch eine Spur Nelke. Ein Topaperitif! Dagegen ist der Nonino Amaro Quintesstia Di Erbe Alpine (35%) süßer und würziger und eintöniger. Ok eben. Der Amaro Mandragola von Riserva Carlos Alberto (45%) ist furchteinflößend colafarben und auf der Zunge bitter mit Minze (Menta) und Melisse (Melissa) und eben Bitterorange. Fazit: Irgendwie stehen Freimeister und Alberto am Anfang und Ende der Skala. Und den Nonino? Gut, den schütt ich trotzdem nicht weg. 
Kaffeelikör (20%, 0,5l, 17 EUR) Nach Albertos kraftmeiernder Amarobombe jetzt also noch ein Kaffeelikör. Brauchts das wirklich? Duft nach gesüßtem Kaffee mit einem Tropfen Sirup (Kirsch oder irgendwas Beeriges). Im Mund Coldbrew, sugared, ein Touch Alkohol, der prima die Fruchtaromen des Kaffees transportiert. Der Curaçao mit kräftigen 40% (für einen Likör) und wenig Zucker - hier genau umgekehrt. Works!

Mein Fazit also: Der Einkauf bei den Maestros hat sich gelohnt. Vier starke Auftritte zu halbwegs vernünftigen Preisen. Wenn die Profis am Brett das Zeug nicht brauchen können, sollte zumindest die gehobene Hausbar zuschlagen.

Dienstag, 16. Mai 2017

Zuckerrüben-Rum und Kirsch aus dem Holzfass

"Look he’s a showboat, he’s a grandstander,” Trump said. “You know that, I know that. Everybody knows that." (Donald Trump)

Ein eigener Blog ist großartig. Du kannst schreiben, was du willst. Und vor allem auch wieviel du über welches Thema tippst und wann du das dann an die Öffentlichkeit bringst, ist dir überlassen. Keine Deadline, kein Rumgestreiche irgendeines Fuzzis in deinem Text. Und eine Story kann man auch mal zwei Jahre vor sich herschieben.

Nicht ganz so lang hat es gedauert, um zur Abwechslung mal über Zuckerrübenbrände zu berichten. Yes, das ist sozusagen der letzte Schrei der deutschsprachigen Obstbrenner. Zuerst haben sie Whisky - tschuldigung Single Malt - neu erfunden, dann warf jeder seinen Gin auf den Markt und nun gehts in breiter Front an Rum. Das soll ja das ganz große Ding sein (wad! berichtete bereits). Ganz innovative Vertreter verzichten auf den Ankauf von Zuckerrohrmelasse und geben sich dem regionalen Grundstoff, der Zuckerrübe bzw. der Zuckerrübenmelasse hin.

"Braucht's das?" sollte der geplagte Leser an dieser Stelle fragen und ich sage: "Ja". Zwei Exponate stehen zur ausgiebigen Verkostung auf dem Tisch. Zum einen der RUMour Of Switzerland namens The Last Barrel. Witzigerweise habe ich eine Flasche der ersten Single Cask-Abfüllung mit Nummer 1 davon ergattert - sozusagen The First Barrel (56%, 0,7l ca. 150 Sfr.). Aber genug der Wortklauberei. In der Schweiz wurden die gängigeren Varianten White, Gold (je 42%) und Strong White (60%) schon kräftig in Barkreisen beworben (0,7l je 60-70 SFr). Mir fiel ein Flascherl von Barrel No. 1 im Zürcher Ladengeschäft von Glenfahrn in meine zittrigen Hände, wo sich der kompetente Verkäufer gleich noch die letzte dort erhältliche Flasche mit den (sinngemäßen) Worten "Der erste Schweizer Rum!" unter den Nagel riss. Guter Mann. Und guter Stoff! Der Alpenrum geht ab, hat Biss und Körper und - für ein recht jugendliches Premium Zuckerrübendestillat  auch eine schöne Länge. Ein klein wenig Wasser und noch mehr Luft verbessern das Sipping-Erlebnis maßgeblich. Stichworte: trockene Eiche, leichte Süße, herbe Zitrusschalen. Dass das Singlecask im Gegensatz zu den Standards ohne Zuckerung auskommt, darf ich lobend hervorheben. Mehr davon, bitte!
 
Weniger loben muss ich die Homepage, die außer einer fraglichen Story beginnend in 1773 mit einem Seefahrer (!) über Napoleon (!) bis zu einem Herrn Fässler, dem "wahrscheinlich" ersten Produzenten des geheimen Rezepts (das just 2014 in einem antiken Keller wiederentdeckt worden ist). Leider ist der schon 1841 verstorben. Infos zum heutigen Produzenten etc. finden sich nicht. Eine Emailanfrage an Glenfahrnboss Messmer blieb unbeantwortet. Das alles erinnert an die Anfangszeit von Monkey 47. Naja, dann wird der Erfolg wohl auch ein durchschlagender sein... What a drink! oder Uf wiederluege!

Aus der Schweiz hüpfen wir nach Österreich. Genauer nach Niederösterreich. In Göttlesbrunn nicht weit von der Donau und der Römerstadt Carnuntum betreiben Grete und Birgit Wiederstein eine "Weiberwirtschaft" und produzieren Weine und Destillate. Besonders interessant erschien mir ein Old Stone genanntes Destillat aus Zuckerrübenmelasse (43% (früher 46%), 0,5l ca. 45 EUR). Zitat Frau Wiederstein: "Ein Produkt mit Erdung und heimischer Verwurzelung". Äh ja, so schmeckt das blasse Ding dann auch. Die Nase ist unerwartet intensiv mit einem süßen Touch wie ein schottischer New Make (ohne dass ich jetzt Hunderte davon probiert hätte). Im Mund - nunja - würde ich auf Rübe tippen. Erdig ist der Brand und jugendliche Holzaromen lassen sich ebensowenig verleugnen wie ein Eindruck von einem Obstler. Insgesamt nicht unangenehm, aber eher Medizin als Rum. Auch hier tut etwas Sauerstoff gut. Irgendwie könnte der auch aus vergorenen Rüben - statt aus Melasse - sein. Die Infos auf der Homepage geben hier etwas mehr Auskunft - z.B. findet die Fassreifung auf einer Zille auf der Donau statt. Aha. Eine Turboreifung wie in den USA scheint das aber nicht zu sein - eher ein Gegenentwurf. Das Packaging hat sich offenbar auch geändert. Die schwarze Flasche mit dem Wachsklecks finde ich sehr gelungen.

Da mich der alte Stein nicht gepackt hat und mich Gin Gini nicht die Bohne interessiert, wollte ich statt einem Interview mit der Brandstifterin (ja, heut ist Tag der Wortspiele) die Obstbrände von den Wiedersteins nicht unversucht lassen. Marille (40%) und Rote Williamsbirne (41%) habe ich mir ausgesucht, aber leider haben mich beide nicht vom Hocker gerissen. Ja, saubere, klare Brände. Filigran und reinsortig. Aber auch kurz und leicht. A bisserl dünn. Schade, dass es keine Abfüllungen mit über 43% Vol. gibt (0,2l ca. 20 EUR).
Zum Schluss gibt es aber noch was Rustikales für den abgestumpften Gaumen des Testers: Einen 9jährigen deutschen Kirschbrand von einem belgischen Abfüller in Fassstärke! Bingo.
Das Brett kommt mit 51,9% Vol. (0,7l für 85 EUR) von Beacon Spirits und nennt sich Single Cask Cherry Spirit. Auf Nachfrage konnte mir Patrick Proth aber nur mitteilen, dass er den Stoff von seinem Importeur gekauft hat, der das Fass schon länger im Warehouse hatte. "Kersenthee op steroïden" überschrieb Mark Dermul 2016 sein Review und das kommt ziemlich hin. Großartige Kirscharomen vor trockener Eichenkulisse. Keine Vanille, keine Kokosnuss oder sonstwas störendes. Ölig und von sehr guter Länge. So geht Obstbrand, Freunde der Brennblase! Whatadrink!