Sonntag, 3. März 2013

Kavalan - Single Malt aus Taiwan

Beim diesjährigen "Finest Spirits"-Festival in München war, wie auch schon auf der Frankfurter "Interwhisky" und wie bei der Whiskymesse "The Village" in Nürnberg am ersten Märzwochenende, die jetzt in Deutschland erhältliche Range des Single Malt Whiskys "Kavalan" vertreten und konnte in Masterclasses bzw. am Messestand verkostet werden. Daran ist zunächst nichts besonders zu bemerken, kommen doch fast täglich neue und - glaubt man den Beschreibungen der Marketingmenschen in ihren Presseinfos - immer noch bessere Whiskys auf den Markt. Aber "Kavalan" kommt aus Taiwan.

"Den will ich gar nicht probieren. Das ist doch wieder so ein Retortenwhisky." Diese Aussage eines Münchner "Finest Spirits"-Besuchers steht in gewissem Gegensatz zu den Auszeichnungen und Bewertungen, die "Kavalan" bzw. etliche Abfüllungen der Taiwanesen in den letzten Jahren einheimsen konnten. Besonders stolz ist man auf den Titel "Asia Pacific Spirits Producer", den man bei der IWSC (International Wine & Spirits Competition) in den letzten beiden Auflagen gewonnen hat und der die Herstellerfirma "King Car Food Industrial Company Ltd." in eine Reihe mit "William Grant & Sons Distillers Ltd." oder "The Glenmorangie Company" stellt. Noch dazu konnte man mit dem "King Car Conductor Single Malt Whisky" in der Kategorie "The Whiskies Of The World" die Höchstnote Gold - Outstanding gewinnen. Sie machen sich nichts aus Awards und Titeln und solchem Tamtam? Zurecht. Unsere japanischen Freunde von der "Suntory Liquors Ltd.", bisher die Abräumer in der Kategorie "Asia" sehen das ein bisschen anders, war zu vernehmen.

Wir wollen aber nicht Edelmetall, sondern Whisky sprechen lassen. Da selbiger sich stimmlich zunächst ein bisschen zierte, wurde er durch Masterblender Ian Chang vertreten. Selbiger konnte berichten, dass Mister T.T. Lee, allmächtiger Boss des "King Car"-Nahrungs- und Putzmittelkonzerns (in unseren Breiten durch "Mr. Brown" Dosenkaffee bekannt), nach dem Beitritt des Landes zur WTO in 2002 und dem Fall des staatlichen Alkoholmonopols mit der Planung einer Destillerie nach schottischem Vorbild begann. Nach nur neun Monaten Bauzeit wurde der Komplex 2005 vollendet und am 11. März 2006 floss der erste New Spirit aus feinsten, schottischen "Forsyths"-Brennblasen.

An dieser Stelle kurz ein paar Daten. Die durchschnittliche Außentemperatur liegt in Taiwan (bekanntlich eine Insel östlich der VR China, ungefähr auf der Höhe von Hongkong, nördlich der Philippinen, völkerrechtl. Status ungeklärt) bei 25-27°C übers Jahr gesehen. Ein subtropischer Sommer geht dabei aber gern mal von März bis Oktober und bringt dabei Tageshöchstwerte von 37-40°C mit. Das ist überhaupt nicht schottisch und bringt daher einen für Whiskyliebhaber beunruhigenden Angels' Share von rund 15-18% mit sich. Das Fasslager ist ein fünf Stockwerke hohes, modernes Warehouse, in dem - insbesondere in den oberen Stockwerken - extrem hohe Temperaturen herrschen. Diese klimatischen Umstände führen zu einer Art Turboreifung des Destillats. Nicht zuletzt die Beratung durch Whiskyguru Dr. Jim Swan (Consultant und bekannt als Master Blender bei "Penderyn") führte zu einem von Anfang an konsequent professionellen Fassmanagement. Verwendet werden Ex-Bourbon-, Ex-Sherry-, Ex-Wein- und auch Ex-Whiskycasks (!) - letztere aus Schottland und Japan, die, sobald befüllt, jedes Jahr qualitätstechnisch kontrolliert werden - jedes der zur Zeit 30.000-35.000 Fässer wohlgemerkt, da sich bei dem enormen Reifungstempo auch Fehler extrem schnell ausbilden können. Nicht alles bringt also nur Vorteile. Die verwendete Gerste (3-4 verschiedene Varietäten) wird hauptsächlich aus Schottland, England, Schweden und Australien bezogen. 
Während für den taiwanesischen Markt auch Whiskys mit nur zweijähriger Lagerdauer produziert werden, kommt der Standardwhisky "Kavalan Single Malt" (40% Vol., verschiedene Fasstypen, ca. 60 EUR) in der Abfüllung für Europa als dreieinhalb- bis vierjähriger Single Malt in die Flasche. Der recht ordentliche Malt hat mich mit seinen Mandel- und Citrustönen bei doch recht honiglastigem Malz nicht vom Hocker gerissen. Das Portfolio reicht über den "Concertmaster" mit Portweinfassfinish und dem oben genannten "King Car Conductor" zu den Einzelfassabfüllungen (Cask Strength, ungefärbt, keine Kältefiltrierung) namens "Solist". Ah ja. Hier werden wir fündig. Der "Vinho" (aus einem nicht weiter beschriebenen Ex-Weinfass, 57,7% Vol., Cask: W071210053, ca. 100 EUR) war weniger mein Typ als der "Solist" aus einem Ex-Bourboncask (56,3% Vol., Cask: B080616033, ca. 120 EUR), der einfach ein reinrassiger Ex-Bourbonmalt mit Schlüsselaromen von Vanille, Kokosnuss und Honig ist. Gelungen! Noch besser finde ich den "Solisten" aus einem Olorososherryfass (58,6% Vol., Cask: S060703032, ca. 130 EUR). Ich durfte davon mittlerweile aus drei verschiedenen Fässern - alle vom gleichen Produktionstag - kosten. Und alle drei waren - nunja - kleine Sherrybomben mit viel Frucht und - bei aller Power - mit angenehmer Süße. Die haben mir persönlich auch besser gemundet als der - für mich - doch reichlich eckige "Solist Fino Sherry" (58,1% Vol., Cask: S060814050, ca. 255 EUR), für den zudem noch ein etwas abgehobener Preis aufgerufen wird. Nunja. Zum blauetikettierten "Vinho" darf ich noch eine Besonderheit vermelden: Hier kommen spanische, portugiesische und italienische Rot- und Weißweinfässer zum Einsatz (natürlich immer nur eines pro Bottling), deren Innenseiten mit der Hand "abgehobelt" und anschließend einem neuen Toasting & Charring unterzogen werden.
Die Fasscodes sind leicht zu entschlüsseln: B, S oder W steht natürlich für den Typ Bourbon, Sherry oder Wein. Dann folgt das Destillationsdatum - z.B. 060703 für den 3. Juli 2006. Dann folgt noch die dreistellige Fassnummer - z.B. 032. Das Bottlingdate ist nicht auf dem Etikett, sondern auf der Flasche aufgedruckt. Die derzeit aktuellen Flaschen im deutschen Einzelhandel wurden rund um den 24.12.2012 abgefüllt. So lässt sich das genaue Alter kinderleicht ermitteln. Bei genauem Hinsehen bemerken wir also, dass bei Sherryfässern die Ausbeute rund 550 Flaschen nach einer Lagerdauer von über sechs Jahren beträgt, während bei Bourboncasks nach rund 4,5 Jahren nur ca. 200 Flaschen abgefüllt werden. Viel Spaß beim Rückrechnen auf die ursprüngliche Füllmenge und Fassgröße.

In München stand mir neben Herrn Chang auch Whiskyfachmann Bernhard Schäfer Rede und Antwort, der das asiatische Team in Deutschland bei Master Classes und Seminaren unterstützt.

whatadrink: Bernhard, "Kavalan" Whisky ist ganz neu in Deutschland. Wo würdest Du diesen Whisky in Deiner persönlichen Whiskywelt ansiedeln?

Bernhard Schäfer: Meine persönliche Whiskywelt ist die Welt des rauchigen Whiskys. Das ist bisher - einen sehr leckeren "Kavalan", der in einem Islaywhiskyfass gelagert wurde, durfte ich allerdings in Taiwan bereits probieren - nicht die Ausrichtung von "Kavalan". Wir dürfen bei aller Lieb zu dem ganzen rauchigen Zeug nicht vergessen, dass sich weltweit gesehen der nichtrauchige Whisky größerer Beliebtheit erfreut. Aber um auf Deine Frage zurückzukommen: Das ist einfach sehr guter Whisky! Wenn wir beide morgen mit der Whiskyproduktion beginnen würden, gäbe es viele Punkte zu beachten. Und all das, was man dabei steuern kann, haben die Menschen bei "Kavalan" richtig gemacht. Die haben den besten Mann als Berater, die beste Herstellerfirma für ihr Equipment, und die besten Fässer, die man für Geld bekommen kann. Und dazu hat man in Taiwan ein lustiges Klima. Zudem experimentiert man dort auch. Zum Beispiel hat man die Fässer aus allen großen amerikanischen Destillerien getestet und festgestellt, dass man außer mit Fässern von "Jack Daniel's" gleichbleibend gute Resultate erzielt. "Kavalan" funktioniert einfach nicht mit "Jack Daniel's"-Fässern.

wad: Wir kennen mittlerweile japanische und indische Whiskies und betrachten beide als eigenständig. Gleiches muss man dann - bei allem schottischen Know-How, das in "Kavalan" steckt - auch für taiwanesischen Whisky gelten lassen?

BS: Ja, Du musst dabei auch sehen, dass außer Japan kein Land in Asien eine Whiskytradition hat. Und dieser Whisky kann mit jedem schottischen Whisky mithalten. Die Ergebnisse in internationalen Blindverkostungen sprechen eine eindeutige Sprache.

wad: Mir hat der "Solist Sherry", also aus dem Olorosofass, bislang am besten gefallen. Ein fruchtiger Sherrywhisky, der bei aller Zugänglichkeit nicht langweilig ist. Wer ein bisschen Ahnung hat, weiß aber auch eine gelungene Ex-Bourbonfass-Abfüllung zu schätzen.

BS: Ich finde, grade an einem Bourbon-Single Cask siehst Du die Qualität der Destillation. Sherryfasswhisky bietet immer die Möglichkeit mit intensivem Sherryholz das ein oder andere abzudecken. Das ist beim Bourbonfassausbau nicht ganz so einfach. Da kommt schon viel deutlicher die Qualität des New Makes durch. Dazu kommt, dass man Segen und Fluch zugleich hat, da durch die Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit vor Ort, die Reifung sehr schnell vor sich geht und so auch schnell Fehler passieren können, die nicht mehr zu "reparieren" sind. "Kavalan" hat da ziemlich Stress mit der Überwachung des Lagerbestandes.

wad: Der indische Hersteller "Amrut" hat ja ein ähnliches Klima/Lagerproblem und hat mit interessanten Experimenten wie "Intermediate", "Two Continents" und "Herald" zum Teil auch Whisky in Europa reifen lassen. Kann man von "Kavalan" Ähnliches erwarten?

BS: Ich glaube nicht. "Kavalan" fokussiert sich zum einen darauf einen guten Whisky zu machen. Damit hat man genug zu tun und verkaufen will man den auch erstmal. Die Range ist schon ziemlich groß und drei neue Abfüllungen, die ich noch gar nicht im Detail kenne, sind schon in der Pipeline - u.a. auch die Islaycaskgeschichte.

wad: Das ist doch überhaupt eine verrückte Entwicklung, dass Whisky, Rum, Gin oder Wein durch eine mehr oder weniger lange Fasslagerung Islaycharakter verliehen wird.

BS: Moment. Islaycharakter stimmt ja nicht. Es gibt doch genügend Whiskyabfüllungen von Islay, die überhaupt nicht mit getorftem Malz zu tun haben. Aber zurück zu Deiner Frage. Bis zu einem gewissen Punkt ist "Kavalan" also auch innovativ. Man muss aber nicht alles machen. Ich sehe weder ökonomische noch olfaktorische Vorteile. Die Auswahl ist ja jetzt schon ziemlich breit.

wad: Noch eine Frage, die vielleicht Leute interessiert, die sich jetzt die eine oder andere Flasche vom "Solist" kaufen. Hast Du Informationen dazu wieviele verschiedene Einzelfässer im Jahr (für uns in Deutschland) abgefüllt werden?

BS: Kann ich nicht sagen, wird aber sicher mit dem Abverkauf zusammenhängen. Der "Solist" wird derzeit nach Frankreich, Großbritannien und Deutschland exportiert. Du musst schon sehen, dass das echter Hardcore-Singlecask inklusive no-coloring und no-chillfiltering ist. Frankreich hat da sicher andere Fassnummern als bei uns.

wad: Stimmt.

BS: Es wird eben auf die Nachfrage ankommen. Bei uns ist der Stoff ja erst seit zwei Wochen erhältlich.

wad: Wer ist denn eigentlich der Vertriebspartner in Deutschland?

BS: Das macht die Firma selber. Man wollte sich wohl zunächst einen Großhändler suchen, aber da man eh selber importiert, vertreibt man jetzt auch direkt an die Einzelhändler.

wad: Danke für das Gespräch.
Fazit: Ausgezeichneter Stoff aus einer State-Of-The-Art-Destillerie + Lagerung bei subtropischem Klima + hochklassiges Fassmanagement = komplexer Whisky mit vielen entdeckenswerten Nuancen aus einem whiskyverrückten Land. 

Taiwan rangiert mit "nur" 23 Millionen Einwohnern unter den Top Ten der Whiskynationen, was den Verbrauch anbelangt und das Kavalansche Visitor Center besuchen jährlich rund 1 Mio. Menschen - mehr als in allen schottischen Destillerien zusammen. Als einziges Manko des Ganzen bleibt der relativ hohe Preis im Vergleich zu schottischen Destillaten. In Taipei liegt der Stoff übrigens auch auf ordentlichem Preisniveau. Eine Flasche "Solist Sherry" kostet dort umgerechnet etwa 100 Euro. Dazu darf man auch im Hinterkopf behalten, dass "Kavalan" keine urige Micro Farm Distillery ist, sondern bisher jährlich 9.000.000 Flaschen auswirft. Der Neubau einer zweiten Produktionslinie plus neuer Lagerhäuser wird wohl bereits angedacht. Aber war z.B. japanischer Whisky jemals günstig? Eben.

Und um abschließend auf den obigen Vorwurf des Retortenwhiskys zurückzukommen. Wer sagt denn, dass man als kleiner schottischer Schwarzbrenner, der sich vorm Steuereintreiber versteckt, anfangen muss, um 200 Jahre später erfolgreich Whisky verkaufen zu können?

Da ich nicht der Erste und sicher auch nicht Letzte bin, der über "Kavalan" schreibt, darf ich dem Leser viel Spaß bei einer ergänzenden Internetrecherche wünschen. Hier ein paar aktuelle YouTube-Clips:

Montag, 25. Februar 2013

Finest Spirits 2013 im Zeichen des Rums

Am letzten Wochenende fand in Münchens MVG-Museum das "Finest Spirits"-Festival statt. Die Veranstaltung, die 2011 noch den Untertitel "Munich Whisky & Bar Festival" trug und damit Bezug auf ihre Abstammung als reinrassiges Whiskyfest nahm, hat sich zur größten Consumer- und Lifestylemesse ihrer Art in Deutschland gemausert.
Während nach meinen Beobachtungen am Freitag ein Zuwachs an Besuchern zu verzeichnen war und die Location am Samstag fast aus den Nähten platzte, war die Lage am Sonntag direkt entspannt. Das begleitende Vortragsprogramm war wieder sehr erlesen und vielleicht kann der Veranstalter an diesem Punkt ansetzen und für eine "Entzerrung" sorgen, da doch einige Highlights am Samstag geballt anstanden.

Der verwendete Slogan "Alles rund um Whisky, Wodka, Gin und Genuß" zeigt zwar die längst erfolgte Erweiterung hin zu weißen Spirituosen, geht aber natürlich längst nicht weit genug. Renommierte Obstbrenner (mit und ohne Whiskyproduktion) aus nah und fern gaben sich ebenso ein Stelldichein wie Käseaffineur, Schokoladenmanufakturen, Eismann (natürlich mit hochprozentigen Kreationen), Bourbon-Mike, Fassmacher und Rumhändler. 

Letztere waren dieses Jahr besonders stark vertreten. Der Sektor "Rum" wächst in Deutschland erfreulicherweise. Wenn auch nicht schnell, so doch stetig. So war das Traditionshaus "Charles Hosie" mit den ersten beiden Abfüllungen seiner neuen "Hauslinie" vertreten, die ausgezeichneten Rums aus der "Plantation"-Serie von "Cognac Ferrand" gab es zu verkosten, wie auch die ganze Palette von "Zacapa" aus Guatemala oder von  "Centenario" aus Costa Rica, die brandneuen Single Cask-Rums von "Isla Del Ron / Malts Of Scotland" (mehr dazu folgt), der "Whisky Agency" (Jamaica 35y!) und von der "Scotch Malt Whisky Society". Die letzteren drei sind als erstklassige Whiskybottler bekannt und versuchen sich neuerdings mit Toprums in Faßstärke, unfiltriert und ungefärbt. Das ist echter Rum. Ein Ausrufezeichen. 
Das setzte auch Germanys Rum Ambassador und Chef des "German Rum Festivals" Dirk Becker aus Berlin, der nicht nur ein Tasting leitete, sondern in seinem Festivalshop "Rum Depot" auch ein Highlight der Messe feilbot: "Blue Mauritius", ein in frischen Portweinfässern gereifter Rum, der aus frisch gepresstem Zuckerrohrsaft hergestellt wird und den Connaisseur mit einem Spiel zwischen Bananasplit und kurzgereiftem Rhum Agricole einfängt. Der Rum sorgte sogar bei Facebook zwischenzeitlich für Furore ("München liebt Blue Mauritius"). Gut so.
Whisky gab es auch. Und nicht zu wenig. Besonders interessant waren die Brandneuen, wie z.B. die Sherryexpressions von "Slyrs" und die hochgelobten Taiwanesen von "Kavalan" (Bericht folgt). Aber auch die Alten, wie sie von "Raritäten Langer" oder den Freaks von "Slowdrink" / "Munich Spirits" um Pit Krause in erschwinglichen Drams verkauft wurden (Stichwort: Monster Malts).

Ins Detail in Sachen Whisky ging der in allen Spirituosengattungen bewanderte Guru Jürgen Deibel. Er präsentierte zusammen mit Lorenzo Garcia von "Bodegas Tradicion" zwei 1999er "Glengoyne" Single Malts, die nach Reifung im Ex-Bourbonfass ein Finish im Palo Cortado- bzw. Pedro Ximenez-Sherryfass erhielten. Das ist nichts besonders? Moment! Die Sherryfässer stammen aus 60-70 Jahre alten Beständen der Bodega und wurden so nicht - wie heute üblich - nach Wunsch der schottischen Destillerie designt. Zudem reifte in ihnen zuletzt nicht irgendein Sherry, aus dem später "nur" Sherryessig wurde, sondern ein 33jähriger bzw. ein 20jähriger Sherry und - jetzt kommts - die sind zusammen mit den Whiskyabfüllungen zu erwerben. Der Sherry zum Whisky und beide aus dem selben Fass. Schöne Idee. Leider nicht ganz billig. Mir hat die P.X.-Variante besonders gemundet.
Aber es gab auch Leute, die nur zum Schmauchen in der "Dallmayr" Cigar Lounge gekommen waren und denen der flüssige Teil der Veranstaltung völlig egal war (kein Witz). Aber Geniessen kann der Mensch bekanntlich auf vielerlei Art. Neuerdings auch beim Pairing von Schokolade mit Champagner (geil!) usw...

Wie der Leser feststellen kann, hat mir die Festivität sehr gut gefallen. Frank Böer und sein Team sind auf dem richtigen Weg. Bleibt nur die Frage: Wer hat die lärmige Band bestellt?




  



Update: Die offizielle Bildershow

Sonntag, 10. Februar 2013

Monaco Vodka @ Distillers Bar oder: Munich Vodka War

"Lass uns noch was Wodka holen
russische Vitamine
Ich glaub, wir müssen nochmal hin
Ich glaub, der Typ schläft schon"
(Einstürzende Neubauten, "Yü-Gung", 1985)
Um russische Vitamine ging es hier bei wad bislang nur selten. Das soll auch so bleiben. Doch anlässlich der vom Trinkermagazin "Mixology" kürzlich ausgerufenen Vodka-Wars, muss ich den Zeigefinger - wie so oft - mal wieder auf München dirigieren.
Ein Samstagnachmittag in München-Schwabing. Es geht um Vodka, um eine Cocktailbar, das Schwabinger Publikum und um ein Münchner Original, das passender Weise den bürgerlichen Namen Franz Münchinger trägt.
Unter diesem Namen kennen den Monaco Franze, einen sogenannten Stenz, aber auch heute nur Insider. "Der Monaco Franze, das war doch der Helmut Fischer", so zumindest Volkes Meinung. Und das stimmt. So wie Horst Tappert Derrick war, so war der Schauspieler Helmut Fischer der Monaco Franze in der gleichnamigen Fernsehserie des BR. Leider wandeln die beiden realen Personen nicht mehr unter uns - doch sind sie aufgrund der Fleischwerdung ihrer beiden TV-Figuren auch weiterhin allgegenwärtig. Viele Aussprüche des Monaco (so die Kurzform) haben sich - auch Dank vieler TV-Wiederholungen, Video und DVD - erhalten und sind irgendwie in den täglichen Sprachgebrauch nicht nur seiner eingefleischten Fans eingegangen.

Aber das nur nebenbei zur Aufklärung für Menschen, die hierzulande z.B. auch Fragen wie "Wie schreibt man Krapfen? Mit K oder mit G?" stellen. Naja, Preisn eben. 

Ein cleverer Kopf hat sich nun diese Namen als Marken schützen lassen und so das Label "franzmünchinger" geschaffen unter dem bislang Lederhosen, Kaffeehaferl, Brotzeitbrettl, T-Shirts, ein Fahrrad (!) und noch dies und das vertrieben werden. Und jetzt eben auch der "Monaco Vodka". Ob nun der echte Franz Münchinger alias Monaco Franze alias Helmut Fischer dem Wässerchen überhaupt zugetan war, ist nicht überliefert. Aber das kümmert die "Munich Distillers" nicht, wenn sie "Münchens ersten Vodka" anpreisen, denn ihr Konzept geht viel weiter. Der "Monaco Vodka" ist vermutlich Deutschlands erste Spirituose mit eigener, exklusiver Cocktailbar inkl. Flagshipstore! Aber hallo!

In Letzterem, der räumlich an die Bar und den integrierten Destillierraum angegliedert ist, kann man die oben beschriebenen Produkte erwerben. In der Distillers Bar (Occamstr. 2, Barkarte) werden unter der Obhut von Barchef John Hofmann (Ex-Barista, Barzirkel München) täglich ab 18.00 Uhr (außer Montag) gemischte Getränke aller Art präsentiert. DJs, Livemusik und Monaco Franze auf Großbildleinwand runden das Unterhaltungsprogramm ab - Nervenkitzel à la Bombenexplosion in der Nachbarschaft gibts von Zeit zu Zeit gratis dazu.

Die Macher im Interview

Ich konnte bei Geschäftsführer Konstantin Graf von Keyserlingk und Barchef John Hofmann nachfragen:

whatadrink: Sie haben eine hochwertige Carl-Brennereianlage in einer Cocktailbar installiert. Was wird da alles produziert?

Konstantin Graf von Keyserlingk: Ja, das stimmt. Wir haben ein innovatives Konzept, das Bar und Destilleriebetrieb kombiniert. Was uns sehr wichtig war, ist, dass wir neben der Herstellung unseres Vodkas unseren Gästen in sogenannten Showbrenneinlagen zeigen können, wie Destillate verschiedenster Art entstehen und durch die Kombination von Gastraum und Manufaktur haben wir die Möglichkeit z.B. Limited Editions eines Gins, Aquavits oder eines Fruchtdestillats herzustellen, was der Kunde vor Ort live erleben kann.

wad: D.h. ich könnte heute zu Ihnen kommen und Sie produzieren hier - mit einer gewissen Vorlaufzeit - exklusiv einen whatadrink!-Gin für mich, anhand meiner Ideen, die ich in die Rezeptentwicklung einbringen kann?

GvK: In der Tat. Es gibt Bestrebungen von unserer Seite das Konzept in diese Richtung auszuweiten. Aktuell ist es so, dass unser Team Rezepte entwirft. Ab der zweiten Jahreshälfte 2013 soll es verschiedene Gins geben, die aber zunächst nur hier in der Bar ausgeschenkt und ggf. später als Limited Editions verkauft werden. 

Dass wir bestimmten Kunden, die Interesse haben, bereit sind tief in die Materie einzutauchen und auch kostentechnisch investieren wollen, die Gelegenheit geben ihre eigene Spirituose zu entwickeln, die z.B. als Firmen-/Kundengeschenk ausgestattet und customized wird, ist durchaus möglich. Man kann dann auch hier degustieren. Wir haben also ein Konzept, bei dem der Kunde uns mit der Umsetzung beauftragt, aber selbst auch daran beteiligt ist. So weit sind wir noch nicht, aber das wird kommen. In welcher Form das dann genau der Fall sein wird, lässt sich jetzt schwer sagen auch, wo sich eine solche Sache kostentechnisch ansiedeln wird. Wir hatten aber schon Nachfragen in diesem Bereich.

wad: Die Bar sitzt im Herzen Schwabings zwischen Schwabinger Sieben und Vereinsheim und wird daher wohl ein eher gemischtes Publikum haben. John, Du warst jetzt elf Jahre im "Barista", das sicher einen anderen Kundenkreis mit ganz geringem Anteil an sogenannter Laufkundschaft hatte. Wie siehst Du die Ausrichtung der Bar an der Besonderheit, dass eine Destille in selbiger steht?

John Hofmann: Nun, man könnte das hier auch als Eventlocation sehen. Eben durch die Destille, mit der man Erleben kann, wie eine Spirituose gebrannt wird. Das wird aber in der Regel tagsüber stattfinden. Am Abend ab 18 Uhr haben wir dann unsere Bar offen, mit der wir allerdings wegkommen wollen von der klassischen, kalten Bar, an der man sich auf den Drink konzentriert und wo man einen sehr schönen Drink haben und gute Gespräche führen kann, aber sonst nicht viel mehr erlebt. Unser Lokal ist so gedacht, dass man hier Spaß mit gut gelaunten Gästen hat - ohne dass es gleich ein Club ist. Die Drinks sind aber von der Qualität, wie man sie an der klassischen Bar erwarten kann.

wad: Im näheren Umkreis findet sich meines Wissens keine renommierte Cocktailbar. Die Szene konzentriert sich eher im Glockenbachviertel oder im Altstadtbereich oder liegt mit z.B. Goldene Bar oder Gabányi in ganz anderen Ecken oder besonderen Locations. Damit haben Sie hier ein Alleinstehungsmerkmal aber auch vielleicht den Auftrag, den guten Drink wieder nach Schwabing zu bringen. Ist das so?

JH: (lacht) Ja, das ist genau unser Ziel. Die ehemalige Ausgehmeile Schwabing oder Alt-Schwabing wurde in den letzten Jahren etwas vernachlässigt. Wir fanden diese Ecke aber wunderbar und es gibt wirklich nichts hier, was die Qualität und den Service anbietet, den wir anbieten wollen. Und wir meinen, dass Schwabing das verdient hat.

wad: "Monaco Vodka" ist sicher eine gute Mixspirituose. Aber in der Distillers Bar soll es nicht nur Vodkadrinks geben. Wo siehst Du die Schwerpunkte Deiner Barkarte?


JH: Wir arbeiten fast ausschließlich mit frischen Produkten. Aufgrund unseres gut gemischten Spirituosenangebots können wir natürlich alle gängigen Cocktails oder Longdrinks mixen. 100 Single Malts oder so brauchen wir nicht, da wir uns nicht als Whisky- oder Rumbar oder Wasweißichbar verstehen.

wad: Vodkabar?

JH: Es ist natürlich ein Schwerpunkt, dass wir unser Produkt verkaufen wollen. Das ist normal - das ist Marketing. Deswegen gibt es unseren Vodka auch in vielerlei klassischen Vodkacocktails und Eigenkreationen um ihn zu präsentieren.

wad: Die nächste Frage ist der Running Gag in Sachen Vodka: Was ist das besondere an Ihrem Vodka?

GvK: Vodka ist ja ein überall bekanntes Produkt und wird mit den traditionellen Herkunftsländern Polen und Russland in Bezug gebracht. Und dazu haben viele Menschen noch immer das Bild vom Kartoffelschnaps im Kopf. Viele Marken, insbesondere in Deutschland, nehmen auf die geografische Herkunft bezug und setzen auf russische Assoziationen mit verschnörkelten Elementen und dem Namen. Wir dachten uns aber, wir gehen komplett neue Wege, kehren das um und nehmen ein internationales Produkt aus seinem internationalen Umfeld und branden es sehr sehr stark lokal. Da kommt unser Monaco Franze als Sympathieträger dazu, der das Branding der Flasche maßgeblich prägt neben dem Münchner Gedanken, der sich auf dem Label der Flasche verwirklicht. Wir glauben, dass wenn wir die Qualität, die der Kunde von Premiumprodukten gewöhnt ist, in einem lokalen Münchner Umfeld machen können, ein ganz neues Produkt schaffen, das an Altbekanntes anknüpft und wir damit Erfolg haben werden.

wad: In welcher Kategorie ist Ihr Vodka denn anzusiedeln? 

JH: Er ist schon eher im traditionellen Bereich zu sehen. Er ist aus 100%-Bioweizen gemacht und trägt das Ökosiegel. Ich sehe ihn in der Premiumliga wobei wir auch ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis bieten können. Einen Vodka in dieser Qualität bekommt man zu diesem Preis eher selten bis gar nicht. Vodka ist nunmal eine Spirituose, die einen relativ geringen Eigengeschmack haben soll. Trotzdem hat jeder Vodka in irgendeiner Form einen Geschmack. Wobei Geschmack in diesem Fall eher Charakter bedeutet, da die Unterschiede nur Nuancen sind, die beim Purtrinken in Zimmertemperatur zu Tage treten. Im Cocktail ist das nicht zu Schmecken. Eine gute Spirituose soll nach meiner Meinung den Gaumen füllen und nicht so stark Nachbrennen. Unser Vodka hat diese positiven Eigenschaften und vor allem einen klaren Abgang mit einem gewissen Nachhall. Und man hat nach dem Genuss nicht das Gefühl, dass man gerade etwas Unangenehmes getrunken hat. Also keine Bitterstoffe oder Ähnliches.

GvK: Das typische Alkoholbrennen vermeiden wir auch durch unser Filtersystem, das von der TU München entwickelt worden ist. Das ist ein Element auf das wir sehr stolz sind.

Münchens erster Vodka contra Löwenwässerchen

So, danke für die Infos und das Gespräch. Hier auf dem Tisch steht nun "Münchens erster Vodka". Doch ist er das wirklich? Bekanntlich hat die Persephone Destillerie, die nur zwei Kilometer von der Distillers Bar entfernt liegt und seit einigen Jahren erfolgreich "The Duke - Munich Dry Gin" herstellt, seit 2012 den "Lion's Vodka" auf dem Markt. Doch der wurde erst beim BCB im Oktober vorgestellt, während die Distillers schon am 27. September auf einer Pressekonferenz ihren "Monaco" präsentierten. 1:0 für die Distillers in diesem kleinen Gefecht.

Aber nun gleich zur wichtigsten Kategorie bei Vodka: Die Flasche - zu deutsch: Packaging. Der Löwe kommt in einer gedrungenen, abgerundeten Bottle, die in der Rubrik "Verkostet & Bewertet" des oben schon erwähnten Magazins von dem geschätzten Berliner Barmann Arnd Henning Heissen wie folgt beschrieben wurde: "Eine Flasche, die aussieht, als ob zwei Studenten in ihrer freien Zeit ein Label ausgedruckt und auf eine Flasche aus dem Chemielabor geklebt haben und jetzt versuchen, damit bei ihren Klassenkameraden ein wenig ihr Taschengeld aufzubessern". Christina Schneider, auch in Berlin tätige Vorzeigefrau der Branche, schreibt im gleichen Blatt "schönes Logo, schnuckelige Flasche". Immerhin. Merke: Hier ging es um den "Lion's". Mehr dazu hier.

Verkostet und Abgewertet?

An dieser Stelle ein Ausritt. Dass Berliner Barmenschen von bajuwarischem Schnaps und dessen traditionellem Packaging nur wenig verstehen, mag einleuchten. Ich bin mittlerweile der Meinung, dass "Mixology" dringend sein Bewertungssystem bei "Verkostet & Bewertet" überdenken sollte. Allzuviele Urteile landen hier in den letzten Ausgaben im Bereich 50-69 Punkte - "Solide" bis "Gut" also. Seltenst ist die Kategorie "Sehr Gut" und fast nie die Notenstufen "Ausgezeichnet" oder "Überragend" besetzt. Und wenn, dann landeten da ein Rhabarbernektar, zwei (überbewertete) Piscos, ein 30-Euro-Cachaca und eine inzwischen eingestellte Grapefruitlimo. Die Höchstnote hat meines Wissens nur der "Plantation" Overproof Rum vorletztes Jahr erreicht. Sind denn die Neuheiten der letzten Jahre echt so durchschnittlich? Liegt die Latte der (Berliner) Tester wirklich so hoch? Zuletzt kamen mir gleich drei von einander unabhängige Industrievertreterstimmen zu Ohren, die mit ihren Zensuren äußerst unzufrieden waren - gerade im Vergleich mit Konkurrenzprodukten. Auch ich selbst konnte manche Punktvergabe nicht mehr nachvollziehen. Aber das gehört ja gar nicht hierher...

Geschmack? Welcher Geschmack?

Wir waren bei der Flasche stehengeblieben und daher gibts nun ein paar Gedanken zur "Monaco"-Verpackung. Die Form ist schlicht (nix Bling-Bling) und pouringfreundlich. Der Drehverschluss (einzige Monaco Franze-Reminiszenz) spielt an der Bar keine Rolle - gleiches gilt für die Bio- und CO²-Neutral-Zertifikate. Das sind Endverbrauchergimmicks. Der rote Balken vorn mit kleiner Münchner Skyline und Schreibschrift ist ok, die Weizen- und Hopfenelemente sind recht dezent wie auch das große schwarze Monaco M, das vor einem dunklem Hintergrund praktisch verschwindet. Das Ganze ist aufgedruckt und nicht etwa aufgeklebt. Von mir gibts ein "Gut". Der "Lion's" liegt bei mir mit seinem Kalligrafielook aber vorn: 1:1.

Beide Brände sind saubere Vertreter ihrer Zunft. Der "Monaco" ist ein klares Allroundgenie, das sich sowohl hinter Massen-/Pouringbrands wie "Absolut" als auch hinter dem Premiumlager in den hochwertigen (?), gelaserten & satinierten Flaschen nicht verstecken braucht. Der "Lion's" wirkt in Sachen Mundgefühl etwas voller, die dafür verantwortliche Getreidemischung aus Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel (Die genaue Mashbill wäre interessant) macht ihn wohl auch eine Spur süßer. Ein "echter" Roggenvodka hat dann aber etwas mehr geschmackliche Power. Der Begriff Sippingvodka existiert übrigens nicht. Letztlich jagen mir beide meine Vodkalieblingsmarken "Green Mark", "Chopin"und "Wyborowa Exquisite Single Estate" nicht vom Acker, tun aber auch nicht weh. Spielstand 2:2.

Fazit: Unentschieden im Vodkakrieg. Münchens Andenkenläden und Naturkostinseln sollten die beiden neuen und wertigen Vertreter bayerischer Brennkunst im Regal haben. Der "Monaco" bietet sich auch fürs Pouring an. Ob die beiden sich überregional durchsetzen können, wird man sehen. Der Kartoffelvodka "Bavarka" von Lantenhammer ist preislich keine Konkurrenz, wird aber ebenso wenig am Schliersee destilliert, wie die beiden Münchner in Schwabing, da alle drei Hersteller nicht über entsprechende Anlagen/Genehmigungen verfügen. Die Distillers Filtern und Füllen aber zumindest dort ab.

Hinweis: Aufgepasst Stenz! Der Löwe war zuletzt beim "Ball des Sports" in der "Playboy Lounge" gesichtet worden während Du zum Fasching mit dem "Herrn der sieben Meere" am Faschingsdienstag eingeladen hast. Vodka ist Sex! Die letzte Folge des Monaco Franze im TV hieß übrigens "Abgestürzt".

Mittwoch, 23. Januar 2013

Whaler's Rum is back in Germany

Neues Jahr - neuer Rum. D.h. ganz neu ist er nicht, aber er war für längere Zeit nicht in Deutschland erhältlich - auch nicht auf grauen Kanälen. Die Rede ist vom "Whaler's Rum". Beim neuen Importeur, der bayerischen "DTS & W GmbH", ist ab sofort zunächst nur eine Abfüllung, der sogenannte "The Original Dark Rum" (40% Vol.) erhältlich. Die 1-Liter-Flasche wird im Onlinehandel für ca. 25 EUR brutto zu haben sein. Was steckt dahinter? Was kann der Stoff denn nun?

Die erste Frage ist schnell geklärt. Wie viele andere der Big Boys produziert der U.S.-amerikanische Bourbongigant "Heaven Hill Distilleris Inc." in Bardstown, Kentucky, alle möglichen Spirits und Liköre - u.a. auch Rum. Wie wir mittlerweile gelernt haben (z.B. aus Wayne Curtis' hervorragendem Werk "...and a bottle of rum") war nicht Rye- oder gar Bourbonwhiskey der erste National Spirit des nordamerikanischen Kontinents, sondern Rum. Schlägt man einen großen Bogen bis heute, so fällt uns natürlich die "Prichard's Distillery" in Tennessee ein, deren Whiskey- und Rumabfüllungen mittlerweile auch in Deutschland erhältlich sind. Wie "Prichard's" hat auch "Heaven Hill" mit seiner eigentlich von Hawaii stammenden Marke "Whaler's" (zu deutsch: Walfänger) einige flavored Rums im Programm. Insgesamt acht "Whaler's" werden hergestellt und so gibt es neben dem dreifach-destillierten "Great White Rum" Kokosnuss-, Banana-, Vanille, Ananas- und natürlich Spiced-Rum. Dazu kommen die beiden Varianten "Rare Reserve" und "Original Dark", welcher vom Hersteller als "the ultimate topping rum, perfect for any tropical drink" beschrieben wird. Damit ist die Richtung auch schon vorgegeben.

Frau Kristina Wolf, Rumaficionada aus Berlin, hatte neben mir das Vergnügen die beiden letzteren Abfüllungen in einem Blindtasting vorab gegeneinander zu verkosten. Ihre und meine Feststellungen lassen sich in etwa so zusammenfassen:

"Whaler's Original Dark"
N: (Milch)Schokolade, Kokos, Vanille;
G: süß, das Bukett verschwindet schnell, kurz;
A: etwas dünn, hinterlässt leichte Bitternoten auf der Zunge;
F: Mixrum - nothing else;

"Whaler's Rare Reserve"
N: süß, würzig (nach was eigentlich?), Orangenaroma;
G: zu süß, Orangenlikör auf Rumbasis;
A: "klebt alles zu", nur gekühlt zu gebrauchen;
F: kein Rum im herkömmlichen Sinn, ein Likör;

Das Ergebnis ist also keine Überraschung. Insbesondere der eingängige und schokoladige "Original Dark" bietet sich als universeller und bezahlbarer Mixrum an. Umgerechnet auf 0,7l liegen wir bei netto unter 15 EUR - dem Knackpunkt im rentablen Barbetrieb. Gibt es von den ganzen Blended Rums auf der süßen Seite des Lebens eigentlich einen derart günstigen Vertreter? - Mir fallen auf Anhieb der "Belmond Estate Gold Coconut Rum" und der "Old Monk 7 Years Dark Rum" ein. Irgendwo da steht der "Whaler's".

Außer der Walfängergeschichte (Vanilleschoten in leeren Flaschen am Schiffsrumpf) wird vom Hersteller leider nichts an nützlichen Informationen (z.B. zum eventuellen Anteil an gelagertem Rum (wohl nicht), Färbung oder Zugabe von Aromastoffen) angegeben. Aber egal. Das Resultat spricht für sich. Ob der "Rare Reserve" auch noch nach Deutschland kommen wird, steht laut Importeur noch nicht fest. 

Übrigens: Ein 50:50-Blending der beiden Probanden ergab eine ganz lustige, dessertartige Kaffee-Orangen-Schokostreusel-Mixtur.

Freitag, 7. Dezember 2012

Wiedervorlage: Ron Zacapa (Teil 1)

Der "Zacapa Room" in München geht in letzte Runde. Morgen, am Samstag, hat er zum letzten Mal geöffnet. Am letzten Mittwoch war Masterblenderin Lorena Vasquez in München, um zwei reichlich ausgebuchte Master Classes abzuhalten. Das Interesse an einem Rum, von dem jeder schon alles zu wissen scheint, ist also weiterhin groß. Der eine oder andere hat ein wenig Vertiefung seines Fachwissens aber auch dringend nötig. Wie ich darauf nun wieder komme? Ein Beispiel:

Gast: "Was bedeutet denn die 23 auf dem Etikett"?
Bartender: "Das bezieht sich auf das Alter."
Gast: "Es gibt keinen Rum, der 23 Jahre alt ist."
Bartender: "Doch. Hier sind Rums drin, die zwischen 6 und 23 Jahren alt sind. Der wird in einem Solerosystem gemacht."
Gast: "Das kann ich nicht glauben. Sombrerosystem?"
Bartender: "Doch. Von dieser Marke gab es sogar schon einen 30jährigen Rum. Solero bedeutet, dass da Fässer übereinander liegen und immer gemischt wird."

Hm. Sie verstehen, was ich meine? Das ist jetzt nicht ganz falsch, was der Barmann da von sich gegeben hat. Aber völlig korrekt ists eben auch nicht. Wer findet die Fehler? Außerdem hält sich beim "Zacapa" - gerade weil er schon länger auf dem Markt ist oder gerade weil er seit einiger Zeit im Fokus eines gewissen öffentlichen Interesses steht - die Früher-war-alles-besser-Sage. Aber hat die auch ihre Berechtigung? Können ihre Verfechter wirklich in Anspruch nehmen seit zehn oder fünfzehn Jahren über objektive, geschulte Geschmacksinne zu verfügen und jede Veränderung im Aromenprofil einer so komplexen Spirituose aufzuspüren? Da habe ich meine Zweifel zumal sich das Angebot an Rum im - nennen wir es - Premiumsegment doch stetig verbreitert hat und die Nutzung verschiedener Fasstypen inzwischen schon fast Standard ist (siehe z.B. "Dos Maderas P.X." (P.X. Sherry), "Plantation" (diverse), "Mahiki" (Cognac), etc.).

Dankeswerterweise sind seit einiger Zeit historische Abfüllungen von "Ron Zacapa" auf dem Markt zu finden: Die beiden vollkommen mit Palmenblätterbast umwickelten Abfüllungen "23 Años" (weißes Etikett) und "Black Label", sowie der "Premio Platino X.O." im Dekanter - alle drei mit 40% Vol. und auf eine Abfüllung in 2002 bzw. 2003/2004 zu datieren (siehe die 4 Gold Medal aus 1998-2001 auf dem Frontetikett bzw. die Erwähnung der Auszeichnung in 2003 beim X.O. Zudem findet sich in meiner Kollektion u.a. noch eine etwas ältere Abfüllung des allgemein als "23 Años" bekannten Stoffs (auch wenn diese Alterbezeichnung nur in kleiner Schrift auf dem Rücketikett zu finden ist) aus ca. 2000. Soviel zur Datierung. Und zum Inhalt? Wer hat denn in einem (Blind)Tasting sämtliche aktuelle, historische und wenn auch nur Pre-Diageo-Releases gegeneinander verkostet? Frau Vasquez hat es getan. Und sie hat - will man den Ausführungen bei refined vices Glauben schenken - keine Unterschiede feststellen können. Meine persönlichen Untersuchungen führten zu einem anderen Ergebnis. Mir kamen die alten Versionen - frisch geöffnet natürlich - durchweg weniger komplex vor als spätere Proben. Die hatten zum Teil zwar auch eine gewichtigere Alkoholpräsenz (z.B. beim Sistema Solera 23), was ich nicht so großartig finde, aber dafür konnte ich auch ein Plus an Feuer und eine größere Tiefe - bei mehreren Versuchen übrigens - vermerken.
 

Mein Alltime-Zacapa-Liebling bleibt der ebenfalls noch gut erhältliche "Straight From the Cask". Als Frau Vasquez von anderen Zuhörern dazu befragt wurde, wurde ihr Grinsen doch noch ein bisschen breiter als sonst. Tja, sie sollte es schließlich wissen. Der aktuelle "Etiqueta Negra" mit seinem Finish in frisch ausgebrannten (gebraucht)Fässern (da steckt doch eine Spur Rauch drin?) und der aktuelle, relativ trockene "X.O." mit seinem Ex-Cognaccask-Finish gefallen mir aber durchaus auch sehr gut. Nach neuen Special Releases a la "Aniversario 30" oder einer Single Barrel-Variante aus den vielfach zitierten Old Rums habe ich natürlich nicht gefragt. Da lasse ich mich doch lieber von ihr bzw. Diageo überraschen...

Zum Abschluss aber doch noch mal zur Sachkunde und deshalb nochmal zurück zu refined vices. Dort gibt es eine ausgezeichnete Serie mit einer sehr detailliierten Erklärung zu Zacapas Aging- und Blendingsystem (dazu hier ein vereinfachtes Schaubild), einem Interview etc.

Samstag, 1. Dezember 2012

Der Zacapa Room in München...

...hat leider nur bis einschließlich 8. Dezember 2012 geöffnet und sonntags, d.h. morgen, ist geschlossen. Das sind die schlechten Nachrichten. Die Guten: Die ganze nächste Woche noch kann Mann und/oder Frau allein, zu zweit oder im Grüppchen von 13-22 Uhr einfach so in die Räumlichkeiten am Gärtnerplatz 6 (Ecke Corneliusstrasse) in München spatzieren, an der Bar, auf den Loungemöbeln (Sofa kann mans nicht nennen) oder im seperaten Tastingroom Platz nehmen und... "Ron Zacapa", den Rum der - so zumindest meine Meinung - das Segment Premiumrum definiert hat, genießen! Einfach so. Ohne Eintritt. Für lau. Naja, fast für lau - einige wenige Drinks sind mit Preisen versehen. Aber die angebotenen Tastingtermine (Buchung via Webseite) sind wiederum kostenlos.
Wenn Sie jetzt fassungslos auf Ihren Bildschirm starren, sei zur Erklärung hinzugefügt, dass Ihnen diese gute Tat von "Diageo", einem ganz großen Big Boy im internationalen Spirituosengeschäft, der seit 2008 die Marke "Zacapa" weltweit (weiter) aufbauen darf, zugefügt wird. Zudem gehören Sie offenbar nicht zu dem Teil der Münchner Gesellschaft, die am letzten Donnerstag zur prunkvollen Eröffnung dieses sog. Pop-Up Showrooms geladen war und bei den Ausgaben in Mailand und Turin waren Sie wohl auch nicht zugegen. Aber das ist verzeihlich, es geht ja eigentlich um den Rum.
Ich war aber aus wissenschaftlichen und journalistischen Gründen vor Ort und habe daher auch - dank glücklicher Positionierung in Nähe der Küche - umfangreich am Flying Buffet von Zwei-Sternekoch Tim Raue teilgenommen. Wenn Sie eine ähnliche Veranstaltung planen, sei Ihnen die vorzügliche Entenleberterrine (mit Chili und Mango) des Berliner Maestros ans Herz gelegt. Jaja, so fein ging es zu und fast noch feiner waren die von unseren Münchner Bar-Sternen (!) Oliver von Carnap, Bill Fehn und Lukas Motejzik dargebotenen "Zacapa"-Variationen im schokolierten Tumbler, mit Orangenbaiser oder -schaum (Aquariumpumpe läßt grüßen) oder mit karamellisierten Rosinen oder mit Vanillekipferlrand oder mit Nebel und Rauch oder...
Lassen wir das. Lassen wir lieber Bilder sprechen... (An dieser Stelle greife ich ausnahmsweise auch auf ein paar von der freundlichen Agentur häberlein & mauerer zur Verfügung gestellten Aufnahmen zurück. Ich hatte fast immer die Hände voll mit allerlei Köstlichkeiten, darum...)

Hier noch ein paar besonders empfehlenswerte Bezugsquellen: Bardealer, Barfish, Cognac-Paradise;


 (mit Genehmigung von häberlein & mauerer)
 (mit Genehmigung von häberlein & mauerer)
(mit Genehmigung von häberlein & mauerer)
(mit Genehmigung von häberlein & mauerer)
 

Mittwoch, 28. November 2012

Mal wieder was zum Lesen und Rum für die Haare...

Winterzeit - Geschenkezeit. Auch wenn Sie und Ihre Lieben nicht am alljährlichen Weihnachtsrummelbummel teilnehmen oder aus Prinzip keine Geschenke machen, sollten Sie sich die folgenden Werke mal genauer ansehen:

"1001 Whiskies You Must Taste Before You Die", Dominic Roskow, 960 Seiten, ISBN 978-1-84403-710-0: Seit Sommer 2012 liegt dieses Schwergewicht vor und ist vielleicht weniger was für den Nierentisch (der unter der Last zusammenbrechen könnte), als für das Nachttischchen oder *hüstel* die Toilette. Eindruck macht auf jeden Fall der, der alle Malts, Blends, Irish, Bourbons, Ryes, American Craft Whiskies, etc. schon probiert hat. Sechs deutsche Whiskies sind übrigens auch dabei. Das wäre ja mal ein Anfang. Der Autor verzichtet auf Punkteschema oder sonstige strenge Bewertungen, erzählt aber mal was zur Brennerei, zum Abfüller oder eben zum Whisky selbst. Tastingnotes gibts auch. Eine unterhaltsame Lektüre für eine sechswöchigen Urlaubsreise an den Oderbruch.
"gaz regan's Annual Manual For Bartenders 2012", 277 Seiten, ISBN 978-1-907434-01-3 (auch via Kindle) und "gaz regan's 101 Best New Cocktails 2012", 275 Seiten, ISBN 978-1-907434-03-7: Nach dem Annual Manual 2011 besteht this year's gaz regan gleich aus zwei Bänden. Einmal haben wir das Manual, das sich in einen autobiografischen Teil, einigen Artikeln zu einzelnen Fachthemen inkl. Bartenderportraits - Stichwort: Mindful Bartender - und noch ein paar Abschnitten unter dem Titel Bar Geekery (z.B. Jiggern) unterteilt. Gegenüber der 2011er Ausgabe wurde der Rezeptteil in das "101 Best New Cocktails"-Buch ausgelagert. Dort gibt es dann genaue Rezepturen aus Bars und Cocktailwettbewerben, die der Meister selbst vor Ort vernichtet und mit Kommentaren versehen hat. Eine - wie ich meine - inspirierende Sammlung von durchaus nachahmenswerten Beispielen zeitgenössischer Cocktailkunst.

"Cuban Cocktails", Anistatia Miller & Jared Brown, 271 Seiten, ISBN 978-1-907434-10-5: Was das Œuvre dieser beiden "Drinks Detectives" (CLASS magazine) für die Bartenderwelt bisher bedeutet hat und hoffentlich noch bedeuten wird, kann ich gar nicht abschätzen. Auf jeden Fall macht "Cuban Cocktails" da weiter, wo der Vortrag des "legendary couples" beim BCB 2012 aufgehört hat: Bei den kubanischen Cantineros und ihren Drinks. Ein extrem unterhaltsames Must nicht nur für Cuba Libre-Trinker und Cocktailhistoriker.
"Bourbon, Straight", Charles K. Cowdery, 284 Seiten, ISBN 978-0975870303: Das Buch aus dem Jahre 2004 ist auch heute noch up-to-date, auch wenn die amerikanische Whiskeyszene seit dem einige Änderungen durchlaufen hat. Nennen wir es "Standardwerk" - ohne andere "Standardwerke" hinten anzustellen. Aber Cowdery - Betreiber des "Chuck Cowdery Blog" und Herausgeber des "The Bourbon Country Reader" - ist nicht nur gelernter Journalist, sondern Whiskeyliebhaber und das seit vielen Jahren. Sauber recherchierte Fakten und eigene Erlebnisse/Erkenntnisse ergeben so ein detailliiertes Bild des American Whiskey. Das Buch ist als Kindleedition erhältlich, wie übrigens auch zwei weitere Veröffentlichungen des Autors: "The Best Bourbon You'll Never Taste. The True Story Of A. H. Hirsch Reserve Straight Bourbon Whiskey, Distilled In The Spring Of 1974" bringt Licht in die Geschichte des in letzter Zeit zu Mondpreisen gehandelten Bourbons und zeigt auf, welch ein Unsinn auf dem Rückenetikett der letzten Abfüllungen publiziert wurde. "Small Barrels Produce Lousy Whiskey" stellt diese von Cowdery abgeschossene These in den richtigen Kontext.

Zum Abschluss noch ein Geschenktip für den gepflegten und stilvollen Herren. Das Kaufhaus Manufactum bietet seit kurzer Zeit ein Vielzweckmittel an, das als Badezusatz, Gesichts- und Haarwasser, Körperlotion und Rasierwasser genutzt werden kann. Ob man den "Dominica Bay Rum" mit 55,5% Vol. auf Basis von "feinstem Jamaica-Rum" auch gefahrlos trinken kann, kann ich noch nicht bestätigen. Noch reibe ich mich vor dem Verlassen des Hauses mit feinstem Islay-Malt ein... Frohes Fest!