"Wir brauchten früher keine große Reise,
wir wurden braun auf Borkum und auf Sylt.
Doch heute sind die Braunen nur noch Weiße,
denn hier wird man ja doch nur tiefgekühlt."
("Wann wird's mal wieder richtig Sommer?" von Rudi Carrell, 1975)
Sommerzeit ist Urlaubszeit und da passt doch prima der obige Schlager aus den 70ern, als es mangels Erderwärmung und Klimawandel offenbar eine Eiszeit gab. Hm. Hier im Süden der Republik war es in meiner Kindheit, die damals grade stattfand, zumindest nach meiner Erinnerung immer schön warm. Herr Carrell, der aus den Niederlanden stammte, sang wohl über das Wetter im nördlicheren Teil Deutschlands. Aber egal.
Da wir unseren Flug nach Mauritius (oder waren es die Malediven? Malle?) verpasst hatten, gings eben eben auf die malerische Nordseeinsel Texel nord-östlich von Amsterdam. Schafe, Krabben, Kartoffeln, Dünen, Seehunde, Strand und Sonne. Und Kruidenbitter. Und Gin.
Ja, jede noch so popelige Stadt/Region, die auf sich hält, kann mindestens einen regionalen Wacholdergeist vorweisen. So ists auch auf Texel, wo die Stokerij Texel einen Kartoffelwodka mit Preiselbeeren, einen Gin (auch auf Kartoffelbasis) mit Sanddorn und Holunderblüten und einen Kruidenbitter im Portfolio hat. Wer die Ginhistorie kennt (in jedem Gintasting wird sie schließlich vermittelt) weiß, dass das Zeug (Stichwort: Genever) aus den Niederlanden stammt. Der Texel-Gin namens TX Gin (1l ca. 43 EUR) ist aber ein London Dry mit 40% Vol., der nichts anderes als ein fein gemachter, balancierter Gin ist, der auch mit einem (Dry) Tonic noch die Orangennoten des Sanddorns vermittelt. Prima! Ein paar Fässer Gin werden übrigens von den Kameraden der Tres Hombres (wad! berichtete) auf ihrem Segelschiff durch die Gegend geschippert, um so Ocean-aged TX Gin zu produzieren. Bezugsscheine können schon erworben werden.
Der TX Scheepsbitter (30 % Vol., 0,5l ca. 19 EUR) benamste Kräuterbitter ist ein für seine Gattung recht leichter Likör, der relativ süß startet, aber dann ein feines Kräuterspektrum bietet. Mehr ein Aperitif als ein Afterdinnerdrink.
Wem der reizende NL-Weißwein von De Kleine Schorre (allerdings vom Festland) zum zappelfrischen Texelfisch suspekt ist, der klammert sich gern an die Flascherln aus der Texelse Bierbrouwerij - sprich: der örtlichen Craftbierbrauerei. Dort und in den Getränke- und Supermärkten werden rund 10 verschiedene Bierchen vom 6%igen Wit namens Skuumkoppe über Red Ale und IPA bis zum Stormbock mit 10% Vol. angeboten. Allesamt sind das runde, sehr gut gemachte Biere, für die ein Preis ab 1,60 EUR für 0,3l aufgerufen wird. Craft eben. In unseren Breiten ist davon nur eine kleine Auswahl erhältlich, besser man bestellt gleich direkt bei den niederländischen Shops.
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Dienstag, 22. August 2017
Mittwoch, 19. Juli 2017
Schnaps vom Freimeisterkollektiv
"The room was humming harder
As the ceiling flew away
When we called out for another drink
The waiter brought a tray"
(aus "A Whiter Shade Of Pale" von Procol Harum)
Bekommen Sie von Repräsentanten der Spirituosenindustrie Gratispröbchen ihrer neuesten Produkte zugesandt? Ja? Sie sind zu bedauern, denn letztlich bekommen Sie ja nie das, was Sie wirklich wollen, oder? Ich habe inzwischen alle PR-Mitteilungen-Zu- und Warenmuster-Versender aus meinem Eingangskorb vergrault - durch Ignoranz (und den öffentlichen Verkauf der unangefordert zugesandten Artikel). Ha!
Zu 100% unvoreingenommen nähere ich mich so den vier Neuzugängen in meinem Spirituosenkabinett. Sie stammen alle vom Freimeisterkollektiv - einem äh "Zusammenschluss von Individualisten – eine Verbindung unabhängiger Kleinbrenner und führender Bartender" aus Deutschland, Österreich und Berlin. Packaging im Minimalstil wie bei der Elements-Serie. Ach so, ja egal. Mich interessiert nicht das Konzept, sondern der Stoff. Darum legen wir los mit...
Rum, Erdbeere (41,4%, 0,5l, 24 EUR) In der Nase frisch eingekochte Kulturerdbeeren bzw. noch warmer Erdbeersaft. Dann im Mund klar Rum, Zuckerrohr, kein Vanillescheiß, sondern dezente Erdbeere. Wurde hier ein Rhum Agricole weiter verarbeitet? Na, wer feine Erdbeerbrände/geiste kennt, sagt laut Yes! Ist dann alles drunten, bleibt die Erdbeere im Mund stehen - oder liegen. Yammy.
Curaçao (40%, 0,5l, 24 EUR) Orange Curaçao, da war doch mal was? Ich zerre mit dem Dry Curaçao von Ferrand (40%), dem Premium Triple Sec von Giffard (40%) und dem Low-Budget Orange Curaçao von Marie Brizard (30%) gleich drei Vergleichslikörchen aus dem Schrank. Der Freimeister verströmt zunächst einen herrlichen Citrusduft, frisch abgezogene Orangen- und Zitronenzesten. Dann gehts genauso weiter und der Zucker gibt ein tolles Mundgefühl dazu. Langer Abgang! Keine störende oder unangenehme Nuance. Der trockene Ferrand auf Cognac/Brandy-Basis ist dagegen fast pappig. Der Giffard ist noch süßer und verleugnet schon fast die Orange und der Brizard ist ein billiges Orangenbonbon und ein Fall für den Ausguss. Ein Hinweis an die Meister: Blau muss er sein der Curaçao!
Amaro (28%, 0,5l, 18 EUR) Auch der meisterliche Amaro wird in ein Vergleichsfeld geschickt. Aber zuerst zum Freimeister: Der kommt in der Nase leicht daher. Chinarinde? Wermut? Dann am Gaumen: Oh geil! Frische Citrusschalen (schon wieder) und harmonische Wurzeln (Hä?). Auch eine Spur Nelke. Ein Topaperitif! Dagegen ist der Nonino Amaro Quintesstia Di Erbe Alpine (35%) süßer und würziger und eintöniger. Ok eben. Der Amaro Mandragola von Riserva Carlos Alberto (45%) ist furchteinflößend colafarben und auf der Zunge bitter mit Minze (Menta) und Melisse (Melissa) und eben Bitterorange. Fazit: Irgendwie stehen Freimeister und Alberto am Anfang und Ende der Skala. Und den Nonino? Gut, den schütt ich trotzdem nicht weg.
Kaffeelikör (20%, 0,5l, 17 EUR) Nach Albertos kraftmeiernder Amarobombe jetzt also noch ein Kaffeelikör. Brauchts das wirklich? Duft nach gesüßtem Kaffee mit einem Tropfen Sirup (Kirsch oder irgendwas Beeriges). Im Mund Coldbrew, sugared, ein Touch Alkohol, der prima die Fruchtaromen des Kaffees transportiert. Der Curaçao mit kräftigen 40% (für einen Likör) und wenig Zucker - hier genau umgekehrt. Works!
Mein Fazit also: Der Einkauf bei den Maestros hat sich gelohnt. Vier starke Auftritte zu halbwegs vernünftigen Preisen. Wenn die Profis am Brett das Zeug nicht brauchen können, sollte zumindest die gehobene Hausbar zuschlagen.
As the ceiling flew away
When we called out for another drink
The waiter brought a tray"
(aus "A Whiter Shade Of Pale" von Procol Harum)
Bekommen Sie von Repräsentanten der Spirituosenindustrie Gratispröbchen ihrer neuesten Produkte zugesandt? Ja? Sie sind zu bedauern, denn letztlich bekommen Sie ja nie das, was Sie wirklich wollen, oder? Ich habe inzwischen alle PR-Mitteilungen-Zu- und Warenmuster-Versender aus meinem Eingangskorb vergrault - durch Ignoranz (und den öffentlichen Verkauf der unangefordert zugesandten Artikel). Ha!
Zu 100% unvoreingenommen nähere ich mich so den vier Neuzugängen in meinem Spirituosenkabinett. Sie stammen alle vom Freimeisterkollektiv - einem äh "Zusammenschluss von Individualisten – eine Verbindung unabhängiger Kleinbrenner und führender Bartender" aus Deutschland, Österreich und Berlin. Packaging im Minimalstil wie bei der Elements-Serie. Ach so, ja egal. Mich interessiert nicht das Konzept, sondern der Stoff. Darum legen wir los mit...
Rum, Erdbeere (41,4%, 0,5l, 24 EUR) In der Nase frisch eingekochte Kulturerdbeeren bzw. noch warmer Erdbeersaft. Dann im Mund klar Rum, Zuckerrohr, kein Vanillescheiß, sondern dezente Erdbeere. Wurde hier ein Rhum Agricole weiter verarbeitet? Na, wer feine Erdbeerbrände/geiste kennt, sagt laut Yes! Ist dann alles drunten, bleibt die Erdbeere im Mund stehen - oder liegen. Yammy.
Curaçao (40%, 0,5l, 24 EUR) Orange Curaçao, da war doch mal was? Ich zerre mit dem Dry Curaçao von Ferrand (40%), dem Premium Triple Sec von Giffard (40%) und dem Low-Budget Orange Curaçao von Marie Brizard (30%) gleich drei Vergleichslikörchen aus dem Schrank. Der Freimeister verströmt zunächst einen herrlichen Citrusduft, frisch abgezogene Orangen- und Zitronenzesten. Dann gehts genauso weiter und der Zucker gibt ein tolles Mundgefühl dazu. Langer Abgang! Keine störende oder unangenehme Nuance. Der trockene Ferrand auf Cognac/Brandy-Basis ist dagegen fast pappig. Der Giffard ist noch süßer und verleugnet schon fast die Orange und der Brizard ist ein billiges Orangenbonbon und ein Fall für den Ausguss. Ein Hinweis an die Meister: Blau muss er sein der Curaçao!
Amaro (28%, 0,5l, 18 EUR) Auch der meisterliche Amaro wird in ein Vergleichsfeld geschickt. Aber zuerst zum Freimeister: Der kommt in der Nase leicht daher. Chinarinde? Wermut? Dann am Gaumen: Oh geil! Frische Citrusschalen (schon wieder) und harmonische Wurzeln (Hä?). Auch eine Spur Nelke. Ein Topaperitif! Dagegen ist der Nonino Amaro Quintesstia Di Erbe Alpine (35%) süßer und würziger und eintöniger. Ok eben. Der Amaro Mandragola von Riserva Carlos Alberto (45%) ist furchteinflößend colafarben und auf der Zunge bitter mit Minze (Menta) und Melisse (Melissa) und eben Bitterorange. Fazit: Irgendwie stehen Freimeister und Alberto am Anfang und Ende der Skala. Und den Nonino? Gut, den schütt ich trotzdem nicht weg.
Kaffeelikör (20%, 0,5l, 17 EUR) Nach Albertos kraftmeiernder Amarobombe jetzt also noch ein Kaffeelikör. Brauchts das wirklich? Duft nach gesüßtem Kaffee mit einem Tropfen Sirup (Kirsch oder irgendwas Beeriges). Im Mund Coldbrew, sugared, ein Touch Alkohol, der prima die Fruchtaromen des Kaffees transportiert. Der Curaçao mit kräftigen 40% (für einen Likör) und wenig Zucker - hier genau umgekehrt. Works!
Mein Fazit also: Der Einkauf bei den Maestros hat sich gelohnt. Vier starke Auftritte zu halbwegs vernünftigen Preisen. Wenn die Profis am Brett das Zeug nicht brauchen können, sollte zumindest die gehobene Hausbar zuschlagen.
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