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Mittwoch, 4. November 2015

Viva Mexico! - heute: Mezcal Amores

In der Post-BCB 2015-Ära und aufgrund der jährlichen Neuigkeitenschwemme im Herbst/Winter stehen sich in diesen Wochen die Präsentations- und Masterclasstermine bildlich auf den Füßen. So ergab es sich auch, dass am letzten Montag einige Münchner Barmenschen der Gincraze fröhnten, während andere (die Guten) sich dem wesentlich ernsteren Thema Mezcal widmeten. "Schon wieder Mezcal?" fragen Sie? Ja, schon wieder!
Ins Münchner Zephyr hatte dazu Mezcal Amores (im Vertrieb von Capulet & Montague Ltd.) eingeladen. Exportmanager Alex Mermillod erklärte Firmenphilosophie und Herstellung und hatte auch ein paar Proben zur Verkostung dabei. Ich war vorher skeptisch. Die zeitgemäße Darbietung in www und Netzwerken und die Abfüllung mit 37% Vol. hatten mich stutzig werden lassen. Ist das nur ein gut getarntes Industrieprodukt? Nix Mezcal artesinal, sondern nur Mezcal marketing?

Meine Bedenken gab ich schnell auf, als zum einen erläutert wurde, dass der Stoff von insgesamt 12 Kleinherstellern stammt, die sich traditioneller Methoden (siehe meine Erläuterungen hier und im Film) bedienen. Zudem ist die Idee, zunächst mit einzelnen Abfüllungen für einzelne Länder in (massentauglichen) niedrigeren Alkoholgraden zu starten, statt die potentielle Kundschaft mit sechs verschiedenen Abfüllungen und um die 50%-Alkoholanteil zu überfordern, einleuchtend und clever. 

Für Deutschland ist das der Amores Espadin von Maestro Israel aus San Luis Del Rio mit 41% Vol. (für rund 40 EUR bereits erhältlich). Ein sehr guter und runder Mezcal, wie ich meine, der das milde Aroma der Espadinagave wiedergibt. Mit 41% funktioniert das auch im gemixten Drink. Der gleiche Stoff soll offenbar auch in Italien und Frankreich bereitstehen. In Spanien übrigens wurde der Amores (dort übrigens aus namensrechtlichen Gründen Amarás) Cupreata von Don Faustino Robledo aus der Papalote Agave mit 43% eingeführt. Hey! Im Direktvergleich war der nicht der salzig-rauchige Fruchtschmeichler wie der Espadin, sondern vielmehr der pfeffrige Haudrauf mit einem langen, trockenen Finish. Caramba! Allen Amores Mezcal gemeinsam ist die Verwendung von Red Oak beim Kochen der Agavenherzen im Erdofen. Das bringt etwas weniger Rauchigkeit der Brände mit sich als bei Verwendung von Pinienholz, womit die Fruchtigkeit mehr im Mittelpunkt steht.

Während Mezcal in Mexico (geschätzter Anteil an der Gesamtproduktion von Agavenbränden etwa 2-3% - der Rest betrifft Tequila) eher pur zu Meeresfrüchten und Fisch getrunken wird, läuft das Ganze in den USA und in Europa über Cocktails und Longdrinks. Die Amores Mezcals eignen sich m.E. - auch wegen des durchaus brauchbaren Preis-LeistungsVerhältnisses - für beide Anwendungen. Rezeptideen und praktische Nutzung lassen sich auf den Facebookseiten und bei den heute und morgen anstehenden Terminen nochmals diskutieren.

Facebook D Facebook ES weitere Termine: Hamburg, 4.11. Berlin, 5.11. 


Mittwoch, 11. September 2013

Quo Vadis Agave? - Teil 1: Tequila

"Jaaaa! Tequila, Tequila, Tequila, Wonderbra!
Und heute Nacht machen wir noch die ganze Insel klar!"
("Ab In Den Süden", Buddy Vs. DJ The Wave, 2003)

Wie in der Vergangenheit schon widmet sich wad! mal wieder dem Agavenbrand. Die Frage "Wo stehen Tequila und Mezcal 2013?" kann ich sicher nicht abschließend beantworten, aber vielleicht kommen wir der Sache doch irgendwie näher.

Tequila Curado

Dabei hilft vielleicht der Blick auf eine noch recht neue Abfüllung der Ocho-Macher: Das Zeug nennt sich Curado Tequila und dabei handelt es sich um einen Blanco Tequila, der eine Infusion von gekochten Agavenfasern (Infusion De Agave Cocido) aufgebrummt bekam. Optisch macht ihn das zu einem gelagerten Reposado oder Anejo und Blanco steht auch nur ganz klein auf der 0,5l-Buddel, die in unserern Breiten für knapp über 30 EUR im Onlinehandel zu haben ist. Nüchtern (!) betrachtet handelt es sich um einen agave flavored Agavenbrand. Muss das denn sein? Ist das was gänzlich Neues?


Nun, geschmacklich aufgepeppte Destillate gibt es zuhauf zu Erwerben. Ob nun mit Geschmack (?) versehene Vodkas, aufgezuckerte oder mit Fruchtauszügen aufgepeppte Obstbrände oder Zimt- bzw. Chilitequilas. Hatten wir alles schon. Und kurz gesagt: Das ist alles doch ziemlich unnötig. Dieser milde, runde, aber nicht eindimensionale Tequila hier nun, mit seinen immerhin 40% Vol. ist ein angenehmer Genosse, der - wie nicht anders zu erwarten war - einen deutlichen Agaven- aber auch Apfel- und Birnengeschmack sein Eigen nennt. Das gibt es bei anderen fruchtigen Tequilas auch, aber der kleine, muskelbepackte Mexikaner ist wirklich gut gemacht. Whiskyfun-Entrepreneur Serge Valentin vergab bei der Suche nach Malternatives kürzlich gar 85 Punkte. Weiter unten in diesem Beitrag erklärt ihn Agavenguru Tomas Estes (ja, der Knabe vom BCB 2012) noch in einem kleinen Videoclip.
Tequila an der Bar?

Aber welchen Stellenwert hat Tequila an der Cocktailbar? Da ich in solchen Etablissements ungern verkehre und mir so keine eigene Meinung bilden kann, habe ich zwei namhafte Münchner Barkoryphäen getrennt voneinander befragt. Zunächst John Hofmann von der Distillers' Bar in Schwabing: "Tequila hat bei mir einen hohen Stellenwert. Das kommt zum einen durch meinen persönlichen Geschmack und dadurch, dass Tequila im allgemeinen nicht als Qualitätsprodukt angesehen wird - was er aber ist. Das wird ihm nicht gerecht. Daran arbeite ich bei meinen Gästen und verwende gerne hochwertige Tequilas in Drinks, um meine Gästen vom Gegenteil zu überzeugen."

Und Lukas Motejzik vom Zephyr im Glockenbachviertel meint: "Im Zephyr wird Tequila von den Gästen eigentlich nie als Basisispirituose für Drinks nachgefragt - so nach dem Motto: Mach mir mal was mit Gin! Wir haben aber einen Drink mit Blanco Tequila, Safran und frischer Passionsfrucht auf der Karte der extrem gut läuft und auch unsere Pink Paloma (Hibiskus Tequila, Ting und Rosenblütensalz) läuft immer besser an. Ich glaube, dass die Leute langsam ihre Angst vor Tequila ablegen."

Hm. Das klingt doch beides trotz des in Europa ausgebliebenem Tequilabooms ganz zuversichtlich. Die Bar hat die Tequilakategorie also noch längst nicht abgeschrieben. Zur Feier dessen kommt hier gleich noch eine ganze Tequilarange, die neu in Europa zu haben ist. Gut, ganz neu auch nicht, immerhin hat das Mixology-Magazin den Stoff bereits zweimal im Heft und einmal online gewürdigt.
Tequila Revolucion

Es geht um Tequila Revolucion, der als Blanco, Reposado, Anejo, Blanco mit 50% Vol. und Extra Anejo in Kürze zu haben sein soll, bzw. es schon ist. Die besagten Mixology-Tester gaben sich zurückhaltend begeistert. Mal sehen, was mein unabhängiges Tastingpanel herausgearbeitet hat. Zunächst zum "normalen" Blanco, der zwar mild und mit Agavenfrucht aufwartet, aber insgesamt etwas dünn ist. Was? Der hat nur 35% Vol.? Was ist denn da los? Einer der Tester bemerkte gar "Das ist kein Schnaps - der brennt nicht.". Beim Reposado (35% Vol.) vermerkte der gleiche Herr, dass er "gar nix geschmeckt" habe. Nun, ganz so schlimm ist es nicht, aber in gemischten Getränken gehen beide Aspiranten doch ziemlich unter. Die Revolucion zielt offenbar auf den erklärten Freund des extramilden Sippingtequilas. Das setzt sich auch beim trockeneren und keinesfalls holzigen Anejo (38% Vol.) fort. Smooth & Premium - zwei Attribute, die bei mir in der Regel zu gesteigertem Desinteresse führen. 

Aber widmen wir uns dem selbsterklärten Star der Range: dem 100 Proof Blanco in der blau lackierten Flasche. Der ist wirklich mit 50% Vol. ausgestattet, was ihm merklich gut tut. Ebenso fruchtig wirkt er etwas komplexer, hat Rückgrat auch in der unvermeidlichen Margarita und verfügt auch über eine gewisse Länge. Sprittig ist er nicht. Aber ein Mixingtequila für über 40 EUR? Das ist dann eher das Preis-Leistungsniveau für die gehobene Hausbar.

Mein Fazit: In Sachen Tequila gibt es Neues, aber nicht wirklich Weltbewegendes zu berichten. Das ist nicht weiter schlimm. Mal sehen, was Mezcal da zu bieten hat... (to be continued)



Samstag, 27. April 2013

Internationale Cocktails in Nuss - International cocktails in nuts

Der werte Leser kennt das Phänomen? Man hat sich was ganz besonderes zurecht gelegt, aufgespart und für einen bestimmten Anlaß reserviert. Dann ist die Zeit der Vorfreude vorbei und der große Moment ist gekommen...

So oder so ähnlich verliefen die letzten Tage auch für mich und dann hab ich es getan: Ich hab die Schachtel (früher hätte man vielleicht von einer Bonbonniere gesprochen) geöffnet und hab den ersten edlen Tropfen in Nuss in meinen ausgedorrten Mund gesteckt. Schokolade mit Nüssen gefüllt mit... mit Tequila Sunrise. Tequila Sunrise? Wann habe ich zuletzt einen Tequila Sunrise genossen? Wann haben Sie zuletzt einen Tequila Sunrise verkonsumiert? Habe ich überhaupt je einen solchen Tequila Sunrise...? Hm. Ok. Machen wir mit Strawberry Margarita weiter. Was erwartet der Connaisseur von einer Strawberry Margarita? Erwartet man überhaupt etwas von einer...? 

Sie sehen schon, meine Begeisterung wurde irgendwie ein bisschen eingebremst. Der Nachhall des Tequila Sunrise Tropfens tat sein grausiges Werk. In mir kamen leichte Zweifel auf. Jetzt doch lieber erst die Caipirinha? Nein, die Strawberry Margarita sollte es sein. Und sie war... äh. Sie war grenzenlos süß. Ja gut, da war ein Hauch von Erdbeere. Aber bitte. Das war ein Hauch vom schlechtesten Erdbeerlikör (der bestimmt nichts mit der Frucht als solcher zu tun hat), den man sich nur vorstellen kann. 95% Zuckergehalt mindestens. Sonst war da nur Zucker und Zucker und (die Rettung!) Schokolade und gehackte Haselnüsse. Aber ähnlich verlief ja schon die Verkostung des Tequila Sunrise. Null Tequila, null Orange, null Grenadine - nur ein undefinierbarer, süßer, extrem künstlicher Fruchtgeschmack mit ganz leichter Alkoholnote.

Gut, ich hatte kein degustatorisches Feuerwerk erwartet. Aber es geht schließlich um "eine Premium-Spezialität für Geniesser" und da fühle ich mich angesprochen. Ich bin Premium-Geniesser! Die Beschreibung auf der Verpackung läßt auch keinen Zweifel daran: "Die vier verführerischen internationalen Cocktails... in einer fein-kristallisierten Zuckerkruste, bestreut mit knackigen Haselnuss-Splittern, sind umhüllt von zarter dunkler und heller Milchschokolade". Na also.
Dann also doch der Caipi. Irgendwo müssen die 1,2% Zitronen-Limettenlikör ja versteckt sein, die ich laut Zutatenliste miterworben habe. Wäre doch gelacht... Das Resultat? Bei Praline Nummer eins hatte ich zunächst sogar eine Rauchnote wahrgenommen. Mezcal? Hatte man sich beim Hersteller Trumpf Schokoladefabrik GmbH im Flaschenregal vergriffen? Nein. Nummer zwei zerstreute diese Gedanken sofort wieder. Puuh. Ich dachte schon. Die immerhin 1,8% Tequila in den ingesamt 100g Warenmenge hatten mich und meine Geschmacksknospen wohl schon angeknockt. Schnell die 0,8% Jamaica Rum im Planter's Punch nachwerfen. Und siehe da: Ein pappiger Rumgeschmack, der jeden Captain Morgan Spiced oder Bacardi Oakheart zu einer ledrig-trockenen Brühe werden läßt. Im direkten Vergleich, versteht sich.

Fazit: Mit den realen internationalen Cocktails hat Trumpfs Versuch seine angestaubte Edle Tropfen in Nuss-Range etwas aufzupeppen natürlich nichts zu tun. Aber auch gar nichts. Zumindest nicht in 2013. Gehen wir zurück in die späten 80er oder frühen 90er, sieht die Bewertung schon wieder anders aus. Vielleicht ist das doch eher ein Retroprodukt? Oder ist das Ganze ironisch gemeint? Will ein anonymer Fiesling der von sich selbst besoffenen Barszene einen Zerrspiegel vorhalten? Oder sind die fragwürdigen Pralinen das Ergebnis eines misslungenen Versuchs Cocktail-Premixes herzustellen? Alkopapp 3.0?

Genug davon. Zum Abschluß noch Sachdienliches: Zum einen habe ich die Herstellerfirma um eine Stellungnahme gebeten und zielgerichtet nach dem Verursacher (Es gibt durchaus Verdachtsmomente!) der oben beschriebenen Panschereien gefragt. Das ist erbarmunglose Recherche! Antwort habe ich bis heute keine erhalten, werde ich aber ggf. hier nachliefern. Zum anderen stehen mit "Edle Tropfen in Nuss - Weiße Schokolade" und den Füllungen "Bellini", "Daiquiri", "Jamaika-Rum" und "Kir Royal" (!) sowie der besonders perfiden Variation "Italienische Spezialitäten" (beworben von Sky du Mont) u.a. mit "Hugo" und "Veneziano Spritz" die nächsten plombenzieherischen Gruselkabinette (diesmal gleich in  250-Gramm-Packungen) im Süßwarenregal bereit. Darauf ein "Mon Cheri"- What a drink!

Montag, 13. Februar 2012

2012 - Das Jahr als wir zu Agaven wurden? oder: Der mexikanische Definitionsdschungel und der globale Wutbürger

Selten wird mir die Ehre zu teil, dass sich hier ein Gastautor zu Wort meldet. Und ganz selten ist dieser dann auch noch DER Fachmann auf seinem Gebiet in Europa. Ehrlich gesagt, war beides in der über 100 Beiträge langen Geschichte von whatadrink! noch nie der Fall. Daher ist der folgende Artikel, der ausschließlich die Meinung des Verfassers und nur des Verfassers widerspiegelt, der inhaltlich fundierteste und letztlich beste auf diesem bescheidenen Blögchen. Vielen Dank!

Doch genug der Vorrede. Nachdem die gesetzgeberischen Absichten der mexikanischen Behörden zur Abfassung einer neuerlichen Norm zu Agavenbränden, genannt NOM-186, zuletzt im englischsprachigen CLASS Magazine erörtert wurden, mache ich die Bühne frei für Axel Huhn, Mezcalimporteur aus Berlin, denn der redet...


Klartext zur NOM-186 – Immer gut zu wissen, was man unterschreibt!

In den letzten Wochen hat die Vorlage zur NOM-186 und die Gesetzesvorlage zum Schutz des Wortes „Agave“ in Mexiko einigen Unmut bei verschiedenen Betroffenen innerhalb der
mexikanischen Gesellschaft hervorgerufen. Auf Initiative von Dr. Patricia Colunga und anderen mexikanischen Akademikern auf dem Gebiet der Ethnobotanik wurde eine Petition gegen diese Gesetzesinitiative ins Leben gerufen und von unterschiedlichsten Gruppen und Einzelpersonen inner- und außerhalb Mexikos unterstützt: Wissenschaftler, Kleinproduzenten, Gastronomen und verschiedene staatliche Stellen. Alleine diese merkwürdigen Allianz wäre Grund genug für einen näheren Blick auf deren Anlass, mehr jedoch die - vorsichtig ausgedrückt - recht unscharfe Berichterstattung in diversen Medien zu diesem Thema.

Zum allgemeinen Verständnis: Seit Jahrhunderten brennen die Menschen in Mexiko Schnaps aus Agaven, dessen generischer Name Mezcal ist. Da seit 1994 eine geschützte Herkunftsbezeichnung für Mezcal (NOM-070 mit Angaben zu Region, Rohmaterial und Verarbeitungsvorschriften) existiert, ist die Verwendung des Begriffes Mezcal als Überbegriff nunmehr formal falsch, was offenbar zu Missverständnissen bei der Presseberichterstattung über diese Petition geführt hat. Die Verfasserin verwendet darin den Begriff Mezcal nach wie vor - und sehr bewusst - als Sammelbegriff für alle Brände aus Agaven, unabhängig von einem Gebietsschutz, und unterscheidet die Brände aus den geschützten Herkunftsregionen lediglich als Produkte „de las DO (Denominación de Orígen) Tequila, Mezcal y Bacanora“ (dt: „Produkte aus den geschützten Gebieten für Tequila, Mezcal und Bacanora“). Der vorliegende Entwurf für eine NOM-186 behandelt ausschließlich Brände OHNE Gebietsschutz, also weder Tequila, Mezcal oder Bacanora! Dies ist auch der Grund, weshalb sich unter den Unterschriften auf der Petition keine Produzenten dieser Produkte aus den geschützten Regionen finden, auch keine Kleinproduzenten.Es finden sich jedoch eine Vielzahl von Unterzeichnern aus den Reihen der Raicilla-Hersteller, einem Agavenbrand aus Jalisco, also dem Schutzgebiet des Tequila. Raicilla wird hauptsächlich aus der waldbewohnenden Agave inaequidens (umgs.: Lechuguilla) gewonnen, aber auch aus weiteren Arten, jedoch nicht aus A. tequilana Weber und darf somit nicht als Tequila vermarktet werden. Zwar sind Hersteller dieser Kategorie auf dem besten Wege, einen eigenen Gebietsschutz und eine eigene Norm zu erarbeiten, diese Anstrengungen werden jedoch vom vorliegenden Gesetzesvorschlag durch eine sehr perfide Festlegung torpediert: Den Herstellern nichtgeschützter Agavendestillate ist es untersagt, ihr Rohmaterial innerhalb der Gebiete eines Produktes mit geschützter Herkunft anzupflanzen oder zu ernten! (Absatz 3.2) Kurz und gut: Wird diese Norm verabschiedet, stehen die Raicilla-Hersteller ohne Agaven da. Sie könnten zwar Agaven aus anderen Regionen einkaufen, dies ist jedoch...

1. diesen Menschen finanziell unmöglich, es wäre
2. keine genuine Raicilla mehr, es würde
3. das Ende der Raicilla-Agaven als Kulturpflanzen –und somit deren Verschwinden- in dieser Region bedeuten und
4. einen Gebietsschutz für Raicilla für alle Zeiten unmöglich machen, da dieser als wesentlichen Bestandteil stets die Gewinnung des Rohmaterials innerhalb seiner Grenzen voraussetzt.


Es existiert bereits ein Organ, welches die Kontrollaufgaben für eine DO übernehmen könnten, nämlich das Consejo Mexicano Promotor de la Raicilla A.C., mit der Rechtsform einer gemeinnützigen Gesellschaft, wie es bei Mezcal, Tequila und Bacanora der Fall ist. Diese wurde von Raicilla-Produzenten 1999 als Interessengruppe gegründet, um sich gegen
Großindustrie und Politik durchsetzen zu können. Weitere Hersteller aus Jalisco, die ihre Produkte Mezcal nennen, haben wohl aus den gleichen Gründen unterzeichnet. Ich gehe davon aus, dass deren Produkte nicht aus A. tequilana Weber hergestellt werden. Hierauf bezieht sich Colungas Kritik unter Punkt 3) „La destrucción de una parte del patrimonio biológico y cultural de los mexicanos” der Petition.

Die zwei weiteren, wichtigen Festlegungen der neuen Norm sind die Schaffung der Kategorien „Aguardiente de Agavácea“ und „Destilado de Agavácea“ für Agavenbrände, welche außerhalb der DOs hergestellt werden und bisher als „Destillado de Agave“ bezeichnet werden mussten. Diese werden wie folgt definiert:


Aguardiente de Agavácea hat einen Alkoholgehalt von 35% bis 55% Alc.Vol. und MUSS aus 51% Agave und 49% Fremdzuckern hergestellt sein. Während bei Mezcal (max. 20% Fremdzucker) und Tequila (max 49% Fremdzucker) lediglich Obergrenzen festgesetzt sind, ist die Proportion hier verbindlich! Sonst könnte ein findiger Brenner ja auf die Idee kommen 99,9% Agaven und nur 0,1% Fremdzucker zu verarbeiten und somit die Norm zu umgehen, ohne eine wahrnehmbare Qualitätseinbuße an seinem Produkt hinnehmen zu müssen.

Destilado de Agavácea hat einen Alkoholgehalt von 25% bis weniger als 35% Alc.Vol. und darf unter Verwendung von höchstens 49% Fremdzuckern hergestellt werden, also auch mit 100% Agave. Aber eben nur mit einem für eine Spirituose lächerlich geringen Alkoholgehalt! Außerdem kritisiert die Petition die Wortwahl: Die Familie der Agavaceae (heute: Agavoideae) umfasst acht Gattungen, wovon lediglich eine die Agave ist, was dem im Vorwort definierten Ziel der NOM-186, nämlich dem Schutz des Konsumenten, entgegensteht. Die Bezeichnung Agave erklärt das Produkt viel genauer. Außerdem ist as Wort Aguardiente in Mexiko eine despektierliche Bezeichnung, ähnlich wie Booze oder Sprit. Ein kleiner positiver Lerneffekt der ganzen Diskussion könnte jedoch sein, dass die ewige Mär von der Agave als Liliengewächs für alle Zeiten verschwindet – Die Agave ist ein Agavengewächs, eine Agavoideae! Punktum!

An dieser Stelle noch ein Sidekick bezüglich korrekter Nomenklatur: Diese Vorlage behandelt die Einordnung der Spirituosen als „Brände aus Agavaceae“ also aus Pflanzen der Familie der Agavengewächse. Diese trug zwar bis vor zwei Jahren den Namen Agaveceae, es erfolgte aber seitdem eine botanische Neuordung und die Familie wurde in Agavoideae umbenannt. Wer Leuten vorschreiben will, aus welchen Pflanzen sie welche Produkte herzustellen haben, sollte doch in der Lage sein, diese korrekt zu benennen. Und diese Benennung erfolgt nun mal auf Grundlage wissenschaftlicher Ordnungssysteme, wenn es um Gesetze geht. Ähnliches ist bei der Tequilanorm zu bemängeln, die allen Ernstes das Rohmaterial mit den Worten „Agave de la especie tequilana weber variedad azul“ beschreibt. Diese Pflanze existiert in der Botanik nicht, Azul ist der umgangssprachliche Name für die Agave tequilana Weber, hier wurden vom Gesetzgeber wohl Äpfel und Birnen durcheinandergeworfen.Jenseits von Terminologien würden die oben genannten Festlegungen das Ende aller Agavendestillate als potentielle Premium-Spirituosen für den Exportmarkt bedeuten, wenn sie außerhalb der geltenden DOs hergestellt werden. Trotzdem wäre zu erwarten, dass diese Produkte für den Eigenkonsum weiterhin existieren, wie sie es bisher - trotz verschiedener Verbote in der Vergangenheit - auch getan haben. Der Effekt wäre also eine Restriktion des freien Marktes zu Gunsten des Schwarzmarktes mit dem entsprechenden Marktvorteil für die Hersteller aus Regionen der DOs.

Es sei hier noch auf den Vorschlag zum Begriffsschutz für das Wort Agave eingegangen, welches nach dem Willen der Vertreter der NOM-186 exklusiv für Hersteller von Tequila, Mezcal und Bacanora vorbehalten sein soll. Das Wort Agave ist die wissenschaftliche
Bezeichnung einer Pflanzengattung und somit unter internationalen Standards nicht schutzwürdig. Konkret bedeutet das beispielsweise, dass Agavendicksaft in Mexiko, dem Ursprungsland, nicht mehr so heißen darf, bei uns aber schon. Und da Mexiko Mitglied in der UN und in vielen Handelsvereinbarungen mit der halben Welt ist, verstößt die Norm klar gegen internationales Recht. Apropos UN: 2010 wurde die mexikanische Küche als „Intangible Cultural Heritage of Humanity“ in die Weltkulturerbeliste eingetragen. Die Initiative zur NOM-186 steht den Kriterien der Auswahl und Eintragung diametral entgegen und man fragt sich, warum sich die UNESCO noch nicht zu diesem Sachverhalt in der Öffentlichkeit geäußert hat. Jetzt wäre ein guter Augenblick dazu.

Die Norm würde übrigens auch für Agavendestillate aus anderen Ländern gelten, die im Rest der Welt als Agavenbrände und nicht nur als Brände aus Agavaceae deklariert werden dürften. Wer glaubt, diese Produkte gäbe es überhaupt nicht, sei eines besseren belehrt, es gibt sie bereits aus Südafrika und Indien. Und wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass Whisky aus Japan, Indien oder Österreich jemals eine internationale Rolle spielen könnten?

Dies sind die konkreten Kritikpunkte der Petition am Vorschlag zur NOM-186, die Anlage dieser Kritik geht aber sehr viel weiter. Und das ist auch gut so, haben doch die bereits geltenden Gesetzeswerke maßgeblichen Schaden an Transparenz, Tradition, Nachhaltigkeit und Qualität der existierenden Agavenbrände mit DO erzeugt. Einige Beispiele:

- Die Festlegung des Rohmaterials auf A. tequilana Weber bei Tequila hat bereits zu einem immensen Verlust an Biodiversität geführt. Es gibt reichhaltige Dokumentationen über den Gebrauch verschiedenster Agavenarten in Jalisco zur Spirituosenherstellung vor Einführung der Tequila-Norm.

- Spirituosen sind in Mexiko nur bis 55% Alc.Vol marktfähig, Agavenbrände haben oft sehr viel mehr. Mezcal de Puntas (das erste Segment aus dem Mittellauf der zweiten Destillation) hat beispielsweise über 80% und ist eine traditionelle Spirituosenspezialität. Dieser Punkt wird in der Petition nicht weiter hervorgehoben, weil es politisch unklug wäre, die konkreten Ziele durch Kritik an einer allgemein gültigen Gesetzeslage (obschon diese sinnlos ist) zu gefährden.

- Die physisch-chemischen Vorgaben in der Norm für Mezcal sind für viele Produkte nicht erreichbar, weshalb es viele Destillate nicht in den offiziellen Markt schaffen, obwohl sie seit Jahrhunderten in dieser Art hergestellt und konsumiert werden.

- Die geltenden DOs für Mezcal und Tequila sind keine einheitlichen geografischen Zonen, es handelt sich vielmehr um vereinzelte Flecken auf der Landkarte ohne einheitliche Rahmenbedingungen. Es sind Produkte der Politik, nicht der Herstellungsmethoden oder –tradition und stehen somit dem eigentlichen Gedanken einer geschützten Herkunft entgegen. Schon gar nicht sind sie Garanten für eine besondere Qualität.

- Die aktuelle Etikettierung sogenannter Mixtotequilas genügt in keinster Weise den Standards von Konsumentenschutz und Vollständigkeit. Oder wie soll der unbedarfte Käufer wohl darauf schließen, dass der Inhalt einer Flasche mit der Aufschrift „Elaborado de Agave Azul“ (Sierra Tequila) oder „Made from fresh Blue Agave“ (Sauza) lediglich die Hälfte aus Agaven besteht, während die andere Hälfte keinerlei Erwähnung findet?


- Traditionell gibt es keine Verwendung von Fremdzuckern bei Agavenbränden. Niemals und nirgends! Auch dieses ist ein Konstrukt der Großindustrie in Allianz mit der Politik. Traditionelle Brenner wehren sich seit Inkrafttreten der Mezcalnorm NOM-070 gegen die dort festgelegte Kategorie der Mixtos – bisher vergeblich.


- Traditionelle Brenner lagern ihre Spirituosen niemals in Holzfässern, wie es für Reposado und Añejo aber zwingend in allen geltenden Normen vorgeschrieben ist. Dafür werden traditionelle Lagermethoden in Tontöpfen oder Glasballons nicht berücksichtigt, obwohl diese Jahrhunderte alt sind. Ein Mezcal, welcher 10 Jahre im Tontopf reifte, muss als Joven (dt.: jung) verkauft werden.

Somit kann man nachvollziehen, dass in der Petition keine Kritik am Verbot für Fasslagerung in der neuen NOM-186 enthalten ist. Die Autoren der Petition halten Fasslagerung und Gebietsschutz ohnehin für Unsinn, wobei große Produzenten, Importeure und Vertriebe dies wohl anders sehen. Entsprechend finden wir eine sehr heterogene Unterstützerliste auf der Petition. Hierzu noch folgende interessante Punkte:

- Die beachtliche Nummer an Bartendern unterstützt hier eine Getränkekatagorie, von der sie bisher niemals auch nur eine einzelne Flasche in Händen hielt, geschweige denn die eine Rolle in ihren Bars spielt. Zum Glück ist diese Unterstützung trotzdem richtig!


- Während David Suro-Piñera, Chef der Tequilamarke "Siembra Azul" und Gründungsmitlied der Petitionsunterstützer Tequila Interchange Project (TIP) weiterreichenden gesetzlichen Schutz von Tequila fordert, ist dies nach Meinung der Autoren der Petition kontraproduktiv. Mezcal (Gebietsschutz seit 1994) hat einige Jahrzehnte weniger Gebietsschutz im Rücken als Tequila, kann aber mit den qualitativ besseren Produkten aufwarten, trotz und wegen fehlender staatlicher Regulierung. Das Inkrafttreten der Mezcalnorm hat seinerzeit unter den
Kleinproduzenten sowohl inner- als auch außerhalb der DO massiven Unmut hervorgerufen und sie hätten gerne darauf verzichtet. Im Gegenzug gründeten einige von ihnen die Gruppe Mezcales traditionales de los Pueplos de México, welche eigene Standards für handwerklich hergestellte Mezcals erarbeitet hat. Abschließend darf ich hier die Barcommunity auffordern, die Petition zu unterstützen, sie ist gut und von integeren Leuten verfasst, die wissen, worum es geht. Und danach gilt es, diese auch weiterhin in ihrem Bestreben zu unterstützen, bereits existierende und kontraproduktive Gesetzeswerke zu modifizieren! Ein hervorragender Artikel (Guide to Geographical Indications: Linking products and their origins) zu DOs und deren Auswirkungen am Beispiel von Mezcal existiert von Mitunterzeichnerin Catarina Illsley Granich, erstellt für die UNESCO.

Mehr noch als diese Form der Meinungsäußerung ist jedoch Euer Kaufverhalten wichtig, um auf Märkte Einfluss zu nehmen. Wer hier unterzeichnet und morgen wieder Mixtotequila kauft, hat nichts verstanden. Lasst die Industrieware in den Regalen stehen, glaubt dem Gerede der Brand Ambassadors nicht und informiert Euch selbst! Nie war es so einfach, an Informationen zu kommen. Ein Markt besteht aus Angebot UND Nachfrage. Die eine Hälfte seid Ihr, und noch dazu diejenige am längeren Hebel!


Der Link zur Onlinepetition

Update: In der aktuellen Ausgabe (Issue 42) des digitalen "CLASS magazines" wird zum einen zu Äußerungen der mexikanischen Regierung Stellung genommen und zum anderen einige Mezcals der Marken "Alipús" und "Los Danzantes" verkostet.

(Die Fotos wurden der Internetpräsenz des Gastautors mit dessen Genehmigung entnommen.)

Dienstag, 26. Juli 2011

Mezcal aus der Mezcaleria

Hinter "Mezcaleria" steckt der sympathische Architekt Axel Huhn aus Berlin, den der aufmerksame Leser des Barmagazins "Mixology" bereits aus der großen "Tequila- und Mezcalausgabe" des Fachblatts (Ausgabe 3/2011) kennen sollte. Herr Huhn hatte zusammen mit dem Münchner Barzirkel ins Wasserwerk zum Mezcaltasting geladen und rund 20 Vertreter von Szene und Fachpresse folgten dieser Einladung. Ich ließ mir diese Gelegenheit zu einem weiteren Kennenlernen, des von mir geschätzten Agavenbrandes - dem "Islaywhisky unter den klaren Bränden"-, nicht entgehen und hatte mir insgeheim die Beantwortung der ketzerischen Frage "Ist Mezcal der bessere Tequila?" vorgenommen. Und gleich noch eines vorweg: Es waren weder Würmer, Kakteen noch Sombreros anwesend...
Bevor es ans Probieren ging, erörterte Axel Huhn ausführlich die (rechtliche) Abgrenzung von Mezcal zu den anderen, ebenfalls gesetzlich definierten mexikanischen Agavenbränden Tequila, Sotol und Bacanora. Diese Infos kann der geneigte Leser in aller Ausführlichkeit auf der "Mezcaleria"-Heimseite nachlesen. Ich fasse nur kurz zusammen: Während bei Tequila bekanntlich das Ausgangsprodukt, die blaue Weberagave, genau definiert ist, ist das bei Mezcal nicht der Fall und so werden rund 50 verschiedene Agavensorten oder -varianten verwendet. Und Mezcal darf im Gegensatz zum Tequila in einem anderen Gebiet Mexicos hergestellt werden. Ansonsten gleicht die 1994 aufgestellte Regelung namens NOM-070-SCFI-1994, der von Tequila. Achja: In Mixology hängt Autor Georg Biron in seinem Artikel "Tränen des Vulkans" noch dem offenbar weitverbreiteten Irrglauben "Agave = Liliengewächs" an. Dabei stellt im gleichen Heft Michael Brückner fest, dass es sich vielmehr um Spargelgewächse handelt (Wikipedia wusste das übrigens auch schon). Aber das ist nur ein kleinerer Irrtum in der langen Geschichte von Tequila und Mezcal...
Neben diesen grundlegenden Informationen erschienen mir v.a. Huhns Schilderung der Herstellungsprozesse bei den einzelnen Produzenten, deren Brände er anbietet, höchst interessant. Besonders gut haben mir die Bilder von den eingemauerten tönernen Terrakotta-Brennblasen der Ángeles-Familie, Hersteller der "Real Minero"-Biomezcals gefallen (siehe Fotos unten) . Allen "handgemachten" Mezcals (Artisenal Mezcal) ist die Vergärung ohne Hefezusatz nur durch "wilde Hefen" und die zweimalige Destillation auf den gewünschten Alkoholgrad (also ohne Reduzierung durch Wasserzugabe) gemein.
Herr Meinke hat Tequila einmal als "Gaumenschmeichler" und Mezcal im Vergleich dazu als "rauhen, ehrlichen Gesellen" bezeichnet. Diese gutgemeinte Formulierung finde ich zwar durchaus vertret- und nachvollziehbar. Sie führt aber irgendwie zu dem Missverständnis, dass es sich dabei um einen anspruchslosen "Bauernschnaps" handle, was den vorgestellten hocharomatischen Südmexikanern in keinster Weise gerecht werden würde, denn sowohl die zugänglichen Brände der "Los Danzantes"-Reihe als auch die kräftigeren Abfüllungen der "Alipús"-Serie sind komplexe Kunstwerke - von den "Real Minero"- und den "Pierde Almas"-Mezcals ganz zu schweigen.

Im Detail sah das so aus: Zur Verkostung kamen die abgebildeten zehn Mezcals aus der Kategorie "Joven", was "Blanco" - also ungelagert - bei Tequila entspricht. An dieser Stelle geht es aber auch schon los mit den Schwierigkeiten zwischen den mexikanischen Normen, daher ein kleiner Einschub. Da für die gelagerten Kategorien ("Reposado"/ "Anejo") wie bei Tequila die Reifung in Weisseichenfässern vorgeschrieben ist, macht sich die von einigen Herstellern praktizierte mehrmonatige Harmonisierung in Glas- oder Tonbehältnissen (kennt man so auch von mitteleuropäichen Obstbränden) nicht bei der Bezeichnung bemerkbar. Insbesondere letztere machen sich im Geschmack aber sehr wohl bemerkbar, denn die Lagerung in einem im Boden eingegrabenen Tongefäß kann auch zu einer (gewollten) Ausprägung von mineralischen Noten führen. Da hilft dann das Rückenetikett weiter, sofern es - wie von Axel Huhn bei seinen Partnern angeregt - genaue Angaben zur verwendeten Agavenart, dem Herstellungszeitpunkt, der Anzahl der abgefüllten Flaschen etc. und eben einer möglichen Lagerung enthält. Aber ich schweife ab...

Kurz also noch meine Favoriten: Aus der "Alipús"-Reihe mag ich besonders den robust-frischen, rauchigen "San Juan Del Rio" (47% Vol., kultivierte Espadinagave), der sich bestens für allerlei Mixversuche (síehe Rezepthinweise unten) eignet. Bei "Real Minero" sind sowohl der herrlich-cremige (!) "Cuvée-Mezcal" (47% Vol.) aus vier verschiedenen, miteinander eingemaischten, zwischen 12 und 18 (!) Jahre alten Agaven, als auch der "Tobalá" aus der gleichnamigen, wildwachsenden Waldagave so herausragend, dass ich mich nicht entscheiden kann, welchen ich bevorzugen würde. Diese sind, wie auch die hochpreisigen Vertreter von "Pierde Almas" (mein Favorit: der süß-würzige "Tobaziche", 44,1% Vol.), reine Sipping Mezcals, denen man - da war sich die Runde einig - ihre jeweilige, relativ hohe Alkoholstärke nicht anmerkt.

Einer der Förderer von Qualitätsmezcal ist seit Mitte der 90er der Amerikaner Ron Cooper, dessen Firma "Del Maguey" damals "Single Village Mezcals" in den USA auf den Weg brachte. Mein erster Mezcal war so auch ein sehr eindrucksvoller "Tobalá" aus dieser Serie. Mit dem "Vida" hat "Del Maguey" mittlerweile ein in der US-Barszene offenbar sehr beliebtes, da wesentlich günstigeres Produkt am Start. Mich konnte der leichte und etwas eindimensionale "Vida" nicht so recht überzeugen. In Europa sind die "Del Maguey"-Brände bei TWE erhältlich.
Am Rande der Veranstaltung konnte ich Barfish-Chef Alexander Troopmann noch ein paar Fragen stellen...

whatadrink: Alex, Du betreibst seit einiger Zeit den Barfish-Onlineshop, der nicht nur gängige Spirituosen und Cocktailzutaten im Angebot hat, sondern auch die eine oder andere Spezialität. Bevor wir zum Mezcal kommen, wie hat sich Tequila als Produkt bei Euch in den letzten Jahren entwickelt? Welche "Tequilaklasse" (also Blanco, Reposado oder Anejo/Extra Anejo) wird am meisten nachgefragt?

Alex Troopmann: Der erwartete Tequila-Hype blieb in den letzten Jahren im großen und ganzen leider aus. "Leider" vor allem deshalb, da ich Tequila durchaus als spannende Spirituose befinde und auch die Qualität der 100%-Agave Produkte sich sehen lassen kann. Dazu kommt das optisch sehr gelungene Outfit so manches Tequila-Brands, der im Backboard auch geil aussieht. Am meisten nachgefragt ist der Blanco, dicht gefolgt vom Reposado. Anejo ist eher weniger gefragt, jedoch mixen viele unserer Kunden den Tequila eher, als ihn pur zu verkosten. Von daher fällt die Wahl eher auf "jüngere" Tequilas.

wad: In Sachen Mezcal hat Barfish bisher nur ein gängiges "Industrieprodukt" in seinem Shop. Wirst Du in der nahen Zukunft vielleicht einen Versuch mit der ein oder anderen Premium-Range (mit Endpreisen von 40 EUR aufwärts) starten?

AT: Das bekannte "Industrieprodukt" wird tatsächlich vor allem des (sinn-zweifelhaften) Wurms in der Flasche wegen gekauft, wie mir scheint. Als bekennender Cocktail Nerd gefällt mir die Idee des Premium-Mezcals sehr gut. Schon allein, um hier die Lücke für interessierte Connaisseurs zu schliessen, würde ich durchaus gerne den ein oder anderen Versuchsballon über der Agaven-Plantage steigen lassen.

wad: Wie schätzt Du persönlich als Cocktail-Aficionado das Potential von Mezcal in Deutschland ein? Glaubst Du, dass handwerklich hergestellter Premium-Mezcal bei uns den Stellenwert und die Marktposition von 100%-Agave Tequila erreichen kann?

AT: Da sich meiner Erfahrung nach auch Tequila in hoher Qualität nach wie vor erst weiter etablieren muss beim deutschen Gaumen, glaube ich nicht an den schnellen Erfolg von Premium-Mezcal hierzulande. Ich gehe eher davon aus, dass Mezcal die nächsten Jahre ein Nischenprodukt bleiben wird - vorerst. Und auch wenn Mezcal aus der "Tequila-Ecke" kommt, könnte ich mir vorstellen, dass er auch Gefallen bei Liebhabern von z.B. Obstbränden finden könnte. Gerade als Münchner ist mir jedoch nicht entgangen, dass sich die Barkultur mit grossen Schritten entwickelt und dies neue Perspektiven eröffnet. Wenn das Interesse an Cocktails und Barkultur weiter zunimmt in Deutschland, ist hochwertiger Mezcal zweifelsfrei eine tolle Bereicherung für alle Aficionados!

wad: Danke für das Interview, Alex.

Zum Abschluss noch ein paar Links: Während in Simon Difford's Cocktaildatenbank weiterhin nur ein Mezcaldrink zu finden ist, kommt man hier, hier und hier zu einer ganzen Menge neuer Anregungen. Mein Lieblingsmezcaldrink ist aber weiterhin "Man In Fire" von Gregor de Gruyther, den ich folgendermaßen zubereite:

Man In Fire

3cl Mezcal (Alipús - San Juan Del Rio)
3cl Lagavulin 16y / Laphroiag 1/4 Cask
1/2 Barlöffel Löwenzahnhonig
1 Barlöffel Agavensirup ("Naturel" Premium Bio)
3cl Limettensaft
shake + strain in (small) Tumbler (mit halbem Limettensaft-Rauchsalzrand)

Ob der Mezcal nun der bessere Tequila ist? --- Hm, irgendwie schon...

Donnerstag, 24. Februar 2011

Thomas Henry Launch und Grapefruitlimonade(n)

Wenn in diesen Tagen eine neue Limonade in den deutschen Markt eingeführt wird, reißt das zunächst niemanden vom Hocker. Irgendwie handelt es sich dabei um einen Vorgang, der "gefühlt" sowieso alle drei Tage stattfindet. Und zuletzt blieb der eine oder andere wohlgemeinte Versuch eines solchen Launchs leider auf der Versuchsebene stecken.

Mit der neuen Berliner Marke "
Thomas Henry" der "Thomas Henry GmbH & Co. KG" soll es sich anders verhalten, denn man verspricht nicht nur Qualität, sondern auch einen akzeptablen Preis und - am allerwichtigsten - eine generelle Verfügbarkeit im ganzen Lande. Mit diesen Prämissen hat man auch den Kampf gegen die allgegenwärtige Traditionsmarke "Schweppes" aufgenommen.
Um die geschmackliche Klasse der Produkte zu demonstrieren zieht derzeit eine Werbekaravane durch Deutschlands Städte und Bars und präsentiert dem interessierten Fachpublikum neben der "Thomas Henry"-Range von Sodawasser bis Ginger Beer auch eine neue Abfüllung namens "TH Grapefruit Lemonade". Hier meine Eindrücke resultierend aus dem Tasting in der "Goldenen Bar" in München und meinen Heimstudien. Zunächst alle "Thomas Henrys", die in 0,2l-Mehrweg-Pfand-Glasflaschen ausgeliefert werden.Sodawasser: Um es kurz zu machen, das Soda ist genau so, wie es sein soll: Spritzig, neutral, ohne irgendwelchen (Nach)Geschmack. Aber das ist beim Marktführer "Schweppes" aus den bekannten 0,2l-Gebinden ebenfalls der Fall. Das "Thomas Henry" wirkt vielleicht eine Spur feinperliger.

Bitter Lemon
: Überraschenderweise wird auch ein Bitter Lemon produziert und das ist dann selbst auch eine geschmackliche Überraschung, denn es kommt sehr fein balanciert und erwachsen mit deutlichem Zitronen(schalen)überhang auf dem Gaumen an. Nur eine leichte, wenn auch spürbare Bitternote erinnert an die Kategorie. Sehr "limonadig" also und sehr gelungen. Ergibt einen gepflegten "Vodka Lemon". Das Premium-Bitter Lemon von "Fever-Tree" mit 3,7% Zitronensaftanteil vertritt im Vergleich dazu mehr die bittere Linie, jedoch bieten die Engländer mit ihrem "Lemon Tonic" und dem "Mediterranean Tonic Water" ähnliche Filler (eben auch für leichte Vodkadrinks) an. Ginger Ale: Auch hier eine kleine Überraschung, denn eine übermäßige Ginger Ale-Vielfalt konnte ich in unseren Breiten bislang nicht feststellen. Das "Thomas Henry" wirkt geschmacklich definitiv natürlicher als der Marktführer und ist, wenn auch eher ein süßer Fratz, so doch mit deutlichem Ingweraroma, insbesondere im langen Abgang, ausgestattet. "Schweppes" kann da überhaupt nicht mithalten. Auch hier noch ein Vergleich mit meinem "Ginger Ale"-Liebling von "Fever-Tree": Der Engländer ist etwas frischer, fruchtiger und feinperliger - aber eben nur "etwas". Wieder ein Punkt für die neue Berliner Range.

Tonic Water: Nun, für was brauchen wir noch ein neues Tonic? - Ganz einfach, weil es zum einen ein wesentlichen Bestandteil des Softdrinkangebots an der Bar ist und so auch bei "Thomas Henry" auf keinen Fall fehlen darf und weil die englischen Platzhirsche von "Fentimans" (mein Favorit) und "Fever-Tree" (ganz zu schweigen von U.S.-Marken wie "Q-Tonic") in Deutschland mangels vernünftiger Verfügbarkeit (Pfandsystem!) keine große Rolle spielen. Das "Henry"-Tonic kann den anderen Wässerchen durch das selbige reichen, hat eine angenehme Citrusnote und eine klare Bitterness. Nicht mehr und nicht weniger - ein gelungenes Gebräu!

Ginger Beer: Das gleiche Prädikat kann man durchaus auch dem "Thomas Henry"-Ginger Beer verleihen. Der würzige Ingwergeschmack lümmelt auf einer nicht zu aufdringlichen Süße und bringt den Neuling so in eine Startposition hinter dem herrlich neutralen "Fentimans" (das so auch deutlich schärfer wirkt) und neben das zarte "Fever-Tree". Die Dosenkinder von D&G, Barr´s, Grace etc. erscheinen süßer und stehen für mich im Ranking hinter dem "ersten gebrauten deutschen Ginger Beer".

Fazit: "Thomas Henry" gibt sich keine Blöße und startet mit allen 5 Variationen im oberen Bereich der Qualitätsskala. Wer sich seine Premiumfiller auf bisweilen abenteuerlichen Wegen zusammen suchen musste, hat jetzt eine einfach zu beschaffende Alternative. Der Preis von knapp unter 20 EUR (brutto) für ein Gebinde mit 20 0,2l-Glasflaschen, die zudem eine gewisse optische Wertigkeit auf dem Tresen vermitteln sollten, erscheint angemessen. Für Großabnehmer wird es sicher noch interessanter.
Die Welt bzw. der trendige "Paloma" Highball verlangt nach Grapefruitlimonade - genauer nach der von D&G (siehe auch D&G Jamaica Ginger Beer) seit 1973 hergestellten "Ting" (= "Thing"). Dieser Stoff wird (für Europa) im Vereinigten Königreich hergestellt, wo es seit 1988 erhältlich ist, und ist in Deutschland derzeit nur über Onlineshops und in Asialäden erhältlich.

Doch zurück zum "Paloma". Als ich Tequilabotschafterin Sonja Erler anno 2009 bei einem Tequilatasting nach dem beliebtesten Tequiladrink in Mexico fragte, meinte die Expertin sinngemäß "Ganz klar: Paloma" und gab auch gleich die Rezeptur "Blanco Tequila, frische Limette, Ting und eine Prise Salz" mit an. Damals: große Augen.
Heute: alter Hut. Mangels guter Erhältlichkeit von "Ting" verwies Frau Erler seinerzeit auf "Schweppes - Californian Citrus Summer", eine Zitruslimonade mit Auszügen von Orange, Grapefruit, Limette und Mandarine. Da die "Ting"-Problematik bis heute mehr oder weniger besteht, habe ich mir zum Abschluss dieses
Blogeintrags vier Limonaden mit zumindest einem Grapefruitanteil vorgenommen. Hier die Ergebnisse meines kleinen Tests: "Ting" (0,33l-Dose, 6% Grapefruitsaft aus Konzentrat): Der trübste Vertreter im Feld. Relativ süß mit hohem Citrusanteil. Grapefruit wirkt natürlich. Etwas kurz. Die Dose ist zwar in ihrer Farbgebung akzeptabel. Dose bleibt aber Dose - Sau bleibt Sau.

"TH - Grapefruit Lemonade"
(0,25l-Mehrweg(?)-Glasflasche, 7% Fruchtgehalt, Grapefruitsaftkonzentrat): Der Stoff kommt aus dem Hause "thomax AG & Co. KG" in Tholey und somit nicht von der "Thomas Henry GmbH & Co. KG". Das Kürzel "TH" auf dem Etikett und der offenbar gemeinsame Vertriebsweg lassen aber eine gewisse "Nähe" vermuten. Die Limo ist auf jeden Fall etwas weniger trüb als "Ting" und im direkten Vergleich auch herber und länger. Freilich steht auch sie auf "der süßen Seite".

"Schweppes - Californian Grapefrit Summer"
(1,0l-Mehrweg-PET, 2% Orangensaft aus Konzentrat und "dem Geschmack von Zitrusfrüchten"): Eine gelbtrübe Limonade, die die Orangenabstammung nicht verleugnen kann. Der süßeste Vertreter im Test. Sehr fruchtige Nase und guter Orangenabgang.

"Perger - Pink Grapefruit Limo" (0,33l-Mehrweg-Glasflasche, Bio(!)-Pink Grapefruitsaft, ohne Zuckerzusatz, ohne Aromastoffe): Alles andere als süß, da nur mit Traubensaftkonzentrat gesüßt wird. Ein herber naturtrüber Spaß.

Soweit waren alle vier Probanden - bei allen Unterschieden - als durchaus genießbar anzusehen. Interessant war also die Verwendung im "Paloma" (5cl AHA Toro Blanco Tequila, Saft einer halben, vollreifen Limette, ca. 8-10cl Grapefruitlimonade, 1 Prise Fleur De Sel). Hier ergab sich für mich, dass das neue "TH" eine Spur intensiver als das "Ting" wirkte und mehr Grapefruit in den Drink transportierte. Bei beiden macht sich aber - je nach Intensität des Limettensafts - ein Schuss Grapefruitsaft gut. An dieser Stelle sei auf das Rezept im aktuellen Diffordsguide verwiesen (s.u.) Deutlich mehr Säure als in der o.g. Rezeptur vorgesehen braucht eine "Citrus Summer Paloma", denn hier regiert Zucker wobei der Drink nicht schlecht ist. Vielleicht nix für den Gourmet, aber doch eine (billige) Alternative. Bestens behauptet sich das "Perger" mit seinem enormen Zestenaroma. Der "Pink Paloma" ist so aber eigentlich ein anderer Drink, der jedoch sehr erfrischend und ohne jeden Zuckeranteil die durstige Kehle runterrinnt.

Paloma (Diffordsguide)

6cl Blanco Tequila
6cl Grapefruitsaft (frisch)
1,5cl Limettensaft (frisch)
0,8cl Agavensirup
shake on ice & top up with "Ting" / "Squirt"
deco: salt rim, lime wedge