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Dienstag, 23. Februar 2016

The First Posts For 2016 - heute: Euro Rye Whisky

Wie mir scheint, sind nun alle Whisky/Rum/Spirituosenpreise zum Jahreswechsel vergeben und Ruhe an der Awardsfront eingekehrt, außer irgendein Blogfuzzi packt noch ne "Best Of"-Liste aus. *Gähn* Selbst die ehrwürdigen Malt Maniacs haben bei ihren Awards im Dezember wenig Neues präsentiert: Der beste Sherrywhisky kommt aus Taiwan (klar), Lagavulin, Caol Ila und Amrut können getorftes Zeug machen (auch klar), Irland kann Malt (längst klar) und die besten Tröpfchen kann man in Taiwan kaufen (Hä?). Ja, von den ersten 20 Malts im Ranking wurden geschlagene 11 in Taiwan produziert oder für Taiwan abgefüllt. Tja, so ist das bei einem internationalen Blindtasting. Da gewinnen nunmal die Besten der Besten (die mitgemacht - sprich: die ihren Stoff dort eingesandt haben). Lesen Sie dazu auch Keith Woods Bericht und seine Probleme mit DHL, Importzöllen, Versandkosten usw. Whatadrink! wird daher vorerst keine vergleichbaren Awards veranstalten - versprochen. Aber ich schweife ab...

Eigentlich wollte ich ein paar Worte über Ryewhisky verlieren. Nein, nicht das Zeug, das uns manche fragwürdige U.S.-Craft-Distillery zu gehobenen Preisen übern großen Teich schickt. Nö. Diesmal gehts um Euro-Rye (Ja, ich weiß, dass Sie die Überschrift gelesen haben).

Yeah!, sagt der Amerikaner trotzdem und wir gedenken einem 100%igen, superjungen  Rye im Wildweststyle, der vor ein paar Jahren aus San Francisco zu uns kam: Der Old Potrero. Lange bevor Rye wieder Mode wurde war das. Erhältlich sind, nach einer zwischenzeitlichen Ebbe, in unseren Breiten derzeit 2 Varianten davon - allerdings muss man recht tief in die Tasche greifen (>100 EUR). Aber es ist Asskicking Stuff. Was gibt es also an Alternativen, wenn wir an einen brauchbaren 100%-Rye haben wollen?
Da fällt mir zum einen der Millstone 100 Rye Whisky aus der niederländischen Zuidam Destillerie ein, der sich doch glatt Dutch Single Rye Whisky nennt. A new category is born! Im Ernst: Das ist seriöser Rye. Nicht so brennend hot und metallic, wie manch jüngerer/älterer Ami, aber dafür fruchtig, rye-würzig und ausgereift. Eben in Europa und nicht im heißen Kentucky gelagert. Die 100 steht für 100proof (= 50% Vol.), 100% Roggenmalz und mindestens 100 Monate (> 8 Jahre) Reifung in neuen amerikanischen Eichenfäßchen (Das mit 100% aus Windmühlen lasse ich weg.). Angenehmerweise kann man die 0,7l-Flasche für 50-60 EUR beziehen. Ihnen kommt der Willett-Rye schon zu den Ohren raus? Dann checken Sie mal den Mühlstein. Tip: Es werden hier und da auch über 10jährige Einzelfassabfüllungen verkauft. Die Sherryfass gelagerten Single Malts von Millstone sind auch ganz nett - aber das würde jetzt zu weit führen.
Einen ganz anderen Ansatz verfolgen die Mitbewerber von Vulson Rye, der in der Domaine des Hautes Glaces Alpine Farm Distillery produziert wird. Auch er ist, wie der Potrero und der Millstone, ein reiner Potstill-Rye. Gestartet waren die Franzosen mit dem White Rhino Rye - Alpine Spirit, einem mehr oder weniger ungelagerten (von 18 Monaten ist die Rede) Destillat aus Edelstahltanks mit 41% Vol. Oder sagen wir es so: Das ist/war ein sehr gut gemachter, reiner Roggenbrand. Nun aber gibt es den Old Rhino Rye Whisky. Old? Yes, it's whisky und damit hat sich der Stoff mindestens drei Jährchen in Eichenfässern aufgehalten. Maestro Xavier Padovani hat seine Finger mit im Spiel, was mich zu dem Irrglauben brachte, dass mich dieser feine Herr mit Hintergrundinfos eindecken würde. Nun, trotz mehrmaligem Emailkontakt und Übersendung einer Fragenliste bekam ich nach zweimonatigem Warten immerhin die technical sheets mit den Maßen der beiden hübschen Buddels und den offiziellen Tastingnotes ins Postfach. Was habe ich gelacht. Aber zurück zum Old Rye itself: Ja, das ist jetzt schon was ganz anderes. Der Vergleich mit anderen Metaspirits wie Mezcal, Clairin oder jungem Rum aus der Port Mourant Still drängt sich wirklich auf. Vulson kommt mit Teignoten, frischem Roggenbrot (ach was) und einem Touch Obstbrand daher. Zuerst Mandarinen und Mango und dann noch starker, holzgelagerter Williams aus dem Wallis (kleiner Scherz). Salzstangerln. Ein Rye, der mit 45% Vol. Rückgrat hat und nach einem Mixed Drink schreit. Eine blütenweise Leinwand für einen ambitionierten Mixologen. Blöd, dass der Preis um die 70 EUR (brutto) liegt. Die Leutchen haben übrigens auch nen Single Malt, aber ich wage nicht nachzufragen und Whisky machen in unserem Nachbarland heute eh schon über 40 Destillerien (siehe Karte).

Montag, 6. Juli 2015

Heaven Hill - First Strike by the Germans (doing crazy things with american whiskey)

Während die schottischen Whiskymacher offenbar nicht wissen, ob ihre wirtschaftliche Entwicklung nun nach unten geht, weil sie in der letzten Zeit insgesamt gesehen weniger Flaschen verkauft haben, oder ob es dann doch nach oben geht, wenn man das gestiegene Interesse an hochwertigen Abfüllungen (Preis und/oder Qualität) und die Entwicklung zahlreicher Destillerie-Neugründungen betrachtet, bleibt eines unbestritten: In den letzten paar Jahren hat sich der Markt für amerikanische Whiskies stets positiv entwickelt - ganz egal ob es um geflavourte Grusel-Anti-Whiskies oder um langzeitgelagerte Edelabfüllungen geht (vor allem, wenn auf denen die Worte Pappy oder zumindest Stitzel-Weller stehen). Dazu gibt es immer wieder neue Experimente in Sachen Getreidemischungen (Reis!) und Fasslagerung zu bestaunen und der Sammlermarkt ging geht auch völlig durch die Decke.


Das wissen wir doch alles schon, werden Sie (nicht nur als Leser dieses kleinen unsäglichen Machwerks) sagen. Stimmt. Aber haben Sie auch gesehen, dass der renommierte deutsche Whisky & Rum-Abfüller Thomas Ewers (Malts Of Scotland!) jetzt eine neue Serie gestartet hat? Unter dem Label "Whiskey Of America" hat er letzte Woche zwei Single Barrel-Abfüllungen aus der gigantischen Heaven Hill-Destillerie in Kentucky (bekannt durch z.B. Elijah Craig und Evan Williams) auf den Markt gebracht. Einer der beiden ist 13 oder 14 Jahre alt und wurde in einem Sherryfass gelagert. Wie bitte? Und das gerade jetzt, wo doch die U.S.-Größen, aufgrund der erhöhten Nachfrage, ihren Whiskey nicht mehr im Bulk verkaufen? Ich nahm das natürlich zum Anlass, um bei Herrn Ewers nachzufragen.
whatadrink!: Herr Ewers, mit "Malts Of Scotland" und "Isla Del Ron" sind Sie seit einigen Jahren der vielleicht am meisten geschätzte Scotch- und Rum-Abfüller aus Deutschland, wenn man sich bei den Kennern und Connaisseuren umhört und auf internationale Auszeichnungen z.B. der Malt Maniacs oder des Whisky Magazines schielt. Nun haben Sie mit zwei Abfüllungen aus dem Haus Heaven Hill erstmals einen Kentucky Straight Bourbon Whiskey im Programm. Das ist jetzt nicht total überraschend für mich, da in letzter Zeit nicht nur der Markt für amerikanischen Whiskey in Bewegung geraten ist, sondern auch weil zuvor schon ein paar interessante Heaven Hill-Bottlings das Tageslicht erblickt haben. Wie aber kam es zu Ihren Abfüllungen? Wurden Ihnen die Fässer durch Broker angeboten oder haben Sie die direkt aus Kentucky?


Herr Ewers: Ja das stimmt mit dem Erfolg. Ich selber hätte es nie für möglich gehalten. Bezüglich der Heaven Hill-Whiskies verhält es sich so, dass ich diese bereits vor drei bis sechs Jahren erworben habe - alle über Broker. Die amerikanischen Brennereien verkaufen nicht direkt an Abfüller - zumindest nicht an kleinere Firmen. Die ersten Fässer wurden mir im Jahr 2009 angeboten. Die habe ich eigentlich mehr so aus Interesse erworben. Einfach um zu sehen, was der amerikanische Whisky so kann, wenn man ihn länger liegen lässt. Da ich schnell gemerkt habe, dass dies durchaus interessant für die Zukunft sein kann, habe ich versucht, weitere Fässer zu bekommen und über die letzten Jahre immer mal wieder welche dazu erworben.


whatadrink!: Ein Streitpunkt unter Bourbonfans ist schon länger die Frage, ob man zur Reifung eines "echten" Straight Bourbon auch andere Fasstypen als nagelneue, ausgekohlte, amerikanische Weißeichenfässer nutzen darf/sollte. Dabei geht es den Puristen nicht nur um die gesetzlichen Bestimmungen. Nach einem (wenig gelungenen) Experiment von Wild Turkey mit Olorososherryfässern vor einigen Jahren sind in letzter Zeit insbesondere Fassfinishes in allerlei Ex-(Süß)Wein- und sogar Ex-Rumfässern auf den Markt gekommen und parallel dazu regte sich die Debatte um die Wiederverwendung von gebrauchten Bourbonfässern in den USA aus Kostengründen bzw. aufgrund der hohen Nachfrage in den Cooperages. Sie bieten jetzt einen in 2001 destillierten Bourbon aus einem Sherryhogshead an. Von einem Finish steht nichts auf dem Etikett und Hogshead klingt nach Schottland/Europa und nicht nach USA. Wie und wann kam der Whiskey ins Sherryfass und wo wurde er gelagert?



Herr Ewers: Alle unsere Bourbonfässer haben wir in einem Alter von über 3 Jahren erworben und alle Fässer waren zu Beginn klassische Barrels. Der 2001er z.B. wurde von mir vor drei Jahren in ein frisches Sherryfass gelegt, da die Holznote für mich zu dominant war. Ich besitze auch noch weitere Fässer, die in Schottland liegen, und nach drei Jahren in Sherry Butts umgefüllt worden. Das Ergebnis ist hervorragend!


Bezüglich der Lagerung und der Bezeichnung ist es so, dass laut amerikanischer Gesetzgebung die (erste) Lagerung mindestens zwei Jahre in einem frischen Fass ablaufen muss. Ein Finishing danach sollte aber kein Problem sein. Selbst Jim Beam hat ja mittlerweile in Sherryfässern nachgelagert. Bis jetzt spricht also nichts dagegen, dass es sich bei unseren Bourbons auch um Kentucky Straight Bourbon handelt. Es gibt auch keine andere offizielle Richtlinie. Sollte sich irgendwann etwas ändern, ist es vielleicht nicht mehr möglich diese Fässer als (Straight) Bourbon zu bezeichnen. Ich hoffe, dass ich dann meine Sherrybourbons abgefüllt habe.


whatadrink!: Neben Bourbons erfreuen sich Ryewhiskeys wieder großer Beliebtheit. Haben Sie da schon etwas in Vorbereitung oder gar schon in Ihrem Warehouse in Paderborn liegen? 


Herr Ewers: Oh ja. Wir haben ja "The Westfalian", unseren deutschen Whisky, der im Lager reift. Seit 2012 aus Grain & Malt, seit 2013 aus Mais und ab 2014 aus Roggen. Die beiden letzteren wie bei traditionellem Bourbon in extra aus Amerika importierten frischen Fässern die genauso sonst von den dortigen Brennereien genutzt werden. Diese beiden Sorten entwickeln sich ganz prächtig und stehen dem Stoff aus Amerika in nichts nach. Auch unser Malt & Grain ist im übrigen außergewöhnlich gut für einen deutschen Whisky. Wir haben das Glück einen Destillateur hier vor Ort zu haben, der das Whiskybrennen in Schottland gelernt hat und einige Dinge eben anders macht wie andere deutsche Brenner. Das Ergebnis jetzt ist schon erstaunlich.
Ja, erstaunlich was uns Herr Ewers da so mitzuteilen hatte. Ein zum Teil in Europa gereifter Bourbon aus 1st-Fill-Sherry-Fässern also. Aha. Auch die relativ geringe Alkoholstärke von 48,1 bzw. 52,1 % Vol. (bei den amerikanischen Single-Barrel-Abfüllungen ist man an Werte von über 60% gewöhnt) lässt sich (vielleicht) so erklären: Das Feuerwasser wurde vor dem Umfüllen auf europäische Dimensionen reduziert, um die Prägung durch das Fass besser in den Griff zu bekommen und sich auch einer machbaren Trinkstärke anzunähern. Egal, nun endlich zum Whiskey selbst.

Alle Heaven Hill Bourbons werden nach einer Mashbill produziert. Ob die nun 78% Mais, 12% Gerstenmalz und 10% Roggen oder vielleicht doch 75-12-13 beträgt, ist nicht zu klären. Die Shapiras (HH ist ein Familienunternehmen) lassen das offiziell nicht so richtig raus. Es handelt sich aber definitiv um eine Low-Rye-Mashbill. Der jüngere der beiden (Cask MoS 15042) wurde also 2005 gebrannt und nun in 2015 mit 52,1 % Vol. abgefüllt - ist also neun oder zehn Jahre alt. Nach Herrn Ewers Ausführungen ist anzunehmen, dass der Knabe mindestens drei Jahre in den USA gelagert wurde und sich anschließend in Europa herumgetrieben hat. Das Resultat: Es ist ein Bourbon! Und zwar ein sehr guter. Klassische Bourbonnase, gut eingebundener Alkohol, milder Antritt und - vielleicht durch die europäische Reifung - eine nicht hervorstechende Vanille-Eiche. Ich dachte zuerst an einen Rockhill Farms, was aber völliger Blödsinn war. Das Bourbonprofil erinnerte mich mit der Zeit dann an einen E.H. Taylor Single Barrel, was auch in Sachen Mashbill passen könnte. Aber lassen wir das Generde sein. 

Zum Bourbon aus dem Sherryhogshead (2001/2015, 48,9% Vol., Cask MoS 15041) möchte ich folgendes anbringen: O La La! Großartiger Beginn, voll und rund, Harmonie und Balance (was dem WT Sherry Signature völlig fehlte), Sherrysüße und Gewürze, Bourboneiche und ein Tick Säure. Best of both worlds! Geht definitiv ohne Wasser. Sollte man unbedingt probieren. The (one and only) Kentuckian Sherry Bomb - Whatadrink!

Und hier noch ein kleines Sommerschmankerl...

Samstag, 3. August 2013

Michter's Whiskey (und alles oder ziemlich viel über KSBW, NDP, ADI, NAS, LDI, MGPI, KBD, ATF, große und kleine Jungs)

"De Hoar im Wind undn Fuaß am Gas
so brettert er entlang der Wüstenstroß.
Die Finger ruhig und zu ois bereit..."

("Django Django", Django 3000, 2012)

Das war ein Monat! Wir haben uns mit Spirituosen aus Russland, Österreich, Belize, Fiji, Barbados, Indien, Helgoland und Schweden rumgeschlagen. Während das Sommerloch langsam dahinschmilzt beschäftigt sich der weltgrößte Spirituosenkonzernen Diageo plc., der auch im Bier- und Weingeschäft nicht unerheblich tätig ist, mit den Folgen übermäßigem Alkoholgenusses. Andere Menschen kramen Top-Listen aus der Schublade. Ja, sowas gibt es noch. Da geht es z.B. um Event Drink Trends oder um die besten Cocktails und natürlich die teuersten oder besten Whiskys der Welt. Letztere Liste führt mit satten 100% der Punkte Knob Creek, ein ganz ordentlicher Bourbon aus dem Hause Beam, an - knapp vor dem 1964er Bowmore Gold und einem The Macallan 55y. Unsinn? Klar, aber egal - Hauptsache, dass wir irgendwie die Überleitung zum heutigen Thema geschafft haben. Es geht um American Whiskey.

Big Boys, Craft und Independents

Warum ich nicht mit den Begriffen Bourbon oder besser Kentucky Straight Bourbon Whiskey (KSBW) aufschlage? - Weil das hier nicht immer ganz exakt passen würde. Aber dazu gleich mehr. Wer sich mit den einzelnen Klassifikationen des American Whiskeys nicht ganz sicher ist, darf kurz zu Wikipedia rüberschalten - hier. Aber die Sache ist in Bewegung. Daher zunächst ein kleiner Exkurs zur Lage des Whiskey in den Staaten, wo Kentuckys Whiskey Distilleries 2012 erstmals seit 40 Jahren wieder über 1.000.000 Barrels frisch befüllt haben. Ein Anstieg von rund 120% seit 1999.



Bis vor ein paar Jahren war es noch einigermaßen einfach die U.S-Whiskeylandschaft zu überblicken. Es gab 13 Destillerien im Besitz von 8 Companies. Nennen wir sie die Big Boys. Die - und das ist schon etwas unübersichtlicher - bringen eine ganze Menge verschiedener Marken in Umlauf. Der überwiegende Teil davon waren zwar KSBW, aber oft ist die wahre Quelle - sprich die Destillerie - auf dem Flaschenetikett gar nicht angegeben. Ein klassischer Vertreter ist der in Deutschland bestens erhältliche PennyPacker (40% Vol., 0,7l, ca. 8-10 EUR), der von Heaven Hill Distilleries Inc. für die deutsche Borco-Marken-Import GmbH & Co. KG hergestellt wird. Der edle Tropfen kommt übrigens im Tank über den Atlantik - abgefüllt wird dann in Deutschland.

Ähnlich unromantische Praktiken gab/gibt es aber auch (schon immer) auf dem U.S-Whiskeymarkt. Ob ich nun ein Riese wie Diageo bin, der eine (sehr ordentliche) Marke wie Bulleit Bourbon bzw. Rye pusht, obwohl der Stoff von den Konkurrenten Four Roses (Bourbon) und MGPI (Rye) gekauft wird, da man im Moment keine eigene arbeitende Distillery in Kentucky besitzt oder ob ich als (unabhängiger) Abfüller operiere, der den Stoff im Tank oder in Fässern von den Big Boys kauft und im eigenen Lager weiterreift oder gleich unter traditionsbeladenen oder fantasievollen Markennamen an den Mann bringt - immer bin ich ein NDP, ein Non-Distiller Producer. Das ist auch der große Unterschied zu den (unabhängigen) Abfüllern von schottischem Single Malt, die - bis auf wenige Ausnahmen - gerade eben mit dem Ursprung der Fässer bzw. deren Inhalt hausieren gehen.

Mittlerweile gibt es aber auch über 200 Micro oder Craft Distilleries, die (zum Teil neben mehr oder weniger brauchbaren Vodkas und/oder Gins auch) Whiskey herstellen. Herstellen? Interessanterweise verkaufen einige Micros auch Whiskeys aus der Produktion der Big Boys. Dabei behaupten sie zwar zumeist nicht, dass sie den Stoff selber gebrannt haben. Sie machen aber auch nicht darauf aufmerksam, dass sie ihn nicht selbst destilliert haben. Noch verwirrender wird es, wenn zugekaufter Whiskey vom Craft Distiller re-destillert und/oder mit selbst hergestelltem (Malt)Destillat vermischt und/oder durch Fassausbau veredelt wird. Ahh! Schöne bunte Whiskeywelt. Aber ist das noch Craft und ist Craft dann besser als Nicht-Craft? Oder wie mir ein deutscher Kenner einmal nach der Verkostung einiger Microwhiskeys zuraunte: "Schreckliches Zeug". Manche Crafties erstaunen nicht nur durch Reifung in besonders kleinen Fässchen oder dem Einsatz von Woodchips oder -staves, sondern auch durch die Beschallung des reifenden Stoffs mit beispielsweise Rapmusik. Yeah! Das ADI - The American Distilling Institute - versucht zwar neuerdings mit Zertifikaten etwas Licht in den Dschungel zu bringen. Da es sich dabei aber wohl eher um eine Geldbeschaffungstechnik, als um ein objektives Prüfsystem handelt, ist das auch nicht die Lösung. Angenehmerweise ist amerikanischer Craftwhiskey in unseren Landen kaum verbreitet und, wenn überhaupt erhältlich, extrem teuer im Vergleich zu den etablierten Markenabfüllungen. Aber egal. Die stark ansteigende Nachfrage nach dem braunen Zeug - nicht zuletzt angeheizt durch beispielsweise 21 (!) lokale Whiskeydestillerien in New York - ruft eine zunehmende Experimentierfreudigkeit an allen Parametern (Mashbill, Hefestämme, Fassarten/-größen, etc.) auf den Plan. Ein Ryewhiskey der in Ex-Rumcasks gefinished wird, in denen zwischenzeitlich Cognac gelagert wurde? Warum nicht...
 (Michter's Tutankhamun Jug 1978)

Im Konzert der Großen spielt die oben schon erwähnte, als LDI - Lawrenceburg Distillers Indiana LLC - bekanntgewordene, Firma MGPI (MGP Ingredients Inc.) eine beachtenswerte Rolle. Der Betrieb, der heute in zwei Anlagen Lebensmittelbestandteile wie Neutralalkohol, Stärke, etc. aber auch diverse Spirituosen herstellt, gehörte ab 1933 zum Seagram-Konzern und stand unter der späteren Herrschaft von Pernod Ricard 2006 sogar schon vor der Schließung. Sie ist gegenwärtig die Quelle vieler namhafter Ryewhiskeys wie z.B. Templeton, George Dickel, Redemption, Bulleit, James E. Pepper, High West, usw. und auch einiger Bourbons. Wussten Sie das? Ja, das kann man vielerorts nachlesen. Natürlich nicht auf den Internetseiten der vorgenannten Marken oder gar den Flaschenlabels. MGPI zählt damit auch zu den Big Boys, auch wenn keine Eigenmarke vertrieben wird

Willett

Doch zurück zu den Abfüllern. Ein in Sammlerkreisen hochgeschätzter Abfüllbetrieb und Whiskeyvertrieb waren die KBD - die Kentucky Bourbon Distillers (die sich nun offenbar nur noch "Willett" nennen). Die umtriebige Company der Willett/Kulsveen Family, deren Vorfahren schon vor der Prohibition im Business waren, brachte in der Vergangenheit (inzwischen eingestellte) Marken wie "Very Old St. Nick" oder "Black Maple Hill" (mit) heraus, die Sammlern heute Tränen in die Augen und Konten ins Dispo treiben. KBD war/ist ein unabhängiger Abfüller, der Bourbon und Rye vornehmlich von der benachbarten Heaven Hill Distilleries Inc., aber auch von anderen Herstellern (s.o. MGPI), kauft, dann z.T. im eigenen Lager weiter ausreift, abfüllt und weiterverkauft. Das ganze läuft auf Bestellung für Kunden, die den Whiskey in eigener Flasche und unter eigenem Label vermarkten oder aber auch für diverse aktuelle Eigenmarken der KBD/Willetts/Kulsveens wie Old Bardstown, Johnny Drum und Willett und den Brands aus der Small Batch Boutique Bourbon Collection (zur Zeit: Kentucky Vintage, Noah's Mill, Pure Kentucky und Rowan's Creek). Seit 2012 wird aber auch wieder selbst destilliert. Am Ort der alten Willett Distillery wurde in einem Neubau eine eigene Destillerie inkl. Pot Still geschaffen. Wann der erste Juice von dort dann in den Handel kommt, steht noch in den Sternen, aber mit Willett Pot Still Reserve hat man vorausschauend schon eine No-Age-Statement-Marke (NAS) geschaffen.

An dieser Stelle nochmal ein Exkurs. Unter Pot Still versteht der fortgeschrittene, europäische Whiskygenießer in der Regel eine Brennblase im schottischen Stil ohne vor- oder nachgeschaltete Destillationssäulen. Artverwandte Modelle kann man im Rumbereich, z.B. in Jamaika, finden. In den USA tröpfelt der White Dog heute fast ausschließlich aus Säulenanlagen in sogenannte Thumper oder Doubler. Dahinter verbirgt sich eine Art Pot Still, die aber im Normalfall nichts mit den blankpolierten kupfernen Schönheiten von Glenmorangie oder Glenfiddich zu tun hat, sondern ein ziemlich einfacher, schmuckloser Brennkessel ist. Folge: Jeder auf diese herkömmliche Weise hergestellte Bourbon könnte sich guten Gewissens Pot Still Whiskey nennen, da es keine Regelungen zur Verwendung dieses Begriffes gibt. Genauso könnte auch jeder der handelsüblichen Bourbons der Big Boys den Begriff Sour Mash auf dem Etikett tragen, da die Sour Mash-Methode ausnahmslos angewandt wird. Festzuhalten ist aber, dass amerikanischer Whiskey vor der Erfindung der Column Still Mitte des 19. Jahrhunderts in "echten" Pot Stills gebrannt wurde. Insofern ist das ein traditioneller Begriff und eine traditionelle Herstellungsmethode. 

Ach ja, und weil wir gerade dabei sind: Small Batch ist einer der unsinnigsten Begriffe, der sich im gesamten Spirituosenbereich tummelt. Der eine Hersteller versteht darunter eine kleine Produktionscharge, z.B. aus einer Pot Still, während der andere darunter eine kleine Abfüllmenge versteht. Klein? Naja, relativ klein natürlich. Für Brown-Forman oder Jim Beam ist das natürlich jeweils ein anderes klein, als z.B. bei Willett. Aber zurück zum...

...Stichwort: Sour Mash. Über den deutschen Willett/KBD/Michter's-Importeur Mike Werner habe ich vor über zwei Jahren hier bereits berichtet. Doch es gilt ein paar News nachzuschieben. Zunächst darf ich auf die Gründung der American Whiskey Academy e.V. - Verein zur Förderung der amerikanischen Whiskeykultur in Europa - hinweisen, als deren Präsident Herr Werner fungiert. Der Verein trifft sich (derzeit noch ziemlich unregelmäßig) im neugeschaffenen Ladenbereich von Mike's Whiskeyhandel in München, der ganz im Stil einer amerikanischen Bar gestaltet wurde (s.o.). Zu Bestaunen gibt es dort immer wieder neue Raritäten und Standards, die Mike Werner von seinen amerikanischen Partnern bezieht. Zuletzt wurde der 2012 ins Programm aufgenommene Michter's Original Sour Mash Whiskey präsentiert. Was ist das besondere daran?


Michter's

Die Michter's Range reicht heute vom klassischen Straight Rye Whiskey (in Single Barrel-Abfüllung) über einen Unblended Bourbon (unter Verwendung von bereits zur Bourbonreifung benutzten Fässern) und einen Small Batch Bourbon (beide ohne Straight-Zusatz) bis zu älteren Single Barrel Bourbons und Straight Ryes. Ja, es geht weiter durch den Begriffedschungel. 

Kurz zum aktuell vorrätigen Michter's Single Barrel Bourbon 10 Years Old (47,2% Vol., 0,75l, im Onlinehandel ab ca. 125 EUR): Ich konnte einen Blick in die zur Lieferung gehörenden Papiere des ATF werfen und für das Barrel/Batch 2347 feststellen, dass der Stoff schlappe 253 Monate in White Oak gelagert worden war. Hä? Das sind ja 21 Jahre und 1 Monat! Warum wird der Whiskey dann nicht als 20- oder 21jähriger verkauft? Nun, diese Frage muss man Dr. No stellen. Hinter diesem Namen steckt Willie Pratt, der Master Distiller von Michter's, der u.a. für die Auswahl der Fässer für die exklusiven Single Barrel-Abfüllungen zuständig ist und dessen Nickname aus dessen Weigerung resultiert, geschmacklich noch unreife Barrels für die Abfüllung freizugeben, auch wenn die tatsächliche Reifedauer dies längst zuließe. Kurzum: Wenn 10 Years Old draufsteht, muss der Whiskey auch wie 10 Years Old schmecken. Eine nachvollziehbare Philosophie auch wenn mancher Marketingmensch schreiend davon läuft, wenn er erfährt, dass 21jähriger Stoff als 10jähriger verkauft werden soll/muss (Mike Werner hat übrigens noch ein paar Flaschen eines 25jährigen Michter's Single Barrel Straight Rye auf Lager, der (Oh Wunder!) auch wesentlich länger im Fass war. Fragen Sie ihn bitte selbst nach dem Flaschenpreis).

Diese qualitätsorientierte Praxis spricht definitiv für Herrn Pratt und somit das Geschäftsgebahren des Eigentümers der Michter's Distillery, der Chatham Imports Inc. Moment mal - Michter's Distillery? Da war doch was? Ja genau. Der Michter's Distillery wurde vom Wine Enthusiast Magazine der Titel "Distiller Of The Year 2012" verliehen. Das kann es so auch nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten geben: Der Distiller Of The Year destilliert nämlich gar nicht und besitzt noch nicht einmal eine laufende Distillery. Gut,  man arbeitet zumindest daran - d.h. man baut eine industrielle Destillerie und eine kleine Micro-Showanlage inkl. Visitor Centre in Louisville's Bourbon Row, wo man derzeit mächtig aufrüstet. Bis das alles läuft, dauert es noch etwas, aber einen Master Distiller hat man ja schließlich schon. Mike Werner hat mir von seinem letzten U.S.-Trip vor ein paar Wochen dankenswerterweise einige Schnappschüsse von Michter's nagelneuer Abfüllstraße nebst Whiskeyentsalzungsanlage (!) und dem Nachbau einer historischen Vendome Pot Still (die wohl ins Visitor Centre wandern wird) zur Verfügung gestellt.
 (Michter's 2013)
 (Michter's Bottling Line 2013)
 (Mike Werner und Willie Pratt 2013)

Schon wieder Pot Still. Aber ich wollte endlich zum Michter's Original Sour Mash Whiskey (43,3% Vol., 750 ml) kommen. Man sagt, dass sich die Wurzeln der Michter's Distillery bis 1753 zurück verfolgen lassen. Ob die älteste Brennerei immer den besten Whiskey herstellt, sei dahingestellt und auch der Name "Michter's" wurde erst in den 1950ern (aus den Vornamen Michael und Peter der beiden Boys vom damaligen Inhaber Lou Forman) kreiert. Der gesamte aktuelle Michter's Whiskey hat mit der Historie, der übrigens in Pennsylvania und nicht in Kentucky beheimateten "echten" Michter's Distillery bis zuletzt rein gar nichts zu tun - außer der Namensgebung. Während die Distillery in Schaeferstown, PA, mittlerweile nur noch eine Ruine ist, leben zwei ihrer Legenden nun aber wieder auf: Zum einen die Idee des Old-fashioned Pot Still Whiskey, die man dort schon in den 1960ern entwickelt und propagiert hatte. Zur Unterfütterung dieser Bezeichnung hatte man sogar eine One-Barrel-A-Day Distillery mit 2 kupfernen Vendome Pot Stills im Besucherzentrum aufgebaut, die ab 1976 zumindest für Anschauungszwecke echten Pot Still Whiskey produzierte, der als White Dog im Besucherzentrum verkauft wurde. Zu einer wirtschaftlichen Produktion mit einer traditionellen Blase war es aber nie gekommen. Zum anderen der Whiskey, den Master Distiller C. Everett Beam (aus der Joseph B. Beam Linie) ab Mitte der 1950er dort gebrannt hat und der bis in die späten 90er auch als ganz normale Standardabfüllung in einer handelsüblichen Square Bottle, wie wir sie bis heute von Jim Beam oder Jack Daniel's kennen, und diversen mehr oder weniger geschmackvollen Ceramic Jugs und Geschenkdekantern abgefüllt wurde:  

Michter's Original Sour Mash Whiskey (distilled and bottled in Pennsylvania). Kein Bourbon, kein Rye, schon gar kein Straight Whiskey und auch kein reiner Pot Still Whiskey. Warum nicht? Gearbeitet wurde mit einer herkömmlichen Apparatur und offensichtlich beinhaltete das damalige Rezept, die Mash Bill, weder mindestens 51% Roggen noch mindestens 51% Mais, wie es für Rye bzw. Bourbon vorgeschrieben ist. Willie Pratt (und auch Whiskeyautor Chuck Cowdery) geben eine Mash Bill von 50% Roggen, 37% Mais und 13% gemälzte Gerste an, was folglich einen äußerst roggenlastigen Whiskey ergab. Dieses Ziel scheint man bei der Neuauflage nun wieder zu verfolgen. Der Michter's Original Sour Mash - ein Whiskey, der in den fast 25 Jahren seiner Abwesenheit vom Markt offenbar noch nicht vollständig aus den Köpfen seiner Liebhaber verschwunden ist, ist wieder da und wenn man den Freaks in den Bourbonblogs glauben darf, wurde die Vorgabe auch recht genau nachgebildet. Wie geht das, wenn man doch gar nicht selber destilliert? Nun, ich denke, man ist den bisher ganz erfolgreichen Weg weitergegangen, den man seit dem Relaunch der zeitweise herrenlosen Marke Michter's eingeschlagen hat: Whiskey kaufen, ggf. blenden und abfüllen. Blenden wir also z.B. einen Rye (z.B. Bulleit Rye mit 95%igem Roggenanteil) mit einem Corn Whiskey (z.B. Mellow Corn mit rund 90% Maisanteil), müsste man theoretisch in Richtung Michter's Sour Mash kommen - nur theoretisch natürlich (siehe z.B. auch High West Bourye bzw. Son Of Bourye).
 (Michter's 1964 und 2012)

(Michter's Pot Still 2013)

Zur Michter's Story gehört aber natürlich auch A. H. Hirsch Bourbon, der dort 1974 - übrigens nach einer traditionellen Bourbonrezeptur - auf Bestellung von Herrn Adolph H. Hirsch destilliert wurde und nach dem Ende der Distillery in Pennsylvania in verschiedenen Abfüllungen auf den Markt kam. Whiskeyblogger und -writer Chuck Cowdery hat dem Thema ein E-Book gewidmet, das ich hier bereits einmal empfohlen habe und in dem alles Wissenswerte zur alten Michter's Distillery und dem wahren Hirschbourbon (Es existieren heute allerlei andere Abfüllungen ohne die Initialen A. H.) zusammen getragen ist. 

Alle A. H. Hirsch Abfüllungen haben heute eines gemeinsam: Die Preise gehen durch die Decke. Für eine Bottle der superraren 19jährigen Abfüllung wurden auf einer Auktionsplattform zuletzt knapp über 1500 EUR bezahlt. Auch das gehört neben ein wenig Panikmache und der ein oder anderen Themaverfehlung zum aktuellen Bourbonboom. Ride on, Django...

 

Freitag, 10. Juni 2011

Wiedervorlage Rye Whiskey: Willett Single Barrel 3y

"If the ocean was whisky,
And I was a duck,
I'd dive to the bottom
To get one sweet suck"

Stop! Meister Cave hatten wir ja kürzlich schon als Einleitung. Zum Thema Rye Whiskey
und dessen vermeintlicher Verknappung durch geringe Produktionsmengen wurde zuletzt sogar im "Malt Advocate" (Volume 19, Nr.4, Winter 2010) Stellung genommen. Dort führt Ex-Maker's Mark Master Distiller Dave Pickerell, einer der Männer hinter dem hochdekorierten "Whistle Pig Straight Rye Whiskey" (ein 10-jähriger 100%-Rye, abgefüllt mit 50% Vol.) , das "Ryeloch" auf die um 20% gestiegene Nachfrage nach Roggenwhiskey in 2006 und die erst zwei Jahre später erfolgte Reaktion der U.S.-Distiller zurück. Er sieht den kurzfristigen Ausweg aus der Misere in den Lagerbeständen der kanadischen Whiskeybrenner, die ihren Blends, die bekanntlich einen großen Teil Neutralsprit enthalten, zur Würzung traditionell gelagerten Rye zugeben.

Vor einigen Tagen nun kam eine neue Abfüllung in Deutschland auf den Markt: Die "Kentucky Bourbon Distillers Ltd." haben mit ihrem "Willett Straight Rye Whiskey" einen "Family Estate Bottled Single Barrel Rye" im Alter von jugendlichen 3 Jahren und mit satten 57,8% Vol. Alkoholstärke in der leider sehr geringen Auflage von 228 (!) 750ml-Flaschen an den Start gebracht. Ein so junger Rye? Als Single Barrel? Für rund 40 EUR (brutto)? Das ist eine echte Überraschung! Der letzte "Willet Rye" kam schließlich als 25jähriger mit "nur" 47% Vol. und für rund 160 EUR (brutto) zu uns.
Der laut Etikett "Rare Release" wurde in Indiana destilliert und wie gewohnt bei "KBD" in Bardstown, Kentucky, gebottlet. Indiana? Ja, genau. Von der dortigen Destillerie in Lawrenceburg kamen/kommen schon die Abfüllungen "High West Rye 12y", der neue "Bulleit Rye" und wohl auch der "Redemption Rye". Nehmen wir also an, dass auch der Neue aus dieser Quelle stammt. Über die Mashbill des "Willett" ist mir noch nichts bekannt - Anfragen laufen.
Trotz des relativ hohen Alkoholgehalts, wie er sonst nur die "Thomas H. Handy"-Abfüllungen von "Buffalo Trace" kennzeichnet, eröffnet sich im Glas eine typisch-würzige, appetitanregende Ryenase. Frisch geöffnet hatten noch spritige Alkoholdämpfe dominiert. Jetzt mit ordentlichem Sauerstoffkontakt sieht das gleich ganz anders aus. Im Vergleich zum kräuterig-minzigen "Michter's Single Barrel Straight Rye" (42,4% Vol., ca. 5 1/2 Jahre alt) und dem mit Gewürznelken ausgestatteten "Sazerac Rye 6y" (45% Vol.) ist der "Willet" auch am Gaumen ganz anders: Er ähnelt mehr der Struktur des "Wild Turkey Rye" ist voll mit voluminösem Körper. Mouth-watering! Roggenwürze - natürlich, aber auch mit - wenn auch nur rudimentär nachweisbarem - bourboneskem Sahnetoffee. Dass der Abgang lang anhält, der Stoff sich auf der Zunge festsetzt und die Mundwände förmlich anästhesiert, ist fast schon zu erwarten gewesen. Fazit: Für den Ryefan ist dieses kupferfarbene "Schnäppchen" fast schon ein Musthave.

Donnerstag, 12. Mai 2011

Rye Whisky aus Österreich

"Rye whisky, rye whisky,
Rye whisky, I cry,
If you don't give me rye whisky,
I surely will die."


Den wunderbaren, traditionellen Song namens "Rye Whiskey", aus dem die obigen Zeilen entnommen wurden, intonierte zuletzt Herr Nick Cave (mit seinen Bad Seeds). Ein Werk, das mir immer wieder in den Sinn kommt, wenn ich mir einen abendlichen American zu Gemüte führe. Angesichts der
derzeitigen Bezugsprobleme auf dem Rye Whiskey-Markt in Europa (Einer der größten deutschen Onlinehändler stellte kürzlich für Juni/Juli 2011 die Wiederverfügbarkeit von "Rittenhouse 100" in Aussicht.) fiel mir der österreichische Anbieter "Destillerie J. Haider" mit seinem "Waldviertler Whisky" aus Roggenreuth ein. Der bietet nämlich verschiedene Rye Whiskys an. Und so gingen mir bald folgende Proben zu, die ich mit einigen Kennern verkosten konnte:"White Whisky - Rye Malt" (L RM 08, 41% Vol.): Anfänglich leichtes Getreide, dann überwiegt Fruchtaroma von Birne und Apfel; Auf dem Gaumen süß und gefällig mit leichten Fassnoten; Mehr Obstbrand als "White Dog"; Der "White Whisky" ist m.E. ein un- oder nur sehr kurz gelagerter "Original Rye" (s.u.) - Ein Holzfass hat er zumindest nicht von innen gesehen. Keiner der Tester hat vorher einen Rye-"White Dog" probiert, daher war ein substantiierter Vergleich nicht möglich.


"Original Rye-Whisky" (L 19/05, 41% vol.): Deutliche einladende Getreidenase; malzig und bittersüß, dann etwas flacher, würziger Abgang; Österreichs erste Whiskydestillerie verwendet hier eine Mischung aus 60% Roggen- und 40% Gerstenmalz in der Maische im Gegensatz zu U.S.-amerikanischen Mashbills, die das Getreide bei Bourbon ungefähr im Verhältnis 80-10-10 (Mais-Roggen-Gerstenmalz) und beim Rye im ungefähren Verhältnis 51-38-11 (Roggen-Mais-Gerstenmalz) mischen.

"Pure Rye Malt" (L 10/05, 41% Vol.): Süßes Malz und Blütenhonig; Honigsüßer Auftakt mit leichter, gut eingebetteter Roggenwürze; Leichtes Finish; Das einzig vergleichbare Produkt ist der "Old Potrero"-Rye aus San Francisco, wo - wie hier - 100% Roggenmalz zum Einsatz kommt. Haider verwendet für seinen "Pure Rye Malt" allerdings nur hell bzw. normal geröstetes Malz. Der "Old Potrero", der derzeit in Europa lediglich als 2-3jähriger allerdings mit Alkoholstärken um 63% Vol. erhältlich ist, hat mehr süße Schokoladentöne und wirkt zudem körperreicher und fetter.

"Special Rye Malt 'Nougat'" (L 7/05, 41% Vol.): Leichte Nase; Milchschokolade und (Überraschung!) Nougat vor dem frühen, bittersüßen Roggenabgang; Hier kommt dunkel gemälzter Roggen zum Einsatz. Wiederum ohne die Beigabe anderer Getreidesorten. Einer der Tester meinte, er würde nie einen Whisky mit dem Namenszusatz "Nougat" kaufen.

Noch ein paar Infos: Die Fässer aus Manhartsberger Sommereiche (=Traubeneiche) werden maximal dreimal befüllt. Vor dem ersten und dem dritten Befüllen - mit rund 60%igem Destillat - werden sie vom Fassbinder besonders stark ausgebrannt. An der Losnummer lässt sich die Lagerdauer ablesen. Eine aktuelle Abfüllung aus 2011 mit L-Nr. 7/05 war demnach rund 6 Jahre im Eichenfass. Die erste Zahl bezieht sich übrigens nicht auf den Herstellungsmonat, sondern auf die fortlaufend nummerierten Brennvorgänge (hier also 7. Brand in 2005).

Fazit: Das Echo der Tester war zwiespältig. Während der eine oder andere von der Existenz des österreichischen Roggens überrascht war und der Sache offen gegenüber stand, ließen andere ihre Skepsis gegenüber GSA-Whiskies durchblicken. Begriffe wie "typischer Bierbrand" u.ä. wurden genannt. Auch das Packaging in obstbrandtypischen, schlanken 0,35l- und rustikalen 0,7l-Flaschen fand wenig Zuspruch.

Ich finde, dass diese Roggenbrände zum einen sehr saubere Produkte sind (Dem einen sind sie "zu sauber", dem anderen wiederum "zu flach"). Dass es sich nicht um Ryebomben handelt, die gegen die großvolumige Konkurrenz aus den USA, wo in der Regel kein Roggenmalz, sondern eben ungemälzter Roggen, der einen "härteren" Whiskey ergibt, und ein Großteil Mais in die Maische kommt, "anstinken" können, war fast zu erwarten. Dass Haiders feine Roggen im Kreis von Maltfreunden durchaus Gefallen finden, ist vorstellbar. Für klassische Whiskeycocktails, die nach einem stabilen und höherprozentigen Rye verlangen - wie z.B. Manhattan, Sazerac oder Brooklyn - wäre mir der Österreicher zu filigran. Ich würde mir also einen stärkeren "Waldviertler" wünschen. Ein "Nougat" mit einem Alkoholgehalt von 46-50% Vol. und durchaus mit mehr Körper und Tiefe (Warum nicht mit einer Mais-Roggen- oder Roggen-Roggenmalz-Mischung?). Dass der Betrieb der Familie Haider dazu im Stande ist, ist für mich zweifelsfrei der Fall.

In der "Selections"- und der Fassstärkenreihe sind Abfüllungen mit 46% bzw. über 50% Vol. erhältlich. Einen hochprozentigen Rye habe ich im Onlineshop allerdings vermisst. Neben den bereits erhältlichen Ryes und Single Malts wird ab Juni auch ein getorfter Malt erhältlich sein.

Ich darf Frau Haider für die zur Verfügung gestellten Informationen recht herzlich danken.

Hinweis: Eine 0,2l-Flasche des "Original Rye-Whisky" wurde mir von der Destillerie J. Haider kostenlos übersandt.



Freitag, 16. April 2010

Rock & Rye

Aus den Weiten des Baruniversums darf ich Ihnen heute vorstellen: Rock & Rye. Nein, das ist kein neues Duo, das beim Euro-Sangeswettbewerb antreten möchte, sondern ein reinrassiges amerikanisches Gesöff bestehend aus Ryewhiskey, Fruchtbeigaben und Gewürzen. Was zunächst weihnachtlich klingt ist ein - wie ich finde - schöner Premix für einen lauen Sommerabend.

Die Mixtur läßt sich in Eigenregie herstellen, allerdings ist auch ein Fertigprodukt zu haben. "Jacquin´s Rock & Rye" nennt sich ein Whiskeymix, der mit 40% Vol. versehen ist. In der kantigen Flasche mit Ausgießer, die derzeit in Deutschland nicht offiziell zu kaufen ist (Vertriebe auf den britischen Inseln verlangen rund 20 GBP für 0,75l), treiben am Boden vornehmlich einige Citrusfruchtstücke und auch die eine oder andere Traube (?). In der Farbe kupferrot (gefärbt?) und im Geschmack eher von Süße dominiert, kommen mir die erwartete Ryewürze und die Früchtchen zu wenig zur Geltung. "Jacquin´s Rock & Rye" war 2007 übrigens nomiert für die Mixology Bar Awards in der Kategorie "Spirituose des Jahres".

Wesentlich interessanter erscheint mir ein Eigenansatz. In der einfachsten Variante wirft man je eine geviertelte Orange und Zitrone in ein Gefäß, ca. 10 Nelken, 2 Stangen Zimt und zwei Handvoll Kandiszucker dazu und übergießt das Material mit dem Inhalt einer Flasche Straight Rye Whiskey. Charles H. Baker Jr. ist in "The Gentleman´s Companion" etwas genauer:

"Rye Whiskey, 1/5 gallon, not a full quart
Jamaica rum, jigger

Rock candy, 1/2 cup, leave in large lumps

Whole cloves, 1 doz

Quatered small California orange, peel left on

Quatered seedless lemon, peel left on

Stick of cinnamon, two


Put ingredients in jar, cover with rye, and stand for a fortnight. Strain out spices through fine cloth or filter paper. Put back on fruit until needed.
To serve: Cot spiral orange rind, also one spiral lemon rind, put in whisky glass, and pour liquor over... Can be served hot with excellent effect to fight off colds, influenzas, miasmas, megrims, swamp mists, and blackwater fevers. In fact any sort of excuse seems to work."

Verwendet man einen ordentlichen Rye - Rittenhouse Rye 100proof oder Wild Turkey Rye 101proof erscheinen mir bestens geeignet (jeweils zwischen 25 und 30 EUR zu haben) - kann man sich den Rum sparen. Sinnvoll erscheint mir, zunächst Kandiszucker und Rye in der Ansatzflasche ordentlich zu schütteln, bis sich der Zucker aufgelöst hat. Bei den Gewürzen, die in einem Teebeutel Platz finden sollten und so einfach entnommen werden können, kann man nach eigenem Gutdünken experimentieren. Die Fruchtstücke können ca. 2 Wochen entnommen werden und die fertige Mixtur abfiltriert werden. Andernfalls lösen sich immer mehr Fruchtfasern, die dann in der Flüssigkeit treiben.
Mein homemade Rock & Rye (links im Bild) ist wesentlich fruchtiger und weit weniger süß als der Jacquin´s. Ich denke, es macht auch Sinn die Eigenmischung so abzustimmen. Zuckersirup kann schließlich immer nach dem Gusto des Endverbrauchers beigegeben werden. Die Farbe ist beim homemade eher im natürlichen Gelb-Orange anzusiedeln.

Sehr schön sind einfache Rezepturen mit Rock & Rye wie z.B. Whiskey Sour, OF, Manhattan oder ganz simpel "on the rocks" mit etwas Zitronen- oder Orangenschale.

In die gleiche Kerbe, wenn auch mit etwas anderem Ansatz, schlägt der schottische Whiskyblender "Compass Box" mit seiner "Orangerie". Ein spezieller Blend aus schottischem Malt- und Grainwhisky erhält eine Infusion aus frischen Orangenschalen, indonesischer Kassiaborke und Nelken aus Sri Lanka. Das Ergebnis wird für rund 30 EUR (0,7l-Flasche) vornehmlich im Weihnachtsgeschäft angeboten. Ich finde auch bei diesem Produkt, das eine deutliche Orangenölnote hat, lohnt eine sommerliche "on the rocks"-Version.

Weiterführende Links: www.cocktaildreams.de und http://bitters-blog.blogspot.com