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Dienstag, 16. Mai 2017

Zuckerrüben-Rum und Kirsch aus dem Holzfass

"Look he’s a showboat, he’s a grandstander,” Trump said. “You know that, I know that. Everybody knows that." (Donald Trump)

Ein eigener Blog ist großartig. Du kannst schreiben, was du willst. Und vor allem auch wieviel du über welches Thema tippst und wann du das dann an die Öffentlichkeit bringst, ist dir überlassen. Keine Deadline, kein Rumgestreiche irgendeines Fuzzis in deinem Text. Und eine Story kann man auch mal zwei Jahre vor sich herschieben.

Nicht ganz so lang hat es gedauert, um zur Abwechslung mal über Zuckerrübenbrände zu berichten. Yes, das ist sozusagen der letzte Schrei der deutschsprachigen Obstbrenner. Zuerst haben sie Whisky - tschuldigung Single Malt - neu erfunden, dann warf jeder seinen Gin auf den Markt und nun gehts in breiter Front an Rum. Das soll ja das ganz große Ding sein (wad! berichtete bereits). Ganz innovative Vertreter verzichten auf den Ankauf von Zuckerrohrmelasse und geben sich dem regionalen Grundstoff, der Zuckerrübe bzw. der Zuckerrübenmelasse hin.

"Braucht's das?" sollte der geplagte Leser an dieser Stelle fragen und ich sage: "Ja". Zwei Exponate stehen zur ausgiebigen Verkostung auf dem Tisch. Zum einen der RUMour Of Switzerland namens The Last Barrel. Witzigerweise habe ich eine Flasche der ersten Single Cask-Abfüllung mit Nummer 1 davon ergattert - sozusagen The First Barrel (56%, 0,7l ca. 150 Sfr.). Aber genug der Wortklauberei. In der Schweiz wurden die gängigeren Varianten White, Gold (je 42%) und Strong White (60%) schon kräftig in Barkreisen beworben (0,7l je 60-70 SFr). Mir fiel ein Flascherl von Barrel No. 1 im Zürcher Ladengeschäft von Glenfahrn in meine zittrigen Hände, wo sich der kompetente Verkäufer gleich noch die letzte dort erhältliche Flasche mit den (sinngemäßen) Worten "Der erste Schweizer Rum!" unter den Nagel riss. Guter Mann. Und guter Stoff! Der Alpenrum geht ab, hat Biss und Körper und - für ein recht jugendliches Premium Zuckerrübendestillat  auch eine schöne Länge. Ein klein wenig Wasser und noch mehr Luft verbessern das Sipping-Erlebnis maßgeblich. Stichworte: trockene Eiche, leichte Süße, herbe Zitrusschalen. Dass das Singlecask im Gegensatz zu den Standards ohne Zuckerung auskommt, darf ich lobend hervorheben. Mehr davon, bitte!
 
Weniger loben muss ich die Homepage, die außer einer fraglichen Story beginnend in 1773 mit einem Seefahrer (!) über Napoleon (!) bis zu einem Herrn Fässler, dem "wahrscheinlich" ersten Produzenten des geheimen Rezepts (das just 2014 in einem antiken Keller wiederentdeckt worden ist). Leider ist der schon 1841 verstorben. Infos zum heutigen Produzenten etc. finden sich nicht. Eine Emailanfrage an Glenfahrnboss Messmer blieb unbeantwortet. Das alles erinnert an die Anfangszeit von Monkey 47. Naja, dann wird der Erfolg wohl auch ein durchschlagender sein... What a drink! oder Uf wiederluege!

Aus der Schweiz hüpfen wir nach Österreich. Genauer nach Niederösterreich. In Göttlesbrunn nicht weit von der Donau und der Römerstadt Carnuntum betreiben Grete und Birgit Wiederstein eine "Weiberwirtschaft" und produzieren Weine und Destillate. Besonders interessant erschien mir ein Old Stone genanntes Destillat aus Zuckerrübenmelasse (43% (früher 46%), 0,5l ca. 45 EUR). Zitat Frau Wiederstein: "Ein Produkt mit Erdung und heimischer Verwurzelung". Äh ja, so schmeckt das blasse Ding dann auch. Die Nase ist unerwartet intensiv mit einem süßen Touch wie ein schottischer New Make (ohne dass ich jetzt Hunderte davon probiert hätte). Im Mund - nunja - würde ich auf Rübe tippen. Erdig ist der Brand und jugendliche Holzaromen lassen sich ebensowenig verleugnen wie ein Eindruck von einem Obstler. Insgesamt nicht unangenehm, aber eher Medizin als Rum. Auch hier tut etwas Sauerstoff gut. Irgendwie könnte der auch aus vergorenen Rüben - statt aus Melasse - sein. Die Infos auf der Homepage geben hier etwas mehr Auskunft - z.B. findet die Fassreifung auf einer Zille auf der Donau statt. Aha. Eine Turboreifung wie in den USA scheint das aber nicht zu sein - eher ein Gegenentwurf. Das Packaging hat sich offenbar auch geändert. Die schwarze Flasche mit dem Wachsklecks finde ich sehr gelungen.

Da mich der alte Stein nicht gepackt hat und mich Gin Gini nicht die Bohne interessiert, wollte ich statt einem Interview mit der Brandstifterin (ja, heut ist Tag der Wortspiele) die Obstbrände von den Wiedersteins nicht unversucht lassen. Marille (40%) und Rote Williamsbirne (41%) habe ich mir ausgesucht, aber leider haben mich beide nicht vom Hocker gerissen. Ja, saubere, klare Brände. Filigran und reinsortig. Aber auch kurz und leicht. A bisserl dünn. Schade, dass es keine Abfüllungen mit über 43% Vol. gibt (0,2l ca. 20 EUR).
Zum Schluss gibt es aber noch was Rustikales für den abgestumpften Gaumen des Testers: Einen 9jährigen deutschen Kirschbrand von einem belgischen Abfüller in Fassstärke! Bingo.
Das Brett kommt mit 51,9% Vol. (0,7l für 85 EUR) von Beacon Spirits und nennt sich Single Cask Cherry Spirit. Auf Nachfrage konnte mir Patrick Proth aber nur mitteilen, dass er den Stoff von seinem Importeur gekauft hat, der das Fass schon länger im Warehouse hatte. "Kersenthee op steroïden" überschrieb Mark Dermul 2016 sein Review und das kommt ziemlich hin. Großartige Kirscharomen vor trockener Eichenkulisse. Keine Vanille, keine Kokosnuss oder sonstwas störendes. Ölig und von sehr guter Länge. So geht Obstbrand, Freunde der Brennblase! Whatadrink!

Freitag, 25. März 2016

Rum von Compagnie Des Indes

Falls Sie sich wundern, dass ich noch nichts zu den Rums der Compagnie Des Indes (CDI) geschrieben habe, hat dieser unrühmliche Zustand nun ein Ende, denn vor ein paar Wochen weilte CDI-Boss Florent Beuchet auf Einladung von Liquidtasting im Münchner Patolli, um eine ausgebuchte Masterclass zu halten. Das habe ich mir nicht entgehen lassen und konnte so einige Infos zusammentragen, um die vielleicht schon bekannten Artikel hier und da zu ergänzen bzw. einige Neuigkeiten anzufügen.
 

Florent Beuchet, der einen Wein- und Absinthebackground hat und zwei Jahre für Banks Rum in New York gearbeitet hat, macht eigentlich nichts Neues: Er kauft Rumfässer aus verschiedenen Quellen, kreiert eigene Blends und füllt besondere Rums als Einzelfassabfüllungen ab. Von letzteren sollen es von 2014 bis zu unserem gemeinsamen Tastingtermin 34 Stück gewesen sein. Respekt. Alle CDI-Rums wurden übrigens nicht kältefiltriert.

Wir beginnen mit einem jungen Blend namens Caraibes. Der besteht aus drei- bis fünfjährigen Melasserums aus drei Ländern - Barbados, Trinidad und Guyana - aber aus 4 Destillerien. Obwohl hier eine Dosage - sprich ein Zusatz von Rohrzucker - von 15 Gramm/Liter zugegeben wurde, ist der Caraibes nicht zuckrig und in Zukunft soll er auch keine Färbung (mittels Farbstoff E150) mehr bekommen. Letzteres hat er auch nicht nötig - schließlich verwendet CDI nur grüne Flaschen. Habe ich schon geschrieben, dass das ein sehr schöner und runder Rum für unter 30 EUR ist?

Absolut brauchbar und absolut nicht langweilig ist der Latino. Ebenfalls ein Rumblend, der zum Großteil aus Guatemala-Rum aus dem Hause Botran/Zacapa besteht, welcher bekanntlich aus sog. Virgin Cane Honey destilliert und in Virgin Oak-Fässern gelagert wird. Der Rest im mindestens fünfjährigen Blend kommt wieder aus den beim Caraibes verwendeten Quellen. Die Lagerung dieser Rums fand aber in Ex-Bourboncasks statt. Der Latino kostet in unseren Breiten derzeit ca. 35 EUR. Auch das ist ein fairer Preis für einen gut gemachten, ungefärbten 40%-Rum (der auch mit 15 g/l Rohrzucker abgerundet wurde). Ist der Im Abgang sogar etwas kürzer als sein Bruder? Egal, ich hab schon viel zu viel über Blends geschrieben...
Aber der nächste Rum ist ja auch wieder ein Blend. Diesmal kommen 5jährige Potstill-Destillate aus den jamaikanischen Betrieben Worthy Park, Monymusk, Hampden und - äh - Wray&Nephew/Appleton (?) in das Blendingfass und werden letztlich auf 43% Vol. reduziert. Die Nachzuckerung beträgt 10 g/l und der Rum heißt passenderweise Jamaica. Feiner Stoff für ebenfalls rund 35 EUR. Mich erinnert er an süßes Gebäck. An dieser Stelle fällt mir noch ein, dass Maitre Beuchet erzählt hat, dass er die Reduzierung auf Trinkstärke in Schritten von 5% pro Woche vornimmt. Beim 57%igen Jamaica Navy Strength geht das also etwas schneller über die Bühne. Dessen Bestandteile sind die gleichen wie in der 43er Version, nur entfällt hier die Nachzuckerung. Kurzum: Ein Jamaika-Potstill-Knaller! (Preis ca. 40 EUR) - Whatadrink!

Sie wissen was sich hinter dem Begriff Batavia Arrak verbirgt? Gut. In Deutschland sind einige hochprozentige Arraks verfügbar, die zur Verwendung in einem winterlichen Heißgetränk durchaus taugen. Aber ein zehn Jahre gelagerter Arrak aus Indonesien? Den hat nur CDI im Programm. Fünf Fässer (Ex-Heaven Hill-Bourbon) konnte sich Beuchet sichern (die genaue Herkunft hält er geheim) und deren Inhalt sind die rund 60 EUR pro Flasche wert. Cremiges Zuckerrohr, Zuckerrohr und Zuckerrohr und dazu Vanille, exotische Gewürze undundund... Die 43% Vol. waren übrigens annähernd die Fassstärke.

Dahinter müssen - zumindest in meiner kleinen, versauten Rumwelt - der grundsolide Barbados Rum von Foursquare (12 Jahre alt, 45% Vol., ca. 60 EUR) und der fruchtig-trockene Haiti aus dem Hause Barbancourt (11 Jahre, 59,4% Vol., ca. 70 EUR) etwas zurückstehen.

Zum Abschluss der Vorstellung kam dann noch ein besonderes Schätzchen ins Glas. Ein Demerararum aus der Port Mourant Still mit 13 Jahren und mit satten 58% Vol. Dieser Guyana kommt - ähnlich wie die Diamond 2003s von Duncan Taylor - mit geringem Holzeinfluss würzig, teerig, ölig und eben spirit driven daher. Um es auf den Punkt zu bringen: Ziemlich geiles Zeug. Ein nicht unbedeutender Whiskyblog hatte ein Schwestercask kürzlich mit Lob überschüttet - ich kann das nachvollziehen. Whatadrink!

Florent war übrigens so freundlich für die Veranstalter ein passendes Tastingpaket zu kreieren, das man hier ordern kann. Was gibt es sonst Neues? Zum einen wird es eine Einzelfassabfüllung nur für den deutschen Markt (Juhu!) und zum anderen einen Nachfolger für den heißbegehrten und längst ausverkauften Boulet De Canon (Ex-Scotch-Whisky-Fassfinish - Talisker) geben. Der Boulet De Canon 2 kommt mit 50% Vol. aus einem Ex-Caol Ila-Fass und wird im April 2016 erwartet. In seinem Lager, so gab Monsieur Beuchet mir bereitwillig Auskunft, hat er aktuell knapp über 30 Rumfässer. Genug also, um uns in den nächsten Jahren weiter zu versorgen. 
Sorgen machen mir aber die Preise. Die Lagerbestände der Destillerien und Caskbroker bei den über 10jährigen Rums sind kaum mehr der Rede wert. Die wenigen "alten" Fässer werden also im Preis weiter steigen und auch CDI wird die bislang moderaten Preise auf Dauer nicht halten können. Galt kürzlich noch der Satz "Rum ist noch viel günstiger als Whisky", so haben die Preiskorrekturen einiger Rumabfüller dies bereits jetzt ad absurdum geführt. Für manch 6- oder 10jähriges Destillat (oder gar für Solera-aged Rum aus der DomRep) werden da doch locker mal 150 bis 250 Euro aufgerufen. Für Anleger und Spekulanten gilt also: Kauft mehr Rum! Für den Genießer gilt natürlich: Trinkt mehr Rum!

Update: Für wirklich raren Stoff muss man auch mal die Portokasse plündern (s. Screenshot).




Kleingedrucktes: Ich wurde zu der o.g. Veranstaltung eingeladen. Niemand hat mich gezwungen diese Lobeshymne zu schreiben. Wahrscheinlich krieg ich auch nix dafür. Mist.

Freitag, 19. Februar 2016

Whatadrinks exklusives Sample-Set bei Liquid Tasting

Vor einigen Tagen fragte mich einer der Herren von Liquid Tasting, ob ich nicht ein paar meiner Lieblingsschnäpse zu einem Whatadrink!-Tastingset zusammen stellen möchte. Einfach so und ganz ohne Entgelt. Da war ich natürlich sofort dabei.

Liquid Tasting? Was ist das denn? Eine berechtigte Frage. In den letzten Monaten sind einige neue Onlineshops aufgepoppt, die nicht nur flaschenweise Spirituosen verhökern, sondern die sich besonders auf das Abfüllen und Versenden von kleinen Probefläschchen spezialisiert haben. Die gibts dann einzeln, in Sets oder gar im Abo. Die Gräfelfinger Firma Liquid Tasting bietet derzeit verschiedene 5er-Probierpackerl an, die thematisch gruppiert wurden. Einzige Ausnahme bisher: Das Whatadrink!-Set, denn darin sind je ein Rum, ein Rhum, ein Scotch Whisky, ein American Whisky und ein Gin enthalten. Alle fünf zum Genießen, Entdecken und Spaßhaben ausgewählt. Hier ein paar Infos dazu:

Kilkerran WIP IV Sherry Wood, Single Malt Scotch Whisky, 46%

Früher gabs im Städtchen Campbeltown an jeder Ecke eine Whiskybrennerei, was dazu geführt hat, dass Campbeltown noch heute als eigenständige Whiskyregion gilt. Führend ist heute die Springbank Distillery, die mit Hazelburn (3-fach destilliert) und Longrow (getorft) gleich noch zwei weitere mehr oder weniger eigenständige Marken herstellt. Mit Wm. Cadenhead gehört einer der nach meiner Meinung aktuell besten unabhängigen Abfüller von Whisky, Rum und Cognac und die wiederaufgebaute Glengyle Destillerie mit zum Firmenimperium. In letzterer wird der Kilkerran destilliert, der 2015 in der Work-In-Progress genannten Serie als mittlerweile ca. 11jähriger Malt aus Bourbon- bzw. Sherryfässern abgefüllt wurde - ungefärbt und ohne Kältefiltrierung mit 46% Vol. Im Segment der vorherrschenden No-Age-Statement Scotch Whiskys ist das ein wohltuend altmodischer Malt mit ein wenig Rauch. (Bitter)Orange herrscht vor und der Sherryeinfluß (Wurden große Butts verwendet?) hält sich in Grenzen. Nüsse und Tabak. Cremig und Ölig zugleich zeichnet ein langer Abgang den Kilkerran aus. Auch der Pfeffer scheint nicht zu sehr durch. Fazit: Die Sherryvariante entwickelt sich langsamer als die hochgelobte Bourbonfass-Abfüllung, hat aber über die letzten Jahre schon deutlich an Komplexität gewonnen. Ein ehrlicher Sauf- und kein Sammelwhisky und der richtige Einstieg in das Sampleset.

J. Bally Millésime 2000, Rhum Agricole, Martinique, 43%

Ich sehe schon, dass ich viel zuviel labere und zudem schon wie ein Werbetexter klinge. Machen wir es also diesmal etwas kürzer. Der Bally ist ein echter Jahrgangsrum, wurde  und kommt mit dem AOC-Siegel für Rhum Agricole von Martinique - d.h. er ist nicht gezuckert und wird aus frischem Zuckerrohrsaft destilliert. Das Alter wird nicht angeben, dürfte aber bei mindestens 10 Jahren liegen. Im Vergleich mit einigen anderen gelagerten Agricoles, kommt mir der Bally süßer vor ohne jedoch ein Süßrum (wie z.B. Zacapa, Botucal, Don Papa, diverse Rums aus der DomRep etc.) zu sein. Er ist einfach zugänglicher und beinhaltet schöne Noten von tropischen Früchten (Banane, Ananas) zur würzig-trockenen Eiche. Für mich ist er irgendwie ein Dauerbrenner. Schade, dass seine Alkoholstärke mit dem Jahrgang 1998 von 45% auf 43% reduziert wurde, aber das lässt sich verschmerzen. Dafür bestehen zwischen den einzelnen Jahrgängen zum Teil große Unterschiede - die weniger in der Qualität, sondern vielmehr in der Ausprägung der Aromen liegen (also mal fruchtiger, mal würziger, mal mehr Lakritze, mal mehr Eiche, usw.).

Caroni aged 12 years, Extra Strong, 100% Trinidad Rum, 50%

In zwei Worten: Echter Rum! Der Stoff wurde laut Etikett (übrigens dem historischen Erscheinungsbild aus den 1940/1950ern nachempfunden) im Januar 2000 in der kurze Zeit später geschlossenen Caroni Distillery gebrannt und dort 12 Jahre bis zur Abfüllung in 2012 gereift (mehr zur Geschichte finden Sie hier). Bei Caroni wurden in Pot- und Columnstills leichte und schwere Rums hergestellt. Hier vermute ich einen Blend aus den beiden Stilen, denn allzu perfekt erscheint die Balance von Würze, Frucht, Gummi(reifen) und Teer (!). Dazu dezenter Rauch von einem entfernten Holzfeuer am Strand. Rumrosinen natürlich, Trockenfrüchte und überreife Bananen. Ölig und trocken ausklingend. Der italienische Abfüller Velier hat nach eigenen Angaben noch Vorräte für ca. fünf Jahre. Wenn Ihnen dieser Rum mundet, sollten Sie also jetzt über die Anschaffung der ein oder anderen Flasche nachdenken. Im Moment ist einiges am Markt verfügbar.


Alambic's Special Caribbean Gin, Single Cask Super Premium Scotch Gin, 65,6%

Gin wird zur Zeit ganz einfach zu Tode geritten. Ländergin, Städtegin, Dörfergin, Terroirgin und Gin, der sich nur über Packaging definiert. Dazu Selleriegin und neu (!) Elderflower Potato Gin. Längst gibt es in Europa über 1000 verschiedene Gins zu kaufen. Ginologe muss ein anstrengender Beruf sein. Ein Trend ist auch fassgelagerter Gin. Meist beschränkt sich die Lagerzeit aber nur auf ein paar Wochen. Wirklich aged ist der vom Abfüller Alambic Classique verkaufte Gin, der mir (noch) in einer 13jährigen Version vorliegt (wad! hat bereits zweimal darüber berichtet und das Ding ausgiebig beschrieben). Mein Lagerbestand an 2011er Flaschen geht aber langsam zur Neige. Aktuell sind die 15- bzw. 16jährigen, die ebenso die beschriebene Kräuternote mitbringen und mal mehr und mal weniger Citrus abbilden. Mit jeweils über 60% Vol. sind das echte Ginbomben. OMG! Der gibt dem Affen ordentlich Zucker (wenn Sie wissen, was ich meine). Probieren Sie ihn ruhig pur mit ein paar Tropfen Wasser, die Sie wie die Maltfreaks mittels Pipette zugeben. Sie werden merken, wie sich das Destillat verändert und in der Nase und auf dem Gaumen noch mehr Kräuternoten zum Vorschein kommen.

Booker's Kentucky Straight Bourbon Whiskey, 63,2%

1. Das ist das Beste, was Jim Beam aus seinen Whiskyfabriken und Lagerhäusern auswirft. 
2. Zusammen mit Blanton's von Buffalo Trace gehört der Booker's zu den Pionieren der Small Batch Bourbons (hier ca. 250-300 Fässer je Batch). 
3. Der Juice ist je nach Abfüllung zwischen sechs und acht Jahren alt. 
4. Die Alkoholstärke von über 60% schreit - auch bei geübten Trinkern - nach etwas Wasserzugabe (Pipette).
5. Kann man so trinken, sollte man aber auch in einem schön gerührten Old-Fashioned genießen. 
6. Beam hat zuletzt eine neue Nummerierung seiner Batches eingeführt. Statt etwas krytischen Kürzeln wie z.B. C00-K-15 o.ä. bedient man sich nun simpler 2015-01, 2015-02 usw. Blöd nur, dass es parallel eine Reihe von Sonderveröffentlichungen gibt, die gleichermaßen durchnummeriert und dazu mit einem lustigen Namen (z.B. 2015-02 Dot's Batch) versehen sind. 
7. Achso, zum Bourbon itself: Geben Sie der Nase Luft (und etwas Wasser), dann erschnüffeln wir die berühmten Sägenspähne, Vanille, Kokosnuss, Eiche (of course) und auch etwas Marzipan. Dann Orange, Zimt (!), Ingwer und Kokos. Big Bourbon for big boys.

Dieses tolle (?) Sampleset (5x 4cl) können Sie hier bestellen. Whatadrink! (oder auch nicht).

Freitag, 18. Dezember 2015

The Last Posts For 2015 - heute: Ron Del Cantinero

Nach nicht soooo guten Erfahrungen hatte ich mir eigentlich vorgenommen, keine Reviews auf Anregung von Freunden und guten Bekannten mehr zu schreiben, wenn die mit Sätzen à la "Hier mein neuer Whisky/Rum/Wodka/Obstbrand/Gin/Bier- und Kräuterlikör usw. Kannst Du da nicht was drüber schreiben?" ankommen. Falls man das Gesöff nicht über den grünen Klee lobt, ist man unten durch. Schreibt man nix, läufts genauso. Trotzdem hab ich mich wieder breitschlagen lassen und dann auch noch bei einem Rumblend. OMG!

Emanuele Ingusci ist ein überall geschätzter Barmann/-chef, der in seinem Barroom v.a. dem Rumdrink (ob pur oder im Cocktail) huldigt. Das war auch die Grundlage für die Idee eine eigene Rumabfüllung auf den Markt - oder besser: in die Bars dieser Welt - zu bringen. Aber es sollte keine hochprozentige Einzelfassabfüllung für Rumnerds werden, sondern ein Schmeichler, der auch als Mixrum seinen Mann steht. Aha.
Der Ron Del Cantinero (Arbeitstitel: "Vom Barmann für den Barmann") steht nun bereit und wartet mit folgenden Fakten auf Connaisseure und Barkeeper: Er ist ein Blend aus vier verschiedenen Rums aus zwei Ländern und einer Portweininfusion. Eine Portweininfusion? - Ja, Moment noch. Zunächst noch zu den Rums: Der eine ist ein junger Rum aus Martinique, der andere Rums kommt aus der Dominikanischen Republik und ist bis zu 21 Jahre alt. Zusammen bilden sie den Grundstock der gesamten Kreation (No Solera übrigens). Verhältnis Rum-Portweininfusion: 80:20. Tawny Port wird mit Vanilleschoten, Kakaobohnen und einer Gewürzmischung (Zimtblüte, Ingwer, Sternanis, Piment, Bittermandel und Nelke) infusioniert und/oder gespiced (das können sie benamsen wie sie wollen) und diese Aromenbombe kommt dann zum Rumblend. Abgefüllt wird mit 40% Vol. in 0,5-Literflaschen. Nachgezuckert wurde nicht. Das Modern-Retro-Etikett passt zu Kakao und Vanille mit seinem dunkelbraunen Hintergrund und den verspielten Goldapplikationen und wird vom Portrait des Herrn Papa geziert. Eine gelungene Reminiszenz.
Nun ist Rum & Port keine neue Kombi und funktioniert ja schon als eigener simpler Drink ziemlich gut. Was kann also der Infused Rum? Zunächst ist er eine üppige, ja schon schwere, Bombe mit dunklen roten Früchten, natürlich auch Vanille (aber nicht auf die billige, vordergründige Art) und auch dunkle Schokolade (ach was), die den Taster zunächst ziemlich einnimmt. Blendmeister Mario Gallone hat aber volle Arbeit geleistet und die Komponenten in ein stimmiges Miteinander gebracht. Wenn auch keine überreifen Holznoten heraustreten, so ist das doch ein gelungenes Werk - nicht zu überladen, komplex, aber auch für Anfänger geeignet (die noch in der Süßrumphase stecken), nicht zu süß, schon gar nicht zuckrig. Andere Probanden schmeckten den Kakao heraus - wieder andere die Vanille. Logo.
Aber ist es auch ein Rum der mit seinem recht humanen Alkoholgrad auch genug Rückgrat hat, um im Mixed Drink nicht abzusaufen? Dass er ein feines Dessert abgibt oder gut zum Kaffee (nicht in den Kaffee!) passt, ist klar. Ein Allrounder von der Sunny Side Of The Street? Nun, im Old-Fashioned sollte man mit Zuckerzugabe vorsichtig sein. Ein Stückerl Orangenzeste passt aber schön. Der Rum Manhattan braucht nur trockenen Wermut und - so empfiehlt Maestro Emanuele: Aromatic Bitters. Stimmt, zunächst bestimmt trockener Kakao das Bild, dann tritt nach einigen Minuten der Noilly deutlicher zu Tage und das ganze wird ein herrlicher Dry Manhattan. Noch schnell ein Rum Sour: Die Formel mit frischen Orangensaft und Limette (6cl Rum, 3cl O-Saft, 3cl Limettensaft, 1cl Zuckersirup, ca. 1/2 Eiweiß) ergänzt prima die Schokonote und wird nicht zu langweilig. Bitters je nach Geschmack machen Sinn. Der Triobar-Rum-Sour (für mich nur mit einem Dash Zuckersirup) ist auch ok und das Glas (wen wunderts?) schnell leer.

Nun sitzt Herr Ingusci also auf 250 Flaschen Rum - äh Ron. Aber nicht nur. Der Cantinero reist in den nächsten Monaten von Zeit zu Zeit durch Deutschland, um Nicht-wad!-Bloglesern alles das zu verklickern, was Sie hier nachlesen konnten. Falls Sie also zu Weihnachten (oder anderen Gelegenheiten) noch Eierlikör oder Nahewein verschenken, mein Tip: Ron Del Cantinero - Infused Rum ist im Onlinefachhandel für 31,99 EUR zu haben. Gastronomiekunden wenden sich direkt an Emanuele Ingusci.

Montag, 14. Dezember 2015

The Last Posts For 2015 - heute: Bacardi Facundo Paraiso

"Und sie ist nicht in Valparaiso gewesen
auf Java nicht und den Hochebnen von Peru.
Ihre Inseln unter dem Winde sind ihr Tresen
und die Betrunknen hörn mit glasgem Auge zu."

(Reinhard Mey "Dieter Malinek, Ulla und ich" 1992)


Unter uns gesagt - bzw. geschrieben - hat mich die neue Bacardi Facundo Serie zunächst nicht die Bohne interessiert, als die 2014 in den USA vorgestellt worden war. Warum? Weil ich von den Produkten der Fledermäuse trotz interner Schulung in der Casa Bacardi (in Berlin!) vor einigen Jahren bislang nicht wirklich überzeugt war. Gut, Ocho ist brauchbar, der 44,5er ist ein passabler Daiquirirum und die alten Sondereditionen Casa Bacardi, Facundo und Reserva Limitada sind absolut trink- und genießbar (und mittlerweile mehr oder weniger hochpreisige Sammlerstücke) ohne dass es mir eine Schädelwehattacke in die Hirnlappen zimmert. Aber das ist eher was für Ebay als für eine Bar.
In einigen ausgesuchten (?) deutschen Bars stehen nun aber die Flaschen aus der vierköpfigen Facundoabordnung von Bacardi namens Neo, Eximo, Exquisito und Paraiso. Wer, wo, was? Die Infos dazu können sie hier oder da nachlesen. Das ist alles längst bekannt. Nix für whatadrink! Viel interessanter für mich (und hoffentlich den Leser) ist neben den Presseinfos, was da wirklich aus den Flaschen tröpfelt und was es sonst noch darüber zu berichten gibt.
Zunächst zur Verfügbarkeit. Auf dem (freien) Markt hab ich in Deutschland noch nichts gesehen außer ein paar Eigenimporten aus USA auf Ebay (zu teuer!). Frankreich und UK sind/waren da besser dran. Was gibts zu den Abfüllungen Kreationen selbst zu sagen? Kurz gefasst: Der Neo ist ein ziemlich geiler Mixrum, der aber auch pur genossen werden kann (und vielleicht auch sollte). Eximo und Exquisito machen ein wenig auf very old (Eiche) sind aber doch recht sanfte und runde Brüder, die die Zacapas & Co. locker in den Schatten stellen. 
Widmen wir uns also dem Paraiso - dem leuchtenden, neuen Stern der ganzen Kategorie. Gegenüber den letzten Limited-Edition-Geburtstagsflaschen anderer namhafter Produzenten sind 300-350 EUR pro Buddel fast schon günstig zu nennen - aber Spaß beiseite: Das ist geiler Stoff! Alles erscheint eingebunden und doch äußerst komplex: Leder, Trockenfrüchte, Herrenschokolade, Tabak - das ganze Programm. Sauerstoff heißt das Zauberwort - sprich: Die Verkostung sollte man ruhig angehen. Den Spirit im Glas atmen lassen. Das Ding entwickelt sich und immer wieder kommen neue Noten und Aromen zum Vorschein. Das alles bei voller Reife. Auch die geöffnete Flasche entwickelt sich noch deutlich. Das Cognacfassfinish, dem der fertige Blend (offiziell bis zu 23 Jahre alte Rums) ausgesetzt wird, nervt nicht. Es wirkt wohl wirklich harmonisierend und nicht additiv, was bei "über 60 Jahre alten Fässern" auch eher unwahrscheinlich ist. In einem Gespräch mit dem Global Brand Ambassador David Cid verklickerte der mir, dass im Paraiso sogar noch ältere Destillate stecken, die aber solo einfach nicht mehr genießbar sind. "Verholzt" würde der nüchterne Betrachter sagen. Die Bacardis nutzen die speziellen Profile dieser superalten Rums in ihrem Blend, wenn sie auch nur geringste Mengen zusetzen. Das gilt übrigens auch für die Nachzuckerung. Im Paraiso soll gar nix "geschönt" sein - in den anderen Facundos soll die Dosage unter 10g/L liegen und auch beim Nachfärben war, so Cid, nicht viel oder gar nix nötig. Sein Wort in Gottes Facundo Bacardis Ohr. Whatadrink!

(Danke an Bacardi Deutschland!)

Freitag, 13. November 2015

Real Rum: The Real McCoy Rum

Verwenden Sie die Redewendung "der wahre Jakob"? Etwas ist oder ist eben nicht "der wahre Jakob"? Die englische - oder besser amerikanische - Entsprechung ist ungefähr "The Real McCoy". Der historische Bezug für diesen Begriff ist nicht geklärt - es gibt eine Vielzahl von charmanten und mehr oder weniger glaubhaften Erklärungen für den Ursprung dieses Idioms. Dazu wird/wurde dieser immer wieder für Dinge wie Kleidung, Filmtitel (deutsch: Karen McCoy - Die Katze), Eurodanceprojekte usw. usw. verwendet. (google is your friend).

Eine belegte Geschichte rund um The Real McCoy ist auf jeden Fall die Story von Bill McCoy, Segler und Rum Runner in der Anfangszeit der Prohibition um 1920 (eine Art Han Solo mit Segelschiff statt Millenium Falcon). The Real McCoy bezog sich auf die v.a. in der New Yorker Rum Row bekannte hohe Qualität der unverschnittenen Qualitäten in Bill McCoys schwimmendem Schnapsladen. Recherchiert hat die zuletzt u.a. Filmemacher Bailey Pryor und Author Stephen Jones ("The Actual McCoy", 2007). Pryors 2013 fertig gestellter Dokufilm "The Real McCoy" brachte diesem sage und schreibe fünf Emmy Awards ein. Aber warum erzähle ich all das?
Bailey Pryor hat mit Unterstützung durch den German Rum Ambassador Dirk Becker gerade sein 3-Bottle-Rumportfolio The Real McCoy in Deutschland vorgestellt (in München mit Unterstützung durch Barfish). Wie? Der Filmfritze verkauft den Rum zum Film? Nunja, bei seinen Recherchen rund um Bill McCoy und die Frage, welchen Stoff der seinerzeit an Bord seiner Segelschiffe genommen und vor den Hochheitsgewässern der USA weiterverkauft und umgeladen hat, war Pryor auch auf dessen Fotoarchiv gestoßen und hat sich die Aufnahmen genauer angesehen. Darauf waren neben amerikanischen Bourbon- und Ryewhiskeys eben auch Rumfässer zu sehen - insbesondere mit der Aufschrift Barbados Rum. Auf Barbados fragte Pryor zunächst bei Mount Gay nach, doch dort schickte man ihn zur Seale Family, die schon seit über 100 Jahren im Rumbusiness tätig ist. Masterdistiller Richard Seale schuf nun auch die drei aktuellen Rumblends für die The Real McCoy Rums. Und die sind ganz nach der Machart von Richard Seale bzw. seiner Foursquare Distillery produziert. Geblendet werden Column- und Potstillrums (mehr Pot als Column) aus derselben Altersstruktur. Kein Zuckerzusatz (Dosage), keine Färbung, keine sonstigen Additive. Real Rum eben.
Alle drei kommen - und das hat neben Seales Auffassung von Rum auch den historischen Hintergrund, dass vor den 1940ern keine Nachsüssung vorgenommen wurde - eher trocken daher. Der Dreijährige (die Farbe wurde nach der Reifung wieder rausgefiltert) schreit nach Daiquiris aller Art, der 5er ist recht zugänglich und sollte im mixed Drink ebenso funktionieren und der 12jährige kann nach etwas Luftzufuhr (Lassen Sie ihn ruhig 15-20 Minuten Atmen) im Glas mit feiner Eiche und dunkler Schokolade überzeugen. Mit Preisen in der Staffel 30-40-60 EUR sind das keine Schnäppchen und liegen etwas über den gängigen Süßrumabfüllungen, but it's the Real McCoy!
Wie vor einigen Monaten zu lesen war, wird auch diese Story verfilmt. Chris Pratt hat die Ehre dann als Bill McCoy über die Leinwände und Screens dieser Welt zu flimmern.

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Donnerstag, 26. Februar 2015

Finest Spirits im Zeichen des Rum

Noch schnell ein paar News in Sachen Finest Spirits, die mir gerade zugespielt wurden:

Unser Außenreporter hat die Bottling Hall von Barfish besucht und ist dort auf die brandneue Abfüllung Moloka'I Delight gestoßen. Der Rum ist - das war in der Kürze der Zeit rauszukriegen - ein Blend aus Martinique-, Jamaika- und Guyanadestillaten. Der Basisrum stammt aus Barbados. Beim Finest Spirits Festival, wo der Stoff am Stand des Münchner Spirituosenhändlers (Stand Nr. 67) vorgestellt wird, wird man die 0,5l-Flasche des 40prozenters für um die 15 EUR kaufen können - die UVP wird später bei knapp unter 20 EUR liegen. Ein Schnäppli, denn er glänzt als Sippingrum (bitte 15-20 Minuten nach dem Einschenken im Glas stehen lassen) und mit seinem Rückgrat aus Demerara und Jamaika ebenso als Mixrum. Yeah-Ho!

Zur Kategorie der starken Rums, die optimal in Cocktails passen, gehört auf jeden Fall der Screech, der gerade aus Neufundland zu uns kommt. Dort wird er aber lediglich geblendet - der Stoff stammt von Wray & Nephew aus Jamaika. Der Importeur DTS-W präsentiert diese Aromenbombe neben vielen anderen Zuckerrohrbränden an Stand Nr. 18.

Wie schon erwähnt gibt sich der German Rum Ambassador Dirk Becker mit seinem kompetenten Team in München die Ehre. Mein Tip an seinem Stand (Nr. 10) ist die 12jährige Singlecaskabfüllung von Oliver & Oliver aus der dominikanischen Republik mit 65% Vol.. Ein echtes Rummonster!

Montag, 23. Februar 2015

Finest Spirits 2015 - Am Freitag geht es los!

In den letzten Jahren hat dieser Blog regelmäßig über das Finest Spirits Festival in München berichtet. Umso größer war daher meine Bestürzung, als ich im Laufe des letzten Jahres mehrmals die Aussage "Das ist doch eine Säufermesse geworden" gehört habe. Und das unabhängig voneinander. Allerdings von Nicht-Münchnern. Ja, sogar von Nicht-Bayern. Soll man auf solche Worte hören? Oder liegt es gar an mir selbst, da die Entstehung dieses von außen beobachteten Trends zufällig mit meinen Messebesuchen zusammenfällt? Soll ich jetzt zuhause bleiben?

Nach kurzer Überlegung habe ich mich entschieden: Diese Veranstaltung Dieses Event wird nicht ohne whatadrink! über die Bühne gehen. Aber: Dieses Jahr werde ich die Messlatte für Veranstalter und Aussteller ganz oben anlegen, ich werde hinter die Kulissen schauen und ich werde kritisch alles untersuchen, was mir auffällt. Insbesondere nach den dort vermuteten Säufern werde ich Ausschau halten und auffällige Personen werde ich genau unter die Lupe nehmen. Alles Negative wird hier angeprangert. Versprochen!

Ansonsten finden Sie mich am Barstand zum Thema Rum, an Mike's Bourbonstand, bei Pit Krauses Monstermalts und bei Dirk Beckers Rum-Depot. Bis ich mich da durchgequatscht habe, wird einige Zeit vergehen und die ein oder andere flüssige Erfrischung sollte drin sein. Also - wir sehen uns...

Neuer deutscher Rum? - Ja, bitte mehr davon!

Beim ersten Glas da sagte er: "Cherie".
Beim zweiten küßte er mich so wie nie.
Beim dritten dann - wie dumm
- fiel mein Casanova um
und Schuld daran war ganz allein der Rum.
 


Barbados
der Rum von Barbados
 

du trinkst ihn ahnungslos 
schon ist der Teufel los.
 

Oh-oh-oh Barbados 
der Rum von Barbados 
der schafft den stärksten Mann - mal irgendwann. 

Er sagte mir: "Ich trink ihn nie mehr pur
ich kann ihn schon verkraften aber nur
mit Cola und mit Eis." - Ja das machte er sich weis
 


am nächsten Morgen sagte er ganz leis:  
Barbados
der Rum von Barbados
 

du trinkst ihn ahnungslos 

(Gaby Baginsky, Der Rum von Barbados, 1979)

Über die Erfolge des hier zitierten Schlagers bin ich mir nicht ganz im klaren und ob der neue deutsche Rum in der näheren Zukunft Hitpotential hat, möchte ich heute auch noch nicht abschließend beantworten. Dafür ist das Thema zu frisch. Neuer deutscher Rum? - Ja, unsere umtriebigen Schnapsbrenner machen nicht nur vor Whisky und Gin nicht halt, nein jetzt wird auch noch die Rumkategorie beackert.
(Der Gute Pott um 1970)
Das haben die norddeutschen Blendingfirmen - ganz oben mit der Marke Der Gute Pott - schon über 100 Jahre lang gemacht. Allerdings haben die in der Regel nur Importprodukte - vorzugsweise German Style Rum aus Jamaika - mit mehr oder weniger Neutralalkohol verschnitten und so die Marktführerschaft in Deutschland erlangt. Von der DLG gab es für Pott zuletzt den Titel "Bester Rum des Jahres" und andere goldene Preise. Gratuliere. Nicht zu diesen fragwürdigen Auszeichnungen, sondern zu den Anfang der 1970er Jahre abgefüllten 20jährigen Jamaikarums, die als Pott Privat Rum in begrenzter Auflage in den Handel kamen. Schöne Sache und für Rumhistoriker ein Muss-Haben (Ebay is your friend).

Doch zurück zur Gegenwart. Es gibt mittlerweile Rum, der in Österreich gebrannt wird (Nein, nicht Stroh oder dessen Surrogate aus Neutralalkohol, Aromastoffen und viel Farbe). Auch aus Dänemark wird dort destillierter und gelagerter Rum vermeldet. Was fehlte war Rum, der in Deutschland hergestellt wird. Diese Lücke versuchen findige Brenner zu schließen. Zum einen ist das das Haus Alt Enderle mit sechs verschiedenen Abfüllungen und der Feinbrenner Severin Simon mit drei Rumvariationen. Das ist doch was!

Fangen wir mit dem Bayern aus dem Spessart an. Der Rum aus Simon's Feinbrennerei wird in einem Onlineshop u.a. so beschrieben: "...Wer sich für den Simons Bavarian Nordic Rum Valkyrie mit Seltenheitswert entscheidet, setzt auf eine Besonderheit mit einem Geschmack, der sich nur schwer in pauschale Worte fassen lässt." Dass jemand ungestraft sowas schreiben darf? Egal - Es soll ja nicht um das Geschwurbel eines Shopbetreibers gehen, der hofft, mit langatmigen (aber gehaltlosen) Produktbeschreibungen im Googleranking nach oben gespült zu werden.

Severin Simon setzt stark auf lokale Bezogenheit und eine Manufakturphilosophie: Fässer aus Spessarteiche. Das Holz für die Befeuerung der Potstill stammt aus dem eigenen Wald etc. usw. Ich finde das durch und durch lobenswert. Wer noch mehr erfahren möchte, sollte mal im offiziellen Infoflyer nachlesen oder sich gleich den Podcast von WRINT anhören, wo der Brenner/Winzer auch zu seinen Weinen ausgiebig gelöchert wird. Ich konnte Severin Simon, der seit 2012 übrigens eine eigene Verschlussbrennerei sein eigen nennt, noch ein paar zusätzliche Fragen stellen:

whatadrink!: Herr Simon, Sie bieten im Moment drei verschiedene Rumabfüllungen mit jeweils 40% Vol. an. Eine - nennen wir sie "Standardabfüllung" - namens Marinerum, dann den Kalypso, der mit Vanille gewürzt und mit Melasse gesüßt wurde, und den Valkyrie, der eine Lagerung in speziell getoasteten Fässern hinter sich hat (Preise zwischen 35 und 50 EUR für die 0,5l-Flasche). Mein erster Eindruck war: Saubere Brände! Beim Rum wünsche ich mir aber auch Ecken und Kanten - also auch mal ein dreckiges Destillat. Ich würde gerne wissen, wie lange die Lagerzeit jeweils war.
Severin Simon: Mit unserer neuen, großen Brennanlage haben wir im Oktober 2012 begonnen zu arbeiten und das Erste, was gebrannt wurde, war Rum - d.h. die aktuellen Abfüllungen liegen bei knapp über 2 Jahren. Mit Rum geht es bei uns eigentlich erst los. Das was Sie mit dreckig bezeichnet haben, habe ich schon auch im Sinn. Zum Beispiel habe ich mir einen neuen Gärbottich aus Eichenholz bauen lassen und darin soll in Zukunft ein Teil der Melasse unter Verwendung von betriebseigener Mikrobiologie und zugleich längeren Maischezeiten verarbeitet werden. 
 
Auch im Bereich Fassmanagement haben wir noch einiges vor. Durch unsere Weinsparte sind wir in der Lage neue Fässer nach der später geplanten Destillatbelegung zu bestellen, also was z.B. das Toasting angeht, und dann zu überlegen, welcher Wein als Erstbelegung dazu passt. Das ist inzwischen ein eigenes Fassvorbelegungsprogramm geworden. Aber so oder so haben wir da noch Luft nach oben für spannende Sachen ohne dass wir irgendwas kopieren müssen.
 
wad!: Rum oder Whisky im Ex-Weinfass ist ja inzwischen fast alltäglich geworden. Mir haben die wenigen Weine, die wiederum in Ex-Whiskyfässern steckten aber auch sehr gut gefallen. Die Kette der Fassbelegungen ist also über die Jahrzehnte der Lebendauer eines Fasses variierbar und ein altes Ex-Wein- und Ex-Whiskyfass wird vielleicht irgendwann wieder ein gutes Weinfass...  

Severin Simon: Wir bleiben am Ball.

wad!: Ihre Melasse wird von den Tres Hombres per Segelschiff aus der Karibik geliefert. Wann geht das erste Fass mit Simon's Rum zurück ins Ursprungsland des Basisprodukts und wird dort gelagert? Auch die monatelange Schiffsreise wäre ja eine besondere Lagerzeit unter besonderen klimatischen Bedingungen. (Anm. des Verfassers: Was gebe ich denn schon wieder für Tips?)
 
Severin Simon: Das ist wirklich eine Idee, die gar nicht von der Hand zu weisen ist. Wir haben da nur etliche Hürden im Bereich Logistik, Zölle, Steuern etc. gerade wenn es ein Weg ist, der so noch nicht beschritten wurde. Ein Beispiel in dieser Richtung ist der Linie Aquavit.
 
wad!: Ich habe davon gelesen, dass Sie auch Singlecaskabfüllungen (hoffentlich dann auch mit höherem Alkoholgehalt) planen. Wann werden wir diese kaufen können?  

Severin Simon: Das kann man in näherer Zukunft erwarten. So ab einer Lagerzeit von 3 Jahren kann ich mir das gut vorstellen.
 
wad!: Der Kalypso wird mit Vanille aromatisiert und mit Melasse gesüßt. Wie darf ich mir das in der Praxis vorstellen? 

Severin Simon: Ich arbeite hier mit 100-Liter-Fässern, statt der üblichen 225-Liter-Barriques, und es werden tatsächlich echte Tahiti-Vanilleschoten dem Rum beigegeben. Tonkabohnen kommen übrigens auch mit rein. Die frische Zuckerrohrmelasse dient allerdings mehr der Färbung als der Süßung. Wir liegen da bei ca. 50g Zucker pro Liter.
 
wad!: Wie unterscheiden sich die Valkyrie-Fässer von den sonst verwendeten?

Severin Simon: Für unseren Basisrum, den Marinerum, wollen wir die Fasslagerung in ein soleraähnliches System bringen - d.h. wir haben untenliegend zwei 600-Liter-Fässer, die aus Barriques befüllt werden. Das Ziel ist mit unseren beschränkten Möglichkeiten, weil wir weiter ein relativ kleiner Betrieb sind, eine gewisse Kontinuität bei der Qualität hinzukriegen und diese dann auch noch zu steigern. 

Unser Nordic Whiskytoasting haben mein Küfner und ich zusammen ausgetüftelt. Es ging darum einen speckig-rauchigen Grundton zu erzielen. Wichtig ist, dass das komplette Fass also nicht nur die Dauben, sondern auch die Böden getoastet werden. Die Böden sind quasi schon charcoaled, haben also eine dünne, verkohlte Schicht. Die Dauben haben auch ein hohes Toastinglevel - allerdings erreichen wir das mit relativ geringer Temperatur aber dafür langer Zeit der Erhitzung.
Dass man in Baden-Württemberg gern das ein oder andere a bissele anders macht als im Rest der Welt, hat sich herumgesprochen. In Sachen Rum wird aber auch das Basismaterial - sprich: Zuckerrohr bzw. Melasse - benötigt und das kommt eher selten von der schwäbischen Alb (aber wer weiß, was die Klimaveränderung noch mit sich bringt). Beim für seinen Necarrus Single Malt Whisky zuletzt hochgelobten Brennereibetrieb Alt Enderle kam man auf die Idee das Terroir gleich mit der Melasse einzukaufen. So gibt es derzeit drei Rumabfüllungen, deren Melasse jeweils herkunftsrein aus Indien, Paraguay und Siam (Thailand) stammt. Ergänzt wird dieses Portfolio mit einem Rum namens Memory Of The World, der folglich aus einer Melassemischung destilliert wurde und im Ex-Portweinfass lagerte (0,5l jeweils ca. 42-50 EUR). Das klingt doch alles nicht schlecht. Von Joachim Alt gab es noch ein paar Zusatzinfos.
 
wad!: Herr Alt, Sie bieten im Moment vier verschiedene Rumabfüllungen mit jeweils 43% Vol. an. Ich würde gerne wissen, wie lange die Lagerzeit jeweils war, da sich die Rums in der Farbe deutlich unterscheiden und welche Fasstypen und -größen verwendet wurden.

Joachim Alt: Zur Zeit haben wir sogar sechs verschiedene Rums: Siam, Indien, Paraguay, Memory of the World, einen XO und einen weißen Rum. Das Alter liegt ganz verschieden zwischen einem Jahr und zehn Jahren. Die verschiedenen Farben erlangt der Rum unter anderem durch die verschiedenen Typagen also nicht nur durch das Fass.
 
wad!: Ihr Rum wird aus Melasse gebrannt, die aus drei verschiedenen Ländern bzw. Kontinenten kommt. Woher bezieht man so ein exotisches Rohmaterial? Wie wird das angeliefert? Wie sieht es mit der Lagerfähigkeit der Melasse aus und wie läuft die Fermentation ab?

Joachim Alt: Wir bekommen unsere Melassen direkt aus diesen Ländern d.h durch Direktimport und einen direkten Kontakt zu den Zuckerrohrplantagen. In 6 Wochen sind wir deswegen z.b wieder in Indonesien unterwegs. Geliefert wird in 1000-Liter-Containern. Die Lagerfähigkeit ist nahezu unbegrenzt, wobei ich sage: Melasse ist ein Naturprodukt und verändert sich laufend und durch eine allzu lange Lagerzeit wird sie nicht besser. Die Fermentation läuft ganz normal ab: Melasse - Wasser - Hefe - nach drei bis vier Stunden muss sie Gären. Wir haben rund 25.000 EUR in das Know-how zur Melassefermentation investiert, daher möchte ich nicht unbedingt auf das Thema eingehen. Sie verstehen sicher, dass das momentan noch ein großer Vorteil unsererseits ist gegenüber den Kollegen die auch Rum herstellen.
 
wad!: Als Rum- und auch Whiskyfreund gefallen mir hochprozentige Singlecaskabfüllungen sehr gut. Haben Sie beim Rum und ggf. beim Neccarus solche in Planung und haben Sie zukünftig (noch) längere Lagerzeiten im Visier?
 
Joachim Alt: Vielleicht machen wir mal Fassabfüllungen. Die Nachfrage bei uns ist noch relativ gering, deshalb steht dieses Thema nicht unbedingt an erster Stelle. Abgeneigt sind wir allerdings nicht. Letztlich wird eben solange es unserer Meinung nach nötig ist bzw. wie es sich ergibt. Zehn Jahre sind ja immerhin ein Wort für Deutschland.
 
Ja, das stimmt. Ich wusste gar nicht, dass es zehnjährigen Rum aus Deutschland gibt. Welcher nun der Zehnjährige ist, weiß ich aber immer noch nicht. Immer diese Geheimniskrämerei. Bei meiner Frage zur Fermentation hatte ich immer auf neue Infos à la Dundergrube bei der Produktion von Jamaikarum gehofft. 

Nichtsdestotrotz ist das Thema deutscher Rum - wie zumindest ich finde - ein sehr spannendes und hoffnungsfrohes, wenn auch noch recht nerdiges. Es geht aber eben erst los und wer weiß, wie wir in zehn Jahren darüber denken und reden werden.

Und wie haben mir die Kostproben gemundet? Durch die Bank sehr gut. Bei Severin Simon gefiel mir schon der Marinerum mit seinem trockenen Abgang. Der Valkyrie ist schön würzig und hinterlässt wirklich ein schwach-rauchiges, fettes Etwas auf dem Gaumen und der Kalypso ist ein feiner Schmeichler. Der muss einem einfach schmecken. 

Die Alt Enderles kommen ganz anders angelegt daher. Von fruchtig-weinig über exotisch-würzig bis zu deutlichen Schokoladennoten wird eine breite Palette aufgefahren und - das gefällt mir besonders - die mir vorliegenden vier Abfüllungen unterscheiden sich doch grundlegend voneinander. Eine eigene Rumwelt, die zum Entdecken einlädt. Aber das klingt ja schon fast wieder wie ein hirnloser Werbetext... Also, bitte selber probieren!