Dienstag, 14. Februar 2012

Finest Spirits 2012 oder: Alle Jahre wieder

Barocke Typen in schottischen Kilts, Harleys und junge Frauen mit einer Karre voll Torf - Das waren zwar nicht die Hauptdarsteller, aber doch mehr oder minder auffällige Komponenten beim Münchner "Finest Spirits" Festival, das am letzten Wochenende über die Bühne ging.
Wie schon im letzten Jahr hat sich die Messe, nennen wir die Veranstaltung mal etwas despektierlich so, weiterentwickelt. Standen 2011 noch die neue Location und die weitere Öffnung zu anderen Spirituosen im Vordergrund, konnte Boss Frank Böer dieses Jahr gleich von weit über 200 vertretenen Marken berichten und auch das Medieninteresse hat weiter zugenommen.
fachkundiges Publikum

Ein Beweis für die gestiegene Aufmerksamkeit gerade auch der Industrie war beispielsweise die offizielle Präsentation des neu zusammengestellten "Rémy Martin" VSOP (55%
Grande Champagne + 45% Petite Champagne = Fine Champagne Cognac), der jetzt das Kürzel Mature Cask Finish mit im Namen trägt. Dahinter steckt, so hat mir Cognac BNIC Educator Jürgen Deibel (leider nicht exklusiv) verraten, eine zusätzliche Reifezeit in 20 Jahre alten Fässern nach der Marriage der Eaux-De-Vie. Mir mundete der Neuling sehr. Er erscheint wirklich runder als der alte VSOP und bietet sich neben dem Gebrauch an der Bar auch dem fortgeschrittenen Geniesser an.
Oliver von Carnap

Von dieser Sorte marschierten offensichtlich einige durch schon am Freitag gutgefüllte Halle, was die Belagerung der "Zacapa"-Bar (bemixt von Oliver von Carnap und Caroline Anaís Rex), der großen "Chivas"-Lounge, des "Tölzer Käsladens", des "Tres Hombres"-Rumstandes und natürlich der vielen Whiskystände bewies. Bei letzteren und auch bei den Masterclasses lag ein Schwerpunkt heuer bei den deutschsprachigen Malzbränden aus Österreich, der Schweiz und Deutschland, die immer mehr ihre Eigenständigkeit in der Vordergrund stellen und durch immer mehr gelungene Tröpfchen überzeugen. Zum ein oder anderen Brenner bzw. Vertrieb folgen hier in den nächsten Tagen noch ausführliche Beiträge.

Oliver von Carnap & Caro Rex

Gregg Glass


Es waren aber nicht nur Hersteller- oder Markenstände aufgebaut worden, sondern insbesondere Vertriebe mit whiskylastigem Portfolio waren stark vertreten wie z.B. die Kieler Firma "
Prineus", die u.a. die Abfüllungen des englischen Shops "The Whisky Exchange" ("Elements Of Islay" und "The Single Malts Of Scotland") hierzulande unters Volk bringt. Glänzen konnte Geschäftsführer Gerd Schmerschneider auch durch die Anwesenheit von "Compass Box"-Assistant Whiskymaker & Whisky Ambassador Gregg Glass, denn auch die Leckereien dieser Whiskyschmiede hat "Prineus" im Angebot.
Gregg leitete u.a. ein Tasting, in dem der neue und ohne Einschränkung empfehlenswerte Blend namens "Great King Street - Artist's Blend" (50% Grain / 50% 10jährige Malts) vorgestellt wurde. "Great King Street" ist übrigens eine neue Serie von "Compass Box" - ausschliesslich mit Blended Scotch. Aber ich schweife ab. Gregg erzählte zur Verkostung des "Spice Tree" (einer meiner Alltime Favorits) die Story von den getoasteten Brettchen im Fass und dem Tamtam mit der SWA. Dann gings zur rund 200 EUR teuren Limited Edition "Last Vatted Malt". Die Story, die auf der Abschaffung des "Vatted"-Begriffs basiert, könnte man als reine PR-Schoße abtun, wäre der Stoff nicht so verdammt gut. Der "Last Vatted Grain" hat mir persönlich aber fast noch mehr gemundet. Das Tasting hatte Gregg übrigens mit einem noch namenlosen "X"-Sample abgeschlossen und die Teilnehmer an den "Prineus"-Stand geladen, wo er nach vom Kunden selbst ausgeklügelten Rezeptur einen persönlichen "Compass Box"-Whisky blendete und abfüllte. Ein Geheimtip an diesem Stand war übrigens der "Vit Hund", ein New Make oder New Spirit von den renommierten Schweden von "Mackmyra".
Gregg Glass

Nicht unerwähnt bleiben darf auch das Projekt "Beer goes Barley", das zu ziemlich coolen Festivalbottlings führte. Dabei wurde eine Idee des Fachjournalisten Werner Obalski in Zusammenarbeit mit Andrea Caminneci in die Tat umgesetzt: Schottischer Whisky in bayerischen Ex-Bierfässern. Der zwingend notwendige Trip einer bayuwarischen Abordnung nach Schottland wurde videotechnisch dokumentiert - hier alle Infos dazu. Ein Hoch auf Werner und die globale Trinkkultur! - Das nächste Mal will ich auch mit...

Und was gabs sonst noch? In einem Satz: Ein einfach nicht zu bewältigendes Angebot an Drinks und Drams. Da waren z.B. ein etwas versteckter Stand mit Rumdrinks ("Gosling's"), eine Vodka-Strassenbahn mit "Flatrateticket" und natürlich auch Obstbrenner. Dabei auch solche, die keinen Whisky anbieten.
Magister Maximilian Coreth

Einer der interessantesten Newcomer dieser Szene ist Magister Maximilian Coreth, ein Vertreter des österreichischen Hochadels und Honorarkonsul von Thailand. Unter dem Label "
1772 Count Coreth Prachensky" produziert er sortenreine Edelbrände aus den Maischen tropischer Früchte wie Ananas, Passionsfrucht, Lychee oder Eierbanane. Der Witz dabei ist nicht nur das äußerst gelungene Flaschendesign oder die Tatsache, dass nicht etwa Geiste, sondern wirklich Brände produziert werden. Nein, die Früchte stammen vielmehr aus den "Royal Fruit Gardens" des Königs von Thailand und destilliert wird vor Ort. Von der wirklich höchsten Qualität dieser schon in der Nase betörenden aber leider auch sehr kostspieligen Preziosen konnte ich mich ausgiebig überzeugen. Erhältlich ist dieser Luxus online bei "Feinkost Käfer" und "mybottles".
Mike Werner

Erwähnt werden müssen auch gleich zwei Cocktailwettbewerbe. Zum einen richtete die DBU ihre bayerische Cocktailmeisterschaft aus (Sieger wieder Adriano Paulus). Zum anderen gab es einen Wettbewerb für Hotelbartender, die mit Bourbon Whiskey als Basis neue Rezepte vorstellen mussten. Dieser kleine Wettstreit wurde von Mike Werner, Importeur der exklusiven Abfüllungen der "Kentucky Bourbon Distillers" und Betreiber von "Mike's Whiskeyhandel", der auch ein paar neue "Willett"-Bourbons am Stand hatte, unterstützt (Ergebnisse werden nachgereicht). Amazing!

Montag, 13. Februar 2012

Disaronno Mixing Star 2012 - hier: Startschuss und Termine

Über den Abschluss des "Disaronno Mixing Star" 2010 und den offiziellen Startschuss zur 2012er Auflage habe ich hier - ebenso wie über Italiens Likör Nummero Uno selbst - bereits ausführlich berichtet. Ganz unten habe ich einen Link zur Onlineausgabe der Rezeptesammlung vom letzten "Mixing Star" angefügt, der nach meinem Dafürhalten ein ganz ordentliches Niveau hatte.

Jetzt geht es aber in die vollen, d.h. die Anmeldung zum Wettbewerb läuft bereits und endet Mitte April. Durch Abgabe eines selbstkreierten "Disaronno" Signaturecocktailrezepts bewirbt man sich für die nationalen Livecastings am 14. Mai 2012 in Hamburg und 21. Mai 2012 in München. Die Teilnehmer werden natürlich von einer fachkundigen Jury ausgewählt. Die Sieger nehmen am Global Final im Juli 2012 in Berlin teil und der dortige Sieger des "Mixing Star" wird gemäß dem Titel des Wettbewerbs nach Mumbai/Indien fliegen und dort eine Rolle in einem - äh - "Bollywood"-Film spielen. Außerdem gibts noch nen Samsung 64"-TV und weitere Goodies zu gewinnen. Was will man mehr?

Infos zum "Mixing Star"
Bewerbungsformular
Rezepte des 2010er "Mixing Star"

2012 - Das Jahr als wir zu Agaven wurden? oder: Der mexikanische Definitionsdschungel und der globale Wutbürger

Selten wird mir die Ehre zu teil, dass sich hier ein Gastautor zu Wort meldet. Und ganz selten ist dieser dann auch noch DER Fachmann auf seinem Gebiet in Europa. Ehrlich gesagt, war beides in der über 100 Beiträge langen Geschichte von whatadrink! noch nie der Fall. Daher ist der folgende Artikel, der ausschließlich die Meinung des Verfassers und nur des Verfassers widerspiegelt, der inhaltlich fundierteste und letztlich beste auf diesem bescheidenen Blögchen. Vielen Dank!

Doch genug der Vorrede. Nachdem die gesetzgeberischen Absichten der mexikanischen Behörden zur Abfassung einer neuerlichen Norm zu Agavenbränden, genannt NOM-186, zuletzt im englischsprachigen CLASS Magazine erörtert wurden, mache ich die Bühne frei für Axel Huhn, Mezcalimporteur aus Berlin, denn der redet...


Klartext zur NOM-186 – Immer gut zu wissen, was man unterschreibt!

In den letzten Wochen hat die Vorlage zur NOM-186 und die Gesetzesvorlage zum Schutz des Wortes „Agave“ in Mexiko einigen Unmut bei verschiedenen Betroffenen innerhalb der
mexikanischen Gesellschaft hervorgerufen. Auf Initiative von Dr. Patricia Colunga und anderen mexikanischen Akademikern auf dem Gebiet der Ethnobotanik wurde eine Petition gegen diese Gesetzesinitiative ins Leben gerufen und von unterschiedlichsten Gruppen und Einzelpersonen inner- und außerhalb Mexikos unterstützt: Wissenschaftler, Kleinproduzenten, Gastronomen und verschiedene staatliche Stellen. Alleine diese merkwürdigen Allianz wäre Grund genug für einen näheren Blick auf deren Anlass, mehr jedoch die - vorsichtig ausgedrückt - recht unscharfe Berichterstattung in diversen Medien zu diesem Thema.

Zum allgemeinen Verständnis: Seit Jahrhunderten brennen die Menschen in Mexiko Schnaps aus Agaven, dessen generischer Name Mezcal ist. Da seit 1994 eine geschützte Herkunftsbezeichnung für Mezcal (NOM-070 mit Angaben zu Region, Rohmaterial und Verarbeitungsvorschriften) existiert, ist die Verwendung des Begriffes Mezcal als Überbegriff nunmehr formal falsch, was offenbar zu Missverständnissen bei der Presseberichterstattung über diese Petition geführt hat. Die Verfasserin verwendet darin den Begriff Mezcal nach wie vor - und sehr bewusst - als Sammelbegriff für alle Brände aus Agaven, unabhängig von einem Gebietsschutz, und unterscheidet die Brände aus den geschützten Herkunftsregionen lediglich als Produkte „de las DO (Denominación de Orígen) Tequila, Mezcal y Bacanora“ (dt: „Produkte aus den geschützten Gebieten für Tequila, Mezcal und Bacanora“). Der vorliegende Entwurf für eine NOM-186 behandelt ausschließlich Brände OHNE Gebietsschutz, also weder Tequila, Mezcal oder Bacanora! Dies ist auch der Grund, weshalb sich unter den Unterschriften auf der Petition keine Produzenten dieser Produkte aus den geschützten Regionen finden, auch keine Kleinproduzenten.Es finden sich jedoch eine Vielzahl von Unterzeichnern aus den Reihen der Raicilla-Hersteller, einem Agavenbrand aus Jalisco, also dem Schutzgebiet des Tequila. Raicilla wird hauptsächlich aus der waldbewohnenden Agave inaequidens (umgs.: Lechuguilla) gewonnen, aber auch aus weiteren Arten, jedoch nicht aus A. tequilana Weber und darf somit nicht als Tequila vermarktet werden. Zwar sind Hersteller dieser Kategorie auf dem besten Wege, einen eigenen Gebietsschutz und eine eigene Norm zu erarbeiten, diese Anstrengungen werden jedoch vom vorliegenden Gesetzesvorschlag durch eine sehr perfide Festlegung torpediert: Den Herstellern nichtgeschützter Agavendestillate ist es untersagt, ihr Rohmaterial innerhalb der Gebiete eines Produktes mit geschützter Herkunft anzupflanzen oder zu ernten! (Absatz 3.2) Kurz und gut: Wird diese Norm verabschiedet, stehen die Raicilla-Hersteller ohne Agaven da. Sie könnten zwar Agaven aus anderen Regionen einkaufen, dies ist jedoch...

1. diesen Menschen finanziell unmöglich, es wäre
2. keine genuine Raicilla mehr, es würde
3. das Ende der Raicilla-Agaven als Kulturpflanzen –und somit deren Verschwinden- in dieser Region bedeuten und
4. einen Gebietsschutz für Raicilla für alle Zeiten unmöglich machen, da dieser als wesentlichen Bestandteil stets die Gewinnung des Rohmaterials innerhalb seiner Grenzen voraussetzt.


Es existiert bereits ein Organ, welches die Kontrollaufgaben für eine DO übernehmen könnten, nämlich das Consejo Mexicano Promotor de la Raicilla A.C., mit der Rechtsform einer gemeinnützigen Gesellschaft, wie es bei Mezcal, Tequila und Bacanora der Fall ist. Diese wurde von Raicilla-Produzenten 1999 als Interessengruppe gegründet, um sich gegen
Großindustrie und Politik durchsetzen zu können. Weitere Hersteller aus Jalisco, die ihre Produkte Mezcal nennen, haben wohl aus den gleichen Gründen unterzeichnet. Ich gehe davon aus, dass deren Produkte nicht aus A. tequilana Weber hergestellt werden. Hierauf bezieht sich Colungas Kritik unter Punkt 3) „La destrucción de una parte del patrimonio biológico y cultural de los mexicanos” der Petition.

Die zwei weiteren, wichtigen Festlegungen der neuen Norm sind die Schaffung der Kategorien „Aguardiente de Agavácea“ und „Destilado de Agavácea“ für Agavenbrände, welche außerhalb der DOs hergestellt werden und bisher als „Destillado de Agave“ bezeichnet werden mussten. Diese werden wie folgt definiert:


Aguardiente de Agavácea hat einen Alkoholgehalt von 35% bis 55% Alc.Vol. und MUSS aus 51% Agave und 49% Fremdzuckern hergestellt sein. Während bei Mezcal (max. 20% Fremdzucker) und Tequila (max 49% Fremdzucker) lediglich Obergrenzen festgesetzt sind, ist die Proportion hier verbindlich! Sonst könnte ein findiger Brenner ja auf die Idee kommen 99,9% Agaven und nur 0,1% Fremdzucker zu verarbeiten und somit die Norm zu umgehen, ohne eine wahrnehmbare Qualitätseinbuße an seinem Produkt hinnehmen zu müssen.

Destilado de Agavácea hat einen Alkoholgehalt von 25% bis weniger als 35% Alc.Vol. und darf unter Verwendung von höchstens 49% Fremdzuckern hergestellt werden, also auch mit 100% Agave. Aber eben nur mit einem für eine Spirituose lächerlich geringen Alkoholgehalt! Außerdem kritisiert die Petition die Wortwahl: Die Familie der Agavaceae (heute: Agavoideae) umfasst acht Gattungen, wovon lediglich eine die Agave ist, was dem im Vorwort definierten Ziel der NOM-186, nämlich dem Schutz des Konsumenten, entgegensteht. Die Bezeichnung Agave erklärt das Produkt viel genauer. Außerdem ist as Wort Aguardiente in Mexiko eine despektierliche Bezeichnung, ähnlich wie Booze oder Sprit. Ein kleiner positiver Lerneffekt der ganzen Diskussion könnte jedoch sein, dass die ewige Mär von der Agave als Liliengewächs für alle Zeiten verschwindet – Die Agave ist ein Agavengewächs, eine Agavoideae! Punktum!

An dieser Stelle noch ein Sidekick bezüglich korrekter Nomenklatur: Diese Vorlage behandelt die Einordnung der Spirituosen als „Brände aus Agavaceae“ also aus Pflanzen der Familie der Agavengewächse. Diese trug zwar bis vor zwei Jahren den Namen Agaveceae, es erfolgte aber seitdem eine botanische Neuordung und die Familie wurde in Agavoideae umbenannt. Wer Leuten vorschreiben will, aus welchen Pflanzen sie welche Produkte herzustellen haben, sollte doch in der Lage sein, diese korrekt zu benennen. Und diese Benennung erfolgt nun mal auf Grundlage wissenschaftlicher Ordnungssysteme, wenn es um Gesetze geht. Ähnliches ist bei der Tequilanorm zu bemängeln, die allen Ernstes das Rohmaterial mit den Worten „Agave de la especie tequilana weber variedad azul“ beschreibt. Diese Pflanze existiert in der Botanik nicht, Azul ist der umgangssprachliche Name für die Agave tequilana Weber, hier wurden vom Gesetzgeber wohl Äpfel und Birnen durcheinandergeworfen.Jenseits von Terminologien würden die oben genannten Festlegungen das Ende aller Agavendestillate als potentielle Premium-Spirituosen für den Exportmarkt bedeuten, wenn sie außerhalb der geltenden DOs hergestellt werden. Trotzdem wäre zu erwarten, dass diese Produkte für den Eigenkonsum weiterhin existieren, wie sie es bisher - trotz verschiedener Verbote in der Vergangenheit - auch getan haben. Der Effekt wäre also eine Restriktion des freien Marktes zu Gunsten des Schwarzmarktes mit dem entsprechenden Marktvorteil für die Hersteller aus Regionen der DOs.

Es sei hier noch auf den Vorschlag zum Begriffsschutz für das Wort Agave eingegangen, welches nach dem Willen der Vertreter der NOM-186 exklusiv für Hersteller von Tequila, Mezcal und Bacanora vorbehalten sein soll. Das Wort Agave ist die wissenschaftliche
Bezeichnung einer Pflanzengattung und somit unter internationalen Standards nicht schutzwürdig. Konkret bedeutet das beispielsweise, dass Agavendicksaft in Mexiko, dem Ursprungsland, nicht mehr so heißen darf, bei uns aber schon. Und da Mexiko Mitglied in der UN und in vielen Handelsvereinbarungen mit der halben Welt ist, verstößt die Norm klar gegen internationales Recht. Apropos UN: 2010 wurde die mexikanische Küche als „Intangible Cultural Heritage of Humanity“ in die Weltkulturerbeliste eingetragen. Die Initiative zur NOM-186 steht den Kriterien der Auswahl und Eintragung diametral entgegen und man fragt sich, warum sich die UNESCO noch nicht zu diesem Sachverhalt in der Öffentlichkeit geäußert hat. Jetzt wäre ein guter Augenblick dazu.

Die Norm würde übrigens auch für Agavendestillate aus anderen Ländern gelten, die im Rest der Welt als Agavenbrände und nicht nur als Brände aus Agavaceae deklariert werden dürften. Wer glaubt, diese Produkte gäbe es überhaupt nicht, sei eines besseren belehrt, es gibt sie bereits aus Südafrika und Indien. Und wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass Whisky aus Japan, Indien oder Österreich jemals eine internationale Rolle spielen könnten?

Dies sind die konkreten Kritikpunkte der Petition am Vorschlag zur NOM-186, die Anlage dieser Kritik geht aber sehr viel weiter. Und das ist auch gut so, haben doch die bereits geltenden Gesetzeswerke maßgeblichen Schaden an Transparenz, Tradition, Nachhaltigkeit und Qualität der existierenden Agavenbrände mit DO erzeugt. Einige Beispiele:

- Die Festlegung des Rohmaterials auf A. tequilana Weber bei Tequila hat bereits zu einem immensen Verlust an Biodiversität geführt. Es gibt reichhaltige Dokumentationen über den Gebrauch verschiedenster Agavenarten in Jalisco zur Spirituosenherstellung vor Einführung der Tequila-Norm.

- Spirituosen sind in Mexiko nur bis 55% Alc.Vol marktfähig, Agavenbrände haben oft sehr viel mehr. Mezcal de Puntas (das erste Segment aus dem Mittellauf der zweiten Destillation) hat beispielsweise über 80% und ist eine traditionelle Spirituosenspezialität. Dieser Punkt wird in der Petition nicht weiter hervorgehoben, weil es politisch unklug wäre, die konkreten Ziele durch Kritik an einer allgemein gültigen Gesetzeslage (obschon diese sinnlos ist) zu gefährden.

- Die physisch-chemischen Vorgaben in der Norm für Mezcal sind für viele Produkte nicht erreichbar, weshalb es viele Destillate nicht in den offiziellen Markt schaffen, obwohl sie seit Jahrhunderten in dieser Art hergestellt und konsumiert werden.

- Die geltenden DOs für Mezcal und Tequila sind keine einheitlichen geografischen Zonen, es handelt sich vielmehr um vereinzelte Flecken auf der Landkarte ohne einheitliche Rahmenbedingungen. Es sind Produkte der Politik, nicht der Herstellungsmethoden oder –tradition und stehen somit dem eigentlichen Gedanken einer geschützten Herkunft entgegen. Schon gar nicht sind sie Garanten für eine besondere Qualität.

- Die aktuelle Etikettierung sogenannter Mixtotequilas genügt in keinster Weise den Standards von Konsumentenschutz und Vollständigkeit. Oder wie soll der unbedarfte Käufer wohl darauf schließen, dass der Inhalt einer Flasche mit der Aufschrift „Elaborado de Agave Azul“ (Sierra Tequila) oder „Made from fresh Blue Agave“ (Sauza) lediglich die Hälfte aus Agaven besteht, während die andere Hälfte keinerlei Erwähnung findet?


- Traditionell gibt es keine Verwendung von Fremdzuckern bei Agavenbränden. Niemals und nirgends! Auch dieses ist ein Konstrukt der Großindustrie in Allianz mit der Politik. Traditionelle Brenner wehren sich seit Inkrafttreten der Mezcalnorm NOM-070 gegen die dort festgelegte Kategorie der Mixtos – bisher vergeblich.


- Traditionelle Brenner lagern ihre Spirituosen niemals in Holzfässern, wie es für Reposado und Añejo aber zwingend in allen geltenden Normen vorgeschrieben ist. Dafür werden traditionelle Lagermethoden in Tontöpfen oder Glasballons nicht berücksichtigt, obwohl diese Jahrhunderte alt sind. Ein Mezcal, welcher 10 Jahre im Tontopf reifte, muss als Joven (dt.: jung) verkauft werden.

Somit kann man nachvollziehen, dass in der Petition keine Kritik am Verbot für Fasslagerung in der neuen NOM-186 enthalten ist. Die Autoren der Petition halten Fasslagerung und Gebietsschutz ohnehin für Unsinn, wobei große Produzenten, Importeure und Vertriebe dies wohl anders sehen. Entsprechend finden wir eine sehr heterogene Unterstützerliste auf der Petition. Hierzu noch folgende interessante Punkte:

- Die beachtliche Nummer an Bartendern unterstützt hier eine Getränkekatagorie, von der sie bisher niemals auch nur eine einzelne Flasche in Händen hielt, geschweige denn die eine Rolle in ihren Bars spielt. Zum Glück ist diese Unterstützung trotzdem richtig!


- Während David Suro-Piñera, Chef der Tequilamarke "Siembra Azul" und Gründungsmitlied der Petitionsunterstützer Tequila Interchange Project (TIP) weiterreichenden gesetzlichen Schutz von Tequila fordert, ist dies nach Meinung der Autoren der Petition kontraproduktiv. Mezcal (Gebietsschutz seit 1994) hat einige Jahrzehnte weniger Gebietsschutz im Rücken als Tequila, kann aber mit den qualitativ besseren Produkten aufwarten, trotz und wegen fehlender staatlicher Regulierung. Das Inkrafttreten der Mezcalnorm hat seinerzeit unter den
Kleinproduzenten sowohl inner- als auch außerhalb der DO massiven Unmut hervorgerufen und sie hätten gerne darauf verzichtet. Im Gegenzug gründeten einige von ihnen die Gruppe Mezcales traditionales de los Pueplos de México, welche eigene Standards für handwerklich hergestellte Mezcals erarbeitet hat. Abschließend darf ich hier die Barcommunity auffordern, die Petition zu unterstützen, sie ist gut und von integeren Leuten verfasst, die wissen, worum es geht. Und danach gilt es, diese auch weiterhin in ihrem Bestreben zu unterstützen, bereits existierende und kontraproduktive Gesetzeswerke zu modifizieren! Ein hervorragender Artikel (Guide to Geographical Indications: Linking products and their origins) zu DOs und deren Auswirkungen am Beispiel von Mezcal existiert von Mitunterzeichnerin Catarina Illsley Granich, erstellt für die UNESCO.

Mehr noch als diese Form der Meinungsäußerung ist jedoch Euer Kaufverhalten wichtig, um auf Märkte Einfluss zu nehmen. Wer hier unterzeichnet und morgen wieder Mixtotequila kauft, hat nichts verstanden. Lasst die Industrieware in den Regalen stehen, glaubt dem Gerede der Brand Ambassadors nicht und informiert Euch selbst! Nie war es so einfach, an Informationen zu kommen. Ein Markt besteht aus Angebot UND Nachfrage. Die eine Hälfte seid Ihr, und noch dazu diejenige am längeren Hebel!


Der Link zur Onlinepetition

Update: In der aktuellen Ausgabe (Issue 42) des digitalen "CLASS magazines" wird zum einen zu Äußerungen der mexikanischen Regierung Stellung genommen und zum anderen einige Mezcals der Marken "Alipús" und "Los Danzantes" verkostet.

(Die Fotos wurden der Internetpräsenz des Gastautors mit dessen Genehmigung entnommen.)

Mittwoch, 8. Februar 2012

DIAGEO RESERVE World Class 2012 - hier: München - Die Entscheidung

"Gentlemen's Drinks // Inspired By Great Ladies" - unter diesem vielsagenden (?) Motto traf sich letzte Woche eine Schar ambitionierter Bartender und Bartenderinnen in der Münchner "Kongressbar", um den Worten des zur Zeit wohl hochdekoriertesten Barmannes auf Mutter Erde zu lauschen. Die Rede ist von Erik Lorincz und dieser präsentierte höchstpersönlich - zusammen mit Lokalmatador Oliver von Carnap - den "DIAGEO RESERVE World Class 2012 - Flight 2" in der bayerischen Metropole. Gesucht wurde ein Teilnehmer am GSA-Finale 2012, das im April im schönen Wien stattfinden wird. Da die Folgetermine in Berlin, Wien und Hamburg mittlerweile absolviert wurden - hier nun mein kleiner Bericht.

Zunächst gab Erik Lorincz nach einleitenden Worten von Herrn von Carnap einige Geheimnisse seiner Kunst preis. Wie das aussah? - Na, er mixte ein paar Drinks. Und die waren nicht nur verdammt gut (siehe Rezept unten), sondern die bestachen durch maximale Komplexität trotz relativ simpler Kombinationen der Zutaten. Dazu war es eine Freude Erik am Brett zu sehen. Der sagenumwobende Gentlemanbarkeeper agierte nämlich nicht nur fehlerfrei und akurat, sondern besonders ruhig und strahlte dabei noch eine ganze Kiste voll Charisma und Stil aus. Irgendwie hätte er stundenlang so weitermachen können und ich hätte stundenlang zuschauen können...
So verlief der Nachmittag dann aber doch nicht, denn nach einer kleinen Stärkung waren die Seminarteilnehmer gefragt, ihr bestes zu geben. Dafür zog jeder eine kleine Karte auf der Erik ein bestimmtes Szenario notiert hatte. Zehn Minuten waren Zeit mit einer der DIAGEO RESERVE Brands einen Drink zu entwickeln - ein eingegrenzter aber üppiger Gabentisch stand bereit - und weitere zehn Minuten waren vorgesehen, um den Cocktail dann vor den Augen der Juroren Lorincz und von Carnap zu präsentieren. Konversation war auch verlangt - natürlich auf englisch. Bewertet wurden neben der Genießbarkeit der Mixtur auch die handwerkliche Ausübung, das Wissen über die verwendeten Zutaten - insbesondere der Basisspirituose - und natürlich der ganze Auftritt an sich.
Am besten hatte letztlich David Deck alle Aufgaben gelöst und darf das deutsche Teilnehmerfeld in Wien verstärken. Aber das war eigentlich leicht, denn seine Wiege stand ja quasi in der Münchner "Pusser's Bar".

Ich konnte zwischendurch mit Erik Lorincz ein paar Worte wechseln. Von Gentleman zu Gentleman sozusagen...

whatadrink: Erik, Du bist aus der Slowakei nach London gegangen, hast Dich später eingehend mit japanischem Bartending beschäftigt und arbeitest in der Tradition von Harry Craddock, der jedem hier in der Bar als Author des "Savoy Cocktail Book" bekannt sein sollte, in der American Bar des Savoy Hotels in London. Du bist "International Bartender of The Year 2011" in New Orleans und "World Class Gewinner 2010" in Athen geworden. Zudem arbeitest Du als internationaler Botschafter für Diageo. Was für eine Karriere! Beginnen wir mit dem Interview mal von hinten: Was planst Du für die nähere Zukunft?

Erik Lorincz: Die nähere Zukunft. Nun, ich hoffe, dass eine Menge Träume und Pläne
eines Tages wahr werden. Im Moment bin ich natürlich schon auf unsere American Bar fokussiert. Die Wurzeln und die Geschichte der Bar zu erforschen und zu entdecken ist das eine, aber die Geschichte geht ja jeden Tag weiter und ich finde immer neue Dinge heraus. Ich hatte u.a. die Möglichkeit den ehemaligen Headbartender aus den 50ern Joe Gilmore und seine Nachfolger zu treffen. Das war wirklich Living History und ein großes Privileg für mich so viel Zeit wie möglich mit diesen Männern zu verbringen. Der Traum eines jeden Bartenders ist aber natürlich eine eigene Bar zu haben und ich hoffe, dass ich den eines Tages wahrmachen kann.

wad: Ich glaube gelesen zu haben, dass Du an einer neuen Edition des Savoy Cocktail Book mitarbeitest.

EL: Ja, das stimmt. Es gibt bereits eine limitierte Edition einer Kurzausgabe allerdings hauptsächlich mit den Signature Cocktails der Headbartender in chronologischer Reihenfolge. Mit dabei sind dann noch die beliebtesten Cocktailgruppen aus dem Savoy Cocktail Book. Es wird aber auch eine reguläre Auflage geben, da von der ersten Edition nur 100 Exemplare hergestellt wurden. Ich habe selbst nicht mal eines. Die nächste Edition wird sich aber insbesondere um Harry Craddock drehen, der auch im Savoy ein Mysterium darstellt. Ich habe einige Flaschen gefunden, die er für seine Cocktails abgefüllt hat, und die sonst noch niemand zu Gesicht bekommen hatte.

wad: Was machst Du genau für Diageo?

EL: Ich teile meine Erfahrungen als ehemaliger Gesamtsieger mit anderen Bartendern und stehe für Gespräche und Showcases zur Verfügung. Ich bin ein Botschafter für die World Class-Familie. Als kein Brand Ambassador, sondern ich kümmere mich um den Wettbewerb.
wad: Du arbeitest nicht nur hier in der Jury für die World Class. Welche ist die wichtigste Eigenschaft, die ein World Class-Bartender der Jury zeigen muss?

EL: Die World Class ist ein Wettbewerb, bei dem es um unterschiedliche Aspekte geht. Jede Kategorie wird bewertet. Wenn Du zum Finale fährst und Dich durch die einzelnen Wettbewerbe kämpfst, wird jeder Aspekt des Bartending bewertet. Also nicht nur wie dein Drink schmeckt oder wie du mit dem Shaker umgehst oder wie du die Präsentation machst oder wie schnell du bist. Es geht eben auch darum, wie du deine Gäste unterhältst. Die Juroren sind ja deine Gäste. Für mich ist die World Class die Möglichkeit alles zu zeigen - einfach alles, was du drauf hast. Und du musst in jedem Punkt dein bestes geben.

wad: Foodpairing ist seit einigen Jahren ein wichtiger Punkt bei Cocktailwettbewerben rund um den Globus. Sind diese Lehren und Erfahrungen, die aus der Küche kommen, wirklich essentiell für einen Bartender? Braucht man dieses Wissen wirklich jeden Tag?

EL: Ich habe viel Zeit mit unserem Küchenchef im Savoy verbracht und er hat mir viel über Techniken und Geschmackskombinationen beigebracht. Ich glaube, das eröffnet uns große Möglichkeiten und jeder, der in einer Restaurantbar arbeitet, sollte Zeit mit dem Koch verbringen und seine Arbeitsweise mit ihm teilen. Es ist sehr interessant mit den Augen des Kochs auf Aromen und wie diese wirken zu sehen. Ein gutes Beispiel war unser Savoy Eggnog. Mein Küchenchef sah, dass ich den vor Weihnachten auf die Karte genommen hatte und er kommt aus Kanada, wo der Eggnog wie in den USA ein big thing ist. Also nahm er mich mit in die Küche und zeigte mir, wie er einen Eggnog macht. Außerdem hat er mir den "Thermomix" vorgeführt. Das Gerät kommt doch aus Deutschland, oder? Und er meinte, dass wir alle das hinter Bar haben sollten. Ein erstaunliches Ding. Wir sind ja eigentlich Liquid Chefs und wo der Koch Feuer nutzt, um etwas zu erhitzen, benutzen wir eben Eis, um es abzukühlen.

wad: Du bist insbesondere nach dem World Class-Finale 2010 viel in der Cocktailwelt herum gekommen. Wie lässt sich das Image der deutschen Barszene von einem internationalen Standpunkt aus beschreiben?

EL: Ich habe letztes Jahr eine Bartour in Berlin machen können und ich war überrascht und beeindruckt wie sich die Bars dort entwickelt haben, z.B. das "Stagger Lee". Vor einigen Jahren kannte man überhaupt nur das "Schumann's". Meine ersten Cocktails machte ich genauso wie es Charles Schumann in seinem Buch beschrieben hat. Als ich in Beirut war saß ich in einer Bar und hatte ein Déjà-vu. Alles dort erinnerte mich an etwas, dass ich schon einmal gesehen hatte, aber ich war noch nie dort gewesen. Als ich fragte, wer der Chef sei, sagte man mir, dass er aus Deutschland käme. Da wusste ich sofort: Charles Schumann! Jemand hatte den Style und das Feeling des "Schumann's" nach Beirut transportiert.

wad: Gin ist Dein Lieblingsspirit?

EL: Ja, das kann man so sagen.

wad: Und bei den Reserve Brands?

EL: Da ich für meine Freundin jeden Abend einen Martini mixen muss, steht eine Flasche Tanqueray 10 immer griffbereit. Bei den braunen Spirituosen favorisiere ich Whisky und bei den Blends Johnnie Walker Blue Label - wirklich outstanding. Mein persönlicher Favorit ist aber Talisker.

wad: Mezcal ist in den USA ein großes Ding, wenn es um Cocktails geht - v.a. an der Westküste. Die Entwicklung in Europa ist deutlich langsamer. Was erwartest Du in Sachen Mezcal für die nächsten Jahre?

EL: Ich bin auch ein großer Mezcalfan. Ich denke Mezcal hat in Themenbars, die sich wie "Cafe Pacifico" / "La Perla" auf Tequila spezialisiert haben, eine große Zukunft. Es ist bei jeder Spirituose doch das gleiche: Aus der Hand des Produzenten bzw. des Master Blenders geht der Stoff in die Hand des Bartenders und der zeigt dann den Leuten, was der Mezcal oder Rum oder Whisky an Vielseitigkeit drauf hat. Als ich in Mexico war, habe ich wesentlich mehr Mezcal als Tequila getrunken. Es gibt dort unzählig viele kleine Produzenten, die bei größerer Nachfrage gar nicht die Mengen herstellen könnten, die dann weltweit gefragt wären. D.h. es werden hier in Europa auf Dauer nur größere Firmen Mezcal anbieten können.

wad: Danke für das Gespräch, Erik.

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